19,95 €
inkl. MwSt.
Versandkostenfrei*
Sofort lieferbar
payback
0 °P sammeln
  • Gebundenes Buch

"... und der Strand ist meine große Geliebte" - diese Liebeserklärung des Malers Otto Niemeyer-Holstein an die Insel Usedom wird jeder nachvollziehen können, der das Glück hat, länger als nur einen Sommerurlaub zwischen Meer und Achterwasser zu verbringen. Die überwältigende Landschaft, das Licht und immer wieder das Meer in seiner nicht zu fassenden Weite ziehen jährlich Hunderttausende an. Von Wolgast führt der Weg über die blaue Brücke hoch zur Peenemündung und von da aus über die ganze Insel, in die Seebäder und die stillen Orte im Hinterland, die sich so gar nicht um das sommerliche…mehr

Produktbeschreibung
"... und der Strand ist meine große Geliebte" - diese Liebeserklärung des Malers Otto Niemeyer-Holstein an die Insel Usedom wird jeder nachvollziehen können, der das Glück hat, länger als nur einen Sommerurlaub zwischen Meer und Achterwasser zu verbringen. Die überwältigende Landschaft, das Licht und immer wieder das Meer in seiner nicht zu fassenden Weite ziehen jährlich Hunderttausende an. Von Wolgast führt der Weg über die blaue Brücke hoch zur Peenemündung und von da aus über die ganze Insel, in die Seebäder und die stillen Orte im Hinterland, die sich so gar nicht um das sommerliche Getümmel zu scheren scheinen. Die Bilder des Usedomer Fotografen Matthias Gründling fangen den Zauber dieser Landschaft zu jeder Jahreszeit auf ganz besondere Weise ein und führen den Betrachter auch an Orte, die bisher im Verborgenen blieben.
Autorenporträt
Matthias Gründling, geboren 1961 in Greifswald, aufgewachsen in Zinnowitz, ist promovierter Narkosearzt und lebt auf der Insel Usedom. Seine Bilder sind auch in der "Galerie Usedomfotos" in Zinnowitz zu sehen.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 16.07.2020

Zwischen Fachwerk und Futurismus
Seit mehr als hundert Jahren ist Usedom die "Badewanne Berlins": Ein neues Fotobuch blättert noch andere Seiten auf

Über Usedom als nordöstlichster Insel Deutschlands mit fließendem Übergang zu Polen zu schreiben, gleicht einem Verrat. Wie so oft bei besonderen Reisezielen zerstört jedes Wort über das Geheimnis die Stille darum, wenn nicht sogar durch Touristenmassen das Ziel selbst. Von der Wilhelminischen Ära bis 1945, als die Eisenbahnhubbrücke Karnin zum Festland von der Wehrmacht gesprengt wurde, war Usedom mit seinen drei Kaiserbädern Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin die Badewanne Berlins. Nun droht die Insel es jetzt wieder zu werden. Obwohl die Anreise mit dem Zug seit der Sprengung erheblich länger dauert, werden sich in Corona-Zeiten wohl Massen auf Usedom ergießen. Vor allem die Strände um die Seebrücke Ahlbeck, die älteste ihrer Art in Deutschland, die Loriot einst bei "Pappa ante portas" noch nahezu allein für seinen Film hatte, wird einem Menschenteppich gleichen.

Nun ist auch noch ein Buch zur Halbgeheimtippsinsel erschienen ("Usedom - Die Entdeckung der Insel". Fotografien von Matthias Gründling. Text von Jochen Stamm. Edition Braus, Berlin 2020. 19,95 Euro), das weitere Noch-nicht-Usedomisten affizieren könnte. Vielleicht aber dokumentiert es auch ohnehin nur einen Zustand, der so kaum mehr existiert.

Der Band kommt nahezu ohne Worte aus - die wenigen gemachten stammen vom Berliner Verlagsleiter selbst, ebenfalls einem langjährigen Inselgänger. Das schlanke Querformat lebt ganz von den Bildern, die mal erwartbar, mal vollkommen überraschend ausfallen. Selbst langjährige Verehrer der Insel staunen etwa über die bei Peenemünde wie eine Geisterbahn des Kalten Kriegs auf Besucher wartende sowjetische U-461, das größte jemals gebaute Unterwasser-Raketenboot, oder über die Reste der "Vergeltungswaffe 2" eines Wernher von Braun in der dortigen "Heeresversuchsanstalt", unter schrecklichem Blutzoll von Zwangsarbeitern gebaut und gegen London gerichtet.

