Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

367 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 37

Magazinrundschau vom 27.04.2021 - Guardian

Noch 2008 landete Christian Landler mit seinem Blog "Stuff White People Like", wo das schlimmste Vergehen weißer Amerikaner ihr schlechter Geschmack war, einen Riesenerfolg. 2017 erklärte Ta-Nehisi Coates Whiteness zur einer "existenziellen Gefahr für die USA und die Welt". Robert P Baird rekapituliert die lange und wechselvolle Geschichte der Whiteness, also die Vorstellung weißer Überlegenheit, von ihrer Erfindung zur Rechtfertigung der Sklaverei über ihre Entlarvung durch W.E.B. Du Bois, die Epochen der Farbenblindheit bis zu den Critical Race Theories. Am Ende hält es Baird mit den Machern der Zeitschrift Race Traitor, die ein für alle mal "die Weißen abschaffen" wollten: "Whiteness als Gruppenidentität muss bedeutungslos werden, Whiteness muss so in der Zeit versinken werden wie das Preußentum oder die etruskische Kultur. Am Ende seines Lebens beschrieb James Baldwin Whiteness als moralische Entscheidung, um zu betonen, dass es nicht nur eine natürliche Tatsache sei. Aber Whiteness ist vielleicht mehr als eine moralische Entscheidung: Es ist ein dichtes Gewebe aus moralischen Entscheidungen, von denen eine große Mehrheit bereits für uns getroffen wurde, oft ohne eigenes Zutun. So gesehen wäre Whiteness ein Problem wie der Klimawandel oder ökonomische Ungleichheit: Sie ist so gründlich in die Struktur unseres alltäglichen Lebens eingearbeitet, dass die Vorstellung einzelner moralischer Entscheidungen ein wenig entrückt erscheint."

Magazinrundschau vom 02.03.2021 - Guardian

73.000 Menschen gelten in Mexiko als vermisst, viele davon mutmaßlich entführte oder ermordete Frauen. Mexiko ist für Frauen einer der gefährlichsten Orte der Welt außerhalb von Kriegszonen. Meaghan Beatley porträtiert vor diesem Hintergrund die Journalistin Frida Guerrera, die nach allem, was man liest, fast schon als Superheldin durchgehen muss: Sie recherchiert zu den verschwundenen Frauen, hat Mörder überführt, Fälle aufgedeckt und Frauen zurückgebracht. "Guerrera macht diese Arbeit zum Teil auch, weil die Polizei regelmäßig daran scheitert. 'Sie sind unfähig', erzählt sie mir. Die Journalistin Lydiette Carrión, die mehr als sechs Jahre lang dazu recherchierte, wie der Staat von Mexiko Untersuchungen von Morden an Frauen handhabt, hat herausgefunden, dass Fälle oft wie Bälle von einem Ermittler zum nächsten gespielt werden, dass Müttern mitunter die Knochen von Opfern gezeigt werden, mit der Frage, ob sie ihre Tochter identifizieren könnten. Der Anstieg der Gewalt nach dem Beginn des Drogenkriegs vor 15 Jahren hat die mexikanische Polizei überrollt - und die meisten Gewaltverbrechen bleiben unaufgeklärt. Diese Inkompetenz der Polizei wird durch Korruption noch komplizierter: Bundesstaatliche Mittel, die eigentlich für die Ausbildung und Bezahlung fähiger lokaler Polizeikräfte gedacht sind, versickern in den Behörden. Auch spielt Frauenfeindlichkeit eine große Rolle: Viele Polizeibeamte nehmen erst einmal an, dass junge Frauen einfach mit ihren Freunden abgehauen sind, und weigern sich, vor Ablauf einer Frist von 72 Stunden einen Fall aufzunehmen - und das, obwohl ein Protokoll klar besagt, dass mit einer Suche sofort begonnen werden sollte."
Stichwörter: Mexiko, Sexismus, Polizei, Femizide

