Vorworte

Leseprobe zu Banine: Kaukasische Tage

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Leyla, Banines älteste Schwester, ist mit einem Mann durchgebrannt. Im folgenden Familienstreit prallen Moderne und Tradition mit seltener Wucht aufeinander, und sogar Banines Vater kommt zeitweilig von seinem prononciert westlichen Kurs ab.


An einem trüben Wintermorgen klopft Fräulein Anna, überrascht, dass Leyla noch nicht aufgestanden ist, an ihre Schlafzimmertür. Keine Antwort. Sie öffnet die Tür und schreit auf. Das Zimmer ist über Nacht eindeutig unbenutzt geblieben: offene Vorhänge, gemachtes Bett, völliges, absolutes, unabwendbares Fehlen Leylas. Fräulein Anna zittern die Knie, ihr Herz rast. Wo steckt es, das schreckliche Kind? Sie bemerkt einen Brief auf dem Tisch, stürzt hin, liest ihn und sinkt auf einem Stuhl zusammen. "Ich gehe fort, mit dem Mann, den ich liebe und ohne den ich nicht leben kann. Sucht nicht nach mir. Verzeiht. Adieu."

Eine Stunde später ist die Familie vollzählig um meinen Vater versammelt, in einer Flut von Schreien, Tränen, Verwünschungen. Überzogener Triumph der traditionell islamischen Fraktion. "Haben wir doch gesagt", schreit eine der Tanten. "Das konnte ja nur ein böses Ende nehmen", brüllt eine andere. "Du hast es so gewollt", meint ein Schwager. "Eine gute Lektion", zischt der Vater von Assad und Ali, der trotz eines kürzlichen Streits herbeigeeilt ist, um die Demütigung meines Vaters mitzuerleben; unterdessen fragt Tante Renjas Mann, einsam in seiner Schwerhörigkeit und mit der Hand am Ohr, bei jedem Aufschrei, jedem Gebrüll ängstlich: "Was sagt er? Was sagt sie?", und erntet nichts als ein ungeduldiges: "Ach, lass uns doch in Ruhe."

Totale Niederlage der gegnerischen Partei. Mein Vater gealtert, verzweifelt. Wie? Seine Leyla, sein Liebling, mit einem Mann durchgebrannt? Sie, ein junges Mädchen aus der besten muslimischen Familie in Baku, dieser überaus reichen, überaus geachteten Familie. Was für ein Mann war es wohl? Sicher kein Muslim: Eine solche Niederträchtigkeit konnte nur ein Giaur begehen (sollen sie alle verflucht sein).

- Ohne die, schrie meine Großmutter, hätte es eine solche Schande nicht gegeben!

Nun hatte das Ereignis einen Namen: Es war die Schande, die Große Schande. Unter dieser Bezeichnung sollte man in Zukunft in der Familie davon sprechen, wie man vom Großen Erdbeben spricht oder von der Großen Pest.

- Ich bringe sie um wie eine Hündin, schrie mein Vater im Brustton der Überzeugung.

Die Männer hießen diesen drastischen Entschluss gut, die Frauen brachen in Tränen aus und in vorweggenommene Trauer. Doch dazu musste Leyla erst einmal aufgespürt werden. Und das russische Reich hatte - unter anderen Mängeln - den, dass es groß war. Wo sollte man die Flüchtige suchen? Wo sie finden? Aber etwas musste geschehen: Man benachrichtigte die Polizei, schickte Telegramme an diverse Bahnhöfe, die von Baku aus erreichbar waren. Mein Vater wollte Richtung Moskau aufbrechen, für ihn der wahrscheinlichste Fluchtweg. Amina, "niedriger als Gras, stiller als Wasser", wie ein russisches Sprichwort besagt, niedergeschmettert von der offenen Feindseligkeit der Familie - und schlimmer noch, von den stillschweigenden Vorwürfen meines Vaters (sie war doch die Verfechterin des "Fortschritts für alle", oder?) -, bat darum, ihn begleiten zu dürfen, um ihn, wie sie sagte, vor einer unbedachten Tat zu schützen. Die Familie war einverstanden: "Er ist zu allem fähig", hieß es, nicht ohne Stolz. In letzter Minute gesellte sich Onkel Ibrahim zu ihnen, angeblich "um ihnen Gesellschaft zu leisten", in Wirklichkeit aber, weil er es liebte zu reisen und ihm jeder Vorwand recht war.

