ein wort gibt das andere
Er meint es natürlich luhmannhaft
Exkurse ins Berliner Geistesleben. Von Elke Schmitter
17.04.2026. Es geht um Liebe. Es hat kaum eine halbe Stunde gedauert, da hat Thorsten Peetz das Markt-Modell abgeräumt. In seiner Antrittsvorlesung an der Internationalen Psychoanalytischen Universität Berlin schlägt er ein anderes Modell vor, um die heutige digitale Partnersuche zu beschreiben, das der Organisation. Die Bäume aber grünen zart, die Tulpen leuchten, und die Kuscheltiere werden ausgesetzt.Am Geländer der Lessingbrücke, schönstes Schmiedeeisen im Jugendstil, hängt kein einziges Schloss. Noch hat sich in diesem Jahr hier keine Liebe verewigt, aber die kulturelle Paarungszeit hat ja erst vor gut drei Wochen begonnen. Ich bin unterwegs zur Internationalen Psychoanalytischen Universität Berlin, wo man seit 2009 die individuelle und die kollektive Psyche zusammen denkt. Und sicher gibt es kein Gefühl, bei dem wir uns so sicher sind, besonders und im Tiefsten wir selbst zu sein, und uns so darüber täuschen wie eben jenes. Aus dem heraus seit etwa zwanzig Jahren (der Verfilmung eines italienischen Romans Folge leistend) nicht nur zur Frühlingszeit Liebespaare Vorhängeschlösser, mit ihren Initialen verziert, an Brücken aufhängen und den Schüssel gemeinsam ins Wasser werfen: frisch verliebt und von nun an für ewig gebunden. Ganz für sich und doch wie alle anderen.
"Can't buy me love?" lautet der Titel der Antrittsvorlesung von Dr. Thorsten Peetz, Professor für Soziologie an der IPU, es geht um "Markt und Organisation in der digitalen Transformation des Kennenlernens" - also um die Liebe nicht nur als eine soziale Vereinbarung, sondern, gleichsam eine Steigerung der Entfremdung, auch noch als Geschäftsmodell. Die Zumutung (oder Erleichterung), ein seelisch ergreifendes Geschehen in den kühlen Termini der Wissenschaft verhandelt zu hören, erleben hier etwa fünfzig Menschen gemeinsam, Studierende wie Kolleginnen und lokale Interessierte. Es dürften mehr sein, insofern die Antrittsvorlesung als Genre verspricht, auch nicht Eingeweihten einen akademischen Einblick ins Thema zu geben. Und insofern man außerdem nicht annehmen kann, dass an diesem maienhaften Frühlingsabend im April, da die Bäume zart grünen, die Tulpen leuchten und Kuscheltiere aufgrund akuter Überflüssigkeit ausgesetzt werden (schon zwei allein auf dem Weg von Wilmersdorf nach Moabit), die Menschen mit Liebeswerben in Kneipen oder Parks beschäftigt wären: immer mehr, je nach Umfragezuschnitt um die 50 Prozent, sucht digital nach einem Partner für die physische und psychische Berührung. Sitzen also - wir alle kennen die Bilder, oft in aufklärend-mahnender Absicht verwendet - an ihren Smartphones und wischen potenzielle significant other nach links oder rechts, in den Abgrund oder die Zukunft, den Chancen und Risiken der unmittelbaren Gegenwart abhold… Mit dieser Art Kulturkritik hält Peetz sich allerdings nicht auf. Die Soziologie versucht, ihrem Ethos nach, eher zu erklären als zu bewerten. Wie innig das aber zusammenhängt!
