Tete Loeper ist eine ruandische Autorin, Schauspielerin und Bildungsreferentin, die als kleines Kind den Genozid an den Tutsi überlebt hat. 2016 kam sie nach Deutschland. Nach ihrem 2022 veröffentlichten Roman "Barfuß in Deutschland" hat sie mit "Shut up and Hide!" nun ihre kurzen, aber eindringlichen Erinnerungen an das Überleben vorgelegt.
Die Bibliothek der
Bücher über Genozide ist groß, aber auf
Ruanda entfällt darin höchstens ein schmales Regal. Schon deshalb ist es ein besonderes, ein seltenes Buch, das Tete Loeper geschrieben hat. Es ist auch darum außerordentlich, weil sie sich selbst aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt hat. Keine einfache Aufgabe, und umso beeindruckender, als beide nicht ihre Muttersprachen sind. Ihre Herkunftssprache
Kinyarwanda, eine Bantusprache mit sieben Millionen Sprechern, flicht sie mit einzelnen Ausdrücken immer wieder in den Text. Zum Beispiel den Ausruf "Ziba!", der so viel bedeutet wie "Sei still", mit dem ihre Mutter sie auf ihrer Flucht immer wieder ermahnte, und dessen Bedeutung sich auch im Titel niederschlägt.
Den Anstoß, sich mit dem Trauma des Genozids auseinanderzusetzen, gab ihr ihre Tochter, die sie, längst nach Deutschland emigriert, nach ihrer Kindheit fragte. "Mama…warum gibt es keine Bilder von dir, als du klein warst?", will die Tochter mit einer fast schmerzhaften Unbedarftheit wissen. Einfach ist es nicht, einem noch so kleinen Menschen zu vermitteln, was einem selbst, der Familie, im gleichen Alter widerfahren ist und wie man dem Völkermord nur um Haaresbreite entkommen konnte. Die Frage und der Versuch, es den Kindern begreiflich zu machen, rütteln an ihr, lieber wäre es ihr, alles verdrängen zu können. Aber mit der Frage der Tochter kann sie auch den durch den Genozid unterbrochenen Faden ihrer Identität wieder aufgreifen, wieder anknüpfen an ihr Leben in Deutschland, ihre Identität als Mutter zweier Kinder, die jetzt in dem Alter sind, das sie 1994 hatte.
Mit diesen Memoiren erklärt Tete Loeper ihren Kindern und sich selbst, dass das Böse oft im allzu menschlichen Gewand daherkommt. Dass das Böse einen ohne Schuld heimsucht. Und dass es Menschen, Nachbarn, Kollegen, manchmal sogar Freunde sind, die diesem
Bösen ihr Gesicht geben.
Tete und ihre Geschwister wachsen in einem kleinen ruandischen Dorf auf, in dem es keinen Strom, aber viel Arbeit gibt. Sie weiß gar nicht, wie alt sie genau ist an diesem 21. April 1994, an dem ihre Erinnerungen einsetzen, ihr Geburtsdatum hat nie jemand festgehalten. An diesem Tag breitet sich in der ganzen Gegend ein Klangteppich der Angst aus, als die Massaker die Region erreichen. Weit entfernt ist Donner zu hören, die Natur grollt. Sie spielt mit ihrem großen Bruder
Verstecken im Sorghumfeld. Sorghum ist ein Getreide, aber wer im Hinterkopf hat, was noch passieren wird, liest stattdessen vielleicht Sorgenfeld.
Wie die Hutu sie einkreisen, vermittelt Loeper in einer unmittelbar einleuchtenden Bildsprache, die den
Blickwinkel des Kindes mit der Dringlichkeit der Erfahrungen verknüpft. Die brandschatzenden Horden, die auf ihre kleine Welt im Lehmhaus zukommen, erlebt sie so: "Immer wieder stiegen Flammen am Horizont auf, wie brennende Vögel, die über unser Haus hinwegzogen. Die Geräusche wurden lauter, die Schreie verzweifelter, doch Mama betonte immer wieder, es sei nichts Schlimmes." Die Eltern wollen ihre Kinder abschirmen, doch die Flüchtlinge, die am Dorf vorbeiziehen, bilden eine Prozession des Unbehagens, die bei Tete eine unheimliche, unbestimmte Furcht auslösen. Und gerade weil sie so unbestimmt ist, erfasst sie sie ganz, ist uferlos.
Wovon die Flüchtlinge berichten, wovor sie fliehen, dringt durch ihre Memoiren wie ein vorwegeilendes Echo, das versehentlich in die falsche Richtung gelaufen ist. Das Geschehen übersteigt das Fassungsvermögen der jungen Tete, "wir
lachten darüber, wie schnell sie liefen, als würde sie jemand oder etwas verfolgen". Noch lachen sie, aber allzu bald werden sie selbst von dieser Todesangst erfasst.
