Magazinrundschau

Mit dem Chor der Waliser Minenarbeiter

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
12.01.2021. In Lapham's Quarterly erzählt Sisonke Msimang vom Zulu-Gangster Nongoloza und den Nineviten, die auch Teil des Freiheitskampfes in Südafrika waren. In 168 ora denkt die Regisseurin Eszter Csákányi über Corona als Generationenerfahrung nach. Die LRB feiert Georgias Stacey Abrams als Politikerin der Stunde. Simon Reynolds hört in Pitchfork Virginia Astleys pastoral-bukolische Musik von 1983 und denkt an Thatcher. Der New Yorker erklärt die Vorteile der Genschere Crispr.

Lapham's Quarterly (USA), 11.01.2021

In einem Essay des Magazins zeichnet Sisonke Msimang die Geschichte der Gewalt im Kontext des Freiheitskampfes in Südafrika nach. Am Beginn stehen der Zulu-Gangster Nongoloza und die Nineviten: "Die Nineviten nannten sich nach der antiken assyrischen Stadt Ninive, in der Bibel ein Ort der Sünde. Die Nineviten waren eine aus Männern bestehende homosexuelle Bande, die in den Bergen von Johannesburg lebte. Frauen waren nicht zugelassen. Stattdessen waren die Nineviten angehalten, untereinander zu heiraten. Die Bandenmitglieder folgten strikten Gesetzen, die es ihnen u.a. verboten, in den Minen zu arbeiten, das zu einer Zeit, als afrikanische Männer billige Arbeitskräfte waren und nur wenige schwarze Männer es sich leisten konnten, ihre Arbeit frei zu wählen. Die Nineviten folgten den Anweisungen eines mysteriösen alten Mannes names Po. Viele der heutigen Gangs in Südafrika stammen von den Nineviten ab und ihre Legenden machen in den Gefängnissen noch immer die Runde. Der Legende zufolge hatte Po um 1800, also lange vor der Entdeckung von Gold und Diamanten in Südafrika, eine Vision: Er sah eine große Stadt, in der hunderte schwarze Männer von der Erde verschluckt wurden und nie wiederkehrten. Sie lebten unter entsetzlichen Bedingungen, wurden ausgebeutet und starben. 50 Jahre später wurden die ersten Diamanten entdeckt. Po hatte in eine finstere Zukunft geschaut und er warnte junge Schwarze, ihr Glück nicht unter, sondern über der Erde zu suchen … Nongoloza, Anführer der Nineviten, war der erste von Pos Jüngern … Auch er war seiner Zeit voraus, intellektueller und spiritueller Vorfahr einer Jugend, die die politische Landschaft der 1970er prägte. Passenderweise starb er 1948, in dem Jahr, als die Apartheid Gesetz wurde."

168 ora (Ungarn), 04.01.2021

Die Schauspielerin und Regisseurin Eszter Csákányi spricht in einem Interview mit József Barát u.a. über die längerfristigen Auswirkungen der Pandemie als Generationserfahrung. "Ich weiß nicht, ob wir besser sein werden, doch ich bin mir sicher, dass sich nichts so fortsetzen lässt, wie früher. Ich gehöre zu einer Gruppe, die auch als Lotse dienen möchte. In diesem hinter uns liegendem Jahr versuchte die normale Mehrheit der Menschen Sachen aufzuarbeiten. Es wird nicht einfach sein, aber wir werden dem, was wir jetzt durchmachen eine Bedeutung geben müssen. Ich bin 67, unsere Generation erlebte im Gegensatz zu unseren Eltern keinen Krieg. Unsere Großeltern erlebten zwei Kriege. Wir und die etwas jüngeren erhielten jetzt eine große Abmahnung. Das ist unser Krieg, den es durchzustehen gilt, und es wäre gut, ihn klug durchzustehen und daraus zu lernen. Es wird schwierig, denn niemand wird diese Zeit ohne Verletzungen durchstehen."
Archiv: 168 ora

