07.01.2026. Gerade kann man in Paris einige spektakuläre Retrospektiven sehen: zu Gerhard Richter, Jacques Louis David, John Singer Sargent oder Magdalena Abakanowicz. Eine der schönsten - und seltensten - ist die Ausstellung von Werken Georges de La Tours im Musée Jacquemart André. 350 Jahre lang war der Barockmaler vergessen, bis er als Meister von Licht und Schatten wiederentdeckt wurde.
Nach längerer Zeit gibt es aus gegebenem Anlass wieder mal einen Ausflug in die Malerei. Dabei drehen wir anfangs eine kleine, deskriptive Schleife, um danach zum Ausgangspunkt zurückzukehren.
Wie vor ein paar Jahren in Fotolot vorhergesagt, ist Paris wieder zu einer Welthauptstadt der Kunst geworden. Auslöser dafür war der Brexit, der zur Folge hatte, dass Global Player des Kunstmarkts London verließen. Eine Zeitlang war Brüssel als Ausweichstation im Gespräch, aber es dürfte niemand verwundern, dass sich der internatonale Jet Set der Kunst am Ende für Paris entschied.
Große französische Kulturinstitutionen waren auch unter den Ersten, als die Länder der arabischen Halbinsel sich entschlossen, die Welt zu kaufen und das Ganze mit ungeheuren Investitionen in den Bereichen Sport und Kunst positiv zu bewerben. Dass zur selben Zeit die Wanderarbeiter auf den Baustellen zur Fußball WM in Katar wie die Fliegen starben, und die Anzahl der Hinrichtungen in Saudi-Arabien von 170 im Jahr 2023 auf 338 im Jahr 2024 anwuchs, sollte in einer Zeit, in der das Völkerrecht und die Menschenrechte drastisch an Bedeutung verlieren, niemand überraschen.
(Obwohl ich mich der Sünde der Abschweifung schuldig mache, kann ich den werten Lesern und Leserinnen meine Lieblings-Personalie in puncto saudisches Art-Washing einfach nicht vorenthalten: Hartwig Fischer musste als Direktor des "British Museum" in London zurücktreten, weil während seiner Amtszeit rund zweitausend Objekte aus dem Archiv verschwanden und illegal verkauft wurden. Da das in einem Land, in dem der Thronfolger folgenlos in einer Botschaft einen Journalisten zerstückeln lassen darf, nicht einmal Pipifax, sondern vielleicht sogar eine Qualifikation ganz eigener Art darstellt, ist Fischer nun als Direktor des "Museum of World Cultures" Mitglied der königlichen Museums-Kommission Saudi-Arabiens.)
Aber die Welt ist ein schizophrener Ort, in dem das Schöne unausweichlich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hässlichen existiert, das Wünschenswerte zum Unzumutbaren, das Banale zum Besonderen. Und so darf es niemand wundern, dass in Paris, dem neuen, europäischen Herzstück dieser skrupellosen, dazu heuchlerischen Veranstaltung namens "internationaler Kunstmarkt", zugleich Herzenswünsche des Publikums wahr werden, das Ausstellungen bestaunen kann, wie man sie am selben Ort zur selben Zeit kaum einmal zu sehen bekommt.
Gerade kann man in Paris die spektakulären Retrospektiven von Gerhard Richter, Jacques Louis David, John Singer Sargents und Georges de La Tour in Augenschein nehmen.
Georges de La Tour, Erbsen essendes Bauernpaar @ Staatliche Museen zu Berlin Statt auf Gerhard Richter möchte ich das Augenmerk auf ein herausragendes Kleinod richten, das im Gegensatz zu Richter so gut wie nie im Feuilleton vorkommt: die Ausstellung von Werken Georges de La Tours im Musée Jacquemart André. Georges de La Tour wurde 1593 im lothringischen Vic-sur-Seille als war Sohn des Bäckermeisters Jean de La Tour und seiner Frau Sybille als zweites von sieben Geschwistern geboren. Über seine Jugend ist ebenso wenig bekannt wie über sein weiteres Leben. Es gibt von de La Tour kein Abbild, keinen Brief und auch keinen Hinweis darauf, wo und bei wem er sein Handwerk erlernte.
Vierzig Jahre vor de La Tour trat Caravaggio auf den Plan, mit seiner Ästhetik des "Chiaroscuro", einer Malerei, die mit Hell/Dunkel-Effekten arbeitet, und mit starken, theatralischen Kontrasten. Das offene Fenster der Renaissance schloss sich wieder: Die Hintergründe im Bild werden undurchdringlich, der Bildaufbau ähnelt Bildausschnitten, die menschliche Figur wird skulptural gedacht - nicht anders als später bei de La Tour. Es gibt jedoch keinen Beleg dafür, dass de la Tour die Gemälde von Caravaggio gesehen hat, ja, dass er Florenz oder Rom jemals besucht hat.
