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Blick für die Komposition

Über Bücher, Bilder und Ausstellungen Von Peter Truschner
20.04.2026. Kriegsfotografie zeigt oft entsetzliche Szenen. Noch unbehaglicher ist der irgendwie schreckliche, ästhetische Reiz, der von ihr ausgehen kann. Besonders bei einem Meister wie James Nachtwey, dessen Fotografien derzeit in der Berliner Fotografiska zu sehen sind.
Ukraine. Sudan. Gaza. Venezuela. Iran. Libanon. Und vielleicht bald Kuba. Der Krieg und die militärische Intervention sind mit aller Macht zurück auf der Bühne der Weltpolitik. Um nicht apathisch vor dem Sperrfeuer der Schreckensmeldungen auf allen Kanälen zu resignieren, hier ein paar Gedanken zum Krieg, und zur Rolle der Fotografie darin. 

Auf Heraklit geht der Satz zurück, dass der Krieg der Vater aller Dinge sei. Heraklit meinte das jedoch weniger militärisch, als dass gesellschaftlicher Wandel seiner Meinung nach notwendig über Konflikte vonstatten geht. Um die wirklich wichtigen Dinge würden unweigerlich heftige Auseinandersetzungen geführt, die am Ende in Summe zu einer neuen Ordnung führen. 

Heraklit dachte in strengen Gegensätzen, gut/böse, alt/jung, krank/gesund, und diplomatisches Geschick stand 500 v. Ch. nicht wirklich hoch im Kurs. Er gibt auch keine Wertung dazu ab, ob die neue Ordnung eine gute oder schlechte ist und die Lebenssituation der meisten Menschen verbessert. Aber da er glaubte, dass alles in stetiger Veränderung begriffen und dadurch nie abgeschlossen war (über die Ende des Zwanzigstens Jahrhunderts viel diskutierte These des Historikers Samuel P. Huntington vom "Ende der Geschichte" hätte er nur gelacht), ist jede neue oder wieder hergestellte Ordnung nur eine Momentaufnahme, ein Entwurf, der irgendwann unweigerlich wieder bearbeitet oder ganz fallen gelassen wird.


© James Nachtwey

In seinem zwischen 1816 und 1830 entstandenen Hauptwerk "Vom Kriege", nannte das langjährige Mitglied des preußischen Generalstabs Carl von Clausewitz den Krieg "nur eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln". Das hört sich etwas abstrakt an, ein anderer, weitaus seltener zitierter Satz aus dem Buch wird da schon konkreter: "Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen." Um die Kriegsziele zu erreichen, ist letztlich alles erlaubt, "worin der menschliche Verstand ein Hilfsmittel entdeckt, also alle moralischen und physischen Kräfte des Staates".

Wer sich rücksichtslos aller ihm zur Verfügung stehenden Mittel bedient, führt irgendwann einen "absoluten Krieg", den Clausewitz aus rationalen Gründen jedoch ablehnt, weil der Preis selbst für die am Ende siegreiche Partei zu hoch ist. Der "totale Krieg" (Erich Ludendorff) steht hundert Jahre später bei den Nationalsozialisten hingegen hoch im Kurs. Ihr Kronjurist Carl Schmitt ist der Denker des "Ausnahmezustands". In ihm erst kann sich die Feindschaft als Conditio Humana und die daraus resultierende Realität des Kampfes voll entfalten, bei dem es am Ende um das Töten des Feindes geht. Heideggers "Sein zum Tode" ist bei Schmitt ein "Sein zum Töten", oder zumindest die Bereitschaft dazu. Im Ausnahmezustand entfaltet sich der von Zivilisation nur oberflächlich verhüllte feindliche Kern aller Dinge.

Aktuell scheint es, als würden sich feindliche und kriegerische Handlungen wieder Geltung verschaffen - wobei man nicht vergessen darf, dass es wiederum ein Krieg war, nämlich der Kalte, der zu einer merkwürdigen, mit der Zeit stabilen Balance feindlicher Kräfte geführt hat. Nun aber sind die klassischen Kriegsgründe wieder an vielen Fronten entfesselt: Nationalismus, hegemonialer Imperialismus, religiös fundierter Terror,  Kampf um ökonomische Ressourcen. 

