Magazinrundschau - Archiv

Harper's Magazine

31 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 4

Magazinrundschau vom 20.07.2021 - Harper's Magazine

Bevor Gewerkschaften in einem amerikanischen Betrieb tätig werden dürfen, muss die Mehrheit der Belegschaft dem zugestimmt haben. Vor diesen Abstimmungen finden in den jeweilen Betrieben heftige Wahlkämpfe statt: Gewerkschaften schicken Organiser in die Stadt, die Konzerne halten mit Überwachungskameras, "Fortbildungskursen" und Kampagnen ("Unions can't, we can.") dagegen. Daniel Brook erzählt in einer lehrreichen Reportage von dem fast schon historischen Kampf in Bessemer in Alabama aus diesem Frühjahr, mit einem bewundernswert vielschichtigen Protagonisten und bitteren Pointen: "Als Amazon 2018 beschloss, auf einem Gelände in Bessemer, das einst U.S. Steel gehört hatte, ein Logistikzentrum zu errichten, war die Stadt am Boden. Die Armutsrate lag bei 30 Prozent, der Median für Häuserpreise stand bei 86.500 Dollar. Um den Handel perfekt zu machen, ließ sich die Stadt auf große Konzessionen ein: Sie würde in dem Lager die einprozentige Einkommenssteuer erheben, davon aber 50 bis 65 Prozent an Amazon zurückzahlen, je nach dem wie viele Menschen das Unternehmen einstellte. Das Lieferzentrum nahm im März 2020 den Betrieb auf, genau zu dem Zeitpunkt also, da die Pandemie den Online-Handel in ungeahnte Höhen schnellen ließ. Um schnell expandieren zu können, stellte Amazon eine Belegschaft zusammen, die in großer Mehrheit schwarz war, obwohl eine solche Homogenität nach Einschätzung des Konzerns selbst die Wahrscheinlichkeit der Gewerkschaftsbildung erhöhen könnte. Wie der Business Insider berichtet hatte, zeigten Dokumente von Amazons Biokette 'Whole Foods', dass das Unternehmen das Potenzial zur gewerkschaftlichen Organisierung in seinen Läden mit einer Heatmap-App einschätzt, die unter anderem das Maß der Diversität am Arbeitsplatz misst. Arbeitsstätten, die einen hohen Diversitätsindex aufweisen werden als weniger gewerkschaftsanfällig eingeschätzt, vermutlich weil Solidarität oft an ethnischen Grenzen oder bei der Hautfarbe aufhört."
Stichwörter: Amazon, Gewerkschaften, Alabama

Magazinrundschau vom 13.07.2021 - Harper's Magazine

So sehr die deutsche Öffentlichkeit auf amerikanische Debatten fixiert ist, so wenig wurde die Debatte über das "1619"-Projekt der New York Times in deutschen Feuilletons widergespiegelt - helfen denn nicht mal mehr die Hinweise des Perlentauchers, um Debatten aufzugreifen? Matt Karp, recht jung aussehender Historiker in Princeton, der sich wohl eher der klassischen Linken zurechnet, hat sicherlich einen der gewichtigsten Essay dazu geschrieben und zerpflückt dankenswerter Weise die Positionen zur Geschichte sowohl in der Trumpianischen Rechten als auch in der modischen Linken. Während die Trumpianer weit davon entfernt sind, sich positiv auf Traditionen wie die "Lost Cause" der Südstaaten zu beziehen und eher ein Troll-ähnliches Verhältnis zur Geschichte pflegen, das im wesentlichen dazu dient, die ideologischen Gegner lächerlich zu machen, hat die modische Linke den Blick fest auf die Vergangenheit gerichtet. Karp spricht allerdings von einem neuen "Historizismus", einer Lyrik der Ursprünge, die im Grunde ahistorisch sei. Das "1619"-Projekt der Historikerin Nikole Hannah-Jones und ihrer vielen Ko-Autoren ziele darauf ab, in der Sklaverei eine Art genetischen Code zu sehen, der auch heutigen Rassismus erkläre. Das geht bis zur geschichtsfälschenden Behauptung, dass die Revolution von 1776 angezettelt wurde, um die Sklaverei erhalten zu können. "Die dominierenden Bilder sind hier biblisch und biologisch: Sklaverei als Amerikas 'Erbsünde', Rassismus als Teil von 'Amerikas DNA'. (Das 1619-Projekt enthält nicht weniger als sieben solcher Verweise.) Solche Male sind unauslöschlich und von Geburt an eingeprägt. Die Existenz von Sklaverei und Rassismus bedeutet, dass Amerika 'von Anfang an abgestempelt' war, wie Ibram X. Kendi sein erstes Buch ('Stamped from the Beginning') betitelte, wobei er ironischer Weise einen Satz von Jefferson Davis (der Präsident der Konföderierten) entlieh. 'So wie die DNA der Code für die Zellentwicklung ist', schreibt Isabel Wilkerson, 'so ist die Kaste das Betriebssystem für die wirtschaftliche, politische und soziale Interaktion in den Vereinigten Staaten von der Zeit ihrer Entstehung an.'"

