Magazinrundschau

Zeitalter der falschen Welten

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
13.02.2024. Auch das Russland, das aus den Trümmern des Putinismus hervorgeht, wird versuchen, die europäischen Eliten dem Willen des Kreml zu unterwerfen, vermutet die Historikerin Francoise Thom in Desk Russie. Im Merkur fordert der Soziologe Stefan Hirschauer eine Präzisierung des Begriffs "Antisemitismus" in der deutschen Debatte. Jan-Werner Müller sorgt sich in der LRB um das Demonstrationsrecht in Demokratien. In HVG überlegt Ivan Sandor, wie die Literatur "diskreditierten Worten" ihre Bedeutung zurückgeben kann. Und Eurozine berichtet, wie sich Litauen in puncto Homophobie immer mehr Russland annähert.

Desk Russie (Frankreich), 12.02.2024

Viele Hoffnungen hegten sowohl der Westen als auch russische Oppositionelle ob der Kandidatur von Boris Nadejdine für die diesjährigen russischen Wahlen. Nun hat die Wahlkommission seine Aufstellung allerdings verhindert, angeblich wegen ungültiger Unterschriften. Aber, schreibt die Historikerin Françoise Thom, der rasante Aufstieg des Putin-Gegners zeigt trotzdem deutlich: Die Ära Putin ist vielleicht früher vorbei als viele seiner Anhänger befürchten. Die politische Stimmung gleicht jener vor dem Ende der Herrschaft Stalins, meint Thom: "Dieser Präzedenzfall ermöglicht es uns, besser zu entschlüsseln, was heute in Russland passiert." Während die russische Politik "von einem Extrem ins nächste" stürze, werden die "vertraulichen Kontakte" mit dem Westen mehr, verhaltener Widerstand regt sich auch bei den Mächtigen und "Professor Solowej verbreitet abfällige Gerüchte über Putin und bereitet die Entweihung des 'nationalen Führers' und die Denunzierung des 'Personenkults' vor, indem er Putin als einen alten, leidenden Mann in Pampers mit einem Fuß im Grab darstellt." Nadeschdin ist der einzige, der ein Programm zur kontrollierten Entputinisierung formuliert hat, das unsere Aufmerksamkeit verdient, meint Thom, da sich darin vielleicht der Schlüssel für die Entwicklung Russlands in den kommenden Jahren findet. Aber, auch Nadejdine wird die tief verankerte Idee einer russischen Hegemonie in Europa nicht ablegen, warnt Thom, so sehr er Putin kritisiert, ist er doch ein entschiedener Unterstützer des Ukraine-Krieges und hält die Gebietsannexionen für legitim: "Das Russland, das aus den Trümmern des Putinismus hervorgehen wird, wird nach Investitionen, Technologie und Konsumgütern verlangen. Es wird seine Abhängigkeit von Europa erkannt haben, aber es wird versuchen, sie zu überwinden, indem es versucht, die europäischen Eliten dem Willen des Kreml zu unterwerfen. Daher muss der Westen von Anfang an feste Bedingungen für die Aufhebung der Sanktionen und die Wiederaufnahme des Handels mit diesem Land stellen und trotz der Sirenenrufe aus Moskau in dieser Hinsicht nicht von der Stelle kommen. Die Räumung aller den Nachbarländern abgenommenen Gebiete ist der einzige ernstzunehmende Indikator für einen echten Willen zum Wandel und die Aufgabe der hegemonialen Ziele in Europa. Solange Russland nicht aus seiner Dominanzlogik ausbricht, wird es ein gefährlicher Gesprächspartner für die Demokratien bleiben. Nadeschdin war kein Antikriegskandidat, er war der Kandidat des mit anderen Mitteln geführten Krieges."
Archiv: Desk Russie

Merkur (Deutschland), 01.02.2024

Der Soziologe Stefan Hirschauer analysiert die Mechanismen, die zur weltweiten Polarisierung im Nahostkonflikt beitragen. Er diagnostiziert eine starke Vereinfachung bei beiden Konfliktparteien und vermisst in der Diskussion eine Präzisierung politisch gebrauchter Begriffe. Gerade in der deutschen Debatte werde der Begriff des "Antisemitismus" so breit gefasst, dass er alles "subsumiere", meint er: "Die antisemitischen Züge der Hamas, mit denen sie ursprünglich sowohl an den muslimischen wie auch an den europäischen Antijudaismus anschloss, sind nicht nur in ihrer Charta von 2017 hinter den Territorialkonflikt zurückgetreten, sie eignen sich auch grundsätzlich schlecht, um ihr Feindbild zu verstehen. Der Islamismus der Hamas befeuert den Konflikt nicht, weil er vor allem die Juden hasst (wie es Europas Christen und Deutschlands Faschisten taten), sondern weil er alle Andersgläubigen und besonders den westlichen Lebensstil der säkularen Israelis als Frevel von 'Ungläubigen' verabscheut. Weder verkörpert die Hamas genau den Antisemitismus, den Deutschland gerne vollständig überwunden hätte, noch ist ihr Hassobjekt dasselbe wie in Europas Geschichte. Umgekehrt fällt es in Europa umso schwerer, Antizionismus von Antisemitismus zu trennen, seitdem sich der Staat Israel mit dem Nationalstaatsgesetz von 2018 so eng mit dem Judentum assoziierte, dass seine arabischen Mitbürger automatisch zu Bürgern zweiter Klasse wurden. Die israelische Regierung sorgte auch deshalb für diese kulturelle Verquickung, um ihre Besatzungspolitik hinter einem moralischen Schutzschild aus Anti-Antisemitismus der Kritik europäischer Staaten zu entziehen. Die israelische Soziologin Eva Illouz sieht hierin eine geschickte Instrumentalisierung des Kampfs gegen Antisemitismus für die Annexionspolitik. Wenn man daher im Land der Täter des Holocaust den Terroranschlag der Hamas bloß verurteilen will, stellt der 'Antisemitismus' zweifellos den höchstrangigen Kraftausdruck der politischen Rhetorik zur Verfügung, um Empörung und Betroffenheit auszudrücken, und er wird auch stigmatisierend eingesetzt, um der Kritik an der Politik von Israels Regierung (ob durch Muslime oder jüdische Antizionisten) die gerade noch legitime Lautstärke vorzugeben. Wenn man diesen Konflikt aber auch analytisch begreifen will, muss man sich auf die antizionistische Perspektive der Palästinenser und die islamistische der Hamas einlassen."

Weitere Artikel: Der Historiker Thomas Etzemüller denkt mit Blick auf die Zwischenkriegszeit darüber nach, wie es heute gelingen kann, die Demokratie zu bewahren.
Archiv: Merkur