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Vor allem bin ich Realist

Über Bücher, Bilder und Ausstellungen
27.03.2026. Bereits im Bild "Zwei Mädchen am Ufer der Seine" (1856/57) schien es den männlichen Kritikern beruhigender, in ihnen (völlig abwegig) zwei Prostituierte auf Kundenfang zu sehen als zwei junge Frauen, die sich die Zeit so vertreiben, wie es ihnen gerade passt. Diese Gelassenheit ist auch ein Markenzeichen des legendären Bildes "Der Ursprung der Welt" (1866), das bei gespreizten Beinen eine Vulva zeigt, ohne dabei ins Pornografische abzugleiten. Es ist kein Zufall, dass neben den Akten Bilder einer unverbauten, nicht eingehegten Natur im Vordergrund stehen. Im Wiener Leopold Museum ist derzeit eine große Courbet-Retrospektive zu sehen. 
Der Frühling kommt, Ostern steht vor der Tür, und es stellt sich für alle, die noch nichts geplant haben, die Frage: Was tun? Und, falls man an eine kurze Reise denkt: wohin? 

Für Unentschlossene bietet sich ein Ausflug nach Wien an, das wie Florenz oder Paris gerade im Frühling immer eine Reise wert ist, erst recht dieses Jahr, wo es im Leopold Museum mit "Realist und Rebell" die erste umfassende Einzelausstellung zum Werk von Gustave Courbet (1819-1877) in Österreich zu sehen gibt, die rund hundertdreißig Exponate - darunter neunzig Gemälde - aus allen Schaffensphasen versammelt.

Gustave Courbet wurde 1819 in Ornans geboren, das eingebettet an der Grenze zur Schweiz in der hügelige Landschaft des französischen Jura liegt, dessen Feldwege, Flussläufe und Höhlen Courbet in zahlreichen Bildern verewigt hat. Sein Vater war ein wohlhabender und belesener Gutsbesitzer, der zur Entspannung gerne auf der Flöte spielte, und Agrarreformen anstoßen wollte, damit jedoch scheiterte. Der junge Courbet geriet ganz nach diesem temperamentvollen und ehrgeizigen Vater, und nicht nach der Mutter, einer sanftmütigen und frommen Frau, die sich ganz in den Dienst ihrer Familie stellte. Zu ihrem Entsetzen weigerte sich Gustave im Alter von vierzehn Jahren, zur Beichte zu gehen und die Kommunion zu empfangen. Den Vater wiederum enttäuschte er, weil er nicht die für ihn vorgesehene Anwalts-Karriere einschlagen, sondern Maler werden wollte, nachdem ihm ein ehemaliger Schüler des berühmten Malers Jacques Louis David außergewöhnliches Talent bescheinigt hatte.

Vor Angst Wahnsinniger © The National Museum of Norway | Foto: Nasjonalmuseet/Børre Høstland

Der Vater gab nach, und Courbet brach 1839 nach Paris auf. Dort wurde er sich selbst zum bevorzugten Modell, und setzte sich als Raucher und Violinspieler, Verzweifelter mit entsetzten Blick und als "Vor Angst Wahnsinniger" (1843-45) über einem Abgrund schwebend in Szene. Bemerkenswert ist dabei die Dramatik der Posen, und die dabei trotz zunehmend pastosem Farbauftrag (Courbet setzte gern sein Palettemesser ein) distanzierte Betrachtungsweise, die später in monumentalen Hauptwerken wie "Das Begräbnis von Ornans" (1850) und "Das Ateliers des Künstlers" (1855) gipfelt. (Beide können aufgrund ihres fragilen Zustands das Musée d'Orsay leider nicht mehr verlassen.) 