Magazinrundschau vom 22.06.2021 - Harper's Magazine

Der Literaturdozent Barrett Swanson hebt seine großartige Reportage über eine Villa, in der Investoren TikTok-Influencern gratis Kost und Logis bieten, solange sie nur einträglich influencen, performen und skalieren, zwar nicht mit den ersten Zeilen aus Allen Ginsbergs "Howl" an ("I saw the best minds of my generation destroyed by madness"), aber hinter der Motivation zu diesem Trip steckt ein sehr ähnlicher Befund: Zum einen brechen immer mehr Studenten ihre College-Laufbahn ab, um sich lieber als Influencer zu versuchen, zum anderen neigen diejenigen, die am College bleiben, zu Depressionen, Zukunftsängsten. Derweil schießen die gesponserten Clubhouses und Villas, in denen die TikTok-Influencer vor sich hin werkeln, überall aus dem Boden: "Das Pooldeck blickt auf die gewellte Landschaft der Beverly Hills, mit den kirchturmartigen Spitzen der Pinienbäume in die Ferne geätzt. Es hätte alles den Anschein der Idylle, wären da nicht die giftigen Rauchkleckse von den Waldbränden, die Kalifornien einhüllen und dem Himmel die dräuende Anmutung eines Katastrophenfilms verleihen. Die Westküste steht in Flammen. 50.000 Amerikaner stecken sich pro Tag mit Covid-19 an und die Wirtschaft rückt immer näher an ihren steilen Absturz heran. Vor dieser apokalyptischen Kulisse wirkt es seltsam, diesen Kids dabei zuzusehen, wie sie herumhüpfen und -wirbeln. Wenn ich die Jungs frage, ob sie sich Sorgen um den Zustand der Nation machen, kratzen sie sich an der Nase und blicken von ihren Telefonen auf. 'Was. Nääh, Mann', sagt einer. 'Es wird doch jedes Jahr besser.' ... Diese Kids waren noch sehr jung, als ihre Eltern ihnen iPhones und Tablet in die Hand drückten. Sie kannten nie ein Selbst, das nicht einer anonymen, virtuellen Beobachtung gegenüber stand. So kann es durchaus sein, dass das, was auch immer wir in diesem Zusammenhang unter 'authentisch' verstehen, nicht der Standarddefinition entspricht, wie Rousseau und die Romantiker sie auffassten - ein wahrhaftiger Ausdruck der ungeschminkten Persönlichkeit -, sondern sie sind 'authentisch' in dem Sinne, dass ihre Identitäten geformt wurden in makelloser, unbewusster Sympathie für alles, was ihr Mob an Onlinefollowern für zuspruchsfähig und harmlos hält. Mehrere Male während meines Besuchs scheint es mir, als sehe ich den Preis, den sie dafür zahlen, in ihren Gesichtern aufschimmern - eine Art fahle Verzweiflung. Einmal kam Brandon zu mir und sagte: "Was wirklich Angst macht und viele von uns nachts umtreibt: Man weiß nie, wie lange es so bleiben wird. Also quasi: Was kommt als nächstes?"
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Stichwörter: Influencer, Tiktok