Denn Peetz - der seinen professoralen Einstand souverän, zugleich mit Debütantenfreude gibt - widerspricht einem Modell der Liebe, für das beispielhaft das Werk der Soziologin Eva Illouz ("Warum Liebe weh tut") steht und das gegenwärtig paradigmatische Bedeutung hat. Die Rede ist von der Romantik als einem Wurmfortsatz des Kapitalismus, einem marktförmigen Verhängnis, das die Individuen moderner, kulturell westlich geprägter Gesellschaften gegen ihren Willen zu Zynikern, zu Einsamen und Frustrierten macht. Die sich als liebessuchende Einzelne zwar voller Hoffnung der digitalen Partnersuche widmen, so uneingeschränkt von Klassengrenzen, von ethnischen, religiösen und familiären Verboten wie nie zuvor in der Geschichte - und insofern mit nie gekannten Chancen auf frei gewählte, glückliche Verbindungen. Die jedoch andererseits in der Uferlosigkeit des libidinösen Angebots, in der Konkurrenz der Selbstentblößung und in der schlechten Unendlichkeit des Optimierungswahns (bei dem immer noch etwas Besseres möglich scheint) als Vereinzelte untergehen. Und dann in die Verzweiflung sinken, ohne Halt in jenen Strukturen zu finden, welche die Liebeswahl traditionell über Jahrhunderte diktiert oder verhindert, in jedem Fall aber gestaltet haben: die strengen oder auch weitsichtigen Familien, die Dorfgemeinschaft wie die Stadtgesellschaft, die Kirche oder der Gotha. Wer heute romantisch scheitert, das ist die bittere Konsequenz der radikalen gesellschaftlichen Freiheit, ist allein dafür verantwortlich. Er war als Marktteilnehmer schließlich vollkommen souverän in all seinen Entscheidungen.
Peetz geht auf diese zeitgenössischen Düsternis nicht eigens ein. Stattdessen widmet er sich mit hintergründigem Witz der bescheiden daherkommenden Frage, wie marktförmig die digitale Partnersuche denn tatsächlich sei. Er untersucht also lediglich die Voraussetzung einer gefühlten Selbstverständlichkeit. Ein Markt, so Peetz, definiert sich durch Konkurrenten um ein knappes Gut, die sich wechselseitig beobachten; die Bewertung des Gutes erfolgt über das Medium Geld. Ob es um Erde oder um seltene Erden geht, um Aktien, Juwelen oder Saisongemüse: das seien die konstitutiven Faktoren. Betrachte man nun unter dieser Brille die digitalen Partnervermittlungen wie Tinder, Bumble, Parship et cetera, so, stellt er fest, könne man von einem Markt eigentlich nicht sprechen.
Die Konkurrenten nämlich beobachteten sich keineswegs, ja, sie wüssten nicht einmal, ob es überhaupt welche gibt (die sich gerade, wie sie, um einen Kontakt bewerben). Auch sei bei den Agenturen für Hetero-Vermittlung (Peetz' Untersuchungsgegenstand) eine unmittelbare vergleichende Bewertung in der Regel technisch nicht möglich; Profile könnten kaum nebeneinander betrachtet werden. Und schließlich: ja, das Medium Geld spiele eine Rolle, so man sich für eine kostenpflichtige Vermittlung entscheide. Aber verglichen mit der Partnersuche vergangener Epochen hätten ökonomische Faktoren in der Selbst- wie in der Suchbeschreibung immer mehr an Bedeutung verloren. Stattdessen seien Hobbies, Ernährungsgebote, esoterische wie sexuelle Vorlieben und natürlich die äußere Erscheinung für die Beziehungsaufnahme entscheidend. (Dass bei all dem Klassenfragen beziehungsweise finanzielle Ressourcen im Hintergrund bestimmend sind: geschenkt, da Peetz hier nur das Kennenlernen als "Marktgeschehen" prüft. Und da überbieten die Konkurrenten sich nicht mit Geld, wird kein Preis hochgetrieben.)
Es hat kaum eine halbe Stunde gedauert, bis Peetz das Markt-Modell abgeräumt hat. Was schlägt er stattdessen vor? Die Organisation. Ein Wort (für mich, die gerade aus Sizilien kommt) wie aus einem Film über die Mafia. Doch meint er es natürlich luhmannhaft, mit jener schwebenden Ironie, die, allein durch die Nüchternheit der Betrachtung, aus dem Ätna die Zugspitze macht. Organisationen regeln sich, im Unterschied zu Märkten, nicht über Preise, nicht über Knappheit, Begehren und Konkurrenz. Sondern über "Regulierungsgegenstände" und Verhalten, über Eintritts- und Austrittsentscheidungen. Dies alles sieht Peetz in den digitalen Agenturen für libidinöse Abenteuer fast aller Art: Dort ist vorausgesetzt, dass das Individuum mit sich selbst identisch ist (fake identities, auch Gruppen sind nicht zugelassen). Es gibt klare Nutzungsbedingungen beziehungsweise einen Verhaltenskodex (Ausschluss von Rassenhass, Exhibitionismus et cetera), und die Inhalte selbst sind ebenso reguliert (kein obszönes Material, keine Gewaltdarstellung). Der Zugang zur Kommunikation untereinander wird von Instanzen gesteuert, die nicht Teil des Geschehens sind, und wer sich nicht an die Richtlinien hält, der wird von ihnen ausgeschlossen. Das alles ist in meinen Ohren von einem Ruderclub, aber auch von einer Kirche oder einer NGO nicht zu unterscheiden. Was aber bedeutet das für die so verführerische Verbindung von Kultur- und Kapitalismuskritik, von Seelenweh und Verfallsgeschichte, die uns so selbstverständlich geworden ist? Ich gehe ratlos, aber eigentümlich gestärkt ins Freie.
