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Sinn für die menschliche Tragödie

Über Bücher, Bilder und Ausstellungen Von Peter Truschner
05.05.2026. Das Genre der Fotoreportage ist populär und oft überschätzt. Aber es gibt tolle Ausnahmen. Am besten funktionieren Arbeiten wie die von Göran Gnaudschun oder Miron Zownir, die ohne direkt formuliertes Anliegen daher kommen und ihren Gegenstand erforschen. Einige interessante Ausstellungen laufen zur Zeit in Berlin, Köln und anderswo.
Auch wenn sie in der Fotografie eine wichtige Rolle gespielt hat und immer noch spielt: Ich gestehe, ich bin kein großer Freund der Fotoreportage oder Fotodokumentation mit erkennbarem, sozialem Anliegen

Das bedeutet jedoch nicht, dass ich keinen Respekt davor habe. Lewis Hines Fotografien zur Kinderarbeit in den USA oder Dorothea Langes Bilder der Großen Depression der Dreißiger Jahre waren wichtig und sind zeitlose Klassiker. Zahllose Fotos der 1947 gegründeten Agentur Magnum sind zu Recht ikonisch geworden. 

Lewis Hine, Mollahan Mills in Newberry, South Carolina 1908


Aber natürlich gibt es in der Literatur auch den Spruch: Die schlechtesten Bücher werden mit den besten Absicht gemacht. Und wahrscheinlich liegt es an der Eindeutigkeit der guten Absicht und der damit einher gehenden "Botschaft" was mich dann, trotz gelungener Fotos, nicht anspricht, und mich diesen Zugang in ästhetischer oder intellektueller Hinsicht eher gering schätzen lässt.

Was mit ziemlicher Sicherheit ein Fehlurteil, wenn nicht eine große Ungerechtigkeit darstellt, zumal es selbstverständlich auch Fotoreportagen ohne expliziten, sozialen Impetus gibt.

Da ich in dieser Kolumne zwar überwiegend meinen Vorlieben fröne, mir aber bewusst bin, dass verschiedene Varianten der Fotoreportage und der Fotodokumentation fürs Publikum von Interesse sind, gebe ich hier nun ein paar Hinweise auf aktuelle Fotobücher und Ausstellungen, die mal mehr, mal weniger diesem Segment zuzurechnen sind.

Bis zum 9. Mai läuft in der Kölner Galerie Bene Taschen noch die große Werkschau "Vor meinen Augen" eines fotografischen Chronisten (nicht nur) der Bundesrepublik: Rudi Meisel

Meisel wird 1949 in Wilhelmshaven geboren. Er studiert - wie Timm Rautert und Michael Wolf -  bei Otto Steinert an der Folkwangschule in Essen. Er gehört zu den führenden Bildjournalisten der Nachkriegszeit und arbeitet für Magazine wie Spiegel oder Stern

Anders als etwa die Vertreter von Magnum, sind Meisels Fotos weniger der Inszenierung und dem Aufsehen erregenden Motiv verpflichtet, als den auf den ersten Blick oft unspektakulären Erscheinungen des Alltags.

© Rudi Meisel


"Beim Fotografieren bin ich nur Auge", sagt er über sich selbst. Wie ein Flaneur in der Nachfolge Walter Benjamins durchstreift er die Straßen auf der Suche nach den kleinen Sensationen der Rummelplätze, der Straßenbahnen, der Kohlehalden, der Kioske und Raststätten. Zwischen 1977 und 1987 reist Meisel auf der Suche nach den Gemeinsamkeiten des geteilten Deutschland auch immer wieder in die DDR und verblüfft damit, wie ähnlich die Menschen hüben wie drüben in Bezug auf das Allzumenschliche doch sind.

Geschichtsschreibung funktioniert bei ihm nicht über innen- oder weltpolitische Ereignisse, sondern über die Gewohnheiten, Bedürfnisse, Niederlagen und Erfolge ganz normaler Leute, wie er sie überall antrifft, und wie sie nun in der Kölner Ausstellung zu sehen sind.

Gerade erst hat Friedrich Merz die "Stadtbild"-Debatte entfacht, und ist damit bei einer bestimmten Klientel auf offene Ohren gestoßen, die dabei an arabische Clan-Kriminalität oder jene berühmt-berüchtigte Kölner Silvesternacht im Jahre 2015 denkt, in denen Gruppen migrantischer Jugendlicher Frauen und Mädchen sexuell belästigten

Dirk Peglow, Erster Kriminalhauptkommissar und Vorsitzender des Bunds Deutscher Kriminalbeamter e.V., hat gerade klargestellt, dass es bei  drei viertel der Sexuualstraftaten in der Regel eben "nicht der fremde Mann ist, der hinter dem Busch wartet". "Opfer und Tatverdächtige" hätte sich vielmehr "bereits zuvor gekannt".  Eine unbequeme Wahrheit, die Peglow - wie nicht anders zu erwarten - viel Hass im Netz eingebracht hat.

