Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.08.2019 - Architektur

Foto: MDRDV, Ossip van Duivenbode


Verdichtung in der Stadt? Damit kann sich Roman Hollenstein (NZZ) durchaus anfreunden, jedenfalls, wenn sie so vertikal durchdacht ist, wie beim Rotterdamer Architekturbüro MDRDV. Ihre Konzepte studieren kann man derzeit in der Ausstellung "Architecture Speaks: The Language of MVRDV" im Architekturzentrum "aut" in Innsbruck: "Im ehemaligen Adambräu, wo Arno Ritter einem breiten Publikum seit Jahren zukunftsweisende Baukunst näherbringt, erläutern MVRDV in einer bald spielerischen, bald belehrenden Präsentation mittels vier begehbarer Turmkonstruktionen räumlich und bildhaft den theoretischen Überbau ihres Schaffens. Die in knalligen Farben gehaltenen, von Videos und Grünpflanzen umspielten Türme führen dem Publikum anschaulich und sinnlich vor, was Durchmischung, Interaktion und Funktionsvielfalt heißt. Weit auskragende Balkone, bepflanzte Fassaden und sogar eine Monumentaltreppe, über die man 2016 das Dach eines in die Jahre gekommenen Rotterdamer Bürobaus besteigen konnte, schaffen hier einen anregenden Erlebnisraum."
Stichwörter: Mdrdv

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.08.2019 - Architektur

In der taz erinnert Marlene Militz an die Kahlschlagsanierung, den Abriss von Baudenkmälern und die Errichtung von Hochhäusern auf der Berliner Fischerinsel in den sechziger Jahren - und findet, daran sollten sich aktuelle Rekonstruktionsdebatten ein Beispiel nehmen: "Mischwesen zu erschaffen, im Krieg zerstörte Gebäude aus der Versenkung der Geschichte wieder hervorzuzerren ist aus politischer, kunstgeschichtlicher und denkmalpflegerischer Hinsicht geschichtsverloren. Es gilt vielmehr, die Brüche zu akzeptieren und zu thematisieren. Zeitgemäße Wagnisse einzugehen und auf die Bedürfnisse der heutigen Gesellschaft zu reagieren."

"Rajbaris" werden die Paläste genannt, in denen höhere indische Angestellte der britischen Kolonialherren lebten, klärt Martin Kämpchen in der FAZ auf und schildert, wie in Kalkutta erst nach und nach die verfallenden Paläste rekonstruiert werden: "Der Wille, die Architektur des Landes zu erhalten, ist in Indien noch jüngeren Datums und in der allgemeinen Bevölkerung bisher nicht angekommen. Zu drängend sind die Existenzprobleme, zu rasch steigt die Bevölkerung, die zusätzlich Jahr für Jahr ernährt und mit Arbeit versorgt werden muss. Der sprunghaft angestiegene Tourismus in Indien ist eine der Ursachen, weshalb in der gebildeten Schicht ein Umdenken einsetzt. Besucher fragen nach den Baudenkmälern der Geschichte. Was wäre Indien ohne den Taj Mahal? Zunehmend identifiziert sich die Mittelschicht nicht nur mit der klassischen Musik, mit den religiösen Schriften, den Bollywood-Spektakeln, sondern auch mit der einheimischen archäologischen Geschichte."

Besprochen wird die Ausstellung "Café As. Das Überleben des Simon Wiesenthal" im Wiener Jüdischen Museum, die Wiesenthals erst 2016 aufgetauchte Architekturzeichnungen zeigt (Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.08.2019 - Architektur

