Wo wir nicht sind

Am Ende der Nacht

Eine Kolumne zur Weltliteratur. Von Thekla Dannenberg
16.03.2026. Der französisch-marokkanische Autor Abdellah Taïa erzählt in seinem Roman "Die Bastion der Tränen" von einer schwulen Jugend in der marokkanischen Küstenstadt Salé, voller Liebe zu seinen sechs Schwestern und Lust am Skandal. Dabei durchlebt er alle Facetten der Transgression, von der befreienden Rebellion bis zum blanken Verbrechen.
Die Bastion der Tränen ist eine alte Befestigungsanlage, die Sultan Yaqub ibn Abd al-Haqq im 13. Jahrhundert am Strand von Salé an der marokkanischen Atlantikküste errichten ließ. Die Festung diente zugleich als Mausoleum für die 3.000 Menschen, die 1260 von den Spaniern nach Sevilla verschleppt worden waren. Es ist ein Ort der Trauer, der Schönheit und der Einsamkeit. Noch heute bringen Mütter ihre schreienden Kinder hierher, von denen sie glauben, sie trügen die Traurigkeit der Welt in sich. Die Zuflucht für die Untröstlichen überragt als monumentale Metapher Abdellah Taïas schmalen Roman, den man wunderbar zu Leila Slimanis opulenter Familiensaga lesen kann. Doch anders als in Slimanis eleganten Romanen ist bei Taïa nichts wohltemperiert. "Die Bastion der Tränen" blickt nicht auf die Bourgeoisie Rabats, sondern auf die Armenviertel der schäbigen Nachbarstadt. Hier gewinnt niemand durch unkonventionelles Auftreten. Bei Abdellah Taïa wird Skandal gemacht.

Zehn Jahre nach dem Tod seiner Mutter kehrt der Erzähler, Youssef, nach Salé zurück, um das Haus der Familie zu verkaufen. Er lebt seit fünfundzwanzig Jahren als Lehrer in Frankreich und bei seiner Rückkehr überströmen ihn die Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend: An die harte Mutter, deren rabiate Liebe, Gebetsgesänge und Geschrei ihm immer zuwider waren. An die sechs Schwestern, die er liebte, bewunderte und verehrte. An den Geliebten, der ihn im Stich gelassen hat, um die eigene Haut zu retten. Und an die vielen angesehenen Männer des Viertels, die ihn, den femininen Jungen, missbraucht, vergewaltigt und dann auch noch verspottet haben.

Die Liebe, die Youssef für seine Schwestern in seiner Jugend empfand, war überbordend: "Sie sind wie in einem ägyptischen Film, meine Schwestern. Nichts kann sie aufhalten. Sie sind Heldinnen. Bauchtänzerinnen. Studentinnen. Huren. Diebinnen. Hexen. Sängerinnen. Verbrecherinnen. Zauberinnen. Fickerinnen. Alles, nur keine Frauen, wie es sich gehört." Sie waren eine Gang aus sechs Mädchen und einem selig hinterherstolpernden Jungen. Die Hübschen bezirzten die Händler, während die Flinken Bonbons und Schokolade, Kopftücher und BHs stahlen. Einzig der Gemüsehändler mit dem Hang zur Poesie und einem Faible für die anmutige Samira konnte ihrem Treiben ein Ende setzen. Doch was ist aus den rebellischen Mädchen geworden? Unterwürfige Ehefrauen und Mütter, die sich als Hüterinnen von Tradition und Familie gefallen, dabei doch ganz und gar unter der Kuratel ihrer Ehemänner stehen. Nun drohen sie sogar, ihren schwulen Bruder der Polizei auszuliefern, wenn er ihnen nicht das Haus überlässt: "Frauen sollten niemals heiraten", seufzt Youssef in seiner Hymne auf die skandalöse Jugend seiner Schwestern: "Heiraten bedeutet den augenblicklichen Tod."

