Magazinrundschau

Die Bücher gehen auf ihre eigene Reise

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
07.02.2023. Im New Yorker erklärt Salman Rushdie, welche Reaktion er sich wünschen würde, wenn ein Außerirdischer seine gesammelten Werke liest. New Eastern Europe erklärt, wie der russische Neo-Imperialismus in der Literatur funktionierte. Wired zeichnet den Weg des Messengers Telegram zu einem Hauptinstrument des Putinismus nach. Hlidaci pes erinnert sich mit Grausen an den Alkoholismus in Zeiten des Kommunismus. The Point lotet mit Olufemi Taiwo die Dialektik des Postkolonialismus aus.

New Yorker (USA), 20.02.2023

David Remnick erzählt noch einmal die Geschichte des indisch-britischen Schriftstellers Salman Rushdie, der sich nach der Messerattacke am 11. August langsam erholt hat. Rushdie war 1989 vom Ayatollah Khomeini mit einer Fatwa für sein Buch "Die satanischen Verse" belegt worden, das Khomenei nach Aussage seines eigenen Sohnes nie gelesen hat. Seitdem ist ein Preisgeld auf seinen Kopf ausgesetzt. Nach elf Jahre des Versteckspiels ging Rushdie nach New York und lebte sein Leben: Er ist gerade zum fünften Mal verheiratet, schrieb Buch auf Buch, unterrichtete, reiste, traf Leser und tanzte die Nacht durch im Moomba. Klingt gut, aber einfach war das nicht. Die Fatwa mit ihrem Todesurteil schwebte über seinem Kopf und mehrere seiner Übersetzer wurden attackiert, einer sogar getötet: "Seit 1989 musste Rushdie nicht nur die Drohungen gegen seine Person abwehren, sondern auch die ständigen Verunglimpfungen seiner Person in der Presse und darüber hinaus. 'Es gab einen Moment, in dem ein 'Ich' im Umlauf war, das erfunden wurde, um zu zeigen, was für ein schlechter Mensch ich war', sagte er. 'Böse. Arrogant. Schrecklicher Schriftsteller. Niemand hätte ihn gelesen, wenn es nicht einen Angriff auf sein Buch gegeben hätte. Et cetera. Ich musste mich gegen dieses falsche Selbst wehren. Meine Mutter pflegte zu sagen, dass ihre Art, mit Unglücklichsein umzugehen, darin bestand, es zu vergessen. Sie sagte: Manche Leute haben ein Gedächtnis. Ich habe ein Vergessnis.' Rushdie fuhr fort: 'Ich dachte nur: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie dieses Ereignis mich als Künstler zerstören kann.' Er könnte sich ganz vom Schreiben zurückziehen. Er könnte 'Rachebücher' schreiben, die ihn zu einem Geschöpf der Umstände machen würden. Oder er könnte 'Angstbücher' schreiben, Romane, die 'vor Dingen zurückschrecken, weil man sich Sorgen macht, wie die Leute darauf reagieren werden'. Aber er wollte nicht, dass die Fatwa zu einem entscheidenden Ereignis in seinem literarischen Werdegang wird: 'Wenn jemand von einem anderen Planeten kommt, der noch nie etwas von dem gehört hat, was mir passiert ist, und einfach die Bücher im Regal stehen hat und sie chronologisch liest, dieser Außerirdische würde glaube ich nicht denken: Diesem Schriftsteller ist 1989 etwas Schreckliches passiert. Die Bücher gehen auf ihre eigene Reise. Und das war wirklich ein Akt des Willens'. Einige Menschen in Rushdies Umfeld und darüber hinaus sind überzeugt, dass in den vergangenen Jahrzehnten die Selbstzensur, die Angst, Anstoß zu erregen, zu oft zur Tagesordnung geworden ist. Sein Freund Hanif Kureishi sagte: 'Niemand hätte heute den Mut, 'Die Satanischen Verse' zu schreiben, geschweige denn, sie zu veröffentlichen.'" Die Schwedische Akademie, die den Literaturnobelpreis vergibt, erinnert Remnick, "lehnte es ab, eine Erklärung zur Unterstützung von Rushdie abzugeben. Dieses Schweigen wurde jahrzehntelang nicht gebrochen".

Weiteres: Joan Acocella würdigt den Monolog der Frau von Bath, die in Chaucers "Canterbury Tales" ihre höchst fortschrittlichen Ansichten über die Ehe darlegt. Rebecca Mead besucht die britische Aristokratin Lady Glenconner. Leslie Jamison analysiert das plötzlich so populäre Hochstaplersyndrom. Lawrence Wright macht sich in einem Brief aus Texas Gedanken über die plötzliche Popularität Austins, das sich zu einer Tech-Megalopolis entwickle. James Wood liest Gwendoline Riley. Carrie Battan hört The Fierce. Und Anthony Lane sah im Kino M. Night Shyamalans Thriller "Knock at the Cabin".
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