Magazinrundschau vom 09.02.2021 - Guardian

Fara Dabhoiwala empfiehlt zwei Bücher, die ziemlich rigoros mit der Geschichte des British Empires ins Gericht gehen. Der Journalist und Autor Sathnam Sanghera beschreibt in "Empireland", wie der Kolonialismus bis heute die britische Gesellschaft präge, vom immensen privaten Reichtum über die Dominanz der City of London bis zu Großmäuligkeit betrunkener Briten im Ausland. Der Wirtschaftshistoriker Padraic Scanlan betont in seinem "Slave Empire" unter anderem, dass sich mit der Abschaffung der Sklaverei die Lage der Schwarzen nicht unbedingt verbesserte: "Die Abschaffung der Sklaverei beendete nicht das gigantische System aus Handel und Ausbeutung, das sie hervorgebracht hat. Im Gegenteil, es sollte sich perfektionieren. Die britische Regierung bezahlte kolossale Summen, um Sklavenbesitzer zu entschädigen - aber nichts an die verklavten Menschen selbst. Diese wurden stattdessen von dem Gesetz, das die Sklaverei abschaffte, gezwungen, weiterhin etliche Jahre auf den Plantagen zu arbeiten, als unbezahlte 'Lehrlinge'. Die Abolitionisten glaubten, dass befreite Sklaven härter arbeiteten und die Plantagen profitabler machen würden. Als der Preis für karibisches Zuckerrohr fiel, wurde ihrer Faulheit die Schuld gegeben. Als sie die Frechheit besaßen, eine bessere Bezahlung zu fordern, wurde Tausende von dunkelhäutigen Vertragsarbeiter aus China, Indien und Afrika eingeschifft, um ihren Platz einzunehmen - wie auch zu zahllosen anderen neuen Plantagen in aller Welt. Freie Arbeit und freier Handel waren mit Sklaverei nicht vereinbar, sehr wohl aber mit fortgesetzter Ausbeutung und dem globalem Verschieben schlechtbezahlter Arbeiter."
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Magazinrundschau vom 19.01.2021 - Guardian

Im Guardian schreibt Gulbahar Haitiwaji über ihre Erfahrungen in einem chinesischen Umerziehungslager für Uiguren, in das man sie 2016 steckte, nachdem man sie nach zehn Jahren Exil in Frankreich unter einem Vorwand nach China zurückgelockt hatte: "Wir mussten leugnen, wer wir waren. Wir sollten auf unsere Traditionen, unsere Überzeugungen spucken, unsere Sprache, unsere eigenen Leute. Nach dem Lager sind wir nicht mehr wir selbst, sondern Schatten, unsere Seelen sind tot. Ich wurde gezwungen zu glauben, dass meine Lieben, mein Mann und meine Tochter Terroristen waren. Ich war so weit weg, so allein, so erschöpft und entfremdet, dass ich es fast geglaubt hätte. Mein Mann Kerim, meine Töchter Gulhumar und Gulnigar - ich habe Ihre 'Verbrechen' angeprangert. Ich bat die Kommunistische Partei um Vergebung für Gräueltaten, die weder sie noch ich begangen haben. Ich bedauere alles, was ich gesagt habe, was sie entehrt hat. Heute lebe ich und möchte die Wahrheit sagen. Ich weiß nicht, ob sie mir vergeben können. Wie kann ich ihnen erklären, was mir zugestoßen ist? Man hielt mich zwei Jahre in Baijiantan fest. In dieser Zeit versuchten alle um mich herum, die Polizisten, die uns verhörten, die Wachen, die Lehrer, mir die Lüge aufzutischen, ohne die China sein Umerziehungsprojekt nicht rechtfertigen könnte: dass Uiguren Terroristen sind und ich, die ich seit zehn Jahren im französischen Exil lebte, eine Terroristin. Die dauernde Propaganda nahm mir einen Teil meiner geistigen Gesundheit, Teile meiner Seele brachen entzwei. In den gewaltsamen Polizei-Verhören duckte ich mich unter den Schlägen und machte sogar falsche Geständnisse. Es gelang ihnen, mich davon zu überzeugen, dass ich umso schneller frei wäre, je früher ich meine Verbrechen zugäbe. Erschöpft gab ich schließlich nach. Ich hatte keine Wahl. Niemand kann für immer gegen sich selbst kämpfen. Egal wie sehr man gegen die Gehirnwäsche angeht, sie vollbringt ihre heimtückisches Werk. Alle Wünsche und Leidenschaften verlassen dich. Welche Möglichkeiten gibt es? Ein langsamer, schmerzhafter Tod oder Unterwerfung. Wenn es einem gelingt, die Unterwerfung nur vorzutäuschen, dann bleibt etwas Klarheit übrig, die einen daran erinnert, wer man wirklich ist. Ich glaubte kein Wort von dem, was ich ihnen sagte. Ich gab mein Bestes, eine gute Schauspielerin zu sein. Am 2. August 2019 erklärte mich ein Richter aus Karamay nach kurzem Prozess für unschuldig. Ich hörte die Worte kaum. Ich dachte daran, wie oft ich meine Unschuld beteuert und für sie gelogen hatte."