Sie zogen also los und Stille legte sich über das Haus, doch es war keine friedliche Stille, sondern eine ängstliche und gespannte. Würden sie Leyla oder "ihn" oder beide umbringen, fragte ich mich entsetzt. Was würde mit Leyla geschehen, wenn sie nicht mit dem Tod bestraft wurde? Verzeihen konnte man ihr nicht, eine solche Tat war unverzeihlich. Und an jenem Abend war mein Herz schwer von Fragen, von Mitgefühl mit meinem Vater, Sorge um meine Schwester (und gemeinerweise einer heimlichen Genugtuung: das ihr, der brillanten, beneidenswerten Leyla). Jeden Moment konnte eine Fülle dramatischer Szenarien Wirklichkeit werden.

Am nächsten Tag erhielten wir ein Telegramm: "Leyla gefunden, sind morgen Abend mit ihr zurück." Schon wogen die Dramen weniger schwer. Leyla war offensichtlich noch am Leben, sonst könnte sie nicht wieder nach Hause kommen.

Tatsächlich wurde sie am Tag darauf zurückgebracht, doch wir sahen sie nur von Weitem, sie ging in ihr Zimmer wie zum Schafott, zwischen dem weinenden Fräulein Anna und meinem finster dreinblickenden Vater.

Erst später erfuhr ich, dass man Leyla in irgendeinem kleinen Hotel in irgendeiner kleinen Stadt gefunden hatte; dass man sie aus den Armen eines russischen Piloten riss, der bartlos war und verliebt, jenes Mannes, den sie bis zu ihrem Tod lieben wollte; dass besagter bartloser und verliebter Pilot schwor, Leyla nicht "entehrt" zu haben, und auf Knien darum flehte, sie heiraten zu dürfen; dass mein Vater Leyla um ein Haar umgebracht hätte und mein Onkel Ibrahim um ein Haar den Piloten. Doch da niemand niemanden umgebracht hatte, wurde die in Tränen aufgelöste Leyla mitgenommen und der Pilot mit gebrochenem Herzen zurückgelassen, in dem kleinen Hotel in der kleinen Stadt.

Gleich nach der Rückkehr erteilte mein Vater die erste Anordnung: Er verbot uns, Leyla zu sehen, die in ihrem Zimmer bleiben musste, bis ihr Los feststand. Wenige Tage später wurde das Strafmaß verkündet: Zu unserem Leidwesen und unserer Bestürzung erfuhren wir, dass wir drei Schwestern, wiewohl unschuldig, mitbestraft werden sollten, im Voraus, dachte ich, für zukünftige Missetaten. Es war Schluss mit der Bildung. Beide Erzieherinnen, die englische und die französische, wurden entlassen; die Tanzstunden, der Kunst- und sogar der Musikunterricht ausgesetzt. Sie (meine Schwestern) mussten nur rasch heranwachsen, dann würden sie mit einem anständigen Muslim verheiratet werden, dessen Vater und Mutter man kannte, und der große islamische Frieden würde sich auf sie herabsenken. Ich dagegen wurde in die einzige Schule für muslimische Mädchen geschickt, wo der Unterricht auf Aserbaidschanisch stattfand und ein Großteil der Schülerinnen den Schleier trug. Bei meinen älteren Schwestern war man offensichtlich der Meinung, sie seien schon zu sehr mit der Zivilisation infiziert, um noch durch diese ehrenwerte Institution erleuchtet zu werden. Nur bei mir jungem, unverdorbenem Ding bestand noch Hoffnung, mich mit ihren guten moralischen Geboten zu bereichern.

Ach, diese Schule! Zwei Monate lang weinte ich dort tagtäglich vor lauter Unglück. Die anderen Schülerinnen, aus armen Familien (die reichen ließen ihren Töchtern eine europäischere Erziehung zukommen und schickten sie nicht in diese Institution), unkultiviert und feindselig, hegten mir gegenüber ein Klassenressentiment, dessen Ursache ich Unschuldslamm nicht kannte, doch dessen Folgen ich zu spüren bekam. Fast alle zeigten mir auf unterschiedliche Weise, dass ich in dieser Umgebung fehl am Platz war, sie machten sich über mich lustig oder gingen mir aus dem Weg. Die Lehrerinnen, hauptsächlich Musliminnen aus Kasan, wo die Frauen nicht verschleiert waren und im Allgemeinen eine Schulbildung genossen, waren hässlich, sie hatten ein ausgeprägt mongolisches Äußeres und schrille Stimmen. Boshaft waren sie obendrein.