Rechte Kampfmedien wie Nius hätten es lieber gesehen, wenn es sich um Männer aus einem Umfeld gehandelt hätte, in dem der für seine sozial engagierten Fotoprojekte ausgezeichnete Fotograf Toby Binder - er belegte zuletzt beim "Sony World Photography Award" für seine Serie "Devided Youth of Belfast" den ersten Platz - sich für sein neues Vorhaben bewegt hat.

Für sein Fotobuch "#053KIDS" hat er im Duisburger Stadtteil Hochfeld Jugendliche bei ihrem Aufwachsen begleitet und ihren Kampf um Zugehörigkeit und Fragen nach der eigenen Identität fotografisch dokumentiert.

© Toby Binder

 
"Wir sind die Kanaken, wir werden nie dazugehören", sagt der siebzehnjährige Apo. In Hochfeld haben 94 Prozent der unter Achtzehnjährigen Migrationshintergrund, die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Wahlbeteiligung gering, die Wohnverhältnisse prekär. Sie sehen sich oft nicht als Deutsche, sondern zum Beispiel als Albaner, wie Ensar. Aber "wenn ich fünf Wochen nicht in Hochfeld war, bekomme ich Heimweh. Ich liebe Deutschland!"

Binders Fotos stehen in der Tradition von Chris Killip oder Don McCullin: schnörkellos, nah an den Menschen dran, mit einem Sinn für die menschliche Tragödie.
 
"#053KIDS" ist bei eichendorff21, dem Buchladen des Perlentaucher, erhältlich.

"#053KIDS" erinnert mich an das für mich bis heute beste Fotobuch des 1971 in Potsdam geborenen Göran Gnaudschun: "Alexanderplatz" zeigt eine aus Ausreißern, Obdachlosen und anderen Randexistenzen bestehende Szene, für die der Berliner Alexanderplatz zu einer Art Zuhause geworden ist. Gnaudschun verbrachte zwischen 2010 und 2014 viel Zeit mit den Leuten vor Ort, gewann ihr Vertrauen, hörte sich ihre Geschichten an - wie er sie in seinem Buch verarbeitete, bewirkt, dass es nicht nur interessant anzuschauen, sondern auch spannend zu lesen ist.

Für sein letztes Fotobuch, "Stimmen, die sich suchen", begab sich Gnaudschun in das in den Abruzzen gelegene Dorf Onna, das 2009 von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht wurde, bei dem vierzig der gerade mal dreihundert Einwohner ihr Leben verloren. Bis heute geht der Wiederaufbau nur schleppend voran, viele Einwohner wohnen immer noch in den Hütten neben dem Ruinenfeld, das zuvor ihr Dorf gewesen war.

aus: Gnaudschun, Stimmen, die sich suchen


Im Zuge seiner Recherchen stieß Gnaudschun auf eine weitere Katastrophe: Am 11. Juni 1944 verübten Soldaten der deutschen Wehrmacht während ihres Rückzugs ein Massaker an den Dorfbewohnern und zerstörten nahezu ein Drittel aller Gebäude. Die Fotografien, Interviews und Protokolle des Buches ergeben in Summe ein Jahrzehnte umspannendes  Schmerzkontinuum, das immer wieder von den Hoffnungen der Menschen und ihrem widerständigen Beharren durchbrochen wird. 

Zuguterletzt noch ein Ausstellungstipp: Bis 30. Mai gibt es in der, am alten, städtebaulich gerade heftig zwischen Erhalt und Neugestaltung umkämpften RAW-Gelände gelegenen Galerie Urban Spree die nächste Ausstellung zum Thema: "Berlin 1977-2025"  - allerdings nicht von irgendwem, sondern von Altmeister Miron Zownir, dessen Street Photography aus Großstädten wie New York, Istanbul oder eben Berlin immer schon roher, abseitiger, schamloser, härter, und damit auch: enthüllender waren als die seiner deutschen Kollegen und Kolleginnen. Einzig Gundula Schulze Eldowy kann da mit "Berlin in einer Hundenacht" und "Der große und der kleine Schritt" mühelos mithalten. 

© Miron Zownir


Man darf gespannt sein, ob der 1953 in Karlsruhe geborene Zownir seine Kompromisslosigkeit ins Alter hinüber retten konnte. Also nichts wie hin, um sich selbst ein Bild davon zu machen. 

Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentaucher.de

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