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Mal zart, mal roh

Über Bücher, Bilder und Ausstellungen Von Peter Truschner
24.06.2026. Die "Triennale der Photographie" bietet einen Anlass zu melancholischer Reflexion über den Lauf der Zeit. Sabine Schnakenberg hat in der Ausstellung "Cocktail Prolongé" Bilder der Nacktheit aus der spektakulären Sammlung von F.C. Gundlach zusammengestellt - ein Who's who der Fotografie. Ich behaupte: Im angloamerikanischen Raum wäre diese Ausstellung heute schlicht unmöglich zu realisieren.
Acht Jahre ist es schon wieder her, dass Richard Mosse in der Hamburger Kunsthalle seine wuchtige Videoinstallation "Incoming" gezeigt hat. Mit einer Wärmebildkamera des US-Militärs, die auf eine Entfernung von bis zu dreißig Kilometern scharfe Fotos zu schießen vermochte, fotografierte er entlang der Flüchtlingsrouten von Libyen übers Mittelmeer bis nach Calais.

"Incoming" führte die uneingestandene Kriegsführung gegen Menschen vor Augen, deren Unrecht darin besteht, dass sie auf der Suche nach einem besseren Leben Westeuropa aufbrechen. Zugleich war es ein Dokument der totalen Überwachung, ob an Außengrenzen von Staaten, im öffentlichen Raum von Großstädten oder im Internet, der viele merkwürdig gleichgültig und passiv gegenüberstehen. Nichts davon hat seine Bedeutung verloren, ganz im Gegenteil, es ist im Zeitalter von KI und Drohnenkrieg, Palantir und Oracle, Remigrationsparolen und ICE aktueller denn je. 

Richard Mosse "Incoming" 2018 in Hamburg



Die Installation war 2018 Teil der "Triennale der Photographie" in Hamburg - und um es gleich zu sagen: die diesjährige Ausgabe der Triennale hat eine hat für die Gegenwart derart relevante, zwischen experimenteller Kunst und politischer Dokumentation changierende Position nicht zu bieten. Stattdessen gibt es viele Positionen, die noch vor der Jahrtausendwende datieren, und so einige Künstler und Künstlerinnen, die bereits verstorben sind.

Aber genauso, wie gewisse Bücher aus dem 19. Jahrhundert nichts von ihrer Faszination und Relevanz verloren haben, ob Dostojewskis "Dämonen" oder Melvilles "Moby Dick", so haben in den Deichtorhallen so einige Arbeiten den Wechsel der Moden und Zeiten nicht nur gut überstanden, sondern erstrahlen im Jahr 2026 in neuer, provokativer Relevanz, allen voran die von Sabine Schnakenberg mutig kuratierte, dreihundert Fotografien umfassende Selektion "Cocktail Prolongé" aus der Sammlung des Modefotografen und Sammlers F. C. Gundlach, der am 16. Juli hundert Jahre alt geworden wäre und geistiger Ahnvater der Triennale ist.

Bevor wir zu Gundlachs Sammlung kommen, müssen wir zuvor noch durch jenen Teil der Ausstellung, der der Triennale ihren Titel gegeben hat: "Alliance, Infinity, Love - in the Face of the Other".

Kuratiert hat diesen Part Mark Sealy, der für seine Verdienste um die britische Fotografie und Kultur 2022 zum "Officer of the Order of the Britisch Empire" ernannt wurde. (Der mit höchsten royalen Weihen ausgezeichnete, britische Künstler ist übrigens nicht, wie man annehmen könnte, Laurence Olivier oder William Sommerset Maugham, sondern der "Alien"-Regisseur und "Knight Grand Cross", Ridley Scott.)

Sealy hat sich wie Okwui Enwezor schon früh, bevor es in den Zehnerjahren zum kuratorischen Code of Conduct wurde, mit Minderheitenpositionen und dem kolonialen Erbe auseinandergesetzt, und ist dem Thema treu geblieben. 2001 erschien sein Buch "Different - A Historical Context: Contemporary Photographers and Black Identity"; 2022 "Photography- Race, Rights and Representation."  

Sein kuratorisches Konzept, das dem Pressematerial beiliegt, mutet leider an, als wäre es vom redaktionellen Nachwuchs des ZDF-Formats "37 Grad" verfasst worden. Es ist die Rede vom "kreativen Potenzial von Verbundenheit und Unendlichkeit"; es werden "vorherrschende Narrative herausgefordert", "Normen erschüttert", und dabei doch  "Brücken über kulturelle Bruchlinien hinweg geschlagen", sodass "das fotografische Bild zu einem Ort der Begegnung und der kritischen Reflexion" werden kann.

