Magazinrundschau

Unhöflich, unreif, streitlustig

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
06.10.2020. Amerikaner sind einem plötzlich so fremd wie die Yamomami. Jedenfalls wenn man amerikanische Magazine liest: Niemand scheint mehr einen Bürgerkrieg für ausgeschlossen zu halten. Vielleicht ließe sich der verhindern, würde man endlich verstehen, wie die Rivalen Cézanne und Pissarro zusammenarbeiten konnten? Ein Rätsel, das die LRB zu lösen versucht. Und auch das gibt es: Der New Yorker stellt das Lincoln Project vor, Republikaner, die die Wiederwahl Trumps verhindern wollen. Africa is a Country erzählt von den Widrigkeiten der Oromo in Kenia und Äthiopien. Hakai starrt auf 200 nordkoreanische Geisterschiffe.

New York Review of Books (USA), 06.10.2020

In der New York Review of Books zeichnet Jonathan Stevenson ein ziemlich gruseliges Bild von dem, was Amerika - und die Welt - erwarten könnte, wenn Donald Trump die Wahl verliert: Er ermuntert jetzt schon militante Gruppen wie die "Proud Boys", die "Three Percenters" und die "Patriot Prayer", Demonstranten der Demokraten oder von BLM zur Gewalt aufzustacheln, um dann gegen diese mit noch größerer Gewalt vorgehen zu können. Ein Bürgerkrieg also, in dem Trump zwar nicht auf das Militär setzen kann, aber auf staatliche Behörden "wie das FBI, das Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives, Customs and Border Protection, die Drug Enforcement Administration, Immigration and Customs Enforcement, den US Marshals Service, das Federal Bureau of Prisons und den obskuren Federal Protective Service - alle mit sehr unterschiedlichen Aufgaben und unzureichender Ausbildung für die städtische Polizeiarbeit. ... Darüber hinaus scheint der Federal Protective Service - eine Abteilung des Department of Homeland Security mit einem Jahresbudget von über einer Milliarde US-Dollar, der für die 'Kontrolle der Massen' in Portland und anderswo verantwortlich war - hauptsächlich mit externen Auftragnehmern aus privaten Militärunternehmen, das heißt mit Söldnertruppen, besetzt zu sein. Laut Berichten des US Government Accountability Office hat die Behörde in jüngster Zeit ihr Personal nur unzureichend überprüft, einige waren wegen Schwerverbrechen verurteilt worden oder hatten eine unzureichende Ausbildung im Umgang mit Schusswaffen."

New York Times (USA), 03.10.2020

Für das aktuelle Magazin hat sich Jim Rutenberg durch die Präsidenten-Tweets geackert und stellt fest, dass Trump mit seinem Gerede von Wahlbetrug die Bürger entmündigt: "Wahlbetrug ist ein flexibles Narrativ, und der Präsident hat es dem Augenblick angepasst. Auch wenn die Pandemie seiner Wiederwahl im Wege steht, bietet ihm die Krise die Gelegenheit zu tun, was kein anderer Präsident vor ihm getan hat: die ganze Macht der Regierung zu nutzen, um den demokratischen Prozess zu attackieren, die Wahlmöglichkeiten amerikanischer Bürger zu unterdrücken und Misstrauen und Groll unter seinen Anhängern zu säen... Erstaunlich, wenngleich nicht zufällig, dass ein Narrativ, das auf kleinen Begebenheiten beruht, großen Übertreibungen und schierer Erfindung zum zentralen Aspekt der (Wieder-)Wahl wird. Weil wir uns einer Wahl nähern, bei der der Betrugsvorwurf dazu genutzt wird, beispiellose rechtliche und politische Konsequenzen für den demokratischen Prozess zu rechtfertigen, ist es wichtig zu wissen, was dieser Vorgang tatsächlich bedeutet: eine jahrzehntelange Kampagne der Desinformation, schmuddelig, zynisch und dreist, aber ziemlich erfolgreich, durchgeführt von einigen bestimmten Darstellern mit einer konsistenten Agenda … Die moderne Ära des Wahlbetrug-Narrativs beginnt im November 2000 in einem tristen Bürogebäude in Miami …"

Außerdem: Fernanda Santos sieht die nächste Immobilienkrise kommen, in Phoenix ist sie schon da. Und im Interview mit David Marchese verrät Nicole Kidman, was Kubrick am liebsten isst.