Magazinrundschau vom 23.03.2021 - Harper's Magazine

Krähen, die sich schwarmweise bestimmte Familien als Opfer zum Piesacken herauspicken, eine Frau, die von sich behauptet, mit Tieren auf einer tieferen, therapeutischen Ebene kommunizieren können: Was ist dran an solchen Geschichten aus dem Grenzbereich zur Esoterik, fragt sich Lauren Markham in der aktuellen Ausgabe von Harper's - und ist dabei mitunter eine deutliche Spur weniger skeptisch als dies angemessen wäre. Mit Frans de Waal findet sie immerhin auch einen etwas weniger enthusiastischen Verhaltensforscher, der von selbsternannten Tierflüsterern nicht sonderlich viel hält: Als Reaktion auf entsprechende Geschichten erzählt er von Rupert Sheldrake, "einem weitgehenden diskreditierten Biologen, der den Begriff der 'morphischen Resonanz' geprägt hat, um den theoretischen Austausch von Gefühlen und Wissen zwischen Tieren über Zeit und Raum hinweg zu beschreiben. ... 'Dafür braucht man aber kontrollierte Experimente', sagt de Wall, 'und sobald man diese durchführt, fallen sie auseinander'. Für Verhaltensforscher wie de Waal sind einige der Tierkommunikatoren klassische Gauner, die ihr Auftreten insofern manipulieren, dass sie offensichtliche Schlussfolgerungen ziehen oder einfach nur das erzählen, was die Tierbesitzer gerne hören wollen. ... Aber Biologen und Hellseher neigen gleichermaßen zu der Ansicht, dass wir die Intelligenz von Tieren und die Komplexität ihrer Gefühlswelt dramatisch unterschätzen. ... Tiere kommunizieren in einer Myriade von verbalen und nichtverbalen Sprachen, betont de Wall. Und Menschen sind dazu in der Lage, sie zu entziffern. Umgekehrt greifen auch Tiere menschliche Auslösereize auf, um sich zu schützen, und auch aus so etwas wie Liebe heraus. 'Die Intelligenz der Tiere ist an sich schon wunderschön und faszinierend', sagt de Waal. 'Man muss sie nicht noch mit fiktiven Elementen ausschmücken. Sie ist schon rein aus sich heraus ziemlich frappierend.'"

Magazinrundschau vom 16.02.2021 - Harper's Magazine

In Kolumbien geht der Krieg trotz des Friedensabkommens zwischen der Regierung und den Guerillagruppen weiter. Ein Drama für die Menschen und für die Umwelt, erzählt in einem Brief aus Kolumbien Jessica Camille Aguirre: "Die Bombardierung des Öltransportnetzes des Landes, das fast unmöglich vollständig zu sichern ist, wurde eine der bevorzugten Taktiken der ELN. Das Ziel ist es, das Wirtschaftsleben des Landes zu stören, insbesondere einen Sektor, der so direkt die Regierung bereichert, gegen die sich die Guerrilla gestellt hat. In Kommuniqués besteht die ELN darauf, dass sie an den Schutz der Umwelt glaubt, aber die Unterbrechung der Förderung natürlicher Ressourcen als wichtiges Werkzeug im Kampf gegen den Kapitalismus betrachtet. 'Für die Oligarchie, den Imperialismus oder die Konzerne ist das Einzige, was zählt, der Profit', sagte mir ein Kommandeur der westlichen Kräfte der ELN, der sich den Decknamen Uriel gab. 'Sie werden nur von dieser Art von Plünderung getroffen.' ... Bataillone der kolumbianischen Gesellschaft zum Schutz der Infrastruktur, Plan Meteoro, patrouillieren die Pipeline in Arauca, um Bombenanschläge zu minimieren, was das kolumbianische Militär in die schlecht sitzende Rolle von Umweltschützern bringt. Die ELN 'ist einer der größten Umweltverbrecher auf dem Planeten', sagte mir ein General der kolumbianischen Armee namens Luis Felipe Montoya, bevor er andeutete, dass die Guerilla dem kolumbianischen Staat 57 Milliarden Dollar schulden würde, behandelte man sie nach dem dem gleichen Standard wie Exxon nach der Ölpest von 1989.'"
Stichwörter: Kolumbien

Magazinrundschau vom 22.09.2020 - Harper's Magazine

Sehr ausführlich befasst sich Will Stephenson mit Amanda Sewells vor kurzem veröffentlichter Biografie über die Synthesizer-Pionierin Wendy Carlos, die vielen wohl vor allem für ihre düster dräuenden Soundtrack-Kompositionen zu Stanley Kubricks "Clockwork Orange" und "The Shining" und für ihr elektronisches "Switched On Bach"-Album bekannt ist (mehr zu dessen mühsamer Entstehung bereits in dieser Magazinrundschau). Letzteres wird heute gerne als Skurrilität abgetan. "Es ist schwierig geworden, die Provokation zu hören, die in diesem Album steckt. Diese hat zu tun mit dem unerwarteten, aber profunden Einverständnis zwischen Bachs Musik und dem frühen Synthesizer. In diesem Bündnis liegt einfach etwas urwüchsig stimmiges. Bach selbst war ein Techniker und Instrumentekonstrukteur. ... Hinzu kommt noch die grundlegende Präzision und täuschende Einfachheit dieser Musik. 'Bach repräsentiert den Triumph der reinen Logik', schrieb der Pianist Jeremy Denk einmal. 'Er erfasst tiefste Gefühle, bleibt dabei aber streng logisch und zeigt auf diese Weise, dass zwischen beiden Geboten kein Widerspruch besteht.' Dies kam der nicht nur der (depressiven) Physikstudentin in Carlos entgegen, sondern passte auch zu den spezifischen Möglichkeiten und Begrenzungen des musikalischen Mediums. Akkorde zum Beispiel konnte der Moog-Synthesizer kaum hervorbringen. Aus ihm kam lediglich eine Note nach der anderen. ... Und wie das Cembalo war das Keyboard auch nicht kontaktempfindlich, was es erschwerte, die hierarchischen Beziehungen zwischen Melodiestimmen auf eine Weise hervorzubringen, wie es einem Pianisten instinktiv gelingt. In dieser Hinsicht, war der Moog die perfekte Maschine, um tatsächliche Kontrapunkte herzustellen, etwas, womit wir Bach fast schon synonymhaft verbinden." Für Glenn Gould "repräsentierte 'Switched on Bach' jene Form unmenschlicher Perfektion, auf die er zwar abzielte, die er aber auch für unerreichbar hielt. Er hatte Carlos zu Gast in einer Sendung für das kanadische Radio, in der er das Album als 'eine der aufregendsten Leistungen der Musikindustrie in dieser Generation' und 'als eines der großen Meisterstücke in der Geschichte des Klavierspiels' bezeichnete." Das Album selbst ist auf Youtube leider nicht zu finden, auch in den Streamingdiensten schlägt es nicht auf - offenbar eine Rückzugsgeste der Komponistin. Dafür gibt es ein BBC-Interview aus den späten 80ern, das die Komponistin in ihrem beeindruckenden Studio zeigt:



Im Mai übernahmen Aktivisten in Chicago ein pleite gegangenes vierstöckiges Sheraton Hotel und quartierten dort Obdachlose ein. Ihre Vorstellungen waren heroisch - naiv, aber heroisch, meint Wes Enzinna, der selbst dort mithalf: Autonomie, Teilen, Sex und Drogen sollten erlaubt sein, keine Polizei. Das Experiment lief nach kürzester Zeit aus dem Ruder, aber dennoch: War es schlechter als die Zustände, in denen die Obdachlosen zuvor gelebt hatten? Kurz vor dem Ende des Experiments brach gegen 3 Uhr morgens auf dem Parkplatz vor dem Hotel, eine Schlägerei aus: "Steve, der gerade draußen war und die Menge kontrollierte, kam mit erhobenen Händen rein und sagte: 'Darauf lasse ich mich nicht ein.' Die anderen Freiwilligen taten dasselbe. Am Ende verpuffte der Kampf, aber ich fragte mich, was Steve oder irgendjemand anders getan hätte, wenn die Gewalt noch weiter eskaliert wäre, da klar war, dass die Freiwilligen weder die Fähigkeit noch die Willenskraft zum Eingreifen hatten. Bedeutete keine Polizei wirklich, Menschen gegeneinander kämpfen zu lassen? Waren die AktivistInnen einfach so überwältigt, dass sie aufgaben? Oder mussten sie ihrem Experiment irgendwo eine Grenze setzen, wobei sie entschieden, dass der Parkplatz außerhalb der Reichweite ihrer Ideale lag? Die Antwort war wahrscheinlich etwas von allen dreien. Ich hatte dafür Verständnis. Ich war auch nicht herbeigeeilt, um einzugreifen. Ich hätte es auch nicht gewollt. Ich wusste auch, dass die Polizei die Situation nicht besser gemacht hätte. Sie wäre eher schlechter geworden, insbesondere für zwei Afroamerikaner. Also, nein, es war nicht so, dass der Kampf gezeigt hätte, dass wir die Polizei brauchten, oder dass die Abolitionisten naive Idealisten waren - sie wollten nicht tausend Sheratons, sie wollten eine Welt, in der keine Sheratons notwendig waren - aber es zeigte doch, dass die Abolitionisten nicht wussten was sie tun sollten, wenn die Handlungen einiger das Wohlergehen anderer bedrohten."

