Wo wir nicht sind
Die Glühbirne hatte ein wenig gezögert
Eine Kolumne zur Weltliteratur. Von Benita Berthmann
13.07.2026. Der slowakische Dichter Lukáš Cabala setzt mit "Denkst du noch an Trencin?" seinem Geburtsort ein Denkmal. Der surreal flirrende Roman ist voller Wurmlöcher und leuchtender Details, von Stefanie Bose kongenial ins Deutsche übersetzt. Wir treffen: vier Protagonisten und eine Stadt, die den einzig stabilen Grund in der Neondunkelheit der Gegenwart bildet.
Die slowakische Stadt Trenčín (sprich: Trentschin) ist gemeinsam mit Oulu in Finnland die europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2026. Lukáš Cabala ist dort geboren, lebt auch nach wie vor dort und betreibt neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller ein Online-Antiquariat. Wahrscheinlich hätten auch nur wenige Autoren neben ihm einen Roman schreiben können, in dem diese Stadt die heimliche Protagonistin ist. Die Übersetzung aus dem surreal angereicherten Slowakischen hat Stefanie Bose vorgenommen, die in diesem Jahr Trenčíner Stadtschreiberin ist. Der Roman setzt ein mit einem Verweis auf Julio Cortázar, ein Name, der sich ja als Unterpfand des magischen Realismus durchgesetzt hat. Wer den Kapitel-Titel "Der Hals von Cortázars Kätzchen" sieht, stellt die Brennweite des lesenden Blickes also schon auf den Erzählmodus ein, der ihn bei Cabala erwartet. Der Buchhändler Vincent hat sicher einiges von seinem Autor, er ist einer der vier Protagonisten, vielleicht fünf, wenn man die Stadt mitzählt, unbedingt fünf, denn die Uneindeutigkeit, die Verschachtelung dieser Stadt macht hier die Spannung aus. Die Stadt lernen wir vor den Menschen kennen, die in ihr wohnen, flirrend surreal wird sie eingeführt, mit einem Sinn hinter dem Wortsinn, einem Bewusstsein über, zwischen, durch die Leute, die diesen Roman eh nur spärlich bevölkern: "Die Lichter der Stadt gaukelten über die nächtliche Oberfläche des breiten Flusses, die Rücken großer Fische wälzten sich im Wasser, spielten mit den sanften Spiegelungen des Mondes, und hinter den Häusern schlichen Katzen lauernd durch die Gärten."
Hier scheinen die Lichter nicht, sie leuchten nicht, sie hüpfen nicht einmal auf dem abgenutzten Sprunggelenk dieser Formulierung über das Wasser, sie dürfen gaukeln. Vor dem inneren Auge stellen sich hämisch grinsende Lichtkegel ein, nicht zu fangen, nicht zu übersehen, Lichtkegel mit eigenem, dem Erzählen und dem Sehen zuwiderlaufendem Sinn. Das Licht ist generell sehr wichtig hier, Cabala schreibt diesen Roman ein bisschen so wie William Turner malt. So wirkt "im Nebeldunst des angehenden Tages alles wie eine einzige große Leinwand". Es ist das große Verdienst von Stefanie Bose, diese Bilder auch im Deutschen tänzeln zu lassen.
Der Roman ist voll von "luminous details", also leuchtenden Einzelheiten, im doppelten Sinne: Ezra Pound hat sie zuerst so benannt, Clemens J. Setz beherrscht ihre Kunst meisterhaft, auch Lukáš Cabala lässt diese Details so glitzern, dass sie die Leserin zwingen, innezuhalten und sie zu bestaunen, die Details, an die sich die Erinnerung an ein gutes Buch hängt. Tamara Márer, eine weitere der menschlichen Protagonisten, kommt als Journalistin aus Israel nach Trenčín, um die Geschichte ihrer von hier vertriebenen jüdischen Familie zu recherchieren. In ihrer ersten Nacht, die sich schon Richtung Morgen beugt, hört sie den Verkehrsfunk: "Auf der Einstein-Rosen-Brücke in Trenčín gibt es derzeit keine Verzögerungen." Physikaffine Menschen werden es vor mir erkannt haben, ich musste erst googeln, um zu erfahren, dass das keine tatsächliche Überquerungsmöglichkeit, sondern ein anderer Begriff für Wurmlöcher ist (die zwar noch nie experimentell nachgewiesen wurden, aber - zumindest in der Theorie - äußerst instabil sein sollen und damit vielleicht etwas mit der Zeit-Raum-Konstruktion dieses Buches gemeinsam haben). Wieviel Doppelbödigkeit der Details ich wohl beim Lesen übersehen habe?
