Perlentaucher-Autor

Anja Seeliger

Anja Seeliger, geboren 1961 in Koblenz, hat Jura studiert. Als freie Journalistin hat sie u.a. für die taz, Financial Times, Spiegel und Vogue geschrieben. Sie ist Mitbegründerin des Perlentauchers.
Bücher von Anja Seeliger finden Sie hier.
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Eine Seele von Mann: Franz Biberkopf in Burhan Qurbanis "Berlin Alexanderplatz" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 26.02.2020 Lautes Keuchen, dann läuft der Vorspann, in schwarz und rot, dazwischen ein Kampf im Wasser, die Farben ändern sich nicht, die Szene steht auf dem Kopf. Mehr braucht es nicht, diesen kleinen Trick - die Köpfe unten, das Wasser oben - und man hat ein Bild vom Ertrinken, das man so schnell nicht mehr von seiner Festplatte löschen kann. Ida geht unter, Francis kriecht an Land, "triefend von den Sünden einer vergangenen Zeit", wie uns eine kindliche Frauenstimme aus dem Off mitteilt. Von Anja Seeliger

Zwei unbeschriebene Blätter: "Never Rarely Sometimes Always" von Eliza Hittman (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 25.02.2020 Wie wir aus zahlreichen Reportagen und Berichten wissen, ist es in einer ganzen Reihe von Bundesstaaten in den USA inzwischen fast unmöglich, eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Davon erzählt dieser Film. Eine 17-Jährige in Pennsylvania, Autumn, wird schwanger - Vater ist vermutlich der Vater - und wird von ihrer Frauenärztin, einer Abtreibungsgegnerin, über die Dauer ihrer Schwangerschaft so hinters Licht geführt, dass es für eine einfache Abtreibung zu spät ist. Sie muss nach New York in eine Spezialklinik. Von Anja Seeliger

Fehlt der Biss: "Todos os mortos - All the Dead Ones" von Caetano Gotardo und Marco Dutra (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 24.02.2020 Es ist das Jahr 1899. Josefina, eine wunderschöne schwarze alte Frau in einem karierten Kleid mit Spitzenkragen und bestickter weißer Schürze, röstet über einem Feuer im Hof den Kaffee. Dann geht sie mit der Pfanne ins Haus, mahlt den Kaffee, brüht ihn auf und deckt den Tisch im Esszimmer. Sie selbst trinkt ihren Kaffee in der Küche. Es regnet und sie singt ein Lied von den guten Göttern des Regens. Wenig später ist sie tot, Brasilien unabhängig und die Sklaverei abgeschafft. Die Familie muss ihren Kaffee jetzt selbst kochen. Von Anja Seeliger

Poeten des Alltags: Sho Miyakes "And Your Bird Can Sing" (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 14.02.2019 Ich bin schon etwas müde von den vielen Filmen, vielleicht dauert es deshalb fast eine Stunde, bis ich kapiere, dass ich gerade den schönsten Film auf der Berlinale sehe. Boku ist ein unglaublich schluffiger junger Mann, der in einem Buchladen arbeitet. Wenn er nicht gerade verpennt. Er hebt kein müdes Augenlid, als Sachiko, eine hübsche Kollegin ihn anspricht, und dass er beim Essen mit ihr Krümel am Mundwinkel hängen hat, kümmert ihn auch nicht. Warum soll man dem bei seinem langweiligen Leben zusehen? Aber dann gewinnt die Geschichte mit dem Sachiko an Fahrt. Sein Freund Shizuo kommt dazu, dem man nur die Ohren leicht anspitzen müsste, dann wäre er ein perfekter Elf. Und schon ist man den dreien verfallen. Von Anja Seeliger

Man kann ja auch mal träumen: Marwa Zeins Doku "Khartoum Offside" (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 14.02.2019 Marwa Zeins "Khartoum Offside" stellt uns eine Gruppe prachtvoller junger Frauen im Sudan vor, die nichts mehr wollen als professionell Fußball spielen. Unterstützung haben sie keine, im Gegenteil: Die Fifa gibt dem Fußballverband im Sudan zwar Geld für die Förderung des Frauenfußballs, aber es kommt nicht an bei ihnen. Wenn sie trainieren, müssen sie den Platz selbst bezahlen. Später hören wir über Radio das Verdikt der religiösen Autorität: Frauen sollen keinen Fußball. Es "gefährdet ihre Gesundheit, macht sie agressiv und verwischt den natürlichen Unterschied zwischen Männern und Frauen". Von Anja Seeliger

Kommt nicht an in Peking: "Chun nuan hua kai - From Tomorrow on, I Will" von Ivan...