Wiederholt stellt der Fotograf Matthias Gründling damit brutale Gegensätze wie die Bilder "Frühling im Naturschutzgebiet Südspitze Gnitz" und "Erdölförderung bei Neuendorf" übereinander. Doch lässt der malerisch bei Gegenlicht im Sonnenuntergang fotografierte, schwarzeiserne Förderturm eher neugierig werden, schreckt jedenfalls nicht als Umweltsünde im vermeintlichen Paradies ab. Andererseits werden die zwei abgestorbenen Bäume des Naturschutzgebiets Gnitz über dem Ölbohrturm eben auch nicht durch einen einfachen Wechsel der Perspektive ausgeblendet, sondern fallen sofort ins Auge. Vielleicht muss man wie Gründling Intensivmediziner sein, um mit einem scharf sezierenden Blick wie weiland Gottfried Benn in seiner Beschreibungskunst im Hässlichen immer auch Schönes und umgekehrt zu sehen. Vermutlich hilft gegen allfällige Verklärung auch die Herkunft des Fotografen von der Insel.

Ein Porträt zweier Fischer auf ihrem Boot mit dem mehr als skeptischen Blick des Vorderen im Ölzeug aufs zunehmend unergiebiger werdende Meer hinaus wirkt mit seinen fahlkühlen Tönen tatsächlich "alles andere als romantisch", wie die Bildunterschrift besagt. Dafür erzählt der präzis gesehene Moment viel durch Details wie einer liebevoll geschnitzten, neobarocken Gallionsfigur im Rücken des vorderen Fischers, einer ausgestopften Möwe als Talisman zwischen den beiden Schiffsscheinwerfern und der auf Hosenträger und Ölzeug aufgenähten Marke "Ocean", die zumindest noch die Verheißung auf "Große Freiheit Nummer 7" verkörpert. In derselben Bildtradition bewegt sich der Schrägblick über einfache "Fischerbuden an der Ahlbecker Strandpromenade" auf die mondän spätklassizistischen Hotels dahinter.

Der eigentliche Reiz Usedoms ist somit seine Widersprüchlichkeit: reetgedeckte Fachwerkkaten, daneben futuristisch anmutende Konstruktionen wie die blaue Hebebrücke von Wolgast; Bodenständigkeit gegen "Weltraumraketen" des Todes; frühe Missionierung im elften Jahrhundert durch Otto von Bamberg, dennoch trotz zahlreicher malerischer Feldsteinkirchen und Klosterruinen zum Niederknien eine heute durchgängig atheistische Landschaft, in der die übertrieben hohen Kirchtürme eher wieder ihre ursprüngliche Funktion als Leuchttürme und Ortsmarke einzunehmen scheinen. Das kaum mehr ertönende Geläut ist sinnigerweise in Glockenstühlen neben den Kirchen ausgelagert. Und für Kulturinteressierte wenige Kilometer vom Badestrand entfernt am Achterwasser in Lüttenort, das Wohnhaus des impressionistischen Malers Otto Niemeyer-Holstein, dessen Atelier tatsächlich - wie der Topos es will - so aussieht, "als habe er es gerade verlassen". Den Kern seines Wohnhauses daneben aber bildet ein ausrangierter Wagen der Berliner S-Bahn, als habe der Maler die alternative Lebensweise Peter Lustigs aus "Löwenzahn" lange vorweggenommen. Für Freunde der Hochkunst gibt es auf Usedom aber auch einen soliden, außergewöhnlich prächtig gemeißelten steinernen Kamin der Spätrenaissance mit bemaltem Götterstreitwagenrelief im Wasserschloss Mellenthin, datiert auf das Jahr 1613 - vor dem man dann, darin wieder ganz in der Jetztzeit, selbst gerösteten Kaffee und die besten Waffeln der Insel genießen kann.

STEFAN TRINKS

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensent Stefan Trinks ist ganz Genuss und blättert freudig in diesem Fotoband. Die dort eingefangenen Gegensätze haben es ihm angetan, der schräge Blick, die verrutschte Perspektive des in Usedom geborenen Fotografen. Schönheit bleibt nicht aus auf einer Insel - aber es gibt auch das andere, in Peenemünde nämlich, Raketen- und U-Boot-Reste, und ein Fischer, der liebevoll aber nicht kitschig ins Bild gesetzt ist, erklärt der Kritiker, höchstens besorgt, dass nun auch noch die letzten Touristen ihren Weg auf die Insel finden, die wieder zur "Badewanne Berlins" geworden sei.

© Perlentaucher Medien GmbH