Die von allen Seiten hochgeschätzte Historienmalerei à la David sowie mythologische Sujets à la Poussin lässt er bald hinter sich. Stattdessen treten einfache Menschen aus seinem heimatlichen Umfeld - Arbeiter, Bäuerinnen, Händler - in seiner Arbeit in einer Weise hervor, die bis dahin weltlichen und religiösen Helden vorbehalten war. Wie schon de La Tour orientierte er sich dabei mehr an der niederländischen als an der französischen Malerei. Unter den französischen Malern bevorzugte er Delacroix eindeutig vor zeitgenössischen Genremalern wie Chenavard oder Cabanel, die regelmäßig lukrative Aufträge von staatlicher Seite bekamen.

Ein frühes Hauptwerk dieser künstlerischen Neuorientierung ist "Nach dem Abendessen in Ornans" (1849). Die großformatige Darstellung einer alltäglichen Szene wurde im Pariser Salon ausgezeichnet und vom französischen Staat angekauft - ein erster, großer Erfolg in einer Zeit, in der ein finanzstarkes Bürgertum immer mehr Einfluss gewann, und aristokratische und klerikale Strukturen in den Hintergrund zu drängen versuchte. 

Der Erfolg stand jedoch auf wackeligen Füßen. In den Jahren darauf wurden die "Drei Dorfmädchen" (1851) von der Kritik zerrissen, und "Das Begräbnis von Ornans" vom Salon abgelehnt, weil es die religiösen Gefühle verletzte. "Der Steinklopfer" (1849) sorgte wiederum wegen seiner stilistischen Freiheiten für Empörung. Die Skandale beförderten seinen Ruhm, die Karikaturisten der Pariser Magazine fielen über ihn her und machten ihn zum Tagesgespräch. 1851 bekannte er offen in einem Magazin: "Ich bin Sozialist, Demokrat und Republikaner, (…) und vor allem bin ich Realist, denn Realist sein bedeutet, ein aufrichtiger Freund der Wahrheit zu sein." Allerdings wird er Jahre später behaupten, dass "mir der Begriff 'Realist' aufgedrängt wurde. Zu keiner Zeit hat ein solches Etikett eine richtige Vorstellung von den Dingen gegeben."

Solche Reden führte er vor allem seit Ende der vierziger Jahre gerne in der Brasserie Andler mit Gleichgesinnten wie dem Dichter Charles Baudelaire und dem Sozialphilosophen Joseph Proudhon, von dem das Bonmot "Eigentum ist Diebstahl" stammt. Sein Selbstbewusstsein zeigt sich in seinem Bild "Die Begegnung" (1854, auch bekannt als "Bonjour, Monsieur Courbet"), wo er seinem Mäzen Alfred Bruyas in freier Natur auf Augenhöhe begegnet. Baudelaire wird 1862 über die französische Malerei vor Courbet schreiben: "Meist anspruchsvolle Machwerke, dabei jedoch hübsch, albern, geschraubt. Eine Armut an Ideen, eine Kleinkrämerei des Ausdrucks."

Die Begegnung  © Musée Fabre de Montpellier Méditerranée Métropole, Foto: Frédéric Jaulmes

Als seine Werke 1855 bei der Pariser Weltausstellung nur unzureichend berücksichtigt wurden, reagierte er mit der Errichtung eines eigenen Ausstellungspavillons und stellte darin neununddreißig Arbeiten aus, allen voran das monumentale "Atelier", in dem nur ein Besucher "eines der ungewöhnlichsten Werke unserer Zeit" erkannte, vor dem er eine geschlagene Stunde zubrachte: Eugene Delacroix.

In den folgenden Jahren wuchs Courbets Ruhm über Frankreich hinaus, er feierte große Ausstellungs- und Verkaufserfolge in Amsterdam, Antwerpen und Frankfurt. Nachdem die großen, öffentlichen Aufträge in Paris dennoch jedoch weiter an ihm vorüber gingen und nachdem ihn der bayerische König Ludwig II. zum Ritter geschlagen hatte, überlegte er Ende der sechziger Jahre kurz, sein Domizil in München aufzuschlagen - eine Idee, die umgehend wieder zerbrach, als sich Bayern gegen Frankreich mit Preußen verbündete.

