41. KAPITEL
HEUTE

Besuch bei Luci und meine Erinnerung an
alte Frauen.

LUCI IST INZWISCHEN DIE ÄLTESTE IM DORF.
Zu Beginn ihres Altenteils lebte sie noch mit ihrem Otto im Bungalow auf der Vorweide, gegenüber dem Hof, den sie lange bewirtschaftet hatten. Jetzt wohnt sie alleine dort. Auch Sohn und Schwiegertochter, die ihnen das Haus einst bauten, sind inzwischen auf dem Altenteil, der Hof an einen Enkel übertragen.

Otto hatte sich nach dem Krieg wie schon sein Vater im Gemeinderat engagiert, ist in Vorständen wie dem des Entwässerungsverbands, des Rinderzucht- und Schützenvereins und im Aufsichtsrat der Molkereigenossenschaft gewesen. Sein Hof war dann einer der ersten, die sich schon in den 1970er-Jahren auf Milchwirtschaft spezialisiert hatten, man hatte einen Boxenlaufstall und einen modernen Melkstand für die Kühe gebaut. In den 1980er-Jahren hat der älteste Sohn den Hof übernommen, wie Waldemar und Anna den unsrigen, und hatte den Eltern den Bungalow als Altenteilerhaus errichtet.

Luci geht inzwischen nur noch mühsam, daran sind das Alter schuld und eine schmerzhafte Hüfte. Außerhalb des Hauses nimmt sie den Rollator. Trotzdem ist die alte Luci nicht zu vergleichen mit den alten Frauen des Dorfs, wie ich sie früher kannte. Die alten Frauen waren damals nicht freundlich. Sie hatten kaum noch Zähne im Mund und sie gingen viel krummer als die heutigen alten Frauen, humpelten nur mithilfe eines Stocks bis zur Nachbarin oder schoben im Haus einen Stuhl vor sich her, auf den sie sich stützten. Man konnte ihr Gebrummel nur schlecht verstehen, das aus verkniffenen Mündern kam, und wich ihrem Blick lieber aus, den misstrauischen Augen, mit denen sie den Torfeimer wegschoben, der ihnen im Weg stand. Überhaupt stand ihnen alles im Weg, eine Kiste mit Küken, ein Kind, es störten sie jeder Ton und jeder Anblick.

So war es mit Oma Hass. Sie war die alte Frau auf dem Hof von Onkel Edu gewesen, und als Kind dachte ich, dass Oma Hass kleine Mädchen nicht mochte. Jedenfalls traf das auf meine Schwester und mich zu. Wenn wir bei Onkel Edu waren und ›weißes Wasser‹ holten – also ein klares Wasser, das nicht moorig braun war wie bei uns am Anfang –, saß sie meist in der Küche, schälte Kartoffeln oder putzte Gemüse. Wir waren froh, wenn sie uns gar nicht ansah oder ansprach. Wenn wir dort standen und versuchten, den großen Wasserhahn mit unseren kleinen Händen so zu bedienen, dass die großen, schweren Milchkannen, eine nach der anderen, möglichst schnell vollliefen und dass beim Wechsel von der vollen zur leeren Kanne möglichst kein einziger Spritzer auf dem Fußboden landete, konnten wir ihre missbilligenden Blicke im Rücken fühlen.

Zu unserem Glück war Tante Wine auch in der Küche, Onkel Edus Frau. Sie war freundlich, und ihr kleiner brauner Hund Molly beschnupperte uns aufgeregt. Dass Tante Wine die älteste von Oma Hass’ drei Töchtern aus zweiter Ehe war, wusste ich natürlich nicht. Und ich wusste nicht, dass Oma Hass Wilhelmine hieß und vom anderen Ende des Dorfs kam. 1909 hatte sie auf diesem Hof eingeheiratet und dann in ihrer sechsjährigen Ehe jedes Jahr ein Kind bekommen, bis ihr Mann 1915 im Ersten Weltkrieg in Russland umkam.

Zehn Jahre nach ihrer ersten Hochzeit schloss die junge Witwe ihre zweite Ehe, bekam mit dem neuen Mann drei Mädchen und pflegte ihre Schwiegereltern bis zu deren Tod. Sie war keine fünfzig Jahre alt, als ihr Mann sich 1936 erhängte und sie ein zweites Mal zur Witwe wurde. Sie war Mitte fünfzig, als die Telegramme ins Haus kamen und meldeten, dass ihre Söhne Johannes und Amandus in Russland umgekommen waren.

Nach dem Ende des Krieges lebte Wilhelmine, für uns Oma Hass, noch fast zwanzig Jahre als Altenteilerin auf dem Hof, den sie an Tochter Wine und deren Mann Edu übergab. Bald hat es im Haus wieder zwei kleine Jungen gegeben, ihre Enkel, über die sie sich ärgerte, weil sie ständig bei uns waren, bei dem neuen Nachbarn aus dem Osten. Denn der hatte gleich einen Trecker, und Wilhelmine beobachtete aus dem Stubenfenster, dass ihre Jungs schon wieder mit dem Trecker die nachbarliche Trift hochfuhren. Oder sie sah es auch manchmal nicht. Aber am Ende roch sie es, denn dann stanken die Enkel abends nach Diesel und sie schimpfte mit ihnen.

Dieses Schimpfen und diesen Missmut fürchteten wir als Kinder, und so waren für uns die meisten alten Frauen des Dorfs. Welches Leben und welche schrecklichen Verluste hinter ihnen lagen, davon ahnten wir nichts.