The Atlantic (USA), 01.11.2020

In Atlantic erzählt Mike Giglio, welche Rolle die "Oath Keepers" im rechten Milieu der USA spielen. Gegründet wurde die militante Truppe, in der sich Tausende von Polizisten, Soldaten und Veteranen versammeln, von dem libertären Yale-Juristen und Waffenfanatiker Stewart Rhodes: "'Es geht nicht nur um Waffen', sagte Rhodes. Aber die Waffen waren das Herzstück. Trump schürte die Idee, dass die Konservativen eine Minderheit sind, die von einer demografischen Flut bedroht sei, die es den liberalen Städten erlaube, dem Rest des Landes die Bedingungen zu diktieren. Als ich Rhodes und andere Leute der militanten Rechten frage, worum sie sich außerdem sorgen, erwähnen sie: wie Geschichte in den Schulen gelehrt wird oder wie der Grüne New Deal die Nutzung des Landes, die Landwirtschaft, die Einfamilienhäuser bedrohe. Sie betonen, dass Amerika eine Republik ist, keine Demokratie. Die Liberalen, sagt Rhodes, wollen, dass 'eine knappe Mehrheit unsere Rechte mit Füßen tritt. Der einzige Weg, dies zu erreichen, ist, uns zuerst zu entwaffnen.' Ich frage, ob die 'Oath Keepers' weiße Nationalisten seien. Die Gruppe hatte an Veranstaltungen mit den 'Proud Boys' teilgenommen, einer Gruppe selbsternannter 'westlicher Chauvinisten', und für Sicherheit bei einer Kundgebung unter der Leitung des alt-right-Aktivisten Kyle Chapman gesorgt. 'Wir sind keine verdammten weißen Nationalisten', sagte Rhodes und wies darauf hin, dass die 'Oath Keepers' die 'Proud Boys' ablehnten und dass ihr Vizepräsident schwarz ist. 'Das ist die neue Verleumdung: Jeder auf der rechten Seite ist ein weißer Nationalist.' Wie Trump dämonisiert Rhodes die Black Lives Matter-Aktivisten schonungslos als 'Marxisten' - als einen ausländischen Feind. Und er ergeht sich in imaginierten Bedrohungen durch undokumentierte Einwanderer und Muslime, die seinen Vorstellungen von einem globalistischen Vorstoß zur Untergrabung westlicher Werte entsprechen. Seine Mutter stammt aus einer Familie von mexikanischen Wanderarbeitern; als Kind verbrachte er die Sommer damit, mit ihnen Obst und Gemüse zu pflücken. Aber er erzählte mir, dass seine Verwandten konservative Christen seien und dass sie - das Schlüsselwort - 'assimiliert' seien."
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Archiv: The Atlantic

