Magazinrundschau - Archiv

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24 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 3

Magazinrundschau vom 09.06.2015 - Aeon

Warum verfällt man im Hotel so leicht in Melancholie? Die britische Autorin Suzanne Joinson beschreibt, wie sie durch übermäßiges Reisen ihre Identität und ihren Lebenswillen zu verlieren drohte, und wie sie in den surrealistischen Künstlerinnen Unica Zürn, Leonora Carrington und André Bretons Muse "Nadja" Schicksalsgenossinnen fand: "Alle drei lebten rastlose, nicht-stationäre Leben, und die Spiegel, Türen, Schlösser, Balkone und Bäder von Hotelzimmern wurden aktive Requisiten und Umgebungen, um "auf die andere Seite" zu gelangen - worin sie von den männlichen Künstlern in ihrem Umfeld stark ermutigt wurden. Die Surrealisten waren besessen von Begegnungen mit dem Unbewussten, von Liebeleien mit dem Wahnsinn, und meist waren es die Frauen, die in den Abgrund gestoßen wurden - oder sich entschlossen zu springen -, während ihre Gegenüber zuschauten. Durch die von Frauen geöffneten Pforten erlangten männliche Surrealisten einen reinen Zustand von psychischem Automatismus - in anderen Worten: Kunst jenseits der Beschränkungen von Vernunft und moralischer oder ästhetischer Kontrolle -, und das Hotelzimmer war häufig das ideale Theater für diese Experimente."

Magazinrundschau vom 19.05.2015 - Aeon

In einer umfangreichen Reportage zeichnet Ross Andersen die Erfolgsgeschichte der Kosmologie nach, die er jedoch allmählich an ihr Ende gekommen sieht: Mit Theorien über die Inflation unmittelbar nach dem Big Bang und über die Entstehung von Multiversen habe sich die theoretische Astrophysik endgültig zu Erklärungsmodellen vorgearbeitet, die sich schlechterdings von unserer Position im Universum aus nicht mehr beweisen lassen. Doch "Wissenschaft verdankt ihre epistemologische Gravitas ihrer sturen Insistenz darauf, dass jede Idee der Feuertaufe durch das Experiment ausgesetzt wird. Das ist ihr philosophisches Rückgrat. Das ist die Methodologie, die uns diesen schimmernden, beeindruckenden, expandierenden Kosmos geschenkt hat, den wir heute bewohnen."

Ed Lake denkt noch einmal über den Fall Aaron Swartz nach, dem für das unerlaubte Herunterladen akademischer Aufsätze 26 Jahre Haft und eine Million Dollar Bußgeld drohten. 2013 beging der erfolgreiche Programmierer im Alter von 26 Jahren Selbstmord. "Armer Junge, richtig? Nun, ja. Er war um einiges mächtiger, als es dieses Bild nahelegt. Er hatte ein bequemes Geldpolster. Seine Entwicklerarbeit an RSS hatte ihm enormes soziales Kapital unter Alpha-Nerds eingebracht. Einflussreiche Freunde hatten ihm die Türen zu Recht, Politik, Medien geöffnet. Er war äußerst charismatisch. Vor allem aber war er schlau: diese geduldige, brutal praktische Intelligenz, die tatsächlich etwas zustande bringt (und damit ist noch nichts über seine Fähigkeiten als Programmierer gesagt). Es ist gut vorstellbar, dass er ohne seinen unsicheren Seelenzustand den Angriff hätte abwehren können. Es haben schon kleinere Davids ihre Goliaths geschlagen."

Magazinrundschau vom 21.04.2015 - Aeon

Der Psychologe und Radiologe Jeffrey M. Zacks geht einer längst überfälligen Frage nach: Warum explodieren unsere Gehirne nicht, wenn wir Filme sehen? Immerhin widerspricht der Filmschnitt, bei dem sich auf einen Schlag alle visuellen Informationen ändern können, unserem über Jahrmillionen entwickelten Sehsinn - oder etwa nicht? "Unsere Seherfahrung kommt uns vielleicht nicht so zerstückelt vor wie eine von Paul Greengrass inszenierte Kampfszene, aber in Wirklichkeit ist sie es. Zum einen blinzeln wir alle paar Sekunden und sind jeweils für mehrere Zehntelsekunden blind. Zum anderen bewegen sich unsere Augen, zwei oder drei pro Sekunde vollziehen sie ruckartige sogenannte sakkadische Augenbewegungen. Diese dauern weniger als eine Zehntelsekunde, und die Information, die während dessen ans Hirn gesendet wird, ist ziemlich unbrauchbar. Das Hirn hat einen famosen Kontrollmechanismus um den Informationsmüll während der Sakkaden auszublenden. Mit Blinzeln und Sakkaden sind wir rund ein Drittel unseres Wachlebens funktionell blind."
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Magazinrundschau vom 24.03.2015 - Aeon