Ab den sechziger Jahren entwickelte er seinen Malstil entscheidend weiter, vor allem an landschaftlichen Motiven seiner Heimat und dem weiblichen Akt. Alle Elemente büßen dabei bewusst an räumlicher Tiefe ein und ordnen sich auf einer einheitlichen Ebene an. Mit dem abwechselnden Gebrauch von Pinsel und Palettenmesser setzt er das Bild aus übereinander gelagerten Farbschichten zusammen, da es ihm nicht um einen naturalistische Illusion geht, sondern um eine möglichst haptische Erfahrbarkeit von Materialität, womit er von einem Realisten zu einem Wegbereiter der modernen Malerei wird.

In Courbets frühen weiblichen Akten gibt es noch die für jeden Realismus und Klassizismus unerlässliche, farbliche Kohärenz der Haut, wie man sie noch von Ingres' wunderbaren Porträts von standesbewussten Frauen der besseren Gesellschaft und seinen Fantasien von badenden Nackten in türkischen Bädern kennt. Bei Courbets "Schlafenden Frau mit den roten Haaren" (1864) hingegen schimmert es unter der Haut blau, grün, gelb, rot - ebenso Hinweis auf die verborgene Tätigkeit der Organe wie auf das vor dem menschlichen Auge gänzlich verborgene Traumgeschehen. Der männliche Blick auf die schöne, nackte Frau ist präsent - gleichzeitig wirken die Frauen, als könnten sie auf Männer und deren Anerkennung komplett verzichten.

Die Schläferinnen © Petit Palais, musée des Beaux-Arts de la Ville 

Bereits im Bild "Zwei Mädchen am Ufer der Seine" (1856/57) schien es den männlichen Kritikern beruhigender, in ihnen (völlig abwegig) zwei Prostituierte auf Kundenfang zu sehen als zwei junge Frauen, die sich die Zeit so vertreiben, wie es ihnen gerade passt. Diese Gelassenheit ist auch ein Markenzeichen des legendären Bildes "Der Ursprung der Welt" (1866), das bei gespreizten Beinen eine Vulva zeigt, ohne dabei ins Pornografische abzugleiten. Es ist kein Zufall, das neben den Akten Bilder einer unverbauten, nicht eingehegten Natur im Vordergrund stehen, Flussläufe, Grotten, Quellen und spät auch das Meer - Bilder kraftvoller, unmittelbarer Natürlichkeit, in denen sich Courbet stilistisch als Vorgänger von Monet erweist.

Die Anerkennung dafür wurde ihm jedoch nicht mehr zuteil. 

© Museum Folkwang, Essen

Nach dem neuerlichen Sturz der Regierung wählte man ihn 1869 zum Präsidenten der Republikanischen Kunstkommission. Nach der brutalen Auflösung der Pariser Kommune wurde er wegen der Zerstörung der Vendôme-Säule (die er gar nicht beauftragt hatte) zu sechs Monaten Gefängnis und fünfhundert Francs Geldstrafe verurteilt. Später verlangte die französische Regierung Schadenersatz in Höhe von dreihundertfünfzigtausend Francs. Er ging ins Exil an den Genfer See, woraufhin der französische Staat seinen in Frankreich verbliebenen Besitz beschlagnahmte. Verschuldet und verbittert verfiel er dem Alkohol und starb 1877 an den Folgen seiner Wassersucht im Schweizer Exil.
 
Beim Verlag Walther König ist ein prächtiger Band zur Ausstellung erschienen, den es wie immer bei eichendorff21, dem Kunstbuchladen des Perlentaucher, zu kaufen gibt.

Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentaucher.de


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In eigener Sache:

Am 2. und 3. Mai veranstalte ich in Berlin einen Workshop zum Zusammenspiel von Text und Bild in der künstlerischen Praxis. Anmeldefrist ist der 18. April. Mehr Informationen gibt es dazu auf BerlinPhotoWorkshops.



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