Blofeldokratie

Von Richard Herzinger
18.11.2022. Durch die Übernahme von Twitter hat Elon Musk ein mächtiges Instrument zur Beeinflussung der öffentlichen Meinungsbildung in die Hand bekommen. Unter dem Vorwand, mehr "Meinungsvielfalt" zuzulassen, öffnet er den Kurznachrichtendienst für Fake News und antidemokratische Verschwörungsfanasien - und damit für die Desinformationskrieger des Kreml und die Netzwerke ihrer westlichen Schallverstärker. Milliardäre wie Musk oder Peter Thiel verkörpern einen neuen Typus der Egomanie, der an die Schurken der James-Bond-Filme erinnert und Demokratie weltweit in Frage stellt.
Der Multimilliardär Elon Musk gilt allgemein als ein genialer, innovativer Unternehmer. Doch inzwischen reichen seine Ambitionen weit darüber hinaus. Er fühlt sich nun auch zur Lösung weltpolitischer Konflikte berufen. So machte er einen selbst ausgedachten "Friedensplan" für die Ukraine publik und schlug vor, Taiwan in eine "Sonderverwaltungszone" umzuwandeln.

Doch diese vermeintlich originären Konzepte Musks decken sich auffällig genau mit den Vorstellungen der Regime in Moskau und Peking. So will Musk, dass die Ukraine die Krim aufgibt und einer "Volksabstimmung" in den von Russland okkupierten Gebieten zustimmt. Er macht sich damit zum Lautsprecher der imperialen Anmaßung des verbrecherischen Aggressors.

Und auch das totalitäre chinesische Regime hat allen Grund, sich über Musk zu freuen. Denn als eine "Sonderverwaltungszone" bezeichnen die Machthaber in Peking auch Hongkong, das sie vor Kurzem mir brutaler Gewalt gleichgeschaltet haben. Nur zu gerne würden sie dieses Modell auf das unabhängige, demokratische Taiwan übertragen.

Durch die Übernahme von Twitter hat Elon Musk nun auch ein mächtiges Instrument zur Beeinflussung der öffentlichen Meinungsbildung in die Hand bekommen. Unter dem Vorwand, mehr "Meinungsvielfalt" zuzulassen, öffnet er den Kurznachrichtendienst für Fake News und antidemokratische Verschwörungsfanasien - und damit für die Desinformationskrieger des Kreml und die Netzwerke ihrer westlichen Schallverstärker. Musk selbst hat sich nach seiner Übernahme von Twitter sogleich durch die Verlinkung verschwörungsideologischer Seiten hervorgetan.

Dass sich ein angeblicher Befürworter unbegrenzter individueller Freiheit zum Komplizen brutaler unterdrückerischer Autokratien macht, scheint paradox - doch es hat Methode. Die "Libertarians", deren Ideen Musk nahe steht, sind ursprünglich eine aus der linken Studentenbewegung hervorgegangene Strömung, die gesellschaftliche mit wirtschaftlicher Freiheit zusammenführen und dazu den staatlichen Einfluss auf nahezu Null reduzieren wollte. Doch mittlerweile ist der Libertarianismus weitgehend zu einer Rechtfertigungsideologie für rücksichtslose Superreiche und machtbesessene Egomanen von der Art Donald Trumps verkommen. Führende "Libertarians" wie der Senator Rand Paul stehen heute am rechten Rand der Republikanischen Partei und lehnen Sanktionen gegen Autokratien und Aggressorstaaten wie Russland, China und Iran ebenso vehement ab wie jegliches militärisches Engagement der USA für Demokratie und Menschenrechte.

Musk ist nicht der einzige "libertäre" Entrepreneur, der mit dem Autoritarismus lebäugelt. Der PayPal-Mitbegründer Peter Thiel, der Trump während dessen Präsidentschaft als Berater diente, hat Freiheit und Demokratie explizit für unvereinbar erklärt und meint, Staaten müssten ebenso geführt werden wie  Wirtschaftsunternehmen - also nach dem Kriterium der Effektivität, nicht der demokratischen Legitimität.