Besucherin im Meisterhaus Klee. Stiftung Bauhaus Dessau. Foto: Thomas Meyer/Ostkreuz
In der SZ bewundert Catrin Lorch die frisch renovierten sieben Dessauer "Meisterhäuser" des Bauhauses, die jetzt wieder im Glanz der Originalfarben erstrahlen: "An einem sonnigen Tag dringt mit dem warmen Licht auch der Geruch von Harz und Tannennadeln in die farblich perfekt ausbalancierten Zimmer. Man kann sich vorstellen, dass die Familien, deren Privileg es war, hier zu wohnen, meist über die Terrassen liefen und nicht über die kleinen Flure, von denen Treppen abzweigen, die so schmal sind wie die Stufen auf einem Schiff. Die Schlichtheit und Funktionalität war hier aber etwas, das man ausspielte: Das Zickzack der einfachen Stufen wird durch gelbe Farbe noch betont, der Schwung des Handlaufs in grellem Rot hervorgehoben, die hölzernen Leisten der Schiebetüren und Fensterrahmen in einen abstrakten Mehrklang aus Gelb, Rot, Weiß und Schwarz verwandelt."
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Stichwörter: Bauhaus, Bauhaus Dessau

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.08.2019 - Architektur

Takaharu Tezukas Fuji-Kindergarten. Foto: Tezuka Architects

In New York werden zwar gerade die zweihundert Meter hohen Wolkenkratzer durch vierhundert Meter hohe ersetzt, sonst aber wird rund gebaut. Apple in Cupertino, das GCHQ in Cheltenham, die französische Botschaft in Port-au-Prince. In der FAZ fragt Niklas Maak, was die Donut-Form so angesagt macht. Die neue Zirkularität? Die Sehnsucht nach Harmonie, Entschleunigung, Beruhigung? Gemeinschaft und Ressourcenschonung? "In diesem Sinn wollen viele Tech-Konzerne, die ihre Kunden in Wirklichkeit sehr linear manipulieren, ihre gebauten Ringe in der Realität als Symbolbilder einer neuen Unternehmenskultur verstanden wissen. Amazon-Unterfirmen wie Zappos sprechen nicht mehr von Abteilungen und Angestellten, sondern von 'Community' und, biologisierend, von 'Family'; die Ring-Architekturen, in denen diese Familien arbeiten, sind auch gebaute Morgengruppen, wo Zusammenhocken und Gemeinschaft statt Konkurrenz, Linearität und Wettbewerb inszeniert werden: 'Das Gebäude steht konzeptuell für Zusammenarbeit und Fluidität', heißt es bei Apple. Das penetrante Duzen des Kunden, der so, ob er will oder nicht, zum Teil der im Kreis hockenden 'Family' erklärt wird, in der man keine Geheimnisse voreinander hat und seine Daten ganz freiwillig teilt, gehört zu dieser Strategie."

In der Berliner Zeitung kommen bei Nikolaus Bernau Zweifel auf, ob die geplante Zentralbibliothek für Berlin wirklich eine so gute Idee ist. Mit Blick auf den Ideenwettbewerb "Metropolenbibliothek" und die real existierenden Bauten in New York und Helsinki meint Bernau: "Dort gibt es zwar mit der grandiosen Public Library mitten in Manhattan und dem gerade eingeweihten Oodi nahe dem Hauptbahnhof von Helsinki auch Zentralstellen. Doch werden viele Funktionen wie etwa die beliebten Makerspaces in den Bezirksbibliotheken verteilt, die auch sonst die Nahversorgung übernehmen. Im Programm für die ZLB sind dagegen große Flächen für Nutzungen reserviert, die vor allem die Menschen aus der näheren Umgebung interessieren werden. Denn kaum jemand wird von Spandau oder Marzahn nach Kreuzberg fahren, um dort an einer Lerngruppe teilzunehmen oder den 3D-Drucker zu bedienen."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.08.2019 - Architektur

