Magazinrundschau

Müll rein, Müll raus

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
29.08.2022. Foreign Affairs erklärt, wie Putin sich in den postkolonialen Diskurs schummelt, um Unterstützung für seinen Krieg gegen die Ukraine zu gewinnen. Die New York Times erzählt, wie die Anwaltskanzlei Jones Day einen Rechtsruck in der amerikanischen Richterschaft bewerkstelligte. Der New Yorker porträtiert den ultakonservativen Richter Samuel Alito, der die Begründung für die Abschaffung des Rechts auf Abtreibung formulierte. Auf den Malediven unterstützen religiöse Rechte den Islamismus, berichtet Himal. New Republic liest bei Oliver Bullough, wie Britannien zum "Butler der Welt" wurde. Wired feiert die japanische Autorin Sayaka Murata. Eurozine hofft, dass die Europäer ihren Widerstand gegen Putin so lange durchhalten, wie die Ukrainer.

Foreign Affairs (USA), 01.09.2022

Recht trocken liest sich der Artikel der Russland-Expertin Fiona Hill über Wladimir Putins weltpolitische Ambitionen. Aber er ist eine tolle Zusammenfassung und schafft am Ende ein Gefühl für die Bedrohung, die von Putin ausgeht. Sie beginnt gemeinsam mit ihrer Koautorin Angela Stent damit, dass Putin ein zwanghafter Revisionist ist, der ein Traumbild vom russischen Reich wieder errichten will. Daran arbeitet er seit Jahren. Aber so wenig sein Diskurs im Westen verfängt - er ist nicht ohne Alliierte und schafft es sogar, sich in einen postkolonialen Diskurs hineinzuschummeln: "In Putins Vision würde der 'globale Süden' in Russlands Patt mit dem Westen zumindest neutral bleiben. Die Entwicklungsländer würden Moskau aktiv unterstützen. Mit der BRICS-Organisation - Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika -, die um Argentinien, den Iran und möglicherweise Ägypten, Saudi-Arabien und die Türkei erweitert werden soll, könnte Russland noch mehr Partner gewinnen, die zusammen einen beträchtlichen Prozentsatz des globalen Bruttosozialprodukts und einen großen Teil der Weltbevölkerung ausmachen. Russland würde dann zu einer Führungsmacht in den Entwicklungsländern werden, wie es die Sowjetunion während des Kalten Krieges war."
Archiv: Foreign Affairs

Eurozine (Österreich), 24.08.2022

Die Zeit wird Wladimir Putin nur dann in die Hände spielen, wenn im Winter die Solidarität des Westens nachlassen würde. Am Widerstandsgeist der Ukrainer wird es nicht liegen, und auch nicht an ihrem Präsidenten, der jeden Tag um sein Leben fürchten muss, betont Samuel Abrahám in einem eindrücklichen Text. Er erinnert daran, wie sowjetische Panzer 1968 in einem vergleichbaren Akt der Aggression die Tschechoslowakei besetzten, um den Prager Frühling zu beenden: "Die Zeit der Normalisierung von 1969 bis 1989 brach der Nation das Rückgrat. Die Menschen zogen sich in Hoffnungslosigkeit und inneres Exil zurück. Dies ging mit kultureller und intellektueller Verödung einher, von der jeder glaubte, sie würde Generationen anhalten. Niemand, nicht einmal die kommunistsichen Führer glaubten an die kommunistsiche Propaganda. Es herrschte ein Marionetten-Regime, am Rande des sowjetischen Imperiums. Warum dieser Vergleich mit einer ganz anderen Ära? Es ist klar, dass die Ukraine nicht nur für ihr Land und ihr politisches System kämpft, sondern auch für die menschliche Würde, die Russland nach einem Sieg ohne Zweifel auszulöschen versuchen würde, ein brutales, aber letzten Ende sinnloses Unterfangen. Doch in der Tat hat Russland damit bereits in den von ihm besetzten Gebieten begonnen, einige Ukrainer wurde sogar nach Russland deportiert. Eine erfolgreiche russische Besatzung würde die physische Zerstörung der Städte und die Vertreibung der Bevölkerung nach sich ziehen, ganz wie es schon in Mariupol und in der Ostukraine geschieht. Putin, der frühere KGB-Offizier in Ostdeutschland wieß mittlerweile, dass die russischen Soldaten nicht nur unwillkommen sind, sondern dass Kampfgeist und Würde bei den Ukrainern niedergerungen werden müssen und die Reulosen vertrieben oder ermordet. Die Lehre von 1968 in der Tschechoslowakei ist, dass die Folgen einer sowjetischen oder russischen Aggression schlimmer als die Niederlage selbst sind."
Archiv: Eurozine