Seit dem Amerikanischen Bürgerkrieg begleiten Fotografen und Fotografien das Kriegsgeschehen in aller Welt. Manche Aufnahmen haben ikonischen Status erreicht und stellen Anklagen dar gegen die Brutalität des Krieges und der Opfer, die er hervorbringt. Ein Höhepunkt dieser Entwicklung sind die Fotos von Fotoreportern aus dem Vietnamkrieg, deren ungeschönte, heftige Darstellung der Geschehnisse vor Ort letztlich mit verantwortlich war, dass sich die amerikanische Gesellschaft mit der Zeit mehrheitlich gegen den Krieg positionierte.

Das US-Militär hat daraus seinen Lehren gezogen. Nie mehr gab es danach noch einmal einen derart unverstellten Zugang zum Frontgeschehen. Die Kriegszonen im Iran, im Libanon und in Gaza darf nur eine von der Heeresführung handverlesene Schar betreten und wird dabei penibel betreut. Wer es ohne Schutz auf eigene Faust versucht, geht das Risiko ein, im Zuge der Auseinandersetzungen getötet zu werden. In Russland kann man sich bei kritischen Fotos gleich aufs Straflager einstellen. Und mit Hilfe von KI ist der Fabrikation falscher Bilder Tür und Tor geöffnet, die Evidenzkraft von Fotos grundsätzlich infrage gestellt.

© James Nachtwey

Ein Aspekt, über den man nur mit Unbehagen spricht, ist der irgendwie schreckliche, ästhetische Reiz, der von gelungener Kriegsfotografie ausgeht. Exemplarisch steht dafür Robert Capas Foto aus dem Spanischen Bürgerkrieg, in dem ein Kämpfer genau in dem Augenblick, in dem er die Deckung verlässt, tödlich von einer Kugel getroffen wird (eine Aufnahme, die heute unter dem Verdacht steht, gestellt zu sein). Oder Philip Jones Griffths' Sammelband "Dunkle Odyssee" mit Fotografien von diversen Kriegsschauplätzen, allen voran aus Vietnam, wo sich Grauen und Hoffnung, Alltag und Exzess, Zivilisten und Soldaten auf eine Weise begegnen, der man im Grunde sprachlos gegenüber steht. Werner Herzog wurde für die schreckliche Schönheit seines Films über den Ersten Golfkrieg, "Lektionen in Finsternis", bei dessen Vorführung auf der Berlinale von Teilen des Publikums beschimpft und von einer Frau nach der Podiumsdiskussion angespuckt.

Die Kriegsfotografie regelrecht zu einer Kunst erhoben hat der 1948 in Syracus/NY geborene, weltberühmte Fotograf James Nachtwey. In der Berliner Fotografiska gibt es nun eine Auswahl von ihm selbst und der Kuratorin Claire Ducresson Boët zusammengestellter Arbeiten unter dem Titel "Memoria".

Nachtweys Blick für die Komposition ist einfach großartig. Auch, wenn sie inmitten von Chaos und lebensbedrohlichen Situation entstehen, wirkt in seinen Fotografien eine große, gestalterische Klarheit des Blicks. Hin und wieder denkt man ein Tableau Vivant, und weiß dabei natürlich, dass Schnelligkeit und Entschlusskraft eine große Rolle spielen. Wobei es weniger um den Fokus auf das Wesentliche, sondern um die Fähigkeit geht, unterschiedliche, teils widerstrebende Elemente in einem Foto zu amalgamieren. 

© James Nachtwey

Im ukrainischen Charkiw versucht 2022 im Vordergrund ein Mann mit einem vollbepackten Fahrrad hinter ihm in einem großen Feuerball detonierenden, russischen Raketen zu entkommen. Im rumänischen Sasca zeigt Nachtwey hinter in weiß gestrichenen Gitterbetten gleichgültig aufbewahrte Waisenkinder. In Zaire hängt 1994 eine körperlich verunstaltete Ebola-Leiche aus einem LKW, der sie und andere Tote in einem Massengrab entsorgt. Im bosnischen Mostar feuert 1993 ein Bürgerkriegskämpfer unter dem Schutz einer Markise mit einem Maschinengewehr auf ein Ziel auf der Straße. In New Orleans wird 1995 ein schwarzer Junge von einem weißen Polizisten mit ausgebreiteten Armen am Boden fixiert und mit einer Pistole bedroht  - ein Bild, irgendwo zwischen Goya und Weegee.

Die Ausstellung läuft noch bis 3. Mai - unbedingt anschauen.

Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentaucher.de

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In eigener Sache:

In der Berliner "Galerie Alles Mögliche" läuft jetzt meine Ausstellung "I don't like Paradise".
Und beim meinem, im letzten Fotolot angekündigten Foto-Workshop, sind noch 2 Teilnehmerplätze frei.

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