Westgiebel der Klosterkirche von Turmanin. Bild: Wikipedia/CC
In der taz erinnert Fabian Goldmann an die arabischen Einflüsse auf die europäische Architekturgeschichte, denen Notre Dame nicht nur die Fensterrosette, sondern auch die Doppeltürme zu verdanken habe : "Sie reichen zurück bis ins Syrien des 5. Jahrhunderts. In einem Gebiet, das Archäologen heute die 'Toten Städte' nennen, vollzog sich die Geburtsstunde des christlichen Kathedralenbaus. Im Nordwesten des Landes bauten frühbyzantinische Christen die ersten großen Basiliken. Rund 30 Kilometer westlich von Aleppo entstand eine der prächtigsten, die Klosterkirche Deir Turmanin. Von ihr ist heute nichts mehr übrig, doch auf archäologischen Zeichnungen dürfte Notre-Dame-Besuchern eine Sache auffallen: die Fassade mit zwei Türmen."

Der Bauindustrie geht der Sand aus, den sie für ihren Zement braucht. Denn wie Gerhard Matzig in der SZ informiert, taugt der viele Wüstensand der Sahara leider überhaupt nicht zu dessen Herstellung, während der geeignetere Mondstaub zu teuer wäre. Ein Grund zur Freude kann dies nicht sein, gibt er den Beton-Verächtern mit auf den Weg: "Beton ist der Stoff, aus dem auch eine formal aufgeladene Zuversicht, ein gebauter Optimismus geschaffen sind. Auch das macht ihn schön. Wer einmal den Konferenzpavillon in Weil am Rhein auf dem Vitra-Gelände besucht hat, der von Tadao Ando zum Ende des 20. Jahrhunderts realisiert wurde, der weiß, dass Beton auch heute und morgen von großer architektonischer Bedeutung ist und bleiben wird. In Weil kann man sich überzeugen, dass sich der gut ein Vierteljahrhundert alte, exzellent verarbeitete Sichtbeton noch immer anfühlt wie die glückliche Liebe von Samt und Sand. Beton ist von großer Anmut."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.07.2019 - Architektur

Abseits der "Rekonstruktionswolkenkuckkucksheime", die internationale Architekturbüros für den Wiederaufbau von Notre Dame planen, hat das Architekturbüro Gensler nun eine so schlichte wie pragmatische temporäre Kirche entworfen, berichtet Marcus Woeller in der Welt, nicht gerade begeistert von dem "protestantischen" "Pop-up-Zwilling": "Auf einer Fläche von 75 mal 22 Metern (so groß wie das Mittel- schiff ) erhebt sich ein transluzenter Kubus mit Polykarbonat-Wänden und einer ebenfalls durchscheinenden Decke aus luftgefüllten Kunststoffkissen. Getragen wird die Leichtbaufassade nicht von gotischen Strebepfeilern, sondern von einem innen liegenden Skelettfachwerk aus verkohltem Holz. Das ist nicht nur als Reminiszenz an den Großbrand zu verstehen, sondern hat auch statische Gründe. Holz dem Feuer auszusetzen, sei nicht nur eine der ältesten und wirksamsten Brandschutzmethoden, so ein Partner des Architekturbüros. Es gemahne an die Katastrophe, die Notre-Dame zerstört hat, drücke zudem den Glauben an Wiedergeburt und Transformation der Kathedrale aus."

Weitere Artikel: Der Standard weiß, wie das von dem Wiener Architekturbüro Coop Himmelb(l)au geplante Science & Techology Museum im chinesischen Xingtai aussehen wird.
Stichwörter: Notre Dame

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.07.2019 - Architektur

In der taz verteidigt Wolfgang Ruppert den Bauhaus-Architekten Walter Gropius gegen Vorwürfe, dass Gropius als Architekt nicht viel taugte und nicht mal zeichnen konnte. Im Freitag denkt Klaus Englert darüber nach, wie wir für das "Extremklima der Zukunft" bauen können.

Besprochen wird die Ausstellung "Künstlerhaus, Meisterhaus, Meisterbau" im Ernst-Ludwig-Haus in der Mathildenhöhe Darmstadt (FAZ).
Stichwörter: Gropius, Walter, Bauhaus

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.07.2019 - