ein wort gibt das andere

Alle sagen "Nie wieder!"

Exkurse ins Berliner Geistesleben. Von Elke Schmitter
30.01.2026. Michel Friedman lud anlässlich des Holocaust-Gedenktages Hape Kerkeling ins Berliner Ensemble um ihn zu fragen: Was hat sie versäumt, die Nie-wieder!-Generation, die Kerkeling verkörpert? Warum sitzen wir jetzt hier und sorgen uns um eine rechtsradikale Partei, die immer weiter wächst?
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Der 27. Januar, das ist so ein Tag. Der freilich gestaltet werden muss. Befreiung von Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee, ein internationales Datum des Gedenkens, seit die Vereinten Nationen das vor gut dreißig Jahren beschlossen. Die Zeitzeugen werden weniger; wer kann den jungen Leuten noch erzählen, wie es damals war, dem Schrecken eine Form geben, eine Art von Gehaltensein, wenn Berichtetes nicht auszuhalten ist? Als er vor nicht langer Zeit einen Anruf bekam, sagt Michel Friedman auf der Bühne des Berliner Ensembles, mit der Klage, die Zeitzeugen stürben weg, habe er geantwortet: Zeitzeugen gibt es immer noch genug. Laden Sie doch Ihren Opa ein!

   Friedman lässt die Pointe unkommentiert. Man stellt es sich selber vor, das Entsetzen auf der anderen Seite. Denn das hieße ja, ein Gespräch zu führen. Mit einem zu reden, der irgendwie 'dabei' war, es würde ja bedeuten, die mehr oder minder anschauliche Erzählung, 'wie es wirklich war', an dem zu messen, was man weiß. Und dann würde vermutlich geschehen, was nicht nur bei diesem Thema die Regel ist: die Erinnerung - wie man mit drin hängt in der Schuld, wie man schwarze Verantwortung auf sich geladen hat - , sie ist rätselhaft schmerzlos verschwunden. Kaum zehn Prozent junger Deutscher meinen, nach Jahrzehnten vorbildlicher Aufarbeitung, dass ihre Familie zur Täterseite gehörte. Es werden auch stetig weniger. Aber alle sagen "Nie wieder!"
   
      An diesem Abend des 27. Januar hat der Jurist und Publizist Friedman, Sohn von Überlebenden, in seiner Gesprächsreihe keinen Zeitzeugen zu Gast, weder von der einen noch von der anderen Seite. Sondern einen Komiker. Einen Unterhaltungskünstler, der, wie bei lustigen Männern in Deutschland üblich, dem Publikum ans Herz gewachsen ist. Sein Horst Schlämmer mit den großen Zähnen, seine Königin Beatrix mit den winkenden Händen, sie sind erstmal nicht wegzudenken, wenn Hape Kerkeling in einem graugrünen Anzug auf der Bühne Platz nimmt. Wie überhaupt willentliches Wegdenken dem menschlichen Gehirn nicht möglich ist, das ist ja der Trick, wenn einer sagt: Denken Sie jetzt nicht an ein metallic schimmerndes, 80erJahre Graugrün! - das dann natürlich nicht mehr aus dem Kopf zu kriegen ist. Die Frage, die Michel Friedman stellt, als er seinem Gast so nahe gegenüber Platz nimmt, dass seine Fußspitze fast dessen Schienbein berührt, diese Frage zielt aber nicht auf absichtliches Wegdenken, sondern auf dessen Gegenteil. Auf ein Vergessen gegen den Willen, gegen den Plan, entgegen sogar dem Tun. Denn an diesem 81. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz beginnt Friedman die Unterhaltung mit der Frage, was denn nun geworden ist aus dem deutschen 'Nie wieder'? Er zitiert den warnenden Bert Brecht, "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch", jenen emblematischen Überdruss-Satz, der bei diesem Thema immer fällt, und er fragt den 61jährigen Kerkeling als einen Zeugen der jetzigen Zeit: Warum sitzen wir hier und machen uns Sorgen? Über eine rechtsradikale Partei, die weiter wächst, über eine Brandmauer, die nicht hält, über ganze Gebiete in Deutschland, in denen sich jüdische, queere, schwarze Menschen bedroht fühlen müssen (weil sie es sind)? Über eine Nation, die ihren Rechtsterrorismus nicht ernst nehmen will? Und wissen nicht einmal, ob die Sorgen groß genug sind, wird das Unheil bedacht, das droht? Was hat sie versäumt, die Nie-wieder!-Generation, die Kerkeling verkörpert?
      
   Es ist ein Gewinn dieses Abends, dass Kerkeling und Friedman jegliches Schuld- und Reue-Ping-Pong vermeiden. Allerdings hat diese Vermeidung ihren Preis. Kerkeling erinnert sich mit der entwaffnenden Selbstverliebtheit eines sentimentalen Mannes im vorgerückten Alter an seine Zeit als Schulsprecher und die 'Woche des Holocaust', die sie als Unterrichtsstoff etablierten, übrigens gegen den Willen nicht der Lehrer, sondern der Eltern. Er erinnert sich, als ein Mann der Bühne in perfekt inszenierter Spontaneität, an seinen kommunistischen Großvater, Häftling der Nazis über zwölf Jahre, der ihm den Rat mitgab fürs Leben, sich immer schön ruhig zu verhalten. Und er gibt gewissermaßen zu Protokoll, dass er als homosexueller Mann eine Emigration aus Deutschland für angemessen hält, sollte die AfD regieren: "Ich möchte nicht den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden." Wer könnte da noch nach Verantwortung und Versäumnis fragen?
   
  Ein rundes, freundliches Wir geht durch das Berliner Ensemble, es wird von der Bühne ins Publikum getupft wie ein schimmernder Luftballon, ein Wir, das seine Bestimmung in einem fort wechselt, aber stets Entlastung bedeutet: Wir sind es, die mit Michel Friedman missbilligen, dass in deutschen Fußballstadien rassistische Sprechchöre nicht unterbunden werden; wir sind es, die es entsetzlich, aber notwendig - und in der Notwendigkeit erst recht entsetzlich - finden, dass jüdische Schulen bewacht werden müssen. Wir sind es, die finden, dass die AfD verboten gehört, und wir nicken bei Friedmans beiläufig-messerscharfer Feststellung, eine Partei, die demokratisch gewählt werden kann, sei deshalb noch nicht demokratisch. Eine Rechtsprüfung des AfD-Verbots ist die einzige konkrete Handlungsoption, die Kerkeling - ja, tatsächlich: beschwört. Und der Luftballon wechselt wieder die Farbe, von auberginendunkler Hoffnungslosigkeit zu einem zuversichtlichen Orange.
 
   Es ist eine schwierige Sache, möglicherweise schuldig zu sein und dabei erwachsen zu bleiben. Erst recht, wenn es um die Schuld des Versäumnisses geht. Etwas, das man nicht getan, sondern nur unterlassen hat. Wie lässt sich eine Atmosphäre schaffen, die weder zur defensiven Bockigkeit führt noch zu einem regressiven 'Wer weiß schon, wie es wirklich war?' In einem Gespräch in der taz, erschienen zum 27.1., führt der Historiker Götz Aly ein klassisches Aufarbeitungs-Dilemma an: Im Ausstellungskeller des Holocaustmahnmals "werden exemplarische Geschichten und anrührende Fotos ermordeter jüdischer Familien gezeigt. Mit ihnen soll man sich entsprechend dem Anne-Frank-Schema identifizieren." taz: "Was ja gut ist." Aly: "Ich lehne das nicht ab. Auf der einen Seite stehen die mühsam und dankenswerterweise immer häufiger rekonstruierten Geschichten der Opfer und auf der anderen Seite die der Verfolger und Mörder. Und dazwischen besteht ein luftleerer Raum, ein geschichtliches Vakuum." In diesem geschichtlichen Vakuum war einer wie Alys Vater tätig, ein Hitlerjugendfunktionär, der, wie Millionen anderer Deutsche, vom Nationalsozialismus erst einmal profitierte. Das Vakuum zu fassen, in dem 'wir' heute leben, das war ein Versuch dieses Abends, und für mich war vor allem triumphlose Ratlosigkeit in der Luft. Passend zur kahlen Bühne, wohltuend ohne Fahne und Gesteck.

Michel Friedman im Gespräch: Hape Kerkeling, "Respekt. Anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktages". Berliner Ensemble, 27.1.2026