Magazinrundschau

Keine Sünde, keine Vergebung

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
12.12.2023. Quo vadis, slowakische Kultur, fragt Artalk. La vie des idees erinnert an Qatargate. Eurozine erinnert an den türkischen Feminismus vor Atatürk. Die London Review taucht mit Eric Williams in die kapitalistische Geschichte der Sklaverei ein. Der New Yorker lernt mit Charlie Swanton, wie Krebs entsteht. In Quillette fragt Steven Pinker, wie eine eine Bewegung von frauenfeindlichen, homophoben, völkermordenden Fanatikern zum Darling vieler Linker werden konnte. In Qantara wirft ARD-Korrespondent Stefan Buchen der Bundesregierung vor, eine rechtsextreme Regierung in Israel zu unterstützen. Wired porträtiert Joe Weisberg, Autor der Serie "The Americans", .

London Review of Books (UK), 12.12.2023

Christopher L. Brown bespricht eine Neuauflage des Buchs "Capitalism and Slavery" von Eric Williams, dem späteren Premierminister von Trinidad und Tobago. Das erstmals 1944 erschienene Buch, dessen Grundthese lautet, dass der Sklavenhandel die Grundlage der industriellen Revolution war, und sein Ende nicht aus moralischen Überlegungen, sondern aufgrund schwindender Profitraten erfolgte, war ebenso einflussreich wie umstritten. Nicht alle Überlegungen Williams' sind heute noch haltbar, meint Brown, vieles wurde gerade in den letzten Jahren von einer neuen Generation von Historikern ergänzt. Dennoch ist Williams' Perspektive auch heute noch relevant, insbesondere, da sie nicht auf moralische Urteile zielt. Nicht zuletzt, wenn es um die Sklavenhändler selbst geht: "Er weigerte sich, die Männer und ihre Familien als Bösewichter, oder auch nur als Außenseiter zu beschreiben. Vielleicht besteht die größte Scham des atlantischen Sklavenhandels darin, dass er gar keinen Anlass zu Scham bot. In ihrer eigenen Zeit waren Sklavenhändler hochangesehen: 'ehrenwerte Herren, Familienväter, herausragende Bürger', so Williams. Sie stifteten Schulen, Krankenhäuser, Waisenhäuser und Bibliotheken, was sie zu 'führenden Wohltätern ihrer Zeit' machte. Williams genießt die Ironie. Aber es ist leicht zu übersehen, was ihn an diesem Gegensatz besonders interessiert. Können die Besten einer Gesellschaft sich über die moralischen Normen ihrer Zeit hinwegsetzen? Warum sollten - oder auch: wie können - wir erwarten, dass die Handelsleute Liverpools, Bristols und Londons die Anforderungen, die Lockungen, die ökonomische Logik ihrer Ära zurückweisen? Williams stellt diese Frage nicht, um die Vergangenheit gegen die Gegenwart zu zu verteidigen, so wie einige es in defensiver Manier heute versuchen. Seine Weigerung, den atlantischen Sklavenhandel als eine Sünde zu brandmarken, hat mit einer spezifischen Form der Argumentation zu tun. Wenn es keine Sünde gab, gibt es keine Vergebung."

Kevin Okoth stellt die ruandische Autorin Scholastique Mukasonga vor: "Die Hutu-Behörden in Ruanda, so schreibt sie in 'Frau auf bloßen Füßen', nannten die Tutsi 'inyenzi, Kakerlaken, Insekten, die es zu verfolgen und schließlich auszurotten galt' dar. Der Begriff 'inyenzi' beschwor das Bild eines Feindes herauf, der überall und unter allen Bedingungen überleben konnte, eine allgegenwärtige Kraft, die die Hutu-Zivilisation untergraben hatte. Mukasongas literarisches Projekt, das Memoiren, Romane und Kurzgeschichten umfasst, ist eine Antwort auf diese Entmenschlichung, indem es das Leben der Tutsi aus den Trümmern der ruandischen Geschichte zurückfordert. ... In ihrem Roman 'Kakerlaken' kritisiert Mukasonga die Kultur des Schweigens, die den Versöhnungsprozess nach dem Völkermord geprägt hat. Gegen Ende des Buches erzählt sie von ihrem letzten Besuch in Ruanda vor dem Völkermord. Ihre Eltern geben eine Willkommensparty, um ihre Rückkehr zu feiern, aber die Anwesenheit einer 'Familie von Fremden' beunruhigt Mukasonga. Sie erfährt, dass es sich bei den neuen Nachbarn um Hutus aus dem Norden des Landes handelt, denen ein Platz am anderen Ende unseres Feldes zugewiesen wurde. Siebenunddreißig Mitglieder ihrer Familie werden während des Völkermords getötet, doch als sie ein Jahrzehnt später, im Jahr 2004, zurückkehrt, bewohnen diese Nachbarn immer noch dasselbe Feld. Sie stellt den Familienvater zur Rede, doch der behauptet, nie etwas von Mukasongas Eltern gehört zu haben. Sie beschimpft ihn. Schließlich gibt er zu, dass er sie gekannt hat, fügt aber schnell hinzu, dass er zur Zeit des Völkermords nicht da war ('im Kongo'). Es bleibt uns überlassen, unsere eigenen Schlüsse zu ziehen."

Weitere Artikel: Tom Hickman schreibt über das Scheitern des Versuchs der britischen Regierung, Asylsuchende nach Ruanda zu deportieren. Colin Burrow bespricht den neuen Roman von Zadie Smith, "Betrug". Neal Ascherson liest zwei Bücher über die Deutschen: "Diesseits der Mauer" von Katja Hoyer und "Aufbruch des Gewissens" von Frank Trentmann. Madeleine Schwartz erkundet das brutalistische Paris.