New York Magazine (USA), 28.09.2020

Als sei das nicht genug, feiert auch QAnon weiter Erfolge, die wild zusammengewürfelte Truppe von Verschwörungstheoretikern, die bei den nächsten Kongresswahlen 24 Kandidaten stellen. Ihre Kernthese: Hollywood und die US-Regierung wimmelten von Pädophilen und Dämonenanbetern, die Donald Trump zur Verantwortung ziehen will. Im Gespräch mit den Kandidaten machte Simon van Zuylen-Wood eine geradezu außerirdische Erfahrung: "Sie stimmen mit nichts überein, was ich für gesicherte Fakten über die Welt halte. Das fühlt sich neu an. Es ist eine Sache, wenn Politiker zynisch aufrührerische Komplotte ihrer Gegner vortäuschen, wie sie es schon immer getan haben. Es ist eine andere Sache, wirklich zu glauben, dass das politische Establishment der Nation von satanischen Vergewaltigern angeführt wird, und dann nach Washington aufzubrechen, um mit ihnen zusammenzuarbeiten." Aber der Reporter lernt auch dies: "Der rote Faden, der die Q-Kandidaten, mit denen ich gesprochen habe, verbindet, kommt aus dem wirklichen Leben: der Fall Jeffrey Epstein. 'Der Grund, warum ich misstrauisch bin, wenn die Leute sagen, Q sei eine Verschwörungstheorie, ist, dass ich seit Jahren von Epstein und dem Lolita-Express gehört habe, und dass er diese Insel besitzt', sagte Raborn, der Kandidat aus Chicago. 'Ich dachte immer, es sei eine Verschwörungstheorie. Und dann wurde er verhaftet. Und wir erfuhren von dem Flugzeug. Ich meine, okay, whoa. Wie viele Dinge halte ich für Verschwörungen, die es in Wirklichkeit gar nicht sind?' Tracy Lovvorn, eine Physiotherapeutin, die für einen Sitz im Zentrum von Massachusetts kandidiert, machte praktisch die gleiche Bekehrungserfahrung. Sie staunt über 'alles, was das FBI in den Jahren 2005, 2006 wusste', und dann, sagt sie, 'musste er so sterben'? Dito Cargile, dessen Interesse an Q aus Epsteins Selbstmord (seinem mutmaßlichen Selbstmord) resultierte: 'Wer hat das geschehen lassen? Wer will nicht, dass er redet? Wer ist am meisten gefährdet, wenn Jeffrey Epstein im Zeugenstand steht und Namen nennt?' Als Fallbeispiel für das Versagen der Elite könnte man es schlimmer treffen, als sich zu fragen, warum Epstein, als er 2007 zum ersten Mal wegen Sex mit Minderjährigen angeklagt wurde, von Floridas damaligem US-Staatsanwalt Alexander Acosta - dem späteren Arbeitsminister von Trump - einen Sweetheart-Deal bekam, der ihm zusicherte, nicht strafrechtlich verfolgt zu werden. (Oder warum Harvey Weinstein oder Gymnastiktrainer Larry Nassar oder die Hierarchie der katholischen Kirche sich so lange der Strafverfolgung entziehen konnten)."

Magyar Narancs (Ungarn), 28.09.2020

In einem detaillierten Rundblick zeigt Máté Pálos, wie unabhängige literarische oder Kunstzeitschriften in den vergangenen zehn Jahren in Ungarn immer mehr staatliche Unterstützung verloren haben. Die Strategie dahinter: Zuerst wurde das zuständige Vergabegremium des Nationalen Kulturfonds (NKA) mit regierungsnahen Vertretern besetzt und dann dieses auch finanziell dem Ministerium für Humanressourcen untergeordnet. Im Gespräch mit Pálos erklärt Gergely Nagy, Chefredakteur von Artportal, einem Online-Portal für bildende Künste: "Nachdem der Nationale Kulturfonds (NKA) seine institutionelle Selbständigkeit verloren hatte, wurden politische Entscheidungskriterien maßgeblich, die fachlichen Aspekte verschwanden. Artportal gehört zu den wenigen kulturellen Sites, die sich regelmäßig auch mit Kulturpolitik beschäftigen. Seit 2018 bekommen wir kein Geld mehr vom NKA, was kein Problem ist, aber wir wissen halt nicht wieso. Es ist egal, ob du ein zuverlässiger und korrekter Akteur eines kulturellen Zweigs bist, das zählt nicht. Das NKA ist keine innovative Organisation, die das Teilen des Wissens fördert oder die Selbstorganisation der Szenen unterstützt , sondern eine Untereinheit des Ministeriums, die nach unbekannten Kriterien Summen von hier nach da verschiebt."

London Review of Books (UK), 05.10.2020


Camille Pissarros "Maison bourgeoise à l'Hermitage" (1873) und Paul Cézannes 'Maison et arbre, quartier de l'Hermitage' (1874).