London Review of Books (UK), 11.01.2021

Adam Shatz findet es ungerecht gegenüber den großen Verschwörern der Weltgeschichte, den Vandalismus von Donald Trumps Lumpenarmee als Putschversuch zu bezeichnen (die LRB hat eine hübsche Reihe von Texten zu gelungenen und vereitelten Coups zusammengestellt.) Und er bezweifelt, dass die zynische Kehrtwende, die führende Republikaner wie Mitch McConnell und Lindsey Graham so überraschend vollzogen haben, auf ihr Konto geht. Viel wichtiger sei das Wahlergebnis von Georgia, glaubt Shatz, und eigentlich sei Stacey Abrams die Frau der Stunde: "Der 6. Januar markiert den grausigen Schlusspunkt von Trumps vier Jahre anhaltendem Angriff auf die Institutionen der amerikanischen Demokratie markiert, aber er ist auch der Gipfel einer anderen Kampagne: von Stacey Abrams zehnjährigem Bemühen, Georgia in die Hand der Demokraten zu geben. Unter der Führung von Abrams, einer Erbin der Bürgerrechtlerinnen Ella Baker und Fannie Lou Hamer, arbeiteten politische Organizer langsam und geduldig daran, die Wahlbeteiligung zu erhöhen, besonders unter Schwarzen. Etliche Demokraten wollten Abrams nicht glauben, wenn sie beteuerte, dass Georgia sich wandele. Dank der Rückkehr vieler Schwarzen aus dem Norden, bemerkte sie, betrug ihr Anteil an der wahlberechtigten Bevölkerung mittlerweile ein Drittel; in Georgia gab es zudem eine wachsende Anzahl von Latinos und asiatischen Wählerns, die zusammen mit liberalen Weißen eine demokratische Mehrheit bilden könnten. 2018 hätte sie beinahe die Gouverneurswahlen gewonnen, wenn nicht so viele Bürger von der Wahl ausgeschlossen worden wären (ihr Gegenspieler Brian Kemp war als Wahlleiter für den Ausschluss von 1,4 Millionen Wählern zwischen 200 und 2018 verantwortlich). Sie machte den Weg frei, aber sie weigerte sich, ihre Niederlage formal einzugestehen. Sie machte weiter Druck und unterstützte die Kampagnen der beiden Kandidaten für den Senat: Raphael Warnock, Pastor der Ebenezer Baptist Church in Atlanta, wo Martin Luther King gepredigt hatte, und John Ossoff, der als Praktikant bei Georgias im Juli verstorbener Bürgerrechtsikone John Lewis angefangen hatte… Wird das tiefrote Georgia ein blauer Staat? Kommt Texas als nächstes? Ist das der Beginn eines neuen Südens?"

Als eingeschworener Arsenal-Fan liest der Dramatiker Will Frears die Autobiografie des gestürzten Trainergotts Arsène Wenger, der dem schon halb abgeschriebenen Fußballclub den "größten, kraftvollsten und schnellsten" Fußball bescherte, den die englische Liga je gesehen hatte - bis arabisches und russisches Geld auch Wenger hinwegspülte: "Wenger beschreibt sein erstes Spiel als Trainer: 'Wir spielten auswärts bei den Blackburn Rovers. Ian Wright schoss zwei Tore. Sieg! Auf dem Weg zum Stadium skandierten die Spieler: 'Wir wollen unsere Mars-Riegel!' Ich hatte angefangen mit ihnen zu arbeiten und meine Vorstellungen durchzusetzen, auch in Bezug auf die Ernährung. Der Fußball, der in England heute gespielt wird - das Tempo, das Spektakel, die irrsinnige Athletik, die Obsession mit den Entfernungen, die ein Spieler laufen muss, das Gegenpressing, die Statistiken Pep, Klopp, Mo Saleh, Kevin de Bruyne und von links zieht Marcus Rashford rüber - begann mit dem Verbot von Mars-Riegeln."

Weiteres: Hardcore-Israelkritiker Nathan Thrall möchte eine konzeptionelle Mauer zertrümmern: "Die Vorstellung, dass Israel eine Demokratie ist, wie sie von Peace Now, Meretz, der Haaretz-Redaktion und anderen Kritikern der Besatzung aufrechterhalten wird, beruht auf dem Glauben, dass man den Staat in den Grenzen von 1967 trennen kann vom restlichen Territorium unter seiner Kontrolle."
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En attendant Nadeau (Frankreich), 09.01.2021

