Magazinrundschau - Archiv

Slate

21 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 3

Magazinrundschau vom 27.03.2012 - Slate

Noam Chomsky winkt im Interview mit Graham Lawton vom New Scientist ab: Auch die Pirahas haben eine Universalgrammatik. Das liege einfach in ihrer menschlichen Natur. Etwas Spielraum gibt es natürlich immer: "Die menschliche Natur ist nicht vollkommen festgelegt, aber evolutionäre Prozesse vollziehen sich nach vernünftigen Maßstäben schlicht zu langsam, um sie zu beeinflussen. Was beispielsweise Sprache angeht, haben wir sehr gute Belege dafür, dass es in den letzten 50.000 Jahren keine Evolution gegeben hat. Das spiegelt wider, dass unsere grundlegenden Kapazitäten sich nicht weiterentwickelt haben. Es wird also auch innerhalb eines realistischen Zeitraumes keine Veränderung der menschlichen Natur geben. Aber diese menschliche Natur beinhaltet zahlreiche Optionen und die Wahl zwischen ihnen kann sich ändern, das hat sie auch. Es gab beeindruckende Veränderungen, was wir zu tolerieren bereit sind, sogar in unserer eigenen Lebensspanne. Nehmen Sie etwas wie die Frauenrechte: Vor gar nicht so langer Zeit wurden Frauen im Grunde als Eigentum betrachtet. Das ist ein Zeichen für die Erweiterung unseres Moralverständnisses. Sicher, die menschliche Natur bleibt die gleiche, aber vieles kann sich ändern."

Magazinrundschau vom 29.11.2011 - Slate

Sam Kean hat mit großem Vergnügen Richard Rhodes' Buch "Hedy's Folly" gelesen, das eine der schönsten - und schlechtesten - Schauspielerinnen Hollywoods als Erfinderin würdigt. Hedy Lamarr erfand zusammen mit dem Komponisten George Antheil das Frequenzsprungverfahren. Das Ziel war, Torpedos per Funkfernsteuerung zu lenken. "Am Ende war Lamarrs und Antheils System zu kompliziert für die plumpen Torpedos, die die USA während des Krieges benutzten. Lamarr beförderte die Niederlage der Deutschen weit effektiver, als sie für 25 Millionen Dollar Kriegsanleihen verkaufte." Das Frequenzsprungverfahren war lange vergessen, doch heute wird es für GPS, Wi-Fi, Mobiltelefone und Bluetooth benutzt.

Magazinrundschau vom 01.03.2011 - Slate

Sonntag abend wurde David Seidler mit dem Oscar für das beste Drehbuch - "The King's Speech" - ausgezeichnet. Hat er nicht verdient, meinte Christopher Hitchens schon vor der Oscar-Verleihung. Viel zu schönfärberisch seien die britische Monarchie und Churchill gezeichnet. Nachdem Seidler sich in in der "Puffington Host, or whatever the hell it's called" (Hitchens) über die Kritik beschwert hatte, legt Hitchens jetzt noch einmal nach: Seidler verschweige, dass Churchill bis zuletzt den nazifreundlichen Edward VIII. unterstützt hatte. Und Georg VI. war ein dezidierter Freund der Appeasement-Politik Chamberlains. Nachdem er in München die Tschechoslowakei an Hitler ausgeliefert hatte, wurde er bei seiner Rückkehr nach England noch am Flughafen "von einem königlichen Gesandten abgeholt, direkt in den Buckingham Palast gebracht und auf dem Balkon ausgestellt - mit dem königlichen Segen für ein Abkommen, das noch nicht vom Parlament gebilligt worden war."

Ein betörter Simon Schama hat sich mit Helen Mirren über ihre Rolle als Prospero in Julia Teymors Verfilmung von Shakespeares "Sturm" und über ihre Arbeit mit Peter Brook unterhalten. Über letzteres sagt sie: "'Als esoterische Schauspielerin habe ich versagt. Ich war nicht von dieser Art. Letztlich gehöre ich zu keiner Gruppe - nicht zur Stanislawski-Gruppe, der Grotowski-Gruppe, der Brook-Gruppe. Ich habe kein Talent für Zurückhaltung. Brook dachte, Startum sei gefährlich, narzisstisch, geschmacklos. Oh f*** it, sagte ich. Ich will meinen Namen da oben sehen.' Shakespeare, der Schauspieler, hat zweifellos genauso gedacht, sage ich. 'Ja, aber wissen Sie, ich glaube immer noch, dass Brook das große Genie des zeitgenössischen Theaters ist. Er ist allen so weit voraus. Er tut, was undenkbar war. ... Er glaubt wirklich an gewöhnliche Menschlichkeit."
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Magazinrundschau vom 18.01.2011 - Slate