Eines der größten Mysterien des 19. Jahrhunderts ist für T.J. Clark die Freundschaft zwischen Cézanne und Pissarro, die bei aller Rivalität und Gegensätzlichkeit eine Zeit lang zusammen arbeiteten: "Wenn wir dieses Rätsel lösen könnten, hätten wird den Schlüssel zur französischen Malerei in Händen, ungefähr auf dieselbe Weise, wie das Verhältnis von Platon zu Sokrates noch immer den Schlüssel zur Philosophie darstellt", glaubt Clark: "In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts malten Cézanne und Pissarro mehrmals im Jahr gemeinsam. Beim ersten Besuch in Frühsommer 1873 war Cézanne 34 Jahre und Pissarro 42 Jahre alt. Der Altersunterschied verdeckt eine komplizierte Geschichte. Mit Anfang dreißig war Cézanne unhöflich, unreif, streitlustig und halsstarrig, aber als er begann, mit Pissarro zu arbeiten, hatte er sich bereits in den fünf Jahren zuvor eine bemerkenswerte Art zu malen angewöhnt: Man sollte es eher seinen ersten Stil als seinen frühen bezeichnen, denn die Verbindung aus Courbets kräftigem Auftrag, Manets Aggressivität und Delacroix' kühler Lust war ganz klar die Folge davon, dass er sich ein halbes Leben lang den Kopf über die Frage zerbrochen hat, wie französische Malerei bisher war und wie sie künftig sein sollte."

Weiteres: Christopher Tayler staunt über die Verstiegenheit, zu denen sich Martin Amis als Stilist bekennt ("Ein sorgsamer Schriftsteller sollte nicht zweimal in einem Satz dieselbe Silbe verwenden").

Merkur (Deutschland), 05.10.2020

Hans Blumenberg als großen Stilisten zu preisen, hält der Philosoph Heinrich Niehues-Pröbsting für blanken Unfug. Blumenbergs Aneinanderreihung von Substantiven waren nicht nur unschön, sondern unverständlich: Die Passion ist der Gattungsakt der Erneuerung des Eigentums durch Gehorsam? Nein, meint Niehues-Pröbsting, Blumenberg zu lesen bringt es nicht. Man muss ihn erlebt haben, um das Feuer seines Denken zu begreifen: "Obwohl politischer Relevanz und philosophischer Tagesaktualität bar, waren seine Kolloquien, Seminare und Vorlesungen an- und aufregender als alle Veranstaltungen mit politischem Bezug oder zu aktuellen philosophischen Positionen, die ich bis dahin mitgemacht hatte. Schwer, genau zu sagen, woran das lag. Der inzwischen verstorbene Blumenberg-Assistent Fellmann hat seinem Lehrer eine latent erotische Ausstrahlung zugeschrieben, was mir allerdings etwas schräg erscheint; da wird der Begriff der Erotik doch überstrapaziert. Eher würde ich von einer Lebendigkeit der Gedanken und des Geistes sprechen, die ansteckend wirkte und sich auf den Hörer übertrug. Davon ging eine Faszination aus, die in seiner Freitagsvorlesung ein breites Publikum anzog, das weit über die Fachstudenten hinausreichte. Für junge und unerfahrene Studenten und Studentinnen konnte das bisweilen allerdings gefährlich werden, wenn sie nämlich glaubten, sie könnten sich selber die Leichtigkeit zulegen, mit der sich Blumenberg in der gesamten Philosophie und darüber hinaus in der Geistesgeschichte bewegte, und dabei die harte Arbeit übersahen, die hinter dieser Leichtigkeit steckte. Manche sind daran gescheitert."