Vielleicht kann man die Konstruktion dieses Romans so beschreiben: Lukáš Cabala webt ein Detailnetz und ein Handlungsnetz, das Handlungsnetz ist locker, das Detailnetz intrikat. Vordergründig passiert eigentlich nicht sehr viel, Vincent und seine Mitarbeiterin Laura nähern sich an, entfremden sich wieder ein bisschen, Vincent erzählt Tamara die Geschichte Trenčíns, Tamara schreibt Kolumnen über die seltsamen Menschen, die sie hier trifft, das ein oder andere erfindet sie dazu, irgendwann fliegt sie wieder nach Hause. Ein paar Zukunftsszenen zeigen Oliver, Lauras Sohn, der Comedian wird, nachdem offenbar etwas Traumatisches in der Familie vorgefallen ist, das aber nicht aufgelöst wird.
Die Titel der Kapitel verweisen auf die Belesenheit des Buchhändlers Vincent, auch auf die Belesenheit des Autors natürlich, aber vielleicht ist Trenčín auch einfach eine sehr belesene Stadt. Vincent liest die Cortázar-Erzählung, die Lektüre ist ein Zwilling meiner Lektüreerfahrung von Cabalas Roman, der über seine Figur seine poetologischen Verfahrensweisen unter der Hand preisgibt: "Etwas Seltsames in der Luft schweben und die Lesenden im Unklaren lassen", erklärt er die Machart des Textes. Ein bekannter Trenčíner Buchhändler und Drucker, außerhalb der Fiktion längst tot und eigentlich auch innerhalb längst totgeglaubt, lädt Vincent zudem zu einem "Mitgliedertreffen des Literarischen Verschönerungsvereins Trenčín" ein, ein aus der Zeit gefallener, ziemlich mystischer Verbund. Sein genauer Sinn und Zweck wird zwar nicht wirklich erklärt, es scheint ihm aber auch darauf anzukommen, mit seinen Treffen in eigentlich vor Langem dichtgemachten Hotels die räumliche und zeitliche Ordnung des Romans noch ein bisschen weiter durcheinander zu schaukeln.
Aber das Schaukeln hat eine fast hypnotische Wirkung: Literatur wird als Dialog mit der Zeit sichtbar, Laura und Vincent reden darüber, dass Literatur "eines der ersten interkontinentalen und interzeitlichen Kommunikationsmittel" ist. Des Eindrucks, dass es hier vor allem die Stadt Trenčín ist, die sich zum Ausdruck bringt und mit der man ins Gespräch kommt, kann man sich nicht erwehren. Cabala macht das über die Friktionen deutlich, die Irritationen beim Lesen, die sich anfühlen wie das Gebritzel, wenn man den Finger auf die Mattscheibe eines Röhrenfernsehers legt. Laura und Tamara lernen sich in Vincents Laden kennen, beide Frauen halten die jeweils andere für eine Gestalt aus Vincents Fantasie, die Journalistin erscheint der Buchhändlerin als "Tamara Márer aus Vincents zukünftigem Roman". Was in der Fiktion echt und was auch in der Fiktion Fiktion ist, wird nicht aufgeschlüsselt, es wundert die beiden aber auch nicht weiter, dass sie sich gegenseitig als Romanfigur erscheinen. Vielleicht ist das eine Tintenherz-Situation, in der auf irgendeiner Fiktionsebene ein begabter Vorleser sitzt, der Figuren nach Belieben in Texte hinein- und wieder herausliest. Auch Vincent taucht an Orten auf, an denen er nicht sein soll, nicht sein kann, als hätte der Marionettenmeister die Fäden verheddert.
