Magazinrundschau

Republik der Buchstaben

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
16.01.2024. Eurozine erzählt am Beispiel einer chinesischen Dissidentin, wie man einen Menschen zu einem "freien Gefangenen" macht. Elet es Irodalom fragt sich, wie eine Demokratie ohne Demokraten funktionieren soll. Der New Yorker würde sich nicht wundern, wenn Benjamin Netanjahu auch in zwei Jahren noch regiert. La vie des idees erzählt, wie Emile Zola half, die Literatur in Europa zu institutionalisieren. Auch Martin Luther King wusste, dass systemischer Rassismus nicht mit Farbenblindheit verschwindet, erklärt Quillette. Der Guardian erzählt, wer heute einen Bauernhof kauft.

Eurozine (Österreich), 15.01.2024

Die tschechische Schriftstellerin und Journalistin Radka Denemarková, die aufgrund ihres Kontaktes zu chinesischen Dissidenten seit 2017 nicht mehr nach China einreisen darf, schildert in ihrem Essay das Schicksal einer jungen Chinesin, die sich in offenen Briefen, den tschechischen Widerstandskämpfer Václav Havel zitierend, gegen ihre Regierung wendete. Die Methoden Chinas gegen Dissidenten vorzugehen, sind dieselben, die man in der Tschechoslowakei in der Ära der Normalisierung anwendete, erklärt Denemarková. In diesem Fall, indem man die junge Frau zu einer "freien Gefangenen" machte, so wie man es damals auch mit Havel versuchte: "Die Ermittler der Zentralen Kommission für Disziplinaraufsicht der Kommunistischen Partei Chinas haben unvorstellbare Befugnisse. Sie sind so allmächtig wie die Tschekisten in Stalins UdSSR, die ihre eigenen Feindeslisten aufstellten…Niemand wagt es, Fragen zu stellen. Die junge Frau suchte keine globale politische Konfrontation. Ihr Kampf war ein privater Versuch, nicht im Kompromiss zu ertrinken. Jetzt gibt es kein Zurück mehr - auch nicht zu sinnlosen, verdeckten Diskussionen darüber, was geopfert werden muss, um etwas zu erhalten. Während sie im Gefängnis auf ihren Prozess wartete, wurde sie von der Universität verwiesen. Das Haus ihrer Eltern wurde durchwühlt: Persönliche Gegenstände, darunter das Klavier der Familie, Computer, Mobiltelefone, Lehrbücher und Notizen für ihre Dissertation über die Funktion der Schilddrüse wurden beschlagnahmt; es wurden keine Beweise für unrechtmäßiges Verhalten gefunden. Ihr Geld wurde beschlagnahmt und ihre Bankkonten geschlossen. Ihre Eltern zeigten sich reumütig. Sie distanzierten sich von ihrer Tochter. Jeder, der sie finanziell oder verbal unterstützte, riskierte das gleiche Schicksal. Die junge Chinesin stand allein da, belastet von der Freiheit, belastet von ihrer Vision von einem würdigen, lebenswerten Leben. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Das Gute beginnt in der Regel mit einem hoffnungslosen Unterfangen. Sie schrieb einen Brief wie Havel. Er befreite sie innerlich und katapultierte sie in die geistige Autonomie. Dann erlebte sie die paradoxe Verzweiflung der neuen Entlassung in die Absurdität des Lebens als freie Gefangene. Was für eine Art von Freiheit ist das? Sie wird von allen ausgeschlossen, offiziell als Feind gebrandmarkt."
Archiv: Eurozine

Elet es Irodalom (Ungarn), 12.01.2024

Der Publizist János Széky denkt über die Verantwortung der Demokraten in einer Demokratie nach und über das Fehlen von Demokraten in Ungarn. Die Antwort auf die Frage, warum die Ungarn eine Aushöhlung ihrer Demokratie durch Orban zugelassen haben, "liegt meines Erachtens darin, dass uns die Instrumente fehlten und fehlen, um Schurkerei, Verrat und politische Verleumdung zu erkennen. Ein zu großer Teil der politischen Öffentlichkeit weiß nicht, wie eine Demokratie aussieht, also kann es keine Demokratie geben. Abstrakter ausgedrückt: Timothy Snyders Buch über Tyrannei zeigt den Irrglauben auf, dass die Institutionen der Freiheit sich automatisch selbst verteidigen, sowie das falsche Vertrauen, dass die Kräfte, die die Freiheit beseitigen wollen, sich an die Spielregeln halten. Mitnichten! Die Institutionen der Freiheit, wie freie und faire Wahlen, Gewaltenteilung, eine freie Presse und die Organisation der Zivilgesellschaft, müssen mit ständiger Anstrengung, Wachsamkeit und Bewusstsein verteidigt werden. Von diesem Bewusstsein und dieser Anstrengung ist in Ungarn wenig zu spüren. Vielleicht schwächt der Durchbruch von allerlei Populismen zusammen mit der Entwicklung der Informationstechnologie die Position der Freiheit in der ganzen Welt auf fatale Weise. Aber 'wir Ungarn', um die vom ersten Mann des Landes so geliebte Wortbildung zu verwenden, geben bereits ein Beispiel."