Weiteres: In seiner Ästhetikkolumne seziert Wolfgang Kemp das International Art English, das Kennerschaft und criticality ausweist: "Space ist für Artspeak das Hauptwort aller Hauptworte, verdünnt und vermehrt in einer langen Reihe dazugehöriger Substantive und Sachverhalte. Unverzichtbar sind terms wie: intersection, parallel, void, enfold, involution, displacement, liminal, rupture, platform, abyss, site. Im Deutschen geht nichts ohne Position, Aporie, Dystopie, Choreografie, rhizomatisch, Schwelle usw." Vanessa de Senarclens rekapituliert die Geschichte der ehemals deutschen Bibliotheken in Polen.
Archiv: Merkur

New Yorker (USA), 12.10.2020

In der neuen Ausgabe des Magazins schreibt Daniel Alarcon aus Chile, wie die politische Revolution im Land mit der Pandemie zurechtkommt und die seit Oktober 2019 stattfindenden als "el estallido" (die Explosion) bekannten Proteste gegen soziale Ungleichheit davon beinflusst werden: "Die Pandemie hat die Revolution nicht beendet, aber sie hat abrupt das Thema gewechselt … Die Beliebtheit von Präsident Pinera war nach 'el estallido' auf 6 Prozent gefallen. 'Die Regierung sah einen gebündelten Einsatz gegen das Virus als Chance, verlorene Legitimation wiederzuerlangen', so Pablo Ortuzar vom konservativenThinktank I.E.S. Es wurde schnell klar, dass Pineras Plan für eine sichere Rückkehr zur Normalität zu kurz griff. In einem TV-Interview gab der Gesundheitsminister zu, dass das Virus sich schneller verbreitete, als er angenommen hatte, auch wegen sozialer Bedingungen. 'Das Ausmaß der Armut und der Überbevölkerung war mir nicht bekannt', erklärte er. Ein schlagendes Beispiel für die Realitätsferne der politischen Elite."

Paige Williams stellt das Lincoln Project vor, eine Gruppe von Republikanern, die die Wiederwahl von Donald Trump verhindern will - was sie den zahnlosen Demokraten nicht zutrauen. Einer der Gründer ist Rick Wilson, ein politischer Berater, der für Rudolph Giuliani und Dick Cheney gearbeitet hat und weiß, wie man einen schmutzigen Kampf gewinnt: "Wilson sagt gerne: 'Demokraten spielen, um einen Streit zu gewinnen; ich spiele, um eine Wahl zu gewinnen.' Seine Anzeigen sind historisch gesehen mörderisch: 2008 bezeichnete er Obamas Pastor Jeremiah Wright als 'Prediger des Hasses'. In Wilsons jüngstem Buch 'Running Against the Devil', einem pointiert unanständigen Nachfolger seines 2018 erschienenen Bestsellers 'Everything Trump Touch Touches Dies', beschimpft er die 'Helfer und Speichellecker' des Präsidenten und beschreibt Trump als 'ein dunkles, beschissenes Monster' mit 'waschbärpfotengroßen Händen im Nanomaßstab'. Das Buch bietet strategische Ratschläge, wie die Demokraten im November gewinnen könnten: Sie müssten aufhören, das 'woke Twitter' zu umwerben und zu 'kaltblütigen, klarsichtigen Wahlkämpfern' werden, die 'die Wahlwirklichkeit über progressive Phantasien stellen'. Politik könne debattiert werden, nachdem Trump weg sei. Die Demokraten müssten unnachgiebig Beweise für die 'Korruption, Vulgarität, Unehrlichkeit, gebrochene Versprechen und gescheiterte Politik' des Präsidenten vorlegen. Sie dürften nie vergessen, dass Trumps Team 'dieses Land bis auf die Grundmauern niederbrennen' werde, um zu gewinnen, und sie müssten den Kampf dem wissenschaftlichen Diskurs vorziehen: 'Dies ist eine Schlägerei mit Eisenketten in einer Biker-Bar in Frogsass, Alabama.'"

Außerdem: Peter Hessler berichtet aus Wuhan, wo alles begann. Dana Goodyear überlegt, ob Peter Zumthors neues LACMA in Los Angeles ein Meisterstück ist oder eine Katastrophe. Adam Gopnik liest John Birdsalls Biografie des Kochs James Beard, "The Man Who Ate Too Much". Vinson Cunningham betrachtet das Treiben auf den virtuellen Theaterbühnen und fragt, ob es dem Publikum gefällt. Und Anthony Lane sah im Kino Julie Taymors Biopic über Gloria Steinem "The Glorias".