Elke Schmitter
"Can't buy me love? Markt und Organisation in der digitalen Transformation des Kennenlernens", Thorsten Peetz, IPU Berlin, 15.April.
"Can't buy me love?" lautet der Titel der Antrittsvorlesung von Dr. Thorsten Peetz, Professor für Soziologie an der IPU, es geht um "Markt und Organisation in der digitalen Transformation des Kennenlernens" - also um die Liebe nicht nur als eine soziale Vereinbarung, sondern, gleichsam eine Steigerung der Entfremdung, auch noch als Geschäftsmodell. Die Zumutung (oder Erleichterung), ein seelisch ergreifendes Geschehen in den kühlen Termini der Wissenschaft verhandelt zu hören, erleben hier etwa fünfzig Menschen gemeinsam, Studierende wie Kolleginnen und lokale Interessierte. Es dürften mehr sein, insofern die Antrittsvorlesung als Genre verspricht, auch nicht Eingeweihten einen akademischen Einblick ins Thema zu geben. Und insofern man außerdem nicht annehmen kann, dass an diesem maienhaften Frühlingsabend im April, da die Bäume zart grünen, die Tulpen leuchten und Kuscheltiere aufgrund akuter Überflüssigkeit ausgesetzt werden (schon zwei allein auf dem Weg von Wilmersdorf nach Moabit), die Menschen mit Liebeswerben in Kneipen oder Parks beschäftigt wären: immer mehr, je nach Umfragezuschnitt um die 50 Prozent, sucht digital nach einem Partner für die physische und psychische Berührung. Sitzen also - wir alle kennen die Bilder, oft in aufklärend-mahnender Absicht verwendet - an ihren Smartphones und wischen potenzielle significant other nach links oder rechts, in den Abgrund oder die Zukunft, den Chancen und Risiken der unmittelbaren Gegenwart abhold… Mit dieser Art Kulturkritik hält Peetz sich allerdings nicht auf. Die Soziologie versucht, ihrem Ethos nach, eher zu erklären als zu bewerten. Wie innig das aber zusammenhängt!
Denn Peetz - der seinen professoralen Einstand souverän, zugleich mit Debütantenfreude gibt - widerspricht einem Modell der Liebe, für das beispielhaft das Werk der Soziologin Eva Illouz ("Warum Liebe weh tut") steht und das gegenwärtig paradigmatische Bedeutung hat. Die Rede ist von der Romantik als einem Wurmfortsatz des Kapitalismus, einem marktförmigen Verhängnis, das die Individuen moderner, kulturell westlich geprägter Gesellschaften gegen ihren Willen zu Zynikern, zu Einsamen und Frustrierten macht. Die sich als liebessuchende Einzelne zwar voller Hoffnung der digitalen Partnersuche widmen, so uneingeschränkt von Klassengrenzen, von ethnischen, religiösen und familiären Verboten wie nie zuvor in der Geschichte - und insofern mit nie gekannten Chancen auf frei gewählte, glückliche Verbindungen. Die jedoch andererseits in der Uferlosigkeit des libidinösen Angebots, in der Konkurrenz der Selbstentblößung und in der schlechten Unendlichkeit des Optimierungswahns (bei dem immer noch etwas Besseres möglich scheint) als Vereinzelte untergehen. Und dann in die Verzweiflung sinken, ohne Halt in jenen Strukturen zu finden, welche die Liebeswahl traditionell über Jahrhunderte diktiert oder verhindert, in jedem Fall aber gestaltet haben: die strengen oder auch weitsichtigen Familien, die Dorfgemeinschaft wie die Stadtgesellschaft, die Kirche oder der Gotha. Wer heute romantisch scheitert, das ist die bittere Konsequenz der radikalen gesellschaftlichen Freiheit, ist allein dafür verantwortlich. Er war als Marktteilnehmer schließlich vollkommen souverän in all seinen Entscheidungen.
Peetz geht auf diese zeitgenössischen Düsternis nicht eigens ein. Stattdessen widmet er sich mit hintergründigem Witz der bescheiden daherkommenden Frage, wie marktförmig die digitale Partnersuche denn tatsächlich sei. Er untersucht also lediglich die Voraussetzung einer gefühlten Selbstverständlichkeit. Ein Markt, so Peetz, definiert sich durch Konkurrenten um ein knappes Gut, die sich wechselseitig beobachten; die Bewertung des Gutes erfolgt über das Medium Geld. Ob es um Erde oder um seltene Erden geht, um Aktien, Juwelen oder Saisongemüse: das seien die konstitutiven Faktoren. Betrachte man nun unter dieser Brille die digitalen Partnervermittlungen wie Tinder, Bumble, Parship et cetera, so, stellt er fest, könne man von einem Markt eigentlich nicht sprechen.
Die Konkurrenten nämlich beobachteten sich keineswegs, ja, sie wüssten nicht einmal, ob es überhaupt welche gibt (die sich gerade, wie sie, um einen Kontakt bewerben). Auch sei bei den Agenturen für Hetero-Vermittlung (Peetz' Untersuchungsgegenstand) eine unmittelbare vergleichende Bewertung in der Regel technisch nicht möglich; Profile könnten kaum nebeneinander betrachtet werden. Und schließlich: ja, das Medium Geld spiele eine Rolle, so man sich für eine kostenpflichtige Vermittlung entscheide. Aber verglichen mit der Partnersuche vergangener Epochen hätten ökonomische Faktoren in der Selbst- wie in der Suchbeschreibung immer mehr an Bedeutung verloren. Stattdessen seien Hobbies, Ernährungsgebote, esoterische wie sexuelle Vorlieben und natürlich die äußere Erscheinung für die Beziehungsaufnahme entscheidend. (Dass bei all dem Klassenfragen beziehungsweise finanzielle Ressourcen im Hintergrund bestimmend sind: geschenkt, da Peetz hier nur das Kennenlernen als "Marktgeschehen" prüft. Und da überbieten die Konkurrenten sich nicht mit Geld, wird kein Preis hochgetrieben.)
Es hat kaum eine halbe Stunde gedauert, bis Peetz das Markt-Modell abgeräumt hat. Was schlägt er stattdessen vor? Die Organisation. Ein Wort (für mich, die gerade aus Sizilien kommt) wie aus einem Film über die Mafia. Doch meint er es natürlich luhmannhaft, mit jener schwebenden Ironie, die, allein durch die Nüchternheit der Betrachtung, aus dem Ätna die Zugspitze macht. Organisationen regeln sich, im Unterschied zu Märkten, nicht über Preise, nicht über Knappheit, Begehren und Konkurrenz. Sondern über "Regulierungsgegenstände" und Verhalten, über Eintritts- und Austrittsentscheidungen. Dies alles sieht Peetz in den digitalen Agenturen für libidinöse Abenteuer fast aller Art: Dort ist vorausgesetzt, dass das Individuum mit sich selbst identisch ist (fake identities, auch Gruppen sind nicht zugelassen). Es gibt klare Nutzungsbedingungen beziehungsweise einen Verhaltenskodex (Ausschluss von Rassenhass, Exhibitionismus et cetera), und die Inhalte selbst sind ebenso reguliert (kein obszönes Material, keine Gewaltdarstellung). Der Zugang zur Kommunikation untereinander wird von Instanzen gesteuert, die nicht Teil des Geschehens sind, und wer sich nicht an die Richtlinien hält, der wird von ihnen ausgeschlossen. Das alles ist in meinen Ohren von einem Ruderclub, aber auch von einer Kirche oder einer NGO nicht zu unterscheiden. Was aber bedeutet das für die so verführerische Verbindung von Kultur- und Kapitalismuskritik, von Seelenweh und Verfallsgeschichte, die uns so selbstverständlich geworden ist? Ich gehe ratlos, aber eigentümlich gestärkt ins Freie.
Elke Schmitter
"Can't buy me love? Markt und Organisation in der digitalen Transformation des Kennenlernens", Thorsten Peetz, IPU Berlin, 15.April.
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