Magazinrundschau vom 28.07.2020 - Harper's Magazine

Annie Hylton erzählt die Geschichte des ersten Prozesses, der gegen syrische Verbrechen gegen die Menschlichkeit geführt wird- bekanntlich in Deutschland: Der Fall hat auch in der hiesigen Presse großes Interesse ausgelöst. Anwar Raslan war ein Oberst unter Baschar al-Assad, aber dann war er zur Opposition übergelaufen und geflohen und suchte Schutz in Deutschland. Zuvor hatte er jahrelang in verantwortlicher Position in einem Gefängnis gearbeitet, wo Hunderte Menschen gefoltert und ermordet worden sind. Interessant schildert Hylton die Lage unter syrischen Flüchtlingen in Deutschland, die voreinander Angst haben: "Europäische Regierungen wissen nicht, wie viele mutmaßliche syrische Kriegsverbrecher innerhalb ihrer Grenzen Zuflucht gesucht haben. Zu Beginn des Krieges, als es so aussah, als würde Assad schnell besiegt, sind viele Mitglieder des syrischen Regimes aus Angst übergelaufen. Später verließen einige das Land, weil sie ein schlechtes Gewissen bekamen, weil sie Gräueltaten erlebten oder an ihnen beteiligt waren. Andere nutzten einfach die Gelegenheit, mit ihren Familien in Europa eine Zukunft aufzubauen. Unabhängige Organisationen schätzen, dass Hunderte von ehemaligen Assad-Beamten - Mitglieder des Militär- und Sicherheitsapparates des Landes auf mittlerer bis hoher Ebene - in den Nahen Osten und nach ganz Europa geflohen sind."

Magazinrundschau vom 21.01.2020 - Harper's Magazine

In Brasilien erleben evangelikale Christen einen erheblichen Zulauf und das insbesondere aus dem Gang- und Drogendealer-Milieu, berichtet Alex Cuadros. Einerseits schwächt dies die kriminellen Strukturen und bietet vielen Kriminellen neuen Halt. Andererseits erlebt das Land durch den oft missionarischen Eifer derjenigen, die den Glauben neu für sich entdeckt haben, neue Gewaltexzesse: Einem Pastor etwa "geht es auch darum, junge Männer von afro-brasilianischen Glaubensrichtungen wie Candomblé und Umbanda zu 'befreien'. Deren Geister, sagte er, seien Manifestationen des Feindes. Mit seinen Denunziationen steht dieser Pastor keineswegs alleine da. Der Niedergang der afro-brasilianischen Glaubensrichtungen ist nicht nur das Ergebnis gewandelter Vorlieben. Einige Gangmitglieder sehnen sich danach, ihre Hingabe zu Gott zum Ausdruck zu bringen, sind aber so sehr an die Sprache der Gewalt gewohnt, dass sie dieses Gerede von einem Feind als Erklärung eines Heiligen Kriegs verstehen. In den letzten Jahren häuften sich die eskalierenden Angriffe sogenannter 'Narcopentecostais' auf afro-brasilianische Tempel. Auch Warnvideos wurden gepostet. Eines davon zeigt einen mit Jesus-T-Shirt bekleideten Mann, der heilige Halsketten zerreißt, während ein anderer einen Tempelpriester fragt: 'Weißt du etwa nicht, dass der Herr deinen Aberglaube hier nicht wünscht? ... Wenn ich dich hier noch einmal erwische oder du versuchst, diesen Scheiß hier wieder aufzubauen, dann bringe ich dich um.' Die Opfer solcher Angriffe fürchteten sich davor, mit mir zu sprechen, obwohl ich ihnen zusagte, ihre Namen nicht zu veröffentlichen."