Der Vater hört RTLM, jenen durch seine Brutalität bekannten Radiosender, bei dem sich Popmusik und Genozidaufrufe mischen. Die Radiomoderatoren bezeichnen die Tutsi als Inyenzi und Inzoka, als Kakerlaken und Schlangen, sie wissen die entmenschlichende Klaviatur zu spielen, die jeden Völkermord begleitet. Gerade der Kontrast zur Sprache des Kindes macht diese Szene so konkret: Es nimmt die Tierbezeichnungen wörtlich und fragt sich, weshalb es Macheten und Gewehre braucht, um das Ungeziefer zu töten.
Es dauert nicht lange, bis die Milizen beim Lehmhaus der Familie sind, sie bedrohen den Vater, erniedrigen ihn. Die Mörder töten nicht einfach, sie demütigen, sie machen
ein Spektakel aus den Leiden ihrer Opfer. Die Frauen werden vielfach erst vergewaltigt, die Männer verstümmelt, bevor sie ermordet werden. Sich zu wehren bedeutet in vielen Fällen, das Leid zu verlängern. Der Vater trägt den Spitznamen "Kagarara", was so viel heißt wie der Dickköpfige oder der Unantastbare, und er trägt ihn nicht ohne Grund. Stoisch widersetzt er sich und verschafft seiner Familie damit die Zeit, die sie zum Fliehen braucht. Er bezahlt dafür mit dem Leben.
Der Text lässt Lücken zwischen den Geschehnissen, vielleicht entsprechen sie Lücken der Erinnerung, vielleicht sind sie Atempausen zwischen den traumatischen Ereignissen. Der Tod des Vaters wird nicht erzählt, der Text setzt erst später wieder ein. Tete, ihre Mutter und ihre Geschwister sind in einem Innenraum, vielleicht eine Halle oder eine Schule, sie sind mit etlichen anderen Menschen zusammengepfercht, um sie herum überall
ihre Peiniger und Mörder. Loeper hält diese Kapitel kurz, ihre Wirkung ist umso stärker. Anders ließe sich die brachiale Gewalt, die geschildert wird, wohl weder für die Schreibende noch für die Lesenden aushalten. Die Täter zelebrieren das Abschlachten ihrer Opfer, es versetzt sie in freudige Ekstase, Jugendliche mit Macheten zu verstümmeln, sie zu zwingen, ihre Mütter zu erschießen, nur um anschließend selbst erschossen zu werden, "einer hatte sogar einen angespitzten Baumstamm", um die Tutsi zuzurichten.
Die Eingeschlossenen glauben nicht mehr, dass sie ihren Peinigern entkommen. Sie beten nicht für ihr Überleben, sondern für einen schnellen Tod. Die fast filmkameraartige Wahrnehmung Tetes zoomt dabei immer wieder auf einzelne Gesichter, Eindrücke, die sich wie Säure durch ihr Gedächtnis fressen. Die gläubige Christin Venansiya verliert den Verstand. Sie schickt laute, flehende Gebete gen Himmel: "Oh, Heiliger Geist, beeil dich! Ich bin bereit!" Für Tete klingt das wie ein "Schrei nach Frieden", der aber mit dem Tod beantwortet wird.
Zwei ihrer Brüder werden ermordet, ihre Schwester vergewaltigt, über diese Erfahrungen schreibt Tete Loeper ungekünstelt, ohne zu erfinden, ohne auszuschmücken, aber nachdrücklich. Sie zeigt die Fragilität, die Unbeständigkeit von (ihrer) Erinnerung, die ihr "entgleitet wie Wasser". Sich das Geschehene wieder vor Augen zu rufen, heißt auch, vielleicht zum ersten Mal die Gefühle zuzulassen, für die während des Überlebens kein Raum war, die Trauer um die Familienmitglieder, deren Leichen
nie jemand hat beerdigen können.
Tete und ihre Mutter können zu einem Bekannten fliehen, der sie eine Zeit lang versteckt, doch auch hier begegnet ihnen das grausame Maskenspiel der von Hass, Wut und Verachtung angestachelten Täter, es kommt dem Mädchen vor "wie wenn böse Geister sich verkleiden und so tun, als wären sie normale Menschen". Die Erinnerungen der Autorin machen immer wieder klar, dass auch die Opfer sich eine Als-ob-Haltung zulegen müssen. So tun müssen, als ob sie das Erlittene nicht tangiert, sich damit einen Schutzschild zulegen, weil die Realität alles Vorstellbare übersteigt. Der
Sättigungsregler der Realität muss so lange runtergedreht werden, bis das Unerträgliche irgendwie erträglich oder zumindest psychisch integrierbar wird.
Die eigenen Erfahrungen müssen verleugnet werden, das beobachtet das Kind auch an anderen. Auf der Flucht treffen sie eine Mutter, die ihr Baby mit sich trägt, ein Baby, das nicht mehr lebt: "Da sah ich, dass das Baby ein großes Loch im Rücken hatte. Man konnte die Organe sehen. Das Baby war längst tot." Als die Frau das Wissen um den Tod ihres Kindes zulässt, die Verleugnung aufgibt, gibt sie auch sich auf, geht nicht weiter. Sie hat keine Kraft mehr zu fliehen und ergibt sich ihrem Schicksal.