Wie kommen Menschen auf der Basis derselben Informationen zu völlig verschiedenen Überzeugungen? Weshalb hängen Menschen Verschwörungstheorien an, die längst durch Gegenbeweise widerlegt sind? Kurz: Warum glauben wir, was wir glauben? Es ist unser jeweiliger intellektueller Charakter, der bestimmt, was wir aus Informationen machen, meint der britische Philosoph Quassim Cassam. Dass wir uns vieler dieser Charakterzüge nicht bewusst sind, liegt in der Natur der Sache: "Die Gutgläubigen halten sich selten für gutgläubig, und die Engstirnigen finden sich nicht engstirnig. Die einzige Hoffnung, die wir haben, in solchen Fällen unsere Selbstignoranz zu überwinden, ist die Einsicht, dass andere Menschen - Kollegen, Partner, Freunde - unseren intellektuellen Charakter vermutlich besser kennen als wir. Doch auch das hilft nicht immer. Schließlich könnte es sein, dass es einer unserer intellektuellen Charakterzüge ist, nicht auf andere Menschen zu hören. Manche Defekte sind eben unheilbar."

Magazinrundschau vom 17.02.2015 - Aeon

Sie sind orthodoxe Juden - und Atheisten. Batya Ungar-Sargon schildert die heikle Lage und den inneren Zwiespalt von orthodoxen Juden in New York, die vom Glauben abgefallen sind: "Sie bezeichnen sich als "Orthoprax" - von richtiger Praktik -, um sich von den Orthodoxen - von richtigem Glauben - zu unterscheiden. Jedes Mal, wenn ich einen traf, stellten sie mich einigen ihrer Freunde vor, doch die meisten weigerten sich mit mir zu sprechen, aus Angst aufzufliegen. Es befinden sich viel weniger Frauen als Männer in dieser Situtation, und sie sind noch schwerer aus der Deckung zu locken. Sie riskieren, ihre Kinder zu verlieren, besonders im Staat New York, wo das Sorgerecht meist an den gläubigeren Elternteil geht."

Außerdem: Noch nie war die Wissenschaft so einsprachig wie heute. Wer nicht auf Englisch veröffentlicht, geht unter. Der Wissenschaftshistoriker Michael D. Gordin erklärt in einem historischen Exkurs, wie es dazu kam.
Stichwörter: Atheismus, Orthodoxe Juden

Magazinrundschau vom 10.02.2015 - Aeon

Feiglinge werden verachtet, verhöhnt, im Krieg oftmals hingerichtet. Es gibt allerlei Erklärungen, wie heldenhaftes Verhalten einer Spezies nutzt, aber keine evolutionäre Ehrenrettung der Feigheit. Chris Walsh beschreibt, warum sie trotz allem nützlich ist: "Die Abneigung, die wir üblicherweise gegenüber Feigheit hegen, kann hilfreich sein, sich darauf zu besinnen, wie wir uns verhalten sollten und welche Ängste uns davon abhalten... Wie wir lieben, wer und wo wir sind, was wir tun, was wir denken, sogar was wir wissen und uns zu wissen erlauben - manchmal scheint es, als würde all das von aufgebauschten Ängsten und Pflichtvermeidungen geformt, die so lange aufrecht erhalten wurden, dass sie zur Normalität wurden. Über Feigheit zu reflektieren, kann helfen, sie zu überwinden."
Stichwörter: Feigheit, Normalität

Magazinrundschau vom 13.01.2015 - Aeon

Der Unterschied zwischen Musikvirtuosen und durchschnittlich musikinteressierten Menschen ist viel niedriger, als man annehmen würde, verkündet Elizabeth Hellmuth Margulis, Leiterin des Musikwahrnehmungslabors der Universität Arkansas und ausgebildete Konzertpianistin. Sie beschreibt, welch komplexes musikalisches Verständnis allein durch gelegentliches Musikhören entsteht. So verfügt beispielsweise zwar nur einer von Zehntausend über das absolute Gehör, doch die übrigen 9999 sind gar nicht so weit davon entfernt, wie sie vermutlich denken: "Studien zeigen, dass Menschen ohne besondere Übung bekannte Songs auf oder sehr nah an der korrekten Note beginnen. Wenn Leute beispielsweise "Hotel California" summen, dann tun sie es ungefähr in derselben Tonart wie die Eagles. Eine Studie der Universität von Toronto hat außerdem nachgewiesen, dass Menschen ohne besondere Vorkenntnisse die Originalversionen der Titelmelodien bekannter Fernsehserien von transponierten Versionen unterscheiden können. In einer anderen Tonart klingt "The Siiiiiimp-sons" einfach nicht richtig."