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2019 Li ist Nachtwächter in einem großen Bürogebäude in Peking. Tagsüber hat er ein Bett in einem fensterlosen Zimmer, das nachts von einem Mitbewohner benutzt wird. Wobei man Li nicht viel schlafen sieht. Er ist ein aufmerksamer junger Mann. Wenn er die Pappbecher im Konferenzraum wegräumt, dann richtet er auch immer die Mikrofone auf den Tischen in eine Richtung. Er ist der Typ, der ein Plakat in einer Abstellkammer gerade hängt, dessen Klebstreifen sich am Rand verkrisselt hat. Von Anja Seeliger

A ma facon: Agnes Vardas "Varda par Agnès" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2019 Erstaunlich, was alles in ein Leben passt. Agnes Varda ist Filmemacherin, Installationskünstlerin, Fotografin, Dokumentarin, sie interessiert sich für neue Musik, Politik, und Menschen, die ausgemusterte Kartoffeln vom Acker sammeln. Ihr Film "Varda par Agnès", der im Wettbewerb außer Konkurrenz läuft, zeigt die 90-Jährige auf der Bühne eines Theaters sitzend, wo sie Filmstudenten von ihrem Leben und ihrer Arbeit erzählt. Dazwischen sind Filmszenen geschnitten, oder Szenen, in denen sie an den Drehorten über ihre Arbeit spricht. Unprätentiös, engagiert, witzig und ungemein lebendig. Es geht bei ihr immer um beides: Warum sie etwas gemacht hat und wie sie es gemacht hat, welche Form sie sich dafür ausgedacht hat. Von Anja Seeliger

Energy Healing in Bosnien: Igor Drljacas Doku "Kameni govornici - The Stone Speakers" (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2019 Bosnien-Herzegowina ist ein Land, das von Kriegen und anderen Katastrophen gezeichnet ist, den beiden Weltkriegen, dem Kommunismus, dem jugoslawischen Bürgerkrieg und jetzt einer freien Marktwirtschaft, die sich im internationalen Konkurrenzkampf nicht behaupten kann. Überall wurden Fabriken geschlossen und die Leute zogen weg. Einige Städte haben daraufhin Alleinstellungsmerkmale entwickelt, die irgendwie mit einer mächtigen Strömung in der Bevölkerung korrespondieren. Der bosnische Regisseur Igor Drljača stellt vier solche Städte in seinem Dokumentarfilm "The Stone Speakers" vor - alle im Südosten gelegen. Von Anja Seeliger

Betrügt den Zuschauer: Denis Cotes "Repertoire des villes disparues - Ghost Town Anthology" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 11.02.2019 Eine winterliche Landschaft, im Vordergrund eine Art Baustelle, auf der zwei Bagger stehen. Dann hört man ein Auto, das schnell näher kommt, und das ist es, rast von hinten ins Bild, macht eine kurze scharfe Kurve nach links und knallt mit voller Geschwindigkeit in die kleine Steinmauer. Stille. Die Kamera wandert um das Autor, dann auf zwei Beine, die herbei rennen, und dann sieht man zwei kleine Gestalten mit grauen Halloween-Masken auf dem Gesicht, die auf das Auto starren. Von Anja Seeliger

Allein mit Vater: "Pferde stehlen" von Hans Petter Moland (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 09.02.2019 Würden heute noch Western gedreht werden - der schwedische Schauspieler Stellan Skarsgård wäre ihr Held. Er ist vielleicht der letzte männliche Schauspieler, den man noch an seiner Haltung und seinem Gang erkennt. Auch kann er sich jederzeit ganz in sich zurückziehen, so dass nur noch eine Außenhülle zurückzubleiben scheint. Das alles kommt ihm auch in dieser Rolle eines alten Mannes zurück, der fühlt, dass sein Leben zu Ende geht und der sich in ein kleines Dorf an der norwegisch-schwedischen Grenze zurückzieht. Trond, so heißt der Mann, hat hier den letzten Sommer allein mit seinem Vater verbracht, der die Familie dann aus Liebe zur Nachbarsfrau verließ. Ein Verlust, den der Junge auch als alter Mann offenbar nie verwunden hat. Von Anja Seeliger

Absolut modern: Die Viehhirten in "Öndög" von Wang Quan'an (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 09.02.2019 Dieser Film tut so, als könnte er kein Wässerchen trüben, als wäre er einer dieser chinesischen Breitwandfilme mit rotbackigen Mongolen, die ihr Vieh, ihre Familie und das traditionelle Bogenschießen hochhalten. Auch hier endlose Weiten, die endlose Minuten lang durchquert werden müssen. Lange schaut die Kamera immer wieder auf die goldgelbe Steppe unter einem riesigen blauen Himmel. Wir sehen beim Schlachten eines Schafs zu und bei der Geburt eines Kalbs - jedesmal in Echtzeit. Von Anja Seeliger

Man ist schließlich Mensch: Thomas Stubers "In den Gängen" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 23.02.2018 Das erste Bild ist eine Landstraße, Morgendämmerung, die Laternen sind noch an, ein paar kahle Bäume zeichnen sich am Rand gegen den Himmel ab, hier und da mal ein Auto. Dann setzt die Musik ein und während die Kamera in den Großmarkt fährt und durch die Gänge schwebt, spielt das Orchester den Donauwalzer. Es ist ein wunderbarer Anfang. Die Lichter gehen an, Gabelstapler fahren hin und her. Und das Publikum schwebt mit. Von Anja Seeliger
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