Cabala hätte diese Verwirrungsstränge mit mehr Selbstbewusstsein auslegen können, der Un- und Widersinn als anthropologische Grundkonstante kann nicht durchgängig darüber hinwegtrösten, dass einige vielversprechende Ideen nur angedeutet statt auserzählt werden. So etwa die Nebenhandlung mit Tamara, die einen seltsamen Mann trifft, der sich einer noch seltsameren "Ostalgie" für die alte Tschechoslowakei verschrieben hat. Er zeigt ihr ein heterotopisches und heterochrones Netz von aus der Zeit gefallenen Orten, Kneipen, Hotels, die auch gar nicht für alle zugänglich sind, die noch funktionieren wie zu Ostblock-Zeiten. Man raucht alte Zigaretten, man zahlt mit altem Geld. Wie das funktioniert, wird nicht erklärt, auch die Rückanbindung an die restliche Geschichte ist ziemlich lose. Ebenso wenig integriert in die Handlung ist Tamaras Ehemann, der zuhause in Israel auf sie wartet. Dass sie seit zwölf Jahren verheiratet ist und ihn in Trenčín betrogen hat, wird von Cabala ganz am Ende in den Text gestellt, aber nicht als Anknüpfungspunkt für Debatte oder Handlung genutzt.
Stabil ist nur Trenčín als der Grund, auf dem die städtische und die literarische Geschichte aufgeschichtet sind und die er querschnittartig durchleuchtet und aufeinander bezieht. Die Stadt und ihre Geschichte spuken durch die Leben der Leute, auch in Tamaras Familie: ihren Ururgroßeltern hatte eine Ziegelei gehört, für die es - glaubt man Google Translate - auch eine reale Entsprechung gegeben hat, die wiederum von einer Archäologin namens Tamara Nesporová erforscht wurde. Tamara besichtigt die Fabrik der Gebrüder Tiberghien, dort erwartet sie ein Erhart Alscher, der in den 1920er Jahren Leiter der Fabrik war und hier leibhaftig wieder auftaucht. Alscher, wie auch die immer wieder angesprochenen Architekten Ferdinand Silberstein-Silvan und Dominik Filipp und ihre Gebäude werden von Cabala klug in die Gegenwart transponiert.
Das ist auch eine Stärke dieses Buches: Trenčín, wahrscheinlich vor der Wahl zur Kulturhauptstadt international nur begrenzt bekannt, wird plastisch, "manche Orte werden eben wiederbelebt", wie Laura denkt. Manchmal ist den Figuren bewusst, dass es für ihr anachronistisches Erleben noch parallele Erzählwelten gibt, die Cabala gelegentlich in den Text hinüberschwappen lässt, "wie wenn in einem alten Fernseher das Bild so Sprünge macht und Szenen von anderen Programmen auftauchen." Seine detailreiche Sprache lässt immer wieder Blickwinkel in die "Neondunkelheit" dieser Stadt aufblitzen - vielleicht gerade, weil anderes unbeleuchtet bleibt: "Vielleicht hatte der Strom für ein paar Sekunden den Faden verloren oder die Glühbirne ein wenig gezögert."
Es ist Trenčín und Lukáš Cabala zu wünschen, dass die Frage "Denkst du noch an Trenčín?" durch die Wahl zur Kulturhauptstadt und durch dieses Buch künftig mit Ja beantwortet wird. Es gibt noch viel zu erzählen. Nicht zuletzt hat die Stadt 1573 jüdische Opfer im Holocaust zu beklagen. Die wenigen, die die Arisierungen und den Völkermord überleben haben und nach Trenčín zurückkehren konnten, wurden kurze Zeit später von den roten Machthabern ein weiteres Mal enteignet. "Das wäre selbst Hiob zu viel gewesen", kommentiert Tamara lapidar.
Lukas Cabala: Denkst du noch an Trencín? Roman. Aus dem Slowakischen von Stefanie Bose. Mit Illustrationen von Juraj Toman. Allee Verlag, München 2026, gebunden, 158 Seiten, 26 Euro
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