Archiv: New Yorker

The Nation (USA), 12.10.2020

Wenn Bill Gates kritisiert wird, ist mindestens ebenso viel Vorsicht angesagt, wie wenn George Soros kritisiert wird. Tim Schwab macht aber deutlich, dass Gates' Rolle als der Zar der Corona-Impfstoffforschung zumindest kritisch begleitet werden muss. Denn Gates steckt zwar unbestritten über seine Stiftung Hunderte von Millionen Dollar in die Suche nach Impfstoffen, aber die Stiftung agiert dabei laut Schwab alles andere als transparent und reagiert nicht auf Fragen. Außerdem kritisiert Schwab Gates' industriefreundliche Politik. Er habe "eine Schlüsselrolle gespielt, um in der Pandemie die Pharmaindustrie nach vorne zu bringen, zum Beispiel indem er die Universität von Oxford dazu brachte, ihre führende Covid-19-Impfplattform in die Hände von Big Pharma zu geben. Die daraus resultierende Partnerschaft mit AstraZeneca hatte einen weiteren Effekt, wie Bloomberg und Kaiser Health News neulich berichteten, nämlich die Umwandlung des Vertriebsmodells der Universität von einem Open-License-Modell, das den Impfstoff für jeden Hersteller verfügbar machen sollte, zu einem Exklusivmodell, das von AstraZeneca kontrolliert wird." Auch hier wird gelobt, den Impfstoff universell zur Verfügung zu stellen, konzediert Schwab - allerdings eben unter anderen Vorzeichen.
Archiv: The Nation

H7O (Tschechien), 02.10.2020

In einem Beitrag zum Thema Genderneutralität schreibt die tschechische Lektorin und Übersetzerin Lucie Bregantová mit einem gewissen Neid und Bewunderung über die englischsprachige Literatur, die es sich ihrer großen Leserschaft wegen erlauben könne, sich Minderheitenthemen zu widmen, vor allem aber den "riesigen Vorteil" habe, schon sprachimmanent quasi genderneutral zu sein. Denn während man im Englischen - und bis zu einem gewissen Grad auch im Deutschen - lange Abschnitte eines erzählenden Ichs lesen kann, ohne dabei zu ahnen, ob es sich um ein männliches oder weibliches Ich handelt, ist das im Tschechischen schon aus grammatisch-morphologischen Gründen schier nicht möglich, da zum Beispiel die Vergangenheitsform von Verben automatisch von einer weiblichen oder männlichen Endung markiert wird. (Ein Aspekt, der übrigens auch die romanischen Sprachen betrifft.) Auch die Dichterin Kateřina Matuštíková hat sich letzten Monat in einem Artikel diesem Problem gewidmet, das ja in den slawischen Sprachen schon beim geschlechtlich markierten Nachnamen beginnt. (Entsprechend schreibt die Autorin sich Katka Matuštík*ová.) Bregantová schreibt, es sei kein Zufall, dass etwa Jeanette Wintersons Roman "Written on the Body" (Auf den Körper geschrieben) fast als einziger der Autorin nicht ins Tschechische übersetzt worden sei. "Er ist so geschrieben, dass uneindeutig bleibt, ob die zentrale Person ein Mann oder eine Frau ist." Auch wenn der Wille da ist - das Bemühen um ein nichtbinäres oder diverses Erzählen erfordern beim Schreiben oder Übersetzen unendlich viele Kompromisse, die eine flüssige Lektüre beeinträchtigen. Dennoch macht Bregantová ein paar Vorschläge, wie man geschlechtliche Uneindeutigkeit sprachlich einigermaßen elegant ausdrücken könnte, und meint, eine mögliche Entwicklung sei hier noch ganz am Anfang. Immerhin hat sich das Tschechische in der Vergangenheit äußerst kreativ gezeigt, was die Einverleibung von ausländischen Einflüssen und Schaffung von Neologismen betrifft.
Archiv: H7O