Luci war, als ich sie besuchte, älter, als Wilhelmine geworden war. Neubachenbruch hat sie erst durch ihren Otto kennengelernt, der damals noch nicht lange aus der russischen Gefangenschaft zurück war. Er hatte bis 1949 in Ufa, einer Stadt südlich des Ural, Holzhäuser gebaut. Der Hof, von dem sie selbst stammte, lag in Bederkesa, dem seit Jahrhunderten wichtigen Amts- und Marktflecken. Wo Bederkesa ist, wusste immer schon jeder.

»Hier«, sagt sie jetzt und meint unser Dorf, »hat es ja immer nur sehr kleine Höfe gegeben, die kaum zum Überleben reichten.« Damit fasst sie auf nüchterne Weise zusammen, was ich erst langsam verstanden habe.

Otto ist vierzehn Jahre älter gewesen als Luci und schon vor vielen Jahren gestorben. Nach seiner Rückkehr hatte er als Zweiter in der Erbfolge den Hof übernommen, da sein älterer Bruder in Russland umgekommen war. Sein dritter Bruder Willi hatte bis zu seiner Rückkehr auf dem Hof gewirtschaftet – und die Tochter einer Flüchtlingsfamilie aus Sachsen geheiratet.

»Es gab sehr viele Flüchtlinge hier«, sagt Luci, die Anfang der 1950er-Jahre kam. Tatsächlich verdoppelten sie die Einwohnerzahl des Dorfs. Alle Bauern mussten ein oder zwei Zimmer, die Abseiten der Dächer und die Kornböden frei machen, um sie unterzubringen. Seit 1943 waren Ausgebombte nach Neubachenbruch gekommen, ab 1944 hatte die Gemeinde die Schulwohnung vermietet, am Ende des Krieges kamen immer mehr Menschen aus dem Osten – allein im Schulgebäude lebten fünfzehn Personen. Neubachenbruch musste insgesamt achtzig Flüchtlinge aufnehmen.

Begeistert war anfangs sicher keiner. Aber wer bei der Arbeit kräftig zupackte und außer Kost und Logis nichts forderte, war gern gesehen. Außerdem meinten die Bauern damals: »Juche Deerns künnt högstens unsre Jungs heuraten, dat is över ok alens.« (Eure Mädchen können höchstens unsere Jungen heiraten. Das ist aber auch alles.) Am Ende haben tatsächlich nicht wenige der plattdeutschen Jungs ein Flüchtlingsmädchen geheiratet – Frauen, die heute die Großmütter der jungen Erwachsenen sind.

Luci kann sich gut an die damaligen Flüchtlinge erinnern, zum Beispiel an eine Rumäniendeutsche, die zu Hause noch mit getrocknetem Kuhmist geheizt hatte. Man hörte durch sie von anderen Welten, ließ sich gerne auch bestätigen, wie viel weiter man selbst doch entwickelt war als die aus Pommern oder Ostpreußen. Es waren meist unvollständige Familien, junge Frauen mit einem alten Elternteil oder nur einem von mehreren Kindern, auch ältere Leute mit wenig Hoffnung auf Arbeit, die auf Nachricht von erwachsenen Kindern warteten, zu denen sie vielleicht ziehen könnten, sobald es wieder Wohnungen gab.

Die aus dem Osten Geflohenen hatten mit der Flucht nicht nur ihre Wohnung und ihr Dorf und einen Teil ihrer Familien verloren. Ihnen war auch ihr gesellschaftlicher Status verloren gegangen. Sie waren jetzt diejenigen, die in den einfachsten Stellungen landeten und Knechte werden mussten. In vielen westdeutschen Dörfern haben sie noch ein knappes Jahrzehnt die große Mechanisierung in der Landwirtschaft aufgehalten, indem sie den Bauern bei der Frühjahrsbestellung und in der Ernte zur Hand gingen.

In dem alfschen Haus, daran könne ich mich ja vielleicht auch noch erinnern, sagt Luci, lebte doch die alte Frau Zühlke aus Ostpreußen. Sie ist am Ende zu ihrem Sohn ins Ruhrgebiet gezogen, der war, wie die meisten jüngeren Menschen, dorthin gegangen, wo es gut bezahlte und sichere Arbeitsplätze gab. Manchmal zogen die Eltern nach.

»Und dann haben drei Flüchtlingsfamilien«, sagt Luci, »hier ja auch Höfe übernommen: 1953 die Lemkes aus Ostpreußen, 1956 Bewersdorff aus Hinterpommern und 1957 dann ihr.« Warum wir alle hier gelandet sind, hatte ich mich noch nie gefragt. Aber es war wohl so, dass es in dieser armen Gegend auch in den 1950er-Jahren noch freie Höfe gab, deren Erben gefallen waren. Und in jenen Wirtschaftswunderjahren wollte sicher auch keiner mehr in eine so dünn besiedelte, arme Gegend ziehen. Mit den staatlichen Hilfsprogrammen für Landwirte aus dem Osten kauften Flüchtlinge jene Höfe, die keinen Nachfolger mehr hatten. Luci ist müde geworden, das Erinnern hat sie angestrengt. Auf meinem Rückweg durchs Dorf muss ich bei jedem Hof, an dem ich vorübergehe, an die vielen Flüchtlinge denken, die in diesem halb verwaisten Dorf einmal gewohnt haben.

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