Verloren hat der Erzähler auch seinen Jugendfreund Najib, seinen ersten Geliebten, dem er das Überleben in Hay Salam verdankte. Von Najib lernte er die schwule Liebe, die Gedichte von Abu Firas al-Hamdani und das Hoffen: "Am Ende der Nacht ist es nicht mehr Nacht. Wir, wir werden ins Paradies kommen. Das ist ganz sicher. Wir haben schon genug gelitten, in dieser Hölle, in diesem Gefängnis, das sie die Welt nennen. Die Gesellschaft. Das Leben." Doch Najib verließ der Mut. Um den Demütigungen und Grausamkeiten seiner Familie zu entkommen, die ihn als Schande, Putzlappen oder kleine Tänzerin verhöhnte, wechselte er auf die Seite der Machthaber: Er stellte sich unter die Protektion eines hohen Offiziers der marokkanischen Armee, der in den Bergen im Norden den Drogenhandel kontrollierte. Der Oberst, stellt sich heraus, war in seinen Begierden so unersättlich wie in seinen Geschäften.

Youssef ist das Alter Ego des französisch-marokkanischen Autors Abdellah Taïa, der wie in seinen vorherigen Romanen das Thema seines Lebens bearbeitet: die unterdrückte Homosexualität in Marokko, die Heuchelei einer Gesellschaft, in der Moral vor allem den eigenen Interessen dient, die Brutalität eines Machtapparats, für den die Regeln nicht gelten, die er anderen auferlegt und die grausame Herrschaft von König Hassan II., unter der selbst dessen Sohn, der heutige König Mohammed VI. zu leiden hatte, wie Taïa bemerkenswert verständnisvoll schreibt.

Der Roman verbindet die Stimmen von Youssef, Najib und den Schwestern zu einem kunstvoll komponierten, sehr emotionalen Wechselgesang aus Wut und Zärtlichkeit, mal schmerzhaft, oft in hoher Tonlage. Taïas Prosa zielt ebenso auf Sinnlichkeit wie auf Effekt. Eben wehte noch der Duft von Orangenblüten und Eukalyptusblättern durch die Luft, dann dringt einem schon der Angstschweiß des geschundenen Jungen in die Nase. In einem Moment besingt er den Hammam als magischen Ort, im nächsten schildert er, wie brutal und schamlos sich dort die alten, frommen Männer an Kinder vergehen können, ohne von irgendjemandem in die Schranken gewiesen zu werden.

Dieses überwältigende, überfordernde Nebeneinander von Faszination und Grauen findet sich auch in Aufzeichnungen des tunesischen Schriftstellers Abdelwahab Meddeb, der in den achtziger Jahren immer wieder in das flirrende Marrakesch reiste. Die Edition seiner Reisenotizen ist ein großer Liebesdienst an diesem 2014 verstorbenen Intellektuellen. "Das Licht von Marrakesch" fügen Impressionen aus vierzig Jahren zu einer Flaneursprosa zusammen, in der das Sehen und Gehen ihrem eigenen Rhythmus folgen, zu den Sieben Heiligen Grabstätten und durch die Souks und über die legendäre Djemaa-el Fna, wo sich Blinde und Bettler, Huren und Händler, Weltbürger und Islamisten bei gekochtem Schafskopf begegnen. Im magischen Licht der Medina fasziniert den feinsinnigen Beobachter sogar die Grobheit der Menschen, in der sich Kraft und ungebrochener Wille zeigen.

- Abdellah Taïa: Die Bastion der Tränen. Roman. Aus dem Französischen von Astrid Bührle-Gallet. Orlanda Verlag, Leipzig 2026, 189 Seiten, 22 Euro (bestellen)
- Abdelwahab Meddeb: Das Licht von Marrakesch. Aus dem Französischen von Beate Thill. Wunderhorn Verlag, 250 Seiten, 26,80 Euro (bestellen)