Times Literary Supplement (UK), 02.10.2020

Heureka, nun gibt es für Gender Studies, Critical Race Theory, Queer Studies, Postkoloniale Studien, die sehr ähnliche Herangehensweisen haben, einen Oberbegriff, nämlich, "etwas, das als Critical Theory und seit neuestem als Social Justice Theory bezeichnet wird (und beide brauchen die Würde der Großbuchstaben)", freut sich Simon Jenkins in der Besprechung eines Bestsellers, der diese Theorien allerdings gleich wieder umbenennt: "Cynical Theories - How universities made everything about race, gender, and identity - And why this harms everybody." Die Autoren Helen Pluckrose und James A. Lindsay untersuchen darin, wie diese auf postmodernen Leitsätzen beruhenden und eng mit sozialem Aktivismus verwobenen Disziplinen die Geisteswissenschaften an den Universitäten erobert haben - und dabei programmatisch liberale oder linke Vorstellungen vom Individuum oder vom Universalismus untergraben. "Es gibt sehr vernünftige Gründe, sich Sorgen um Diskriminierung von Minderheiten zu machen", konzediert Jenkins, "und wir müssen den Zorn und die Verzweiflung verstehen, die so ausgelöst werden... Was mich vom Anliegen des Buchs überzeugt, ist, dass Critical Theory die Unterdrückung liberaler Werte und akademischer Diskurse fordert. Es liegt auf der Hand, dass einige in dieser Bewegung die gesamte Idee von Wissenschaft zugunsten eines Wissens zurückweisen, 'das sich aus Identität, Tradition, Folklore, Interpretation und Gefühl' speist."

In seinem Daily Dish hat Andrew Sullivan das Buch besprochen. Ein Gespräch mit Helen Pluckrose gibt's im Deutschlandfunk.

Elet es Irodalom (Ungarn), 02.10.2020

Im Interview mit Zoltán Szalay denkt der in der Slowakei lebende Lyriker Árpád Tőzsér, der gerade 85 Jahre alt wurde, darüber nach, wie Lyrik sich komödiantischer Mittel bedienen kann: "Unsere Zeit ist wohl genauso tragisch wie träge, doch es geht in Wirklichkeit eher darum, ob man das Tragische mit den Mitteln der Komödie ausdrücken kann. Und damit sind wir bei einem ernsten kunsttheoretischen Dilemma. (...) Die Groteske, der Humor, meistens Galgenhumor, das Übertreiben von Trivialitäten einer Situation oder von Klischees, Satire und Ironie sind solche Mittel. Hinzu kommt eine Art versteckter Stoizismus, das sich Abfinden mit dem Unveränderbaren. Wir sollten nicht vergessen, dass der mitteleuropäische Absurdismus in den dunkelsten Jahren des Kommunismus entstanden ist. Und dieses sich Abfinden mit dem Unveränderbaren soll mit den genannten Mitteln der Komik kompensiert werden. Dies ist auch eine Art Widerstand, ergänzt mit dem zynischen Lachen der Selbstironie darüber, dass ein solcher Widerstand lediglich soviel tun kann, oder in der Literatur gar keinen Sinn dafür mehr sieht. Er kann sogar den Widerstand dort als kontraproduktiv erachten. Unabhängig von der Wende ist die Verlogenheit weiterhin kennzeichnend für unsere Zeit und darum sind auch die gegenstehenden literarischen Formen und Qualitäten aktuell."

