Magazinrundschau - Archiv

Moskowskije Novosti

12 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 2

Magazinrundschau vom 15.12.2003 - Moskowskije Novosti

Als Reaktion auf die Weigerung des russischen Fernsehsenders NTW, den Dokumentarfilm "Alexander Solschenizyn - seine Freunde und Feinde" zu senden, hat Moskowskije Novosti beschlossen, einige der in dem Film interviewten Intellektuellen zu Wort kommen zu lassen. Viktor Jerofejew, Roy Medwedew, Wladimir Bukowski und andere Geistesgrößen diskutieren über "einen der unverständlichsten und zugleich interessantesten Zeitgenossen, ? den lebenden Beweis dafür, dass Antistalinist und Antikommunist zu sein noch lange nicht bedeutet, Demokrat zu sein." Solschenizyn hatte sich gegen die Ausstrahlung des Films ausgesprochen, da er laut MN "lieber allein vor der Kamera" steht und "keine anderen neben sich" haben möchte.

Magazinrundschau vom 08.12.2003 - Moskowskije Novosti

Die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja kritisiert unter der Überschrift "Christentum ohne Barmherzigkeit?" Alexander Solschenizyns Demontage seines verstorbenen früheren Mitarbeiters, Vertrauten und Weggefährten Vadim Borissov. In seinen Memoiren unterstellt Solschenizyn ihm "Unzuverlässigkeit und Machtmissbrauch", weil Borissov sich seinerzeit gezwungen sah, Solschenizyns Bücher ohne Rücksprache bei einem Verlag veröffentlichen zu lassen. Ulitzkaja hält jede Art von "Solschenizyn-Kult" für übertrieben, auch wenn der Regimegegner Jahre der Verbannung in Arbeitslagern und in Sibirien überlebt hat: "Wem hat Solschenizyn mit Büchern wie 'Archipel Gulag' ? denn die Augen geöffnet? Bestimmt nicht denen, die im Gulag saßen (die eine Hälfte der Bevölkerung) und auch nicht denen, die die Gulags verteidigt haben (die andere Hälfte der Bevölkerung). ? Nur der Westen hat ihm Gehör geschenkt. Und zwar nicht, weil er der erste war, der aus dem Lager berichtete. Sondern weil er ein Held war, der siegreich aus der Schlacht zurückgekehrt war." Auch wenn Solschenizyn in den letzten Jahren in erster Linie durch Realitätsverlust, Antisemitismus und Verleumdungen auf sich aufmerksam gemacht hat, erinnert Ulitzkaja an seine einstmals guten Absichten: "Jahrzehntelang dachte ich, die Russen hätten seine Botschaft verstanden, aber das bezweifle ich heute. Wenn sie wirklich auf ihn gehört hätten, hätten sie nicht dreißig Jahre später mit überwältigender Mehrheit einen Ex-KGB-Oberstleutnant zum Präsidenten gewählt."