Magazinrundschau vom 17.12.2019 - Harper's Magazine

Man muss schon ganz schön schlucken bei dieser Geschichte: Im Netz gibt es inzwischen auch einen Markt für Mord, erzählt Brian Merchant, der für seine Reportage mit potentiellen Opfern, Tätern und Plattformbetreibern gesprochen hat. "Eine Schwelle wurde überschritten. Jahrelang sorgten 'Dark Net Hit Man'-Geschichten für gute Clickbait und wenig mehr. Erfahrene Technikjournalisten haben diese Geschichten nachdrücklich als Mythen entlarvt, denn das ist seit Jahren alles, was sie waren: Mythen und Angstmacherei. Aber die Tatsache, dass die Hits nicht stattfanden, war nie wirklich eine Frage der Technologie; es war eine Frage des Vertrauens. Es stand nie ernsthaft in Frage, dass die Technologie hinter dem dunklen Netz die Anonymität wahren und es den Nutzern ermöglichen könnte, sich ungehindert durch seine Seiten zu bewegen: sie kann es absolut. Deshalb greift das FBI auf altmodische Methoden zurück, um als Drogenkäufer, Kinderpornografen und Auftragskiller undercover auf Kriminellenfang zu gehen. Als das Dark web reifte, konnten Drogen- und Waffenkäufer dokumentieren, dass, jawohl, dieses Pfund Marihuana tatsächlich an meine Adresse geliefert wurde; jawohl, ich erhielt diese Glock, wie angekündigt. Die Benutzer verifizierten und begannen, diesen Märkten zu vertrauen. 'Im frühen Dark web war es beispielsweise unmöglich, das Horn eines echten Nashorns zu kaufen', erklärt Monteiro. 'Es waren alles Scherzartikel. Jetzt sind sie das nicht mehr.' Die Veränderung ist wichtig, aber wie sehr, kann man noch nicht sagen. Ein Mord wurde online beauftragt, und die Kryptowährung wechselte den Besitzer, völlig anonym. Die Mörder wurden erwischt, nicht weil sie ein Motiv hatten, sondern weil Überwachungskameras ihre Gesichter erfasst hatten."

Magazinrundschau vom 14.05.2019 - Harper's Magazine

In einem Essay des Magazins stellt die Autorin Marilynne Robinson die alte, weiterhin aktuelle Frage, ob wir mit Armut leben müssen: "Die Automatisierung bedroht heute schon die Beschäftigung und dieser Trend wird sich beschleunigen. Wenn die Arbeitszeit und die Arbeitskraft immer billiger werden oder es keine Lohnempfänger mehr gibt, wer sollen dann die Abnehmer für die Produkte dieser Branchen sein? Was wird die Wirtschaft bestimmen, wenn der Massenkonsum nachlässt? Werden wir weniger in Schulen und mehr in Kryotechnik investieren? Werden wir philanthropisch oder sozialistisch von einer Regierungsklasse subventioniert werden, die sich darüber beschwert, was es für ein Land an Mühe bedeutet, es mit einer Bevölkerung zu tun zu haben? Jüngst durften wir lernen, dass Leute ohne eine andere Qualifikation als die, ungeheure Geldmengen aufgehäuft zu haben, oft mit fragwürdigen Mitteln, sich als die naturgemäß herrschende Klasse betrachten. Wir haben auch gelernt, dass es sich dabei um engstirnige, eigennützige Menschen ohne Kultur und Fantasie handelt, die dergleichen auch nicht schätzen, Menschen, die im Kampf von achthunderttausend beurlaubten Bundesangestellten bloß ein halbes Prozent des BIP erkennen. Wenn Eigentum, wie es bis jetzt gedacht wurde, den alleinigen Anspruch auf die von diesem Land im Lauf der Zeit erzeugte Wirtschaftskraft begründet, sollten wir Donald Trump dafür danken, dass er uns einen nachhaltigen Eindruck davon verschafft hat, was das bedeutet. Es ist bestimmt nicht das Amerika unserer Träume. Die kommende automatisierte Wirtschaft wird grundlegende Konsequenzen haben für jeden Aspekt unseres Lebens und wird uns vor harte Entscheidungen stellen, sofern wir uns daran erinnern, was ich sehr hoffe, dass wir als freie Menschen mit entscheiden können sollten, wie unser Land aussehen soll, für uns und für die Nachwelt. Macht und Geld, ob privat oder staatlich, kann zu einer desaströsen Beurteilung bedeutender Angelegenheiten führen. Umso mehr, je plutokratischer das System ist, je mehr der Eigennutz die Politik bestimmt. Wie jeder kluge Amerikaner weiß, bedeutet Öffentlichkeit Sicherheit. Wenn ihr die zentrale Rolle in der Gesellschaft streitig gemacht wird, riskieren wir, die Weisheit an die Dämonen der Macht, an Dummheit, List, Engstirnigkeit, zu verlieren. Wie immer sich unsere Welt verändern mag, wir müssen uns eine aufmerksame, entschiedene Öffentlichkeit bewahren. Es waren die Wähler, denen ihr Urteilsvermögen und seine  legitime Wirkung abgesprochen wurden, als unsere Wahl geraubt wurde."