Africa is a Country (USA), 01.10.2020

Die Oromo sind die größte Volksgruppe in Äthiopien. Viele Oromo leben auch in Kenia. Dalle Abraham ist ein Oromo-Autor, der in Marsalit, Kenia, lebt, wo die Kultur der Oromo anders ist als in Äthiopien. So kann er mit einer gewissen Distanz von den Widrigkeiten erzählen, die seinem Volk in den letzten Jahrzehnten zugestoßen sind. Obwohl mit Abiy Ahmed ein Oromo Premierminister von Äthiopien wurde, halten die Verfolgungen an, erzählt Abraham. Besonders gespannt ist die Lage nach dem Mord an dem äußerst populären Sänger Hachalu Hundessa (Haacaaluu Hundeessaa). Abrahams Artikel liest sich teilweise wie ein Klagelied. Deutlich wird die Bedeutung der Musik für die Kommunikation und ethnische Selbstdefinition: "Rufe nach Unabhängigkeit haben eine Befreiungsromantik, die für Sympathisanten stets einladend ist. Nirgends ist der Ruf der Oromo nach Befreiung und der Grund für diesen Ruf und der Status dieses Rufs so ausgesprochen wie in der Musik der Oromo. Die Oromo-Lieder, denen wir in Moyale, Marsabit, Isiolo und Nairobi zuhören, waren aus dem Befreiungskampf entstanden. Sie sprachen von Leid und riefen zu Widerstand auf. Durch die Lieder wurden der Aufruhr und das Leiden der Oromo zu uns nach Kenia getragen. Aber in Kenia schienen wir vor all dem wegzulaufen, und wir lernten nicht, von der Ungerechtigkeit zu sprechen, die uns verfolgte… Der Vogel im Käfig singt besser von der Freiheit."

Hier ein Lied von Hachalu Hundessa:

Hakai (Kanada), 29.09.2020

Allein 2018 strandeten 200 nordkoreanische Fischerboote an Japans Küste - oft ohne eine Spur der Angler, gelegentlich finden sich noch einige mumifizierte Leichenreste. Mittlerweile arbeitet Japan daran, die Fischer und ihre Nussschalen, die sich teils 500 Kilometer von der eigenen Küste entfernt im Wasser tummeln, zu evakuieren. Andrea Valentino hat sich mit den Ursachen für diese tragische Geschichte befasst: Seit der großen Hungersnot in den frühen Neunzigern ist die Fischerei eine der wichtigsten Nahrungsquellen des Landes. "Und doch hat Nordkorea in jüngsten Jahren die Angelrechte vor der eigenen Küste an China abgetreten, wahrscheinlich brauchte man das Geld, nachdem das Land wegen seiner Nukleartests mit Sanktionen belegt worden war. Zwar erzielt das Regime dadurch jährlich 75 Millionen Dollar an harter Währung, schnitt damit aber auch die eigenen Fischer von ihren angestammten Gewässern ab. Dies wiederum zwingt die nordkoreanischen Angler dazu, tiefer ins Meer vorzustoßen - nicht nur für sich selbst, sondern auch im die harten Quoten des Regimes zu erfüllen. Mitglieder der Vereinten Nationen, darunter Kanada, haben Nordkorea 2017 zwar neue Sanktionen auferlegt, um das Land daran zu hindern, die Angelrechte zu verkaufen. Doch mit 800 chinesischen Fischerkuttern, die Berichten zufolge allein im letzten Jahr in nordkoreanischen Gewässern tätig waren, gibt es wenig Hinweise darauf, dass Peking und Pyöngyang diesen UN-Versuchen sonderlich Bedeutung beimessen. ... Mit ihren tuckernden Motoren von 36 Pferdestärken und ihren Planenbehausungen sind die nordkoreanischen Boote noch nicht einmal für ruhige Küstengewässer gut geeignet, geschweige denn für den Regen und die Böen vor der japanischen Küste. ... Bedenkt man noch, dass die Schiffe kein GPS haben, wird rasch klar, wie aus diesen Invasoren Geisterschiffe werden konnten: Sind sie erst einmal vom Kurs abgekommen oder nicht mehr in der Lage, den starken Gezeiten zu widerstehen, sterben die Fischer schließlich an Hunger oder Erschöpfung. Ihre Boote schlagen Wochen und Monate später in Japan auf. Kein Wunder, dass Chongjin seit kurzem einen neuen Spitznamen hat: die Stadt der Witwen."

Außerdem schreibt F. Salazar darüber, wie ein Nest auf einer norwegischen Insel nicht so recht touristisches Kapital aus dem Umstand schlagen kann, dass Forscher dieses Eiland aus durchaus guten Gründen für jenen sagenumwobenen Boden halten, den der römische Autor Pytheas einst "Ultima Thule" taufte (auch wenn die Insel so ultimativ hoch im Norden eigentlich gar nicht liegt).
Archiv: Hakai
Stichwörter: Nordkorea