Mittags aß ich in der Schule - aber welch abscheuliches Essen! Vor allem der üble Geruch eines bestimmten Gerichts, einer grauenhaften Mischung aus Glibberteig, Fettstücken und Spülwasser, verfolgte mich noch viele Jahre. Vervollkommnet wurde meine Ausbildung zur Märtyrerin aber durch meine Pultnachbarin, die stets in Schweiß gebadet war. Am Samstag hatte mein Geruchssinn Pause, denn freitags besuchte sie den Hammam, und ihr Körpergeruch machte sich noch nicht bemerkbar. Am Sonntag (die Schule war sonntags geöffnet und freitags geschlossen, wie jede gute islamische Schule) war der Geruch zurück und beschrieb eine ansteigende Kurve, bis er donnerstags einen erschütternd intensiven Höhepunkt erreichte. Im Windschatten ihres Geruchs war ich nicht in der Lage, den Worten der Lehrerin zu folgen und mir irgendetwas zu merken, sodass sie mein zeitweiliges Tief für angeborene Verblödung hielt und mir eine schlechte Note nach der anderen verpasste. Zum Schluss galt ich als Vollidiotin, worüber sich alle in der Klasse freuten, außer mir, ich fühlte mich immer elender. Doch ich behielt meinen Kummer für mich, und diese Einsamkeit schmerzte noch mehr. Gerade, als ich beschlossen hatte, dass der Tod einem solchen Leben vorzuziehen wäre, nahm mein Vater mich von dieser desaströsen Schule, an der ich die zwei schlimmsten Monate meiner Kindheit verbracht hatte.

Erneut wurde alles umgekrempelt: Unsere Erzieherinnen kehrten zurück, der Unterricht wurde wieder aufgenommen, Tanz und Musik erhielten wieder Bleiberecht bei uns, Leyla durfte sich immerhin frei in der Wohnung bewegen, und Amina bestellte wieder neue Kleider.

Mein Vater hatte zu unserem Besten entschieden, dass die Strafe lange genug gedauert hatte, dass Leyla verheiratet werden musste, um einem anderen die Verantwortung für ihr Verhalten zuzuschieben, und dass alles wieder seinen gewohnten Lauf nehmen sollte. Allerdings drohte die Gefahr, dass die ehemals verschmähten Verehrer sich nun, trotz des Lockrufs der Millionen, weniger enthusiastisch zeigten (zumal ja drei weitere Heiratskandidatinnen mit ebenso vielen Millionen heranwachsen würden, aber ohne die Große Schande - man musste sich nur noch etwas gedulden ...), also zitierte mein Vater einen weniger vermögenden Verwandten herbei und verkündete ihm seine unmittelbar bevorstehende Hochzeit mit Leyla. Er fragte ihn gar nicht erst nach seiner Meinung, so selbstverständlich war es für ihn, dass der Auserwählte überglücklich wäre. Dieser Verwandte war der Cousin und gleichzeitig der Schwager meines Vaters: Cousin mütterlicherseits, Schwager wegen seines Bruders, Tante Renjas Mann.

Und so wäre er dann: 1. der Schwiegersohn meines Vaters, 2. der Cousin desselbigen, 3. sein Schwager. Ein hübsches Beispiel für Ämterhäufung.

Der Cousin lebte in Moskau, wo er die Firma seines Vaters leitete, was folgenden Vorteil hatte: Sollte Leyla wieder auf die Idee kommen, sich danebenzubenehmen, würde die Entfernung den Aufruhr um ihre Heldenstreiche dämpfen. Zudem brauchte ihr zwanzig Jahre älterer Zukünftiger doch nur "die Ohren zu senken" (eine orientalische Redewendung, die so viel bedeutet wie die Ohren aufsperren) und "seine Augen auf sie zu heften" (sie genau beobachten) und alles würde glatt gehen; mit anderen Worten, man verließ sich auf ihn, er sollte die Rolle des Aufsehers übernehmen.

Leyla fügte sich bereitwillig in ihr Los; die Heirat an sich war ihr gleichgültig, doch die Vorstellung, nach Moskau zu ziehen, gefiel ihr, zumal Amina, die einen wachsenden Abscheu vor Baku hatte und wegwollte, sie beneiden würde. Auch ihre zukünftige Unabhängigkeit sagte ihr zu: Der Ehemann und zweifache Onkel würde sie nicht küssen, dessen war sie gewiss, schließlich lebte der Ehemann und zweifache Onkel nur in dieser Welt, um ihr in ewiger Dankbarkeit, Bewunderung und Demut zu Füßen zu liegen. Was er dann auch wirklich tat.

Mit freundlicher Genehmigung des dtv Verlags