ein wort gibt das andere

Das Staatsbürgerliche der eigenen Existenz

Exkurse ins Berliner Geistesleben. Von Elke Schmitter
13.03.2026. In der Urania  unterhielten sich Roderich Kiesewetter und Christian Mölling, beides Experten, beide sehr ernst, über den drohenden Krieg. Sie stecken in einem Dilemma: wie ist dem deutschen Michel und seiner Schwester, die nach Jahrzehnten entsprechender Sozialisierung zu äußerster Harmlosigkeit herangereift sind, die Dringlichkeit der Lage bewusst zu machen?
Es ist frühlingshaft schön in Berlin in diesen Tagen, so dass es noch leichter fällt als gewöhnlich, das Staatsbürgerliche der eigenen Existenz zu ignorieren. Freilich muss man dazu auf den Konsum von Nachrichten verzichten. Direkt betrifft uns das alles bisher noch nicht, doch die Einschläge kommen näher; vielleicht haben wir Bundesbürger verlernt, uns um das Wesentliche zu sorgen? Das sind so meine Gedanken, als ich zur Urania gehe, die im Berliner Westen an einer gigantischen Kreuzung liegt, wie sie nur ein Bombenschaden ermöglicht. In diesem grundsympathischen Volksbildungshaus, dessen ambiges Flair innen- wie außenarchitektonisch einem Servierwagen aus den Siebzigern auf dem Flohmarkt gleicht (schon wieder cool oder noch trostlos?), verkehren die unterschiedlichsten Leute. Zum Beispiel solche, die so ein Dinett noch zu Hause haben, wie solche, die es vielleicht besitzen möchten, aber auf keinen Fall mit solchen Besitzern verwechselt werden mögen.

Sie alle streben heute Abend zu einem Gespräch, dass die Zeit-Journalistin Mariam Lau mit zwei Herren in mittleren Jahren führt und das einen äußerst abstrakten Titel trägt: "Was wollen wir? Was können wir?" Er erinnert an die schönen Kantischen Fragen (Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?), doch eigentlich geht es um Krieg. Das Wort, das so ungut im Munde liegt. Viel lieber spricht man von "Deutschlands Rolle in der globalen Machtverschiebung", von Wehrhaftigkeit und Selbstverantwortung, von der Neuordnung der NATO… Der eine Gesprächspartner hat ein Buch mit diesen kantischen Fragen geschrieben, er heißt Roderich Kiesewetter und ist ein CDU-Politiker mit militärischer Vergangenheit; der andere heißt Christian Mölling und ist ein ThinkTank-Experte für internationale Sicherheit. Wer fern sieht, kennt sie beide, und das deutet wohl darauf hin, dass wir möglicherweise alarmierter sind als unsere Rhetorik es ist. Denn beide, Kiesewetter wie Mölling, bestehen darauf, die Lage als ernst zu betrachten, während sie böse Worte vermeiden. "Vernichtungsabsicht",  "barbarisch", " der Feind", "Menschenverachtung", "terroristisch", all das sind beispielsweise Vokabeln, die hier nicht fallen werden. Auch das Wort Schlafwandler wird nicht gehört an diesem Abend, doch steht diese Figur, mit welcher der Historiker Christopher Clark die europäischen Gesellschaften vor dem Ersten Weltkrieg charakterisierte, still und mahnend hinter den schweren, dunklen Vorhängen: Was, wenn man sich in falscher Sicherheit wiegt? Wenn gerade die Deutschen mit ihrer blutrünstigen Geschichte aus schuldbewusster Beflissenheit die reale Gefahr ignorieren, die auch ihnen von Putin droht?