Magazinrundschau vom 20.10.2020 - Guardian

Entsetzliche Gräueltaten werden oft in einem Zustand irrationaler Emotionalität begangen, doch am abscheulichsten sind die kalt geplanten und präzise ausgeführten Schläge, weiß Frank Pasquale und blickt mit Schaudern in die Zukunft der KI-gesteuerten Waffen, Drohnen und Killerroboter: "Wir können uns alle einige besonders schreckliche Waffen vorstellen, die niemals hergestellt oder angewandt werden sollten. Eine Drohne, die einen feindlichen Soldaten langsam zu Tode erhitzen würde, würde gegen internationale Konventionen gegen Folter verstoßen; das Gleiche gilt für akustische Waffen, die das Hörvermögen oder den Gleichgewichtssinns des Gegners zerstören. Ein Land, das solche Waffen entwirft und gebraucht, sollte aus der internationalen Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Abstrakt gesprochen können wir uns wahrscheinlich auch darauf einigen, die Erbauer von Killerrobotern zu ächten. Allein die Vorstellung, dass eine Maschine zum Töten losgelassen wird, ist gruselig. Und doch bewegen sich einige der größten Armeen der Welt auf eine Entwicklung dieser Waffen zu, indem sie der Logik der Abschreckung folgen: Sie fürchten, von der KI des Gegners zermalmt zu werden, wenn sie nicht eine ebenso mächtige Kraft entwickeln. Der Weg weg von einem solchen Wettrennen führt nicht so sehr über weltweite Verträge, sondern in einem Nachdenken darüber, wofür Kampf-KI benutzt werden könnte. Der Krieg kehrt immer nach Hause zurück, und die Anwendung militärischer Technologie innerhalb des eigenen Landes, wie es in den USA und China der Fall ist, sollte eine Warnung für die Bevölkerung sein: Welche Technologie von Überwachung und Zerstörung Sie auch immer Ihrer Regierung erlauben nach außen hin anzuwenden, kann früher oder später auch gegen Sie selbst benutzt werden."

Magazinrundschau vom 22.09.2020 - Guardian

Die Lachszucht ist ein unappetitliches Geschäft. Auf Hunderten von Farmen werden Lachse im nördlichen Alantik oder Pazifik aufgebracht, in jedem einzelnen Gehege leben bis zu 250.000 Fische. Sie verdrecken die Meere, brauchen genauso viel Futter wie sie selbst wiegen, und wenn sie ausbrechen, gefährden sie die Wildbestände. Mark Kurlansky sieht dennoch wenig Chancen, dass sich die Zustände zum Besseren ändern werden: "Die Lachszucht wird sehr wahrscheinlich weitermachen - genug Leute wollen die Jobs, die Profite oder den Fisch -, aber ihr stehen auch viele Schlachten bevor: Im November 2015 entschied die amerikanische Food and Drug Administration (FDA), zur Freude der einen und zum Schrecken der anderen, genetisch veränderten Lachs für den menschlichen Konsum freizugeben. Obendrein entschied die FDA. dass dieser Lachs nicht gekennzeichnet werden muss, was die hochumstrittene amerikanische Praxis für genetisch veränderte Pflanzen ist. Dennoch führt der Lachs in eine gruselige neue Welt. Er ist das erste gentechnisch mainipulierte Lebewesen, das in Geschäfte darf. AquaBounty Technologies, lange eine kleine Firma in Massachusetts, kämpfte zwanzig Jahre lang für diese Zulassung. Wenn sich dieser Frankenfisch, wie er manchmal genannt wird, mit den Wildbeständen mixt, wird es desaströse Folgen haben, schlimmer noch als bei anderem gezüchteten Lachs. Die juristischen Anfechtungen haben natürlich sofort eingesetzt. Der genetisch veränderte Lachs ist Zuchtlachs, der in in der Hälfte der Zeit zu Marktgröße wächst, die ein natürlich gezüchteter Lachs braucht. Der Plan ist, diese Lachse in Tanks an Land aufzuziehen, um sie von den Wildbeständen fernzuhalten. Wenn diese Lachszucht Erfolg hat, dürfte anderen Farmen die Konkurrenz schwer fallen."

Magazinrundschau vom 08.09.2020 - Guardian

"Operation Condor" klingt wie ein Film, war aber tatsächlich das Netzwerk, zu dem sich die Militärdiktaturen Lateinamerikas in den siebziger und achtziger Jahren zusammengeschlossen hatten, um ihre Folterknechte und Todesschwadronen auch über die Landesgrenzen schicken zu können. Giles Tremlett verfolgt die Spuren dieser Operation, über die in den vergangenen Jahre immer mehr Informationen ans Licht kamen. Zum Teil weil immer mehr italienische Gerichte alte Fälle aufgreifen, zum Teil weil Barack Obama Geheimdienstdokumente freigegeben hat. Hunderte Menschen wurden allein im Rahmen der Operation Condor verschleppt, gefoltert und ermordet: "Obwohl die Agenten der Operation Condor ihre Opfer in allen beteiligten Staaten jagten, konzentrierten sie sich vornehmlich auf Argentinien, das den Exilanten der Diktaturen als Zuflucht diente, bis es selbst unter Militärherrschaft fiel. Die von Uruguay oder Chile nach Argentinien entsandten Condor-Schwadronen nutzen eine Reihe von provisorischen Gefängnissen und Folterzentren, die ihnen ihre Gastgeber zur Verfügung stellten ... Condor-Opfer wurden etwa in den Club Atlético gebracht, der Codename für den Keller eines Polizeidepots in Buenos Aires. Hier wurde im Juli 1977 auch die 18-jährige Laura Elgueta mit verbundenen Augen gebracht, zusammen mit ihrer Schwägerin Sonia, nachdem bewaffnete Chilenen und Argentinier sie aus ihren Wohnungen entführt hatten. Zu jener Zeit suchte Elguetas chilenische Familie - die im argentinischen Exil lebte, ihren Bruder Kiko, einen Aktivisten, der ein Jahr zuvor in Buenos Aires verschwunden war. 'Wir wussten, dass er verschleppt worden war, aber das war alles', sagt Elgueta. Im Auto wurde sie sexuell, physisch und verbal malträtiert. Im Club Atlético ging es weiter - dort wurden die Frauen entkleidet und in Handschellen gelegt, ihnen wurden Kapuzen übergezogen und die Nummer K52 und K53 gegeben. 'Wer vorbeikam, beleidigte uns, schlug zu oder warf uns auf den Boden', erinnert sich Elgueta. Sie konnten hören, wie andere Gefangene in Ketten vorbeiliefen. Die chilenischen Folterer machten keine Anstalten, ihre Nationalität zu verbergen, ihre Vernehmungen konzentrierten sich auch ganz auf die chilenische Exilgemeinde in Argentinien. Immer wieder wurden die Frauen in den Folterraum gebracht. Wieder Schläge, Vergewaltigung, Elektroschocks. 'Sie sagten so was wie: Jetzt kann die Party richtig losgehen.' Auch wenn man es weiß und immer wieder liest, kann man sich nicht vorstellen, wozu Menschen fähig sind. Es war ein Haus des Schreckens', sagt Elgueta. 'Als meine Schwägerin aus einem Verhör kam, hatten sie ihr so starke Elektroschocks gegeben, dass sie noch immer zitterte.'"