Loeper verzichtet auf blumige Umschreibungen, schmückt nichts aus, aber sie schaut genau hin. Sie hält fest, wie der Genozid ihr Leben, ihre Kindheit verätzt, dazu gehört auch die Last der Zeugenschaft, die wir Leser ihr nicht abnehmen können. Wir können nur hinsehen, wenn sie den Fokus scharf stellt auf das, was der Frau und ihrem Baby passiert: "Der Junge fiel zu Boden. Da
zerhackten sie ihn mit der Machete. Ich hielt mir die Ohren zu, aber ich hörte es trotzdem. Ich sah, wie sie über die Frau herfielen, einer nach dem anderen. Dann ließen sie sie einfach liegen, halb tot."
Irgendwie können sich Tete und ihre Mutter durchschlagen, ihnen begegnen Halbtote, die ihren schweren Wunden lange trotzen und sie doch nicht überleben, ihnen begegnet überwältigende, erstarrende Grausamkeit, die das Mädchen nicht analytisch seziert, sondern so beschreibt, wie sie ihr widerfährt, wie sie sie sieht. Die Welt ist aus den Fugen geraten: "
Die Luft roch falsch, als müsste die ganze Welt ersticken." Dass sie überleben, ist eine Mischung aus Verzweiflung, Glück und Zufall. Ihnen wird immer noch ein Stück mehr von dem geraubt, was wir für selbstverständlich halten, ein Stück mehr Sicherheit. Mit allem, was auf der Flucht passiert und von dem wenig ausbuchstabiert wird, werden noch zusätzliche Kerben der Versehrtheit geschlagen.
Die Sprache Loepers hat dabei etwas sehr Sinnliches, das gerade deshalb so zwingend einleuchtet, weil sie unverbrauchte Bilder nutzt, die der Wahrnehmung des Kindes entsprechen, bei dem sich noch nicht haufenweise Geröll vor die Bedeutung des Erlebten geschoben hat. Sie schüttelt die schon eingeschliffene Linse ab, durch die eine Erwachsene vielleicht blicken würde: Sie werden mit dem Bus in ein Flüchtlingslager gebracht, "als sollten wir
einen Schulausflug machen, den niemand machen wollte", sie sieht aus dem Fenster und beobachtet: "Häuser huschten vorbei, als würden sie weglaufen."
Im Epilog erzählt die Autorin, wie es zu dem Buch kam: Sie hatte gerade die Arbeit an ihrem Dokufilm "The Face of Resilience" abgeschlossen, der sich mit den Nachwirkungen des Genozids ins Ruanda befasst. Ihr war es ein Anliegen, ihre Herkunft, ihre Geschichte zu erforschen, für sich zu klären, nachdem ihre Tochter ihr die Frage nach ihrer Kindheit gestellt hat. Sie flog nach Ruanda, gemeinsam mit ihrer Mutter, aber "die Erde war unbarmherzig", das Haus der Familie existierte nicht mehr, der Ort, nach dem sie sucht, den gab es nicht mehr. Sie sucht nach Spuren ihrer Familie, findet aber nur die Abwesenheit der Toten. Jener Toten, die seit 1994 niemand gesehen hat, für die es keinen Totenschein gibt, über deren letzten Momente niemand Zeugnis ablegen kann. Auch sie bekommen durch Tete Loeper ein Stück der Geschichte zurück, die ihnen genommen wurde.
In seinem Nachwort stellt der ruandische Filmemacher
Kivu Ruhorahoza ganz richtig heraus, was dieses Buch ist, kein politisches Sachbuch, kein abgeklärter Bericht einer Erwachsenen, sondern die Geschichte eines Kindes, dessen Leben auf grausame Art auf den Kopf gestellt wurde: Es zeigt "die unmittelbaren Eindrücke, die Verstörung und den Schmerz eines Kindes, dessen Welt, die von Spielen, Lachen und Geschwisterrivalitäten geprägt war, plötzlich in Chaos und Schrecken versinkt." Loeper erinnere daran, dass Kinder ein solches Trauma "oft mit noch größerer Intensität erleben". Und dass ein solches Trauma größer ist als ein einzelner Mensch, dass es auch die Generationen beeinflusst, die es nicht unmittelbar erlebt haben. Aber auch, dass es sich zurückdrängen lässt, dass sich der Giftstachel langsam, langsam aus dem Fleisch ziehen lässt, wenn man darüber spricht, schreibt, die Arbeit damit und daran zulässt.
Am Ende des Textes stehen Erschöpfung und ein Ende, das nur ein vorläufiges ist. Tete Loepers Geschichte ist hier noch nicht vorbei. Vielleicht, hoffentlich, erzählt sie auch einmal von dem, was danach kam.
Tete Loeper: Shut up and Hide! Memoiren einer Überlebenden aus Ruanda. Orlanda Verlag, Leipzig 2026, kartoniert, 96 Seiten, 19 Euro (
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