Freak der Freaks

Timothy Garton Ash über die deutschen Rechten. Mihaly Kornis über Mut. GQ über William Browder. Magazinrundschau

Über Dokumentarfilme richten

Die Aufregung bei den Dokfilm-Festivals in Leipzig und Duisburg zeigt, wie sich Horizonte verengen. Von Frédéric Jaeger

Radikaler Optimismus

Frisch für Sie zusammen- gestellt, liebe Leser: die aktuellsten, besten und umstrittensten Bücher in diesem Herbst.

EFEU - DIE KULTURRUNDSCHAU

Elektrische Gedanken

24.11.2017. In Berlin stellte Frank Castorf mit gegenwartskritischem Widerwillen in der Stimme seine geplante, sechseinhalb Stunden lange Inszenierung von Victor Hugos "Die Elenden" am BE vor. Die NZZ wandert mit Monteverdi, Schostakowitsch und Mozart im Ohr durchs Victoria & Albert Museum. Die taz hörte eine Hommage auf die Sängerin Barbara. Im Perlentaucher fordert Lukas Foerster mehr Experimentierlust der Berlinale nach Dieter Kosslick. Nachtrag: Auf SpiegelOnline fordern 79 Regisseurinnen und Regisseure eine internationale, paritätisch besetzte Findungskommission für die Kosslick-Nachfolge.

9PUNKT - DIE DEBATTENRUNDSCHAU

Die Beißreflexe einer jungen Generation

24.11.2017. In der FR liefern Claus Leggewie und Daniel Cohn-Bendit eine messerscharfe Analyse der politischen Lage: Demnach ist die FDP die neue AfD. Kenan Malik kritisiert in seinem Buch die Idee des Multikulturalismus, Perlentaucher Thierry Chervel stellt es vor. Die Welt fürchtet den wachsenden Einfluss Chinas. Angst vor Algorithmen? Aber vor der "Blackbox" Software wird schon seit gut fünfzig Jahren gewarnt, konstatiert Kathrin Passig im Merkur. Was bleibt, wenn Presse untergeht? Nichts Gutes, meint Julia Jäkel in der FAZ.

ESSAY

Das Schinkenbrot

23.11.2017. Multikulturalismus ist laut Kenan Malik die Idee, dass Menschen "nicht trotz ihrer Unterschiede gleich, sondern wegen dieser Unterschiede verschieden" zu behandeln seien. Er liefert in einem neuen Buch einige der besten Argumente gegen diese Ideologie. Von Thierry Chervel.

INTERVENTION

Die Berlinale muss wieder Experimentierfeld werden

23.11.2017. Das Problem an der Berlinale ist nicht die Anzahl der Filme, sondern die Indifferenz, mit der sie präsentiert werden. Es wäre schön, wenn das Festival mit dem Abgang von Dieter Kosslick 2019 wirklich die Chance für einen Neuanfang nutzt statt ihre diskursfeindliche Betriebsamkeit weiter zu pflegen. Von Lukas Foerster.

BÜCHERSCHAU DES TAGES

Reine Gesangsstunden

23.11.2017. Die FAZ fragt sich nach Emmanuel Boves psychologisch meisterhafter Erzählung "Was sie gesehen hat". Die FR versinkt in der Novemberdepression von Attila Bartis' Roman "Das Ende". Die SZ lässt sich von Lize Spits autobiografischer Coming-of-Age-Story "Und es schmilzt" die Schlinge um den Hals legen. Die Zeit staunt Bauklötze über die deutsche "Sonderwahrheit", die Martin Walser im Gespräch mit seinem Sohn Jakob Augstein zur Nazizeit verkündet.

MEDIENTICKER

Läuft doch

23.11.2017. Aktualisiert: Russland: Strengeres Mediengesetz verabschiedet - Freiwillig in die Abhängigkeit: Facebook & die Medien - Politische Inszenierung: Wie soziale Medien Deutschland regieren -  Android-Überwachung: Google sammelt Standortdaten - Höckes Mahnmal: Youtube sperrt Account - Haltlose Unterstellung: Verteidigung des Schweizer Buchpreises + In der Tate Modern Modigliani & die Frauen.