Der britischen Filmindustrie geht's nicht gut, berichtet Esther Bintliff, obwohl sie eine lange und geachtete Filmtradition hat. Der Grund: Es ist nie gelungen, eine sich selbst finanzierende heimische Filmproduktion aufzubauen. Klingt vertraut für deutsche Ohren, nicht? Kann Frankreich ein Vorbild sein, dass seine heimischen Filme als Kultur hochhält und fördert? "Wenn das Ziel einfach finanzielle Unabhängigkeit ist, werden einige sagen, dann sollte die Regierung lieber aufhören, Filmproduktionen zu fördern und statt dessen versuchen, das voranzutreiben, was Großbritannien jetzt schon ziemlich erfolgreich tut: Als Service-Industrie für internationale Filmemacher bereitzustehen. Beispielhaft dafür sind Studios wie Pinewood und der starke Postproduktions-Sektor in Londons Bezirk Soho. Aber der [britische Filmproduzent] Kris Thykier meint, staatliche Unterstützung sei lebenswichtig, damit die Briten ihre Fähigkeiten erhalten. 'Wenn wir neue britische Talente heranziehen sollen, dann ist es unwahrscheinlich, dass wir dies organisch und ohne staatliche Unterstützung tun können.'"

Außerdem: Simon Doonan ruft ein hipp-hipp-hurra auf "gals currently sporting sequins, satins, and lame during the day" im allgemeinen und Alber Elbaz im besonderen.

Magazinrundschau vom 26.10.2010 - Slate

In Frankreich und in Großbritannien stehen schmerzhafte Reformen an. Die Briten reagieren, wie man es von Briten erwartet: mit stiff upper lip. Die Franzosen reagieren ganz nach Art der Franzosen: mit Revolutionsfestspielen. Wie kommt es, dass sich diese beiden Nationen verhalten wie Karikaturen ihrer selbst, fragt Anne Applebaum in Slate. Die Antwort liegt in der historischen Erfahrung der beiden Völker, meint sie: "Briten haben positive Erinnerungen an die Austerität in der Kriegszeit. Margaret Thatchers Budgetkürzungen leiteten echte Reformen und eine Periode des Wachstums ein. Die französische Neigung zu Streiks basiert ebenfalls auf echter Erfahrung. Streiks und Demonstrationen führten nicht nur 1789, sondern auch 1871, 1958 und in vielen anderen Momenten zu politischem Wandel. Die berühmten Streiks von 1968 leiteten in Frankreich echte Reformen und eine Periode des Wachstums und Wohlstands ein."
Stichwörter: Applebaum, Anne

Magazinrundschau vom 10.08.2010 - Slate

Christopher Hitchens ist kein Freund der nahe Ground Zero geplanten, 'Cordobahaus' genannten Moschee. Die Initiatoren findet er sogar höchst unangenehm. Aber wie die Gegner gegen die Moschee vorgehen, hält er für ein Paradebeispiel von Intoleranz und Unvernunft: "Es scheint direkt aus dem Handbuch muslimischer Erpressung zu entstammen. Erkläre, dass etwas 'verletzend' sei, und die Behauptung selbst wird fast schon automatisch ein Argument. Man darf dabei sogar zugeben, wie es der Chef der Anti-Defamation-League Abraham Foxman tut, dass die Gründe für die verletzten Gefühle 'irrational und bigott' sind. Aber hey, warum nachdenken, wenn man einfach fühlen kann? Die behaupteten 'Gefühle' der 9/11-Angehörigen haben uns bereits der Möglichkeit beraubt, die Live-Aufnahmen der Angriffe zu sehen - ein immenses Zugeständnis, das eine allgemeine Trübung dessen zur Folge hat, was eine nüchterne und beständige Erinnerung der genuinen Wut sein sollte."

