Magazinrundschau

Das Genre des Klassenabtrünnigen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
14.02.2023. Wie französisch kann ein Tunesier werden, fragt Africa is a Country. The Nation denkt am Beispiel von Edouard Louis nach, wie man gleichzeitig drinnen und draußen sein kann. Eurozine erklärt, wie man Russisch sprechen und doch ein Ukrainer sein kann. Tablet stellt den israelischen Autor Youval Shimoni vor, Quietus die Jazzfotografin Francine Winham. In HVG spricht die Historikerin Anita Kurimay über die queere Subkultur in Ungarn. Die London Review erinnert an den großen Passfälscher Adolpho Kaminsky.

Africa is a Country (USA), 31.01.2023

Wie französisch kann ein Tunesier werden? Nie französisch genug, versichert erbittert die tunesische Soziologin Shreya Parikh. "Jedes Mal, wenn ich 'kolonisieren' in der Vergangenheitsform schreibe, frage ich mich, wie lange diese Vergangenheit schon zurückliegt. Ich beobachte Hunderte von Tunesiern, die an der französischen Botschaft auf dem Platz mit dem ironischen Namen Place de la Independence im Herzen von Tunis vorbeilaufen; ich beobachte, wie sie unter dem Blick der immer dichter werdenden Sicherheitskräfte, die alle an das Gebäude angrenzenden Straßen blockieren, zusammenschrumpfen. Die Straßen, auf denen die Tunesier während der revolutionären Proteste von 2011 Freiheit und Würde forderten, sind auch die Straßen, auf denen die Tunesier Tag für Tag in demütigend langen Schlangen stehen, um eine Chance auf ein französisches Visum zu erhalten. Ich sehe, wie sie sich unter der erdrückenden Last der Frenchness bücken, wenn sie sich bücken, um Restauranttische zu reinigen, nachdem sie einen weiteren französischen Touristen bedient haben, der ohne Visum in ihr Land kommt. Imen, 24 Jahre alt, erzählt mir, dass sie nie Französisch gelernt hat. Aber die öffentlichen Schulen, die sie in einem Arbeiterviertel von Tunis besucht hat, zwingen allen Schülern die französische Sprache auf. Also formuliert Imen ihren Satz noch einmal um und sagt mir, dass sie kein Französisch sprechen kann", weil sie das R rollt. "Es reicht nicht aus, einfach nur die französische Sprache zu erlernen; vielmehr entscheidet sich der soziale Wert eines Menschen an der Fähigkeit, sich eine Form von Frenchness anzueignen, deren Regeln man schon lange verinnerlicht hatte, deren Weg zum Erwerb aber nie klar definiert war. Aber genau darin liegt die Macht der Frenchness in Tunesien - die bewusste Unbestimmtheit ihres Erwerbs verbirgt die Tatsache, dass sie niemals von einem Tunesier erworben werden kann."

Guernica (USA), 30.01.2023



Die Künstlerin und Architektin Cheryl Wing-Zi Wong hat eine Skulptur, "Current", neben dem Fuß- und Fahrradweg auf der erneuerten Tappan Zee Bridge über den Hudson River errichtet. Sie besteht aus zwölf Stahlbögen mit Glasflossen an den Spitzen der Bögen und LED-Leuchten an der Innenseite jedes Bogens. Denn, das ist das Wichtigste, "Current" ist eine interaktive, sich ständig ändernde Skulptur, so Wong im Gespräch mit Hua Xi, die gemeinsame Erfahrungen schaffen soll: "Tagsüber spiegelt sich das Sonnenlicht auf der Skulptur und in den zweifarbigen Glaslamellen, die je nach Tageszeit unterschiedliche Farben erzeugen. Auch die Schatten der Bögen, die auf dem Platz um die Skulptur herum tanzen, sorgen für Veränderungen. In der Dämmerung gehen die eingelassenen Lichter an und Lichtanimationen reagieren auf Bewegungen auf den Wegen, als würden die Vorbeigehenden auf den Tasten eines Klaviers spielen. Im Laufe der Jahres- und Tageszeiten ändert sich das immer wieder. ... 'Current' ist immer im Fluss, was besonders in den verschiedenen Jahreszeiten deutlich wird. Die Reaktionen können unvorhersehbar sein, besonders tagsüber, je nachdem, wo man steht und von wo aus man das Werk betrachtet. In jedem Augenblick, Sekunde für Sekunde, selbst wenn man nur einen Schritt nach links oder rechts macht, gibt es Nuancen."

Beim Einstellen des ersten Absatzes ist uns zufällig aufgefallen, dass in unserem Redaktionssystem noch ein Absatz zu Guernica vom Mai 2018  schlummert, den wir versehentlich nie veröffentlicht haben. Aber das Thema - Armut und Klassengesellschaft - ist noch so aktuell wie damals, darum veröffentlichen wir ihn eben heute: Auch mit sechzig Jahren ist Dorothy Allison so kampfeslustig und nonkonformistisch wie eh und je, freut sich Amy Wright, beim Schreib-Workshop an der Uni in Tennessee lautet die erste Aufgabe gleich: "Schreiben Sie etwas Unangebrachtes." Doch im Interview spricht Allison vor allem über die in den USA stets geleugnete Klassenstruktur, über Armut und Beschämung: "Kennen sie die berühmten Bilder aus dem Süden, auf denen Kinder mit schmutzigen Gesichtern stehen, alle mit dem Finger im Mund? Die reden nicht, weil sie nicht wissen, was sie sagen dürfen oder wie sie sich benehmen sollen. Wer arm ist, weiß immer, dass er als Person nicht so wertvoll ist wie jemand, der leicht und ungezwungen reden kann. Der Begriff der Klasse ist eigentlich ein Mittel zu Empowerment. Als ich marxistische Theorie las, war es, als hätte mir jemand eine Schaufel gereicht. Man konnte etwas tun. Man konnte sich aus dem Loch herausgraben. Man konnte sich verteidigen, denn nicht so wichtig zu sein wie andere, heißt, ständig in Gefahr zu sein. Aber um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich bin in einer gewalttätigen Arbeiterfamilie in den Südstaaten aufgewachsen. Kaum jemand war auf der High School. Als ich meinen Abschluss machte, galt ich als Freak. Für all meine Cousins stand fest, dass sie entweder Mechaniker werden oder zur Armee gehen. Mehr gab's nicht, außer noch die dritte Option, die den meisten dann auch widerfuhr, und das war der Knast."
Archiv: Guernica