Magazinrundschau vom 18.08.2020 - Guardian

Wenn alle über Hautfarbe sprechen, müsste dies eigentlich auch mal die Dermatologie tun, meint der Arzt Neil Singh und erzählt etwas beschämt, wie er bei einem Patienten eine ganz gewöhnliche Schuppenflechte nicht erkennen konnte, weil der Mann schwarze Haut hatte: "Wenn ich an meine Ausbildung als Dermatologe zurückdenke, fallen mir nur drei Gelegenheiten ein, bei denen mit Hilfe schwarzer Haut ein medizinisches Problem demonstriert wurde: Einmal um zu zeigen, wie schwarze Haut in dicken, Keloide genannten Streifen heilt; einmal bei einer Sitzung zu Syphilis und anderen genitalen Geschwüren; und einmal in einer Präsentation zur Pigmentstörung Vitiligo. Dunkle Haut wird immer nur benutzt, um dermatologische Raritäten zu demonstrieren, niemals im Basis-Unterricht über gewöhnliche Erkrankungen. Ich bin nicht der einzige, dem dieser Mangel in der medizinischen Ausbildung auffällt. Im Juni schrieb der kanadische Medizinstudent Michael Mackley auf Twitter in einem vielfach zitierten Thread, wie wenig vorbereitet er darauf wurde, Hautveränderungen bei schwarzen Menschen zu erkennen: 'In einem System, das ganz auf weißer Haut beruht, sind viele Patienten auf sich gestellt', schrieb er. Noch beunruhigender erscheint mir, dass mir mein eigenes Unwissen niemals aufgefallen ist. Und das obwohl ich selbst farbig bin." Und übrigens sei Bob Marley an einem Melanom gestorben, das bei Schwarzen relativ häufig vorkommt, das die Dermatologie damals aber nicht erkennen konnte."
Stichwörter: Dermatologie, Hautfarbe

Magazinrundschau vom 11.08.2020 - Guardian

Nach dem Tod und der Einäscherung seines zoroastrischen Großvaters hat sich Shaun Walker auf die Spuren jener alten und geheimnisumwitterten Religionsgemeinschaft begeben, die in Indien als Parsi bekannt sind, aber an Zahl beständig abnehmen. In Mumbai konnte er sich sogar in eine Tour mit Khojeste Mistree schmuggeln, dem intellektuellen Kopf der orthodoxen Parsi: "Während wir durch das Grün zu den beiden Dakhmas spazieren, die zur Zeit als Totenstätten genutzt werden, schwärmt Mistree von dieser Methode der Totenbestattung: 'Es ist die beste und umweltfreundlichste Art, die Toten zu beseitigen', sagt er und erklärt, dass es verhindere, die Erde mit den bösen Geistern des Toten zu verschmutzen. Mistree berichtet, dass in der runden Steinstruktur eines Dakhmas mehr als 250 Leichen aufbewahrt werden könnten. Wenn die Leichen völlig verwest sind, schieben Leichenträgern sie von den Platten am Rand in das Loch in der Mitte, was wir allerdings wegen der hohen Mauern nicht sehen können. 'Sie stehen hier direkt neben einem Dakhma, und was riechen Sie?', fragt Mistree mit seiner unverwechselbaren Stimme, die Nuancen eines Bombay-Näseln in die aufsteigenden Kadenzen eines Oxford-Dons tröpfeln lässt: 'Genau. Nichts. Was die Zeitungen auch für Gerüchte über verrottende Leichen verbreiten mögen, das ist alles Unsinn.' Bis in die achtziger Jahre waren hungrige Geier in die Dakhmas gestürzt und hatten die Körper der toten Parsi in wenigen Tagen sauber abgenagt. Innerhalb einer Dekade starben die Vögel aus, vor allem wegen des häufigen Gebrauchs von Diclofenac, eines Schmerzmittels, das an Rinder verfüttert wurde und die Geier vergiftete, wenn die sich über die Kadaver hermachten... 'Es tut mir leid, das sagen zu müssen, erklärte Mistree in einem bemerkenswert ungerührten Ton, 'aber Paris, die sich einäschern lassen, kommen in die Hölle."