Magazinrundschau vom 27.07.2010 - Slate

Etwas großspurig kündigt Ron Rosenbaum in Slate eine neue große Kontroverse um Nabokov an. Anlass ist ihm eine Ausgabe des großen Gedichts "Pale Fire", das vom postmodernenen Kommentarapparat, der das Gedicht im Roman gleichen Namens umgibt, befreit ist. Rosenbaums Frage hinter dem Artikel und der prächtigen Ausgabe: Wie ernst oder ironisch ist Nabokovs Gedicht eigentlich gemeint? "Vielleicht sah Nabokov 'Pale Fire' und Pale Fire zugleich als trenn- und untrennbar. Vielleicht schrieb er das Gedicht zuerst, in der Absicht, dass es um seiner selbst willen gelesen wird, und hatte dann erst die Idee, einen Roman drum herum zu bauen, um damit eine seine großartigsten Romanfiguren, Kinbote, zu schaffen..." Hier der einzige Hinweis auf die Ausgabe der Gingko Press, die auf der Website des Verlags leider nicht angezeigt wird: eine Zeichnung der Buchgestalterin Joan Holabird.

Magazinrundschau vom 18.05.2010 - Slate

Michael Young, Meinungsredakteur des Daily Star in Beirut, wünschte sich, Paul Bermans Buch über Tarik Ramadan "The Flight of the Intellectuals" würde auch von arabischen Intellektuellen gelesen, denn Ramadans Heuchelei sei auch unter diesen sehr verbreitet: "Indem Berman von Ramadan Klarstellung verlangt, fordert er im Grunde von allen Arabern und Muslimen, besonders aber von denen, die vorgeben liberal zu sein, zu klären, wo sie in den wichtigen Fragen des Nahen Osten und des Islams stehen. Es reicht nicht, sich hinter Israels Brutalität zu verstecken und den amerikanischen Imperialismus zu geißeln. Man kann nicht mit gespaltener Zunge sprechen, wenn es um Gewalt, Antisemitismus oder Brutalität gegen Frauen geht, und trotzdem von sich behaupten, humanistische Werte zu vertreten. Paul Berman wurde bisher kein Platz am Tisch so genannter Nahost-Spezialisten angeboten. Für sie liegt sein Fehler darin, Worten in einer Region glauben zu schenken, in der es heißt, die Wahrheit liege in den Nuancen. Sein Fehler ist der eines Liberalen; allein Klarheit kann zu einem wirklichen Dialog führen."

Magazinrundschau vom 30.03.2010 - Slate

Auch in anderen Ländern geht die Debatte um Islamkritik beziehungsweise "Fundamentalismus der Aufklärung" weiter, die im Jahr 2007 durch einen Artikel Pascal Bruckners in Perlentaucher und signandsight.com lanciert wurde. Paul Berman hatte sie bereits 2007 in einem langen Porträt über Tariq Ramadan aufgegriffen und hat diesen Text nun zu einem Buch ausgebaut, das demnächst erscheint: "The Flight of the Intellectuals". Ron Rosenbaum greift Bermans Frage auf, warum die Intellektuellen 1989 Salman Rushdie noch weithin verteidigten, während sie Ayaan Hirsi Ali die gleiche Solidarität versagten: "Berman mag es abstreiten, aber ich glaube, der Subtext seiner Kritik an Alis Kritikern ist, dass der Protest gegen islamistische Todesdrohungen zwanzig Jahre nach der Rushdie-Affäre wesentlich mehr physischen Mut fordert als die Intellektuellen bereit sind aufzubringen. Sie greifen eher zu kleinlicher Kritik, die ihnen als Feigenblatt dient, um der Gefahr auszuweichen."

Magazinrundschau vom 05.01.2010 - Slate

Jack Shafer führt ein langes, faszinierendes Interview mit John Maxwell Hamilton über dessen Buch "Journalism's Roving Eye", eine Geschichte der amerikanischen Auslandsberichterstattung. Hamilton stellt einige der interessantesten Auslandskorrespondenten vor (Links im Interview führen zu Leseproben): Benjamin Franklin, der - nicht unähnlich einem Blogger - Auslandsberichte aus Briefen und europäischen Zeitungen zusammenschrieb, James Gordon Bennett, Richard Harding Davis, Nellie Bly, Victor Fremont Lawson, Jack Belden oder Vincent Sheean. Am Ende gibt er der vom Internet gebeutelten Zunft einen ermutigenden Stups: "Wir sollten nicht überrascht sein, dass Berichterstattung aus dem Ausland - tatsächlich alle Berichterstattung - eine so traumatische Periode erlebt. Seriös organisierter Journalismus ist keine sehr alte Profession. Betrachtet man ihn im breiten Zeitrahmen der Geschichte, ist er ein Kleinkind. ... Wie die Demokratie ist Journalismus keine Errungenschaft. Es ist work in progress und nicht jeder Tag ist so gut wie der letzte."