Zu den klugen, klaren Fragen, die Lau den Experten stellt, gehört die nach einer Einschätzung, welche vor einiger Zeit durch die Presse ging: dass Russland (inzwischen) nur noch zwei Jahre brauche, um die NATO anzugreifen; was denn davon zu halten sei? Dem sei nicht zu widersprechen, da sind die beiden sich einig. Was natürlich nicht heißt, dass es auch so kommt. Die laienhafte Vorstellung von einem Krieg, so führt Mölling es überaus freundlich aus, sei ein wenig unterkomplex. Denn zu rüsten habe man sich nicht nur gegen einen klassisch-militärischen Angriff wie auf die Ukraine. Sondern auch gegen unerklärte Sabotage von Infrastruktur, von Krankenhäusern und Stromnetzen bis hin zu digitalen Knotenpunkten. Von Wahlbeeinflussung durch Fake News, von geheimdienstlich arrangierten Attentaten, von vielfältigen Spaltungsversuchen der demokratischen Öffentlichkeit gar nicht zu reden. Sehr viele deutsche Bürger, so seine Botschaft, sind in ihrer Wahrnehmung solcher Risiken upgrade-würdig. Doch auch, was die Selbstbestimmung betrifft, steckten die meisten, entsprechenden Umfragen gemäß, noch in biedermeierlicher Vergangenheit fest, à la: der Staat, der ich nicht bin, wird es schon für mich richten. Doch der Staat, hält Mölling fest, ist im Katastrophenfall nicht für alle da. Sondern für jene, die sich nicht helfen können.

Der Psychiater und Konfliktforscher Vamik D. Volkan hatte bereits am Anfang des Jahrtausends, doch nach dem 11. September 2001, die Beziehung des Menschen zu seiner nationalen Identität mit der zu seiner Atmung verglichen: Ungestört ist sie eine Selbstverständlichkeit. Wir fokussieren uns erst darauf, dass wir Ägypter, Kanadier oder eben Deutsche sind, werden wir als solche angegriffen. Dann aber kann es schnell gehen mit der Hyperventilation und den erregten  Gefühlen von Abhängigkeit, von Aggression und Misstrauen.

Die deutsche Politik, das wird an diesem Abend im emotional sehr diszipliniert geführten Gespräch deutlich, ist spätestens seit der so genannten Zeitenwende (die, laut Mölling, "praktisch nicht stattgefunden hat") in einem pädagogischen Dilemma: wie ist dem deutschen Michel und seiner Schwester, die nach Jahrzehnten entsprechender Sozialisierung zu äußerster Harmlosigkeit herangereift sind - konsumfreudig, mit leichter Tendenz zur Infantilität, post-heroisch verwöhnt - die Dringlichkeit der Lage bewusst zu machen, ohne ein Feindbild zu malen, bei dessen Fertigung das eigene Antlitz sich ins Feindselige verzerrt? Wie kann man angemessen Furcht erzeugen, ohne Hysterie zu wecken? Und wie kann erlernte Hilflosigkeit sich in Autonomie verwandeln, die möglichst auch noch solidarisch agiert? Corona, meint Mölling, sei ein Testfall für diese Fragen gewesen, dessen Verlauf insgesamt Grund zur Zuversicht gibt. Auf die Frage, wer den eigenen Haushalt für den Not - und Gefahrenfall gerüstet hat, hebt allerdings nur etwa ein Viertel des Publikums die Hand.

In jedem Fall, so sieht es an diesem Abend aus, müssen die Deutschen ihr so mühsam erworbenes Defizit an Kampfeswillen durch Klugheit kompensieren. Die Erfahrung des Krieges gedanklich vorwegnehmen, um sie nicht machen zu müssen. Denn "sind wir bereit, für unsere Freiheit zu sterben? Eher nein."

In der anschließenden Diskussion schlägt ein Mitbürger vor, das Wort Wehrdienst durch Verteidigungsdienst zu ersetzen - mit der durchtriebenen Pointe, dass die Unwilligen dann Verteidigungverweigerer hießen. Das ist eher einer von denen, die ein Dinett noch besitzen. Einig scheinen sich immerhin alle darin, dass es auch bei existenziellen Fragen zunächst um die Formulierung geht.

11. März. "Was wollen wir? Was können wir?" Roderich Kiesewetter und Christian Mölling im Gespräch mit Mariam Lau, Urania.