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Mit 24 ging Momoko in die große Stadt, nach Tokyo, um die Zwänge der Provinz hinter sich zu lassen, um frei zu sein. Sie war sich für keine Arbeit zu schade, schuftete, passte sich an, gab sich, wie man es von ihr erwartete: folgsam, freundlich, auf Harmonie bedacht. Und schlug so unversehens den Weg ein, den die Gesellschaft ihr vorgab: Mann, Kinder, ein schönes Zuhause. Jetzt, mit 74, ihr Mann ist tot, die Kinder sind erwachsen und aus dem Haus, denkt Momoko nach. Über die Träume, die sie einst hatte. Über die Liebe. Über das Altern. Über Einsamkeit. Und nach fünfzig Jahren Leben mit der…mehr

Produktbeschreibung
Mit 24 ging Momoko in die große Stadt, nach Tokyo, um die Zwänge der Provinz hinter sich zu lassen, um frei zu sein. Sie war sich für keine Arbeit zu schade, schuftete, passte sich an, gab sich, wie man es von ihr erwartete: folgsam, freundlich, auf Harmonie bedacht. Und schlug so unversehens den Weg ein, den die Gesellschaft ihr vorgab: Mann, Kinder, ein schönes Zuhause. Jetzt, mit 74, ihr Mann ist tot, die Kinder sind erwachsen und aus dem Haus, denkt Momoko nach. Über die Träume, die sie einst hatte. Über die Liebe. Über das Altern. Über Einsamkeit. Und nach fünfzig Jahren Leben mit der Hochsprache kommt mit Macht wieder, was die junge Momoko in Tokyo immer für ein Stigma hielt: ihr Dialekt. Ihre Heimat.'Jeder geht für sich allein' ist ein weises Buch. Berührend und urkomisch zugleich. Ein Buch darüber, was es heißt, Mensch zu sein. 2017, mit 63 Jahren, wurde die Autorin für dieses Buch, ihren Erstling, als älteste Preisträgerin je mit dem renommiertesten Literaturpreis Japansausgezeichnet, dem Akutagawa-Preis.Deutsche Erstausgabe.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 25.02.2021

Wer sind nur diese von mir umhüllten Leute?
Meisterhaftes Debüt einer reifen Autorin: Chisako Wakatakes Roman "Jeder geht für sich allein"

Es gibt ein richtiges Leben im falschen. Oder wie war das noch? Man stelle sich vor: Eine Autorin veröffentlicht mit 63 Jahren ihr erstes Buch. Und das schlägt ein, es verkauft sich mehr als eine halbe Million Mal, wird verfilmt, in mehrere Sprachen übersetzt und erringt gleich zwei wichtige Debütantenpreise, darunter den in Japan medienwirksamen Akutagawa-Preis. Chisako Wakatake hatte ihren 2017 erschienenen Roman "Jeder geht für sich allein" schon während ihrer Schulzeit zu schreiben begonnen, doch den Abschluss dann jahrzehntelang hintangestellt, weil sie voll ausgefüllt war mit der weiblichen Standardkarriere: kurzfristig als Lehrerin, dann als Ehefrau und Mutter. Erst nach dem plötzlichen Tod ihres Ehemanns nahm sie mit fünfundfünfzig das Schreiben wieder auf. Und nahm sich die Zeit, die es brauchte, um ihr Buch reifen zu lassen.

Bücher über das Altern, Rückschauen oder Trauerjournale gibt es zur Genüge, von prominenten wie von unbekannteren Literaten. Was kann dieser Roman nun Neues leisten? Bei der Lektüre kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Schon das Cover ist reinstes Understatement. Soll das so sein? Ja, es muss. Beim aufmerksamen Lesen entdeckt man die Hinweise. Dann ist da die Hauptfigur namens Momoko, oder genauer, die vielen Personen, die Momoko sind. Die in zwei Ich-Formen und der dritten Person sprechen. Und all die anderen, denen sie begegnet ist und die aus Momoko heraus zu Wort kommen. Am Anfang des Romans erleben wir sie Tee schlürfend in ihrem Zimmer sitzend und aufmerksam lauschend: den unaufhörlich in ihrem Hirn mit ihr sprechenden Stimmen und noch anderen Geräuschen, dem Rascheln von Mäusen. Wir lernen sie als wache und überaus nüchterne Beobachterin ihrer selbst und der Umgebung kennen, die sich fragt, ob das Kopftheater nicht vielleicht Anzeichen von Altersdemenz sein könnte.

