ein wort gibt das andere
Auf dem Mars ein Spiegelei
Exkurse ins Berliner Geistesleben. Von Elke Schmitter
16.02.2026. Jill Lepore sprach bei den "Hegel lectures" über den Aufstieg und Fall des "Artificial State". Im jetzigen Stadium sei der "Artificial State" nur mehr eine Agentur eines Kumpelnetzwerks, das man samt Teflon-Pfannen ins Weltall schicken möchte. Aber der Aufstieg begann laut Lepore nicht erst im digitalen Zeitalter, sondern bereits mit dem ersten Wahlkampf John F. Kennedys. Und der Fall?Vitalität und Unerschrockenheit, das strahlt sie aus, noch bevor sie spricht: Jill Lepore, Professorin aus Harvard, Autorin der New York Times und Expertin für die Geschichte der Vereinigten Staaten, trägt vor im großen Saal der Rostlaube. Sie ist Gast der "Hegel Lectures", einem Format für alle Interessierten und keineswegs nur Hegel-Exegeten, auch ist das Publikum nur in einer kleinen Minderheit im studentischen Alter. Ihr Thema passt perfekt zum Staatsphilosophen wie zum Dialektiker des Fortschritts: "The Rise and Fall of the Artificial State". Aufstieg und Fall, damit kennt man sich aus in der historischen Betrachtung gerade der rechtshegelianischen Variante, zugleich umweht dieses Wortpaar eine leicht faulige Gelassenheit: Werden, vergehen, werden, vergehen… und wir, auf dem philosophischen Hochsitz, halten mit der Melancholie der Privilegierten die trockenen Füße still. Doch nicht mit Lepore!
Und, natürlich, auch nicht mit der Welt, wie sie gerade bestellt ist. An der Kioskkasse das Angebot des Tages: Schurken, die die Welt beherrschen:

Und dabei ist das nur eine Auswahl. Erdogan, Kim Jong-un, Ali Khamenei und die vielen anderen passten einfach nicht mehr aufs Bild. Doch der toxisch-männliche Terror an und für sich ist nicht Lepores Thema, sie konzentriert sich auf das Land, in dem sie geboren wurde, arbeitet und frei spricht.
Sie müssen jetzt sehr tapfer sein, sagt sie zum Auftakt, denn es geht um den Aufstieg des Künstlichen Staates, um die Herrschaft von Musk, Zuckerberg, Bezos, Trump & Co: Wo kommen sie her, und wie ist es ihnen gelungen, so viele Sorten Macht zu einem Klumpen Unheil zu verkneten? In der Diskussion nach meinem Vortrag können wir über den zweiten Teil seines Titels sprechen.
Es soll also Zuversicht geben, doch erstmal müssen wir durch. Und wie es sich gehört in der philosophischen Geschichtsschreibung, trennt Lepore Zufall und Notwendigkeit, wie man das Eiweiß vom Eigelb trennt: mit klaren, schnellen Schlägen aus dem Handgelenk. Den künstlichen Staat definiert Lepore als eine "digitale Infrastruktur der Kommunikation, die Regierungen und Konzerne nutzen, um Politik und öffentliche Diskurse zu steuern und zu automatisieren". Keine Verschwörung, keine geheime Kommandozentrale, im Gegenteil: eine stolze schlagende Verbindung aus Technik, Kapital und Macht. Derzeit sind die Komponenten burschenschaftlich so eng verbunden, als wäre es nie anders gewesen und hätte es auch niemals anders kommen können. Doch zum einen ist technische Entwicklung niemals vollkommen planbar. (Man will zum Mars, ergänzt man im Stillen, aber dann kommt doch nur eine Teflonpfanne dabei raus. Mit der man aber, heißt man Elon Musk, sich auf dem Mars ein Spiegelei braten wird, als Cyborg oder Synth in vielleicht zweihundert Jahren.) Zum anderen natürlich ist der menschliche Faktor nicht berechenbar. Auch wenn es gerade darum geht, in der Geschichte Lepores an diesem Abend: um die Berechenbarkeit des Menschen. Aber eben statistisch.