Die bei solchen Anlässen üblich gewordene, nichtssagende Phrasendrescherei eben, dem die Ausstellung zum Glück jedoch nicht entspricht. 
Sie zeigt großteils die fotografische Arbeiten von "People of Color" aus allen Teilen der Welt.

Etwa Arbeiten der Mexikanerin Teresa Margolles (geboren 1963), die 2016 Trans-SexarbeiterInnen in Ciudad Juarez porträtierte.

Arlene Gottfried (1950-2017), eine New Yorker Straßenfotografin, begleitete fotografisch das problematische Leben ihres Freundes Midnight, ein Nachtclubtänzer, bei dem später paranoide Schizophrenie diagnostiziert wurde.
 
Oder der Brasilianer Mario Cravo Neto (1947-2009), der menschliche Körper, leblose Objekte und Tiere zu skulpturalen Bildkompositionen verknüpft, und dabei stark von der afrobrasilianischen Kultur Bahias beeinflusst ist.

Inuuteq Storch in den Deichtorhallen


Der Grönländer Inuuteq Storch (geboren 1989) wiederum zeigt in der nördlichsten Stadt der Welt die Inuit-Kultur als Hybrid aus indigener Kultur, diversen kolonialen Einflüssen und der Kultur des späteren dänischen Hegemons.

Alles in allem eine Auswahl ohne echte Kracher, dennoch sehr sehenswert. Schlicht eine Erweiterung der fotografischen Landkarte.
Die Kracher gibt's dafür anschließend in der Sammlung Gundlach zur Genüge.

Man Ray. Hans Bellmer. Erwin Blumenfeld. Irving Penn. Richard Avedon. Diane Arbus. Helmut Newton. Robert Mapplethorpe. Gundula Schulze Eldowy. Cindy Sherman. Um nur einige große Namen aus der Geschichte der Fotografie zu nennen, die hier versammelt sind.

Dass sie alle miteinander harmonieren, einander wunderbar ergänzen und bespiegeln, liegt natürlich an der thematischen Klammer von Gundlachs Sammlung: Nackheit, Erotik, Sexualität. Mal verspielt, mal inszeniert, mal beiläufig, mal zart, mal roh - es kommen so gut wie alle Facetten, die bei diesem Thema denkbar sind, zur Darstellung, außer vielleicht der explizit aktivistischen Geste (Female Gaze, Body Positivity), die seit einiger Zeit Debatten und Ausstellungen in diesem Bereich dominiert.

Lothar © Gundula Schulze Eldowy



Hervorzuheben ist, wie eingangs angedeutet, der Mut von Sabine Schnakenberg, diese Positionen ohne Triggerwarnung und ohne kritische historische Revision dem mündigen Publikum zuzumuten. Ich behaupte mal: Im angloamerikanischen Raum wäre diese Ausstellung schlicht unmöglich zu realisieren gewesen, oder hätte zu einem veritablen Shitstorm geführt.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt auf Larry Clarks Serie "Teen Lust" gestoßen bin, eine Fotoserie, in der Clark Teenager in intimen Situationen und beim Sex fotografiert. Wer im Augenblick all die Diskussionen um den Zugang von Kindern und Jugendlichen zu Pornografie im Internet oder zum Persönlichkeitsschutz von Minderjährigen bei fotografischen Darstellungen verfolgt, muss angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der diese Serie an der Wand hängt, schmunzeln.

Oder auch Robert Mapplethorpes gut bestückte, schwarze Männer. Oder Oliviero Toscanis großformatiges, nacktes, schreiendes, mit den Mitteln der Produktfotografie unmittelbar nach seiner Geburt ausgeleuchtetes Baby. 

Ich kann allen Leserinnen und Lesen nur raten, sich auf Weg nach dem Hamburg zu machen. Eine so kompromisslose Zusammenstellung auf so bestechend hohem Niveau wird es lange nicht mehr geben.

Teen Lust @ Larry Clark


Zu den diversen anderen Ausstellungen im Rahmen der Triennale, etwa in der Hamburger Kunsthalle, komme ich in einer Ausstellungsrundschau im Laufe des Sommers noch einmal zu sprechen.

Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentaucher.de

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