Dann ist da der Dialekt. Der springende Punkt ist nämlich, dass viele der Stimmen, die ihres Mannes, ihrer Großmutter und ihres jüngeren Selbst, den heimatlichen Tohoku-Dialekt der Ich-Erzählerin sprechen. Und folglich auch ihre Antworten zwischen den Sprachen hin- und herspringen. Doch wie kann man diese Zweisprachigkeit auf Deutsch wiedergeben? In einer kurzen Vorbemerkung erläutert der Übersetzer, weshalb er seine Vorbehalte gegenüber dialektalem Übersetzen über Bord warf, denn nur auf diese Weise ließen sich der Witz und die Bitterkeit des Textes ins Deutsche retten. Und dass er sich dabei für das Thüringisch-Vogtländische entschieden - es sei ebenso weit wie der nordostjapanische Dialekt von der Standardsprache entfernt, ebenso verständlich-unverständlich und ebenso belächelt - und die Hilfe eines Leipziger Philologen in Anspruch genommen habe. Das liest sich dann so: "Fünfzig Jahre lang, seit sie mit vierundzwanzig von zu Hause fort ist, hat sie im Alltag nur die Hochsprache benutzt und in der Hochsprache gedacht. Trotzdem nimmt jetzt der Dialekt überhand. Vielmehr, sie denkt mit einemmal im Dialekt. Banales wie Abstraktes - Wos sell iech dsenn Oomdassn machng? Wer bie iech? - alles ist neuerdings im Dialekt, zu ihrer eigenen Verblüffung. Das heißt, genaugenommen spricht in mir jemand mit mir. Im Dialekt. Åbber nedd neer aaner redd ooder zweeje, naa, viele."

Zugegeben, die dialektalen Einsprengsel erweisen sich nicht selten als Lektürebremse. Am besten, man versucht sie laut zu lesen. Dann entwickelt der Text einen regelrechten Sog mit seinen überraschenden Bildern, den tiefgründigen, klugen Fragen, die er zu Themen wie Einsamkeit, Liebe und Tod stellt. Aber auch den komischen Momenten und verrückten Wendungen, so dass das Kopfkino eine beglückende Klangfülle und Farbigkeit entfaltet. Dazu bedurfte es, man ahnt es wohl, eines erfahrenen Übersetzers, der mit seiner Sprachbeherrschung und Findigkeit das funkelnde Potential der Erzählung voll auszuschöpfen vermag. Nachdem die Erzählerin begriffen hat, dass die Unterhaltung der vielen Leute in ihr selbst stattfindet, kommt sie sich wie eine Hülle vor. "Wer sind denn diese von mir umhüllten Leute? Wer seid orr? Freech ich uuwillkierlich. Wie seid orr in miech reikumme? Åch, iech wass. Orr seid wie de Zotten in Dinndårm. Ich hooo uudsehlche Zotten in Kobbf dichd å dichd."

Diese Zotten reden wild durcheinander, kommentieren kritisch und oft auch spöttisch das Geschehen, die Gedanken und Erinnerungen. Wenn Momoko wieder einmal im fahlen Abenddämmer allein ihren Tee trinkt und sich notfalls eine Maus als Gesprächspartner wünscht, schimpft eine Zotte: "Ådauernd heers de auf dse denkng unn kimmsd mied denn oogedroschne Dseich. Das schleichende Alter! Åch, iech bi su aasåmm! Was soll das? Ist das dein ganzes Selbst? Darüber hast du nachgedacht? ... Stell in Frage, was du für naturgegeben hältst, lass dich nicht einlullen von dem, was als normal gilt, flieh nicht ins Angenehme! Warum Dialekt? Damit du zu dir selbst kommst, darum! Darum sind wir da. Wir!"

Die Szenen aus Erinnerung und Gegenwart, dicht an dicht erzählt, loten alle denkbaren Gefühlslagen aus, von Kummer, Zorn und Verzweiflung bis zu Rührseligkeit, Ekstase und überschäumender Lebensfreude, eingebettet in den Zyklus der Jahreszeiten mit ihren japanischen Bräuchen, dem Bohnenwerfen am Frühlingsanfang, der Natur, etwa dem "merkwürdigen Knarzen des Bambus" im dunklen Wald und dem erhabenen Achterberg in der Heimat. Das ist sinnlich, klug und scheinbar beiläufig erzählt, mit Rhythmus und einem unverwechselbaren Ton, eine bewegende Lektüre. Auch wer gar nicht wusste, dass er Trost und Heiterkeit braucht, findet sie hier.

IRMELA HIJIYA-KIRSCHNEREIT

Chisako Wakatake: "Jeder geht für sich allein". Roman.

Aus dem Japanischen von Jürgen Stalph. Cass Verlag, Bad Berka 2021. 112 S., geb., 22,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur Dlf Kultur-Rezension

Rezensentin Katharina Borchardt gefällt der Debütroman von Chisako Wakatake mit dem Titel "Jeder geht für sich allein". Borchardt weiß, dass die Autorin bei dem Erscheinen des Buches 2017 bereits 63 Jahre alt war. Die Protagonistin Momoko, die in jüngeren Jahren für einen Umzug nach Tokio ihren langweiligen Verlobten verließ, dort einen netten Mann kennenlernte und mit ihm Kinder bekam, blickt im Alter von 74 Jahren auf ihr Leben zurück, so Borchardt. Vor allem die Intimität der Erzählweise hat es der Rezensentin angetan: die alltäglichen Beschreibungen seien zwar distanziert, doch die zwei verschiedenen Erzählweisen Momokos, mal in Hochsprache und mal im Dialekt ihrer Heimat, geben der Geschichte Persönlichkeit, findet Borchardt. Dass der Tōhoku-Dialekt von dem Philologen Heinrich Schneider ins Vogtländische übersetzt wurde, empfindet die Rezensentin als ungewöhnlich, doch mit dem Ergebnis ist sie mehr als zufrieden.

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