Magazinrundschau vom 23.12.2014 - Aeon

Für den Fall, dass sich die Menschheit nicht durch Kriege oder Klimawandel selbst vernichten sollte, müssen wir damit rechnen, dass eines Tages andere Zivilisationen auf unsere Aufzeichnungen stoßen und versuchen werden, sich einen Reim auf uns zu machen. Grayson Clary berichtet von verschiedenen Projekten, die an dieser Art von Zeitmaschinen arbeiten: an Überlieferungen in die nächsten Jahrtausende. "Es ist eine Frage, die etwa im Zusammenhang mit Atom-Endlagerstätten diskutiert wird: wie kommuniziert man die Nachricht "Hier nicht graben!" über einen großen Zeitraum, an Leute, für die unsere Hinweisschilder unlesbar sind? Manche schlagen vor, groteske Skulpturen zur Abschreckung zu errichten, aber solche Skulpturen könnten auch als Hinweis auf vergrabene Schätze gedeutet werden. 1984 schlugen ein paar Linguisten vor, "Strahlenkatzen" zu installieren, die als Reaktion auf die Radioaktivität leuchteten. Anschließend wollten sie eine Folklore aus Liedern und Sagen erschaffen, die die Ahnung vermittelte, dass leuchtende Katzen Gefahr signalisierten."

Ebenfalls sehr lesenswert ist ein Essay des Historikers Iwan Rhys Morus über viktorianische Zukunftsvorstellungen.
Stichwörter: Klimawandel, Rhye

Magazinrundschau vom 25.11.2014 - Aeon



Einst versetzten Spezialeffekte aus dem Computer das Kinopublikum mit immer noch größeren Sensationen in Erstaunen - weshalb viele Blockbuster heute zum großen Teil aus dem Computer stammen. Doch hat sich mittlerweile ein gegenteiliger Effekt eingestellt, klagt Jonathan Romney: Wo man dem Bild nicht mehr trauen kann, geht die Magie des Kinos verloren. "Frühere Formen des kinematografischen Trompe L"Oeil hatten eine Neigung, durch ihre Imperfektion auf ihre Präsenz zu verweisen. Techniken wie Rückprojektion und Matte Paintings waren oft als solche sichtbar und diese Sichtbarkeit bedingte ihren Reiz. Sie lud das Publikum dazu ein, an der Illusion aktiv teilzunehmen und seine Ungläubigkeit willentlich auszusetzen. Die im wesentlichen versteckte Natur der digitalen Manipulation, bei der sich die Effekte nahtlos in die Textur des Leinwandbildes einfügen, ist problematischer und verleiht dem Gegenwartskino einen tiefgreifend ambivalenten Unterton." (Im Bild eine Szene aus Ridley Scotts "Blade Runner" von 1982, und hier, hier, hier und hier Bilder von Maxx Burman, der für Spike Jonzes "Her" von 2013 Los Angeles mit matte painting verfremdete, indem er Stadtansichten von LA mit Bildern von Shanghai verschmolz.)

Magazinrundschau vom 04.11.2014 - Aeon

Die Zähne armer Leuter: Charlize Theron in Zähne armer Leuter: Charlize Theron in "Monster" und Taryn Manning in "Orange is the New Black"
Woran kann man heute arm und reich am ehesten unterscheiden? Kleidung und Aussprache kann man lernen, aber bei älteren Menschen gibt es ein untrügliches Zeichen: die Zähne. Selbst deutsche Krankenkassen- modelle sind heute wie ein Stempel: arm. In Amerika, wo Zahnversicherungen sehr teuer sind, ist der Unterschied noch um einiges krasser. Sarah Smarsh, selbst in einem Trailerpark geboren, nimmt in einem lesenswerten Essay die verfaulten Zähne der Armen zum Anlass, über soziale Unterschiede nachzudenken: Ihre Freunde ziehen sie manchmal auf, wenn sie ein Verb falsch konjugiert oder in Wörter verschleift. "Ich genieße das und fühle mich anerkannt, wenn sie die wahren Klischees durchschauen, die mit meiner Geschichte verwebt sind. Aber es gibt da eine Sache: Auch reiche Leute machen Grammatikfehler. Es ist nur nicht Teil ihrer Geschichte und wird daher ignoriert. Ich habe bemerkt, dass Journalistenkollegen, die Überlebende eines Tornados in einem Wohnwagenviertel wegen ihrer nachlässigen Handhabung des Partizip Perfekts berühmt machten, dämliche Kommentare eines Stadtrats redigierten, um sie seinem Status anzupassen. Und während ich mir die Erziehung, die ich nicht bekam, aus Büchereien, Enzyklopädien und dem New-Yorker-Abo meines Stiefvaters nahm, weigerten sich viele Mitglieder der Mittel- und Oberklasse, die Möglichkeiten zu nutzen, die ihnen serviert wurden - wenn sie überhaupt die Fähigkeit dazu hatten."