Auch in Deutschland hat Camille Kouchners Buch "La familia grande" schon von sich reden gemacht - allzu giftig-süffig ist das Sujet. Kouchner, Tochter des in Frankreich sehr berühmten Bernard Kouchner, und Evelyne Pisiers, die einst eine Geliebte Fidel Castros war, Nichte der einst berühmten Schauspielerin Marie-France Pisier, die unter rätselhaften Umständen ums Leben kam, und Stieftocher Olivier Duhamels, aus ebenso berühmter Familie und höchster Funktionär des Staats, erzählt, wie Duhamel ihren Bruder missbrauchte. Interessant, wie das sehr literarische Magazin En attendant Nadeau auf dies Buch reagiert. Claude Grimal bespricht dieses Enthüllungsbuch nämlich als literarisches Werk, auch weil der Verlag es in einer literarischen Reihe präsentiert. In Frankreich ist das bereits ein Genre. "So muss also einmal mehr in der jüngsten französischen Verlagsgeschichte eine 'literarische Enthüllung den Rechtsweg ersetzen und die Öffentlichkeit an die Stelle der Gerichte treten. Wozu braucht es ein Buch mit Literaturvorbehalt, damit die Justiz Schritte einleitet, obwohl doch, wie das Buch selbst enthüllt, 'alle Welt Bescheid wusste'? Vielleicht weil man der Literatur im Namen ihrer Macht alles verzeiht."

Lesenswert auch Jean-Louis Tissiers Besprechung von Pierre Schoentjes' Essay über "Littérature et écologie", der sich in seiner Untersuchung literarischer Werke mit ökologischen Themen allerdings sehr stark auf französische Autoren bezieht.

Pitchfork (USA), 10.01.2021

Pophistoriker Simon Reynolds holt für einen Essay nochmal Virginia Astleys 1983 erschienenen, englischen Ambientklassiker "From Gardens Where We Feel Secure" aus dem Plattenschrank. Oh merry England, will man am liebsten ausrufen bei dem pastoral-bukolischen Idyll, das einen darauf klanglich umwebt. Sonderbar mutet es erst auf den zweiten Blick an: Wenn man weiß, dass Astley aus der britischen Punkszene der 70er stammt und vor allem angesichts der politischen Verwerfungen Großbritanniens zum Zeitpunkt des Entstehens - der Wiederwahl Thatchers unter den Eindrücken der Falklandkriege und einer verarmenden Bevölkerung. "Thatcher zog erneut in den Krieg, doch diesmal nicht gegen äußere Gegner, sondern gegen den 'Feind im Innern', die streikenden Minenarbeitern, die härteste und trotzigste Organisation der Reste von Großbritanniens Industrieproletariat. Während Thatchers Amtszeit warfen die alternativen Musiker im Land mit Protestsongs um sich: Crass' 'How Does It Feel? (to Be the Mother of a Thousand Dead)?', Robert Wyatts schräg-melancholisches 'Shipbuilding' und Test Depts Zusammenarbeit mit dem Chor der Waliser Minenarbeiter. Astleys Album als Antwort auf oder sogar als Kommentar zu dieser Zeit zu begreifen, ginge zu weit. Aber das liebevoll nachgebildete sommerliche Idyll wird von den politischen Krisen der 80er überschattet, nicht zuletzt, weil die Auffassung von England als ein grünes, liebliches Land mit dem nostalgischen Konservatismus der Thatcher-Ära verbandelt ist. Sowohl der Albumtitel, als auch das Stück 'Out on the Lawn I Lie in Bed' entspringen W.H. Audens Gedicht 'A Summer Night' von 1933, einer mystischen Vision von Gemeinschaft und erotischer Zärtlichkeit in einem Landgarten in den Malvern Hills. Doch die Schatten des nahenden Konflikts in Europa ziehen sich durch Audens Gedicht - wie auch eine Ahnung des Privilegs, das allein einen so angenehmen Rückzug gestattet: 'Auch frage nicht welch' zweifelhafter Akt/unsere Freiheit gestattet in diesem englischen Haus/unsere Picknicks im Sonnenschein.' Man muss sich nicht anstrengen, um dieses Schuldbewusstsein mit dem imperialen Flashback des Sommers 1982 zu verbinden, als Großbritannien im Südatlantik die Muskeln seiner Flotten spielen ließ. Könnte es sein, dass das offensichtliche Thema des Albums - pastoraler Frieden - einen pazifistischen Subtext enthält?" Hier kann man selbst eine Antwort auf diese Frage suchen:

Archiv: Pitchfork

Elet es Irodalom (Ungarn), 08.01.2021

Pál Mácsai, Direktor des Budapester Örkény Theaters, spricht in einem Interview mit Júlia Váradi u.a. über die mittel- und langfristige Auswirkungen des umstrittenen Theatergesetzes, das im vergangenen Jahr verabschiedet wurde: "Das Ziel des Gesetzes ist nicht künstlerisch sondern künstler-politisch, es geht um die ideologische und geschmackliche Vereinheitlichung der performativen Künste und somit um die Auflösung der Autonomie der Künste auf Landesebene. (…) Die Entstehung und Einführung des Gesetzes ist ein gut dokumentierter Skandal, mittlerweile ist es wichtiger, sich mit dessen Auswirkungen zu beschäftigen. Im Herbst 2020 gab es in drei wichtigen Theaterstädten Ausschreibungen für die Direktorenposten. Alle drei Städte, Pécs, Eger und Szombathely sind oppositionelle Städte. Es gab mehrere Bewerber, die ihr Talent bereits unter Beweis gestellt hatten, doch überall wurde die berechenbare Un-Veränderung gewählt, denn die Macht hatte im Sinne des neuen Gesetzes die eigentlich unabhängigen Selbstverwaltungen finanziell erpresst. Das ist die Erfahrung aus den letzten drei Monaten. Das ist das traurigste Drehbuch: die bewusste Verhinderung der Kreativität und der Erneuerung. In solchen Zeiten verfällt die Bedeutung der Theaterkünste, im besten Fall stagniert sie. Neugierige, erneuernde Künstler können nicht in Positionen gelangen. Das ist zwar kein neues Phänomen, doch das berüchtigte Gesetz meißelt dies mit seinem politischen Hammer in Stein: das ist sein Ziel und seine Wirkung."

MicroMega (Italien), 21.12.2020

Einaudi bringt eine neue Ausgabe der berühmten Gefängnisbriefe von Antonio Gramsci heraus, die Angelo d'Orsi in Micromega bespricht. Große Frage: Gibt es auch bisher unbekannte Briefe? "Ja, es gibt sie, wenn auch nur ein Dutzend, alle interessant, aber mindestens drei davon sind kostbar, alle von Antonio an seine Mutter adressiert, aus denen Details über Gramscis Familienbiografie hervorgehen, die selbst ausgewiesenen Gramsciologinnen und Gramsciologen unbekannt waren (vor allem über seinen älteren Bruder Gennaro, an den der vierte und letzte unveröffentlichte Brief gerichtet ist - die anderen unbekannten Texte sind Postkarten und Telegramme), aber auch was Antonios konkreten Alltag betrifft." D'Orsi lobt auch den Apparat der Ausgabe und den Einführungstext des Herausgebers Francesco Giasi.
Archiv: MicroMega
Stichwörter: Gramsci, Antonio

New Yorker (USA), 18.01.2021

In einem Beitrag für die aktuelle Ausgabe erklärt Elizabeth Kolbert, wie Gentechnik bedrohte Arten vor dem Aussterben bewahren oder ungeliebte Arten ausrotten kann: "In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Gentechnik dank CRISPR gewandelt, zu einer Reihe von Techniken, die man Bakterien abgeschaut hat und die es leichter machen, DNA zu manipulieren. CRISPR erlaubt es, ein Stück DNA herauszuschneiden, es auszuschalten oder zu ersetzen. Unendliche Möglichkeiten … Seit den 1960er Jahren träumen Biologen davon, die Möglichkeiten von 'Gene Drives' (die beschleunigte Ausbreitung von Genen in Populationen, d. Red.) auszureizen. CRISPR hat diesen Traum wahr gemacht. Bei Bakterien funktioniert CRISPR als eine Art Immunsystem. Sie können DNA-Teile eines Virus in ihr Genom aufnehmen. Sie nutzen diese Teile wie Fahndungsfotos, um potenzielle Angreifer zu erkennen. Dann versenden sie Enzyme, die wie kleine Messer die Angreifer-DNA an kritischen Stelgene len kappen und außer Kraft setzen. Genetiker haben diese Methode adaptiert, um praktische jede erdenkliche DNA-Sequenz zu kappen, und eine beschädigte Sequenz zu veranlassen, ein Stück fremder DNA in sich einzugliedern. Da es sich bei CRISPR-Cas um ein biologisches Konstrukt handelt, ist es gleichfalls in DNA kodiert. Das ist der Schlüssel für den 'Gene Drive'. Setze einem Organismus CRISPR-Cas-Gene ein, und der Organismus kann so programmiert werden, dass er die genetische Umprogrammierung selbst vornimmt."

Außerdem: Julian Lucas porträtiert den ghanaischen Bildhauer El Anatsui. Francisco Cantú stellt ein Buch vor, das zeigt, wie der Hunger nach Land die moderne Welt geprägt hat. Und Rachel Kushner erzählt vom Aufwachsen in San Francisco.
Archiv: New Yorker