Für die Historikerin ist ein entscheidendes Kapitel in der Entwicklung zum Artificial State die Kampagne für den späteren Präsidenten John F. Kennedy, Ende der 1950er Jahre. Damals wurden erstmals Umfragen im großen Stil erhoben und genutzt, um zu ermitteln, was der Tankwart denkt und die Hausfrau will, wovor die Leute sich fürchten und was ihnen ein Gefühl von Sicherheit gibt. Das Wählerverhalten wurde von ideologischer Spekulation zu einem Sachverhalt der Prognose. Die sich, mit immer mehr und immer besser arbeitenden Maschinen, stets noch weiter verfeinern ließ. Und die psychologischen Muster, die aus den riesigen Datenmengen erkennbar sind (die wir alle mit den sozialen/asozialen Medien füttern) erlauben eine immer effizientere Manipulation. "The liberal state makes citizens", war ein Lepore-Satz in diesem Zusammenhang, "the artificial state makes trolls".
Hier, gestehe ich, blieb ich mit meiner Aufmerksamkeit. Die war, nach dem Willen der enthusiasmierend Vortragenden, ohnehin geteilt: Lepore ließ eine assoziative Filmmontage im Hintergrund laufen, die mit historischen Bildern unterschiedlichster Art ihr Großthema umspielte, den Weg der Moderne in die Misere. Erst Männer mit Maschinen, dann Maschinenräume fast ohne Männer. Eine Reise zum Mond, Computergrafiken, Comic-Helden in Fahrt und im Kostüm. Und schließlich, ultra deprimierend: die Abholzung eines Waldes. Die methodische Zerstückelung lebender Materie durch gigantomane Maschinen, deren Arme, Klauen und Zähne in beklemmend menschlicher Weise, gefräßig und effizient, agierten.
Vortrag und Bildshow gaben einen apokalyptischen Eindruck. Lepores "Dialektik der Aufklärung" führte historisch vom Mythos zum Faktum, vom Faktum zur Zahl, von den Zahlen zu den Daten - und von den Daten hin zu einem inhumanen Zukunftsstaat, noch nicht fertig, aber in the making. Lepore bereicherte diese Reise mit anschaulichen Hinweisen zu der geistigen, falls man das so sagen kann, Entwicklung der aktuellen Protagonisten der Macht, von Zuckerberg bis Musk, von Bezos bis Thiel. Deren übermännlichen Fantasien genetischer Erwähltheit und cyborghafter Reparatur- und Wiederbelebungstechniken, das ganze innere Überlebensarsenal von trostlosen Jungs, mit denen nie jemand spielen wollte. Ein unsinnlicher Alptraum, der, wie Lepore recherchierte, geradezu herauskopiert ist aus Superheldencomics und Science-Fiction-Stories der 1950er Jahre.
Die Schneise, in der wiederum ich hängen blieb, war diese Entscheidung der Politik für die Statistik seit Mitte des 20. Jahrhunderts. Im Kleinen, im ersten Schritt erstmal verständlich: Warum soll es nicht im Geiste demokratischer Politik sein zu ermitteln, was die Leute wollen? Bis dahin, dass es den Wahlkampf in New York oder Gelsenkirchen erleichtern kann zu wissen, wie oft eine dreißigjährige Angestellte mit zwei Kindern die öffentlichen Verkehrsmittel nutzt, wohin sie in Urlaub fährt, wie sie ihr Geld anlegt, ob sie der Wissenschaft vertraut etc. Dann weiß man, was sie von der Politik erwartet. Lepore nannte das den "turn to prediction". Doch es scheint mir auch ein anderer Modus des Denkens zu sein, für den man sich da entschied. Weg vom Einzelnen und hin zum statistischen Bürger, das bedeutet ja auch: weg vom Sinn und vom Verstehen hin zu Muster und Häufigkeit, weg von der Vergangenheit (durch die wir wurden, wer wir sind) und hin zur Vorhersage - durch die wir werden, wie wir es sollen, von leichter Hand unerkennbar geführt. Weg von der Hermeneutik, von der politischen Reflexion und einer möglichen Debatte hin zu einer Verwaltung von Erwartungen. (Die man nicht einmal als Projektionen "bearbeiten", geschweige denn diskutieren könnte, denn auf der Seite des Gegenübers gibt es ja kein Wesen mit Einbildungen, sondern nur einen Datensatz, eine Art Glaskugel der objektiven Häufigkeit.)
Vor gut fünfzig Jahren haben Journalisten der Washington Post (Verweser und Zugrunderichter 2026: Jeff Bezos) das Land gerettet, indem sie den Watergate-Skandal der Nixon-Regierung ans Tageslicht brachten. Diese Zeiten, so Lepore, seien vorbei. In der technologischen Entwicklung von Macht liege der eigentliche Grund für die Furcht um die Demokratie.
Zum schönen Teil - the fall of the artificial state - sind wir leider nicht mehr gekommen.
Elke Schmitter
Jill Lepore: "The Rise and Fall of the Artificial State", Freie Universität Berlin, 12.Februar 2026
Und, natürlich, auch nicht mit der Welt, wie sie gerade bestellt ist. An der Kioskkasse das Angebot des Tages: Schurken, die die Welt beherrschen:

Und dabei ist das nur eine Auswahl. Erdogan, Kim Jong-un, Ali Khamenei und die vielen anderen passten einfach nicht mehr aufs Bild. Doch der toxisch-männliche Terror an und für sich ist nicht Lepores Thema, sie konzentriert sich auf das Land, in dem sie geboren wurde, arbeitet und frei spricht.
Sie müssen jetzt sehr tapfer sein, sagt sie zum Auftakt, denn es geht um den Aufstieg des Künstlichen Staates, um die Herrschaft von Musk, Zuckerberg, Bezos, Trump & Co: Wo kommen sie her, und wie ist es ihnen gelungen, so viele Sorten Macht zu einem Klumpen Unheil zu verkneten? In der Diskussion nach meinem Vortrag können wir über den zweiten Teil seines Titels sprechen.
Es soll also Zuversicht geben, doch erstmal müssen wir durch. Und wie es sich gehört in der philosophischen Geschichtsschreibung, trennt Lepore Zufall und Notwendigkeit, wie man das Eiweiß vom Eigelb trennt: mit klaren, schnellen Schlägen aus dem Handgelenk. Den künstlichen Staat definiert Lepore als eine "digitale Infrastruktur der Kommunikation, die Regierungen und Konzerne nutzen, um Politik und öffentliche Diskurse zu steuern und zu automatisieren". Keine Verschwörung, keine geheime Kommandozentrale, im Gegenteil: eine stolze schlagende Verbindung aus Technik, Kapital und Macht. Derzeit sind die Komponenten burschenschaftlich so eng verbunden, als wäre es nie anders gewesen und hätte es auch niemals anders kommen können. Doch zum einen ist technische Entwicklung niemals vollkommen planbar. (Man will zum Mars, ergänzt man im Stillen, aber dann kommt doch nur eine Teflonpfanne dabei raus. Mit der man aber, heißt man Elon Musk, sich auf dem Mars ein Spiegelei braten wird, als Cyborg oder Synth in vielleicht zweihundert Jahren.) Zum anderen natürlich ist der menschliche Faktor nicht berechenbar. Auch wenn es gerade darum geht, in der Geschichte Lepores an diesem Abend: um die Berechenbarkeit des Menschen. Aber eben statistisch.
Für die Historikerin ist ein entscheidendes Kapitel in der Entwicklung zum Artificial State die Kampagne für den späteren Präsidenten John F. Kennedy, Ende der 1950er Jahre. Damals wurden erstmals Umfragen im großen Stil erhoben und genutzt, um zu ermitteln, was der Tankwart denkt und die Hausfrau will, wovor die Leute sich fürchten und was ihnen ein Gefühl von Sicherheit gibt. Das Wählerverhalten wurde von ideologischer Spekulation zu einem Sachverhalt der Prognose. Die sich, mit immer mehr und immer besser arbeitenden Maschinen, stets noch weiter verfeinern ließ. Und die psychologischen Muster, die aus den riesigen Datenmengen erkennbar sind (die wir alle mit den sozialen/asozialen Medien füttern) erlauben eine immer effizientere Manipulation. "The liberal state makes citizens", war ein Lepore-Satz in diesem Zusammenhang, "the artificial state makes trolls".
Hier, gestehe ich, blieb ich mit meiner Aufmerksamkeit. Die war, nach dem Willen der enthusiasmierend Vortragenden, ohnehin geteilt: Lepore ließ eine assoziative Filmmontage im Hintergrund laufen, die mit historischen Bildern unterschiedlichster Art ihr Großthema umspielte, den Weg der Moderne in die Misere. Erst Männer mit Maschinen, dann Maschinenräume fast ohne Männer. Eine Reise zum Mond, Computergrafiken, Comic-Helden in Fahrt und im Kostüm. Und schließlich, ultra deprimierend: die Abholzung eines Waldes. Die methodische Zerstückelung lebender Materie durch gigantomane Maschinen, deren Arme, Klauen und Zähne in beklemmend menschlicher Weise, gefräßig und effizient, agierten.
Vortrag und Bildshow gaben einen apokalyptischen Eindruck. Lepores "Dialektik der Aufklärung" führte historisch vom Mythos zum Faktum, vom Faktum zur Zahl, von den Zahlen zu den Daten - und von den Daten hin zu einem inhumanen Zukunftsstaat, noch nicht fertig, aber in the making. Lepore bereicherte diese Reise mit anschaulichen Hinweisen zu der geistigen, falls man das so sagen kann, Entwicklung der aktuellen Protagonisten der Macht, von Zuckerberg bis Musk, von Bezos bis Thiel. Deren übermännlichen Fantasien genetischer Erwähltheit und cyborghafter Reparatur- und Wiederbelebungstechniken, das ganze innere Überlebensarsenal von trostlosen Jungs, mit denen nie jemand spielen wollte. Ein unsinnlicher Alptraum, der, wie Lepore recherchierte, geradezu herauskopiert ist aus Superheldencomics und Science-Fiction-Stories der 1950er Jahre.
Die Schneise, in der wiederum ich hängen blieb, war diese Entscheidung der Politik für die Statistik seit Mitte des 20. Jahrhunderts. Im Kleinen, im ersten Schritt erstmal verständlich: Warum soll es nicht im Geiste demokratischer Politik sein zu ermitteln, was die Leute wollen? Bis dahin, dass es den Wahlkampf in New York oder Gelsenkirchen erleichtern kann zu wissen, wie oft eine dreißigjährige Angestellte mit zwei Kindern die öffentlichen Verkehrsmittel nutzt, wohin sie in Urlaub fährt, wie sie ihr Geld anlegt, ob sie der Wissenschaft vertraut etc. Dann weiß man, was sie von der Politik erwartet. Lepore nannte das den "turn to prediction". Doch es scheint mir auch ein anderer Modus des Denkens zu sein, für den man sich da entschied. Weg vom Einzelnen und hin zum statistischen Bürger, das bedeutet ja auch: weg vom Sinn und vom Verstehen hin zu Muster und Häufigkeit, weg von der Vergangenheit (durch die wir wurden, wer wir sind) und hin zur Vorhersage - durch die wir werden, wie wir es sollen, von leichter Hand unerkennbar geführt. Weg von der Hermeneutik, von der politischen Reflexion und einer möglichen Debatte hin zu einer Verwaltung von Erwartungen. (Die man nicht einmal als Projektionen "bearbeiten", geschweige denn diskutieren könnte, denn auf der Seite des Gegenübers gibt es ja kein Wesen mit Einbildungen, sondern nur einen Datensatz, eine Art Glaskugel der objektiven Häufigkeit.)
Vor gut fünfzig Jahren haben Journalisten der Washington Post (Verweser und Zugrunderichter 2026: Jeff Bezos) das Land gerettet, indem sie den Watergate-Skandal der Nixon-Regierung ans Tageslicht brachten. Diese Zeiten, so Lepore, seien vorbei. In der technologischen Entwicklung von Macht liege der eigentliche Grund für die Furcht um die Demokratie.
Zum schönen Teil - the fall of the artificial state - sind wir leider nicht mehr gekommen.
Elke Schmitter
Jill Lepore: "The Rise and Fall of the Artificial State", Freie Universität Berlin, 12.Februar 2026
Kommentieren