IM KINO

Heiliger Furor

22.11.2017. In Kathryn Bigelows meisterlichem Feelbad-Movie "Detroit" bricht ein rassistischer Polizist ein furchterregendes Folterspektakel vom Zaum. Fatih Akin bringt in "Aus dem Nichts" Form und Inhalt in keinen produktiven Zusammenhang - schon gar nicht, wenn man noch das reale Vorbild des Films, die NSU-Morde, mit ins Spiel bringt. Von Nicolai Bühnemann, Thomas Groh.

MAGAZINRUNDSCHAU

Freak der Freaks

21.11.2017. In der NYRB empfiehlt Timothy Garton Ash den Deutschen, mit ihren Rechten zu reden. Im New Yorker erklärt Peter Schjeldahl seine Frustration mit Leonardo da Vinci. Im New York Magazine überlegt Rebecca Traister, wo genau wir in der Missbrauchs-Debatte gerade stehen. In Eurozine zupft Maurice Earls den Briten schon die Mohnblume aus dem Knopfloch. Micromega beglückwünscht den Zentralrat der Ex-Muslime. Gentlemen's Quarterly erzählt, warum Putin William Browder hasst.

IM KINO

Über Dokumentarfilme richten

17.11.2017. Die beiden wichtigsten deutschen Festivals für Dokumentarfilme, das Dok Leipzig und die Duisburger Filmwoche, treffen sich trotz ihrer unterschiedlichen Ausrichtung in ihren Diskursen. In Leipzig sorgt dafür ein Film über Pegida, in Duisburg das Porträt eines sich weltoffen gebenden Imams. Und eine Diskussion im Anschluss an Romuald Karmakars "Denk ich an Deutschland in der Nacht" zeigt, dass ein Film über elektronische Musik die Gemüter stärker erhitzen kann als jeder Populismus. Von Frédéric Jaeger.

BÜCHER DER SAISON

Radikaler Optimismus

06.11.2017. Tristan Garcia will "intensiv leben". Annie Ernaux, die von den deutschen Feuilletons entdeckt wird, und Peter Nadas machen ihm vor, wie das geht - "Die Jahre" und die "Aufleuchtenden Details" gehören zu den Romanen der Saison, die bleiben. Im Sachbuch geht ein Gespenst um, der Kommunismus. Durchs politische Buch kreuzen die Flüchtlinge, durchs Kinderbuch rollt ein grüner Stachelball. Hier sind sie, die Bücher der Herbstsaison 2017.

Literaturbeilagen

Wir haben die Buchmessenbeilagen aus dem Herbst 2017 ausgewertet. Unsere Notizen zu den besprochenen Romanen, Kinder-, Sach- und politischen Büchern finden Sie hier.

ESSAY

Nur mit Genehmigung des Instituts für Zeitgeschichte

18.10.2017. Schon 1963, zwei Jahre nach Erscheinen der Originalausgabe, erwarb der Droemer Knaur Verlag die deutschen Rechte für Raul Hilbergs Standardwerk "Die Vernichtung der Juden in Europa". Die Veröffentlichung scheiterte nicht zuletzt aufgrund negativer Voten der Institution, die für die Aufarbeitung der Geschichte gegründet worden war. Erst 1982 brachte ein winziger linker Verlag die deutsche Übersetzung des Werks. Von Götz Aly.

FOTOLOT

Die umgekehrte Jacke

04.10.2017. Versuche, die Transzendenz mit negativen Figuren zu beschreiben, gibt es seit dem Mittelalter. Die Negative des Neuropsychologen und Fotografen Hennric Jokeit versuchen wie mit einem Röntgengerät den Stützapparat der Dinge, der Objekte zu erfassen. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass auf seinen Aufnahmen so viele Bauwerke sind, aus denen sich Archiformen herausschälen, die ursprünglichen Strukturen, auf die die Welt sich gründet. Ein Versuch, die Negative zu lesen. Von Eugenijus Alisanka.