Magazinrundschau vom 04.08.2020 - Guardian

Im vierten Teil einer sechsteiligen Serie über Sozialwohnsiedlungen in Melbourne erzählen James Button und Julie Szego von der Kluft zwischen afrikanischen Einwanderern der älteren Generation und den Jüngeren, die oft in Australien geboren wurden. Nor Shanino und sein Freund Ahmed Dini versuchen, zwischen den Generationen zu vermitteln. Während die Älteren sich erinnern, was für grauenvolle Zustände teilweise in ihren Heimatländern herrschten, sind die Jüngeren oft überzeugt, Australien sei die Hölle, aus der sie nie in den Himmel der Weißen aufsteigen können. Mit der Realität hat das weniger zu tun als mit amerikanischen Vorbildern, stellen Shanino und Dini fest: "'Anstelle von lokalen Identitäten nehmen junge Menschen oft eine globale schwarze Identität an', sagt Nor. Der Aufstieg von Black Lives Matter in Australien ist ein markantes Beispiel. 'Viele junge Leute in der Sozialwohnsiedlung kleiden sich, reden, gehen genau wie Afroamerikaner. In jüngster Zeit ist es der britische Rap. Sie mischen amerikanischen und britischen Slang. Als wir aufwuchsen, benutzten wir australische Terminologie, australischen Slang'. Die Online-Welt treibt diese Veränderungen voran. ... ... 'Für sie ist von klein auf alles global. Dies geschah in Amerika. Dies geschah in Finnland. Sie sind in einer globalen eritreischen Jugenddiskussionsgruppe online - mit Jugendlichen in ihrem Alter und mit ihrem eigenen Hintergrund, die aber keine Ahnung haben, was sozialer Wohnungsbau ist. Oder sie lesen von einer Schießerei in Amerika oder von etwas, das in Südafrika passiert ist, und sie sagen: Seht ihr, das passiert überall, so ist die Welt. Und ich sage: Moment mal, man kann nicht etwas aus einem völlig anderen Ökosystem nehmen und es über Melbourne stülpen, ist das euer Ernst? Man erschafft neue Dinge, die nicht wirklich existieren.'"

Matthew Taylor erzählt in einem nicht gerade von allzu kritischem Geist angekränkelten Riesenartikel die Geschichte der Protestbewegung Extinction Rebellion, um die es nur scheinbar ein wenig still geworden ist. Für September hat die Bewegung Protestaktionen vor dem Westminster Palace angekündigt, wo das Parlament gezwungen werden soll, über die apokalyptische Agenda der Gruppe zu beraten. Taylor behauptet, dass sich die Gruppe von der Coronakrise, die die Klimafrage verdrängt hat, dennoch bestärkt fühlt, weil sie zeige, dass es möglich ist, die Wirtschaft stillzulegen: "Im Lauf des Sommers wuchs dieses Gefühl politischen Potenzials als die Black Lives Matter-Proteste weltweit explodierten und Millionen von Menschen auf die Straße gingen, um grundlegende Änderungen der Polizeiarbeit und ein Ende des strukturellen Rassismus zu fordern. Laut der Aktivistin Zoë Blackler haben die Krisen des Jahres 2020 'unterstrichen, dass Klimawandel, strukturelle Ungleichheit und Rassismus alle die gleiche Wurzel haben, und das ist unser globales Finanzsystem'." Man hat allerdings auch zur Kenntnis nehmen müssen, dass die Klimabewegung vorwiegend weiß ist und auch dazu die entsprechende Prosa entwickelt: "Am 1. Juli gab XR eine Erklärung ab, in der man sich für frühere Fehler entschuldigt: 'Wir erkennen, dass unsere Taktik, Festnahmen zu provozieren, die Beteiligung privilegierter Menschen erleichterte und dass unsere Verhaltensweisen das System der white supremacy bestärkten. Dafür entschuldigen wir uns.'"

Der Gründer und Charismatiker der Bewegung Roger Hallam hat sich übrigens aus dem direkten Stab zurückgezogen und eine Partei namens "Beyond Politics" gegründet, mit der er die "genozidale Regierung" zu Fall bringen und das "schlimmste Verbrechen in der Geschichte der Menschheit" bekämpfen will.