Thiels Ansichten ähneln denen einer Unterströmung des Libertarianismus, die sich "Objektivismus" nennt und auf die Philosophin und Schriftstellerin Ayn Rand zurückgeht. Dieser Denkschule zufolge teilt sich die Menschheit in produktive, von Erfindergeist und Fleiß erfüllte "Schaffende" einerseits und "Plünderer" andererseits auf, die auf Kosten der produktiven Individuen leben wollten. Diese müssten sich daher von der Last gesellschaftlicher und sozialer Kontrolle befreien. Von einer solchen Einstellung ist es nicht weit zur Bewunderung von "starken Männern" wie Putin oder Xi Jinping, die sich bei der Verwirklichung ihrer Allmachtsfantasien von niemandem beeinträchtigen lassen.

Ganz neu ist es freilich nicht, dass als geniale Innovatoren geltende Unternehmer beschließen, sich in die Belange der Weltpolitik einzumischen, um die internationale Ordnung nach ihren Vorstellungen zu formen - und sich dabei mit Diktatoren gemein machen. Henry Ford, der Pionier der Automobil-Massenproduktion, erklärte Anfang der 1920er Jahren in einem berüchtigten antisemitischen Pamphlet "den Juden" zum Weltfeind. Von Hitler wurde ihm dafür 1938 ein Orden verliehen. 1928 gründete Ford am Amazonas eine nach den von ihm gesetzten Maßgaben optimaler Arbeitsorganisation und einer "gesunden Lebensweise" organisierte Mustersiedlung. Das Experiment scheiterte katastrophal .

Doch die Super-Unternehmer von heute wollen sich gar nicht mehr an eine bestimmte Ideologie binden oder ein ideales Gesellschaftsmodell für die ganze Menschheit durchsetzen. Ihnen geht es darum, alle Fesseln gesellschaftlicher und staatlicher Kontrolle abzustreifen, die sie bei der Verwirklichung ihrer willkürlichen, megalomanischen Pläne behindern. Charakteristisch für sie ist dabei ein Hang zum Eskapismus. Musk entwickelt mit seiner Firma Space X Mars-Raketen und träumt von einer baldigen Besiedlung des "Roten Planeten". Thiel betreibt ein Projekt zur Gründung einer unabhängigen Nation, die auf einer in internationalen Gewässern schwimmenden künstlichen Insel  errichtet werden und sich ihre eigenen Gesetze geben soll.

Musk und Thiel wollen nicht die Welt als solche verändern, sondern  ihre Beziehungen zur real existierenden Welt kappen, um sich eine ganz nach ihren Vorstellungen ausgerichtete Gegenwelt zu erschaffen. Bei diesem - tendenziell ins Pathologische abgleitende - Streben nach grenzenloser Selbstverwirklichung glauben sie, auf die verachtete "gewöhnliche" Menschheit keinerlei Rücksicht mehr nehmen zu müssen.

Dieser neue Typus des selbstherrlichen Egomanen erinnert an die legendären Bösewichter aus den James-Bond-Filmen wie Blofeld oder Dr. No, die ihren unermesslichen privaten Reichtum mit manischer Energie dafür einsetzen, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Die in den westlichen Gesellschaften wachsenden Zweifel an der Handlungsfähigkeit der Demokratie ermutigen die "libertären" Machtmenschen in der Überzeugung, die Geschicke des Planeten (wenn nicht des Universums) in die eigenen Hände nehmen zu können. Stärken wir nicht die institutionellen Grundlagen der Demokratie, laufen wir daher Gefahr, in die Epoche einer "Blofeldokratie" einzutreten.

Richard Herzinger

Der Autor arbeitet als Publizist in Berlin. Hier seine Seite "hold these truths". Wir übernehmen in lockerer Folge eine Kolumne, die Richard Herzinger für die ukrainische Zeitschrift Tyzhden schreibt. Hier der Link zur Originalkolumne.