Der Überlieferung nach hat de La Tour 1618 reich geheiratet, soll brutal, geizig und arrogant gewesen sein, worauf protokollierte Klagen verweisen, in denen ihm vorgeworfen wird, seine Bediensteten zu schlagen und einen Polizisten mit einer Pistole bedroht zu haben. Beim lothringischen Adel um Herzog Karl IV. hatte er als Maler früh durchschlagenden Erfolg, und konnte hohe Preise für seine Bilder verlangen. Als Lothringen im Dreißigjährigen Krieg Teil von Frankreich wurde und de La Tours Ländereien verwüstet wurden, hatte dieser schon vorgesorgt und wurde mit Protektion von Kardinal Richelieu Hofmaler Ludwigs XIII.
De La Tours frühe Arbeiten zeigen, mit Anlehnung an die niederländische Genremalerei, primär das ländliche Frankreich der Bauern und Mägde, dazu Straßenmusikanten und Bettler, die ums tägliche Überleben kämpfen. "Die Erbsenesser", eine Leihgabe aus der Berliner Gemäldegalerie, ist dafür ein gutes Beispiel. Den Gesichtern des Mannes und der Frau lässt sich nicht nur der Hunger, sondern alle Entbehrung und Verbitterung über ihr von Armut geprägtes Dasein ablesen, das de La Tour unbarmherzig ausleuchtet.
In den 1640er Jahren, als Teile Frankreichs nach dem Krieg auch noch von der Pest heimgesucht wurden, bildete de La Tour die Folgen dieser Verheerungen nicht ab, sondern wandte sich einem völlig neuen Genre zu, das das Elend der Zeit ausklammert. Die Beziehungen der Personen in Bildern wie "Die Wahrsagerin" oder "Der Falschspieler mit dem Karo-As" werden subtiler, hintergründiger, undurchsichtiger, und Frauen kommt darin eine starke Rolle zu. Das Bild wird eine Bühne, und wie bei Caravaggio werden Details wichtig für die visuelle Narration: Hände, Augen, Schmuck, Speis und Trank, dabei alles an der Grenze zum Burlesken.
Georges de La Tour, Die Wahrsagerin @ Metroplitan Museum of Art, NYC Nach dieser Phase vollzog de La Tour erneut einen Schwenk und setzte nächtliche, verschwiegene Situationen in Szene. Seine "Nocturnes" sind intimer als alles, was man dahingehend von Caravaggio kennt, und haben mit den Schrecken von Goyas späten "Schwarzen Bildern" nichts gemein. Lichtquelle ist oft nureine Kerze oder Fackel: getragen von Hiobs Frau, die ihrem nackt in einer Ecke kauernden Mann Vorhaltungen macht; auf dem Tisch stehend, neben dem sich der Heilige Franziskus mit geschlossenen Augen religiöser Ekstase hingibt; oder vor einer spärlich bekleideten Frau, die auf ihrem Bauch einen Floh fängt.
Nach der Revolution der Renaissance löste eine Epoche rasch die andere ab, ein Stil den anderen, und Künstler, die gerade noch alle Aufmerksamkeit auf sich zogen, konnten bald wieder aus der Mode sein. Dennoch ist es erstaunlich, wie rasch de La Tour nach seinem Tod 1652 völliger Vergessenheit anheim fiel. Seine Werke verschwanden gänzlich von der Bildfläche, ein Zustand, der dreihundertfünfzig Jahre anhielt. Von geschätzt vierhundert Bildern, die er gemalt haben soll, sind nur etwa fünfzig erhalten. Tauchte einmal ein Bild auf, wurde es Malern wie Caravaggio oder Zubaran zugeschrieben.
Georges de La Tour, Maria Magdalena @ Musée de Louvre Erst zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wurde er wiederentdeckt, und das ausgerechnet vom deutschen Kunsthistoriker Hermann Voss, der später als Adolf Hitlers Sonderbeauftragter den Raub europäischer Kunst für ein Führermuseum in Linz organisierte. Die erste größere Ausstellung gab's 1934 in der Pariser Orangerie, der damalige Direktor des Louvre ging von einem Flop aus - ein gewaltiger Irrtum.
In de La Tours besten Arbeiten finden sich Spuren einiger der eindrücklichsten Werke der europäischen Kunstgeschichte: die in transzendenter Einfachheit leuchtenden Fresken Fra Angelicos im Kloster San Marco in Florenz; die lebendige Theatralik Caravaggios; die psychologische Tiefe der Porträts von Velazquez; die ikonische Ruhe der feinen Damen bei Ingres.
Die Ausstellung läuft noch bis zum noch bis 25. Januar. So schnell wird man die weit verstreuten Bilder de La Tours nicht mehr an einem Ort versammelt finden. In diesem Sinn: Ein Muss für alle Freunde und Freundinnen der Kunst.
Peter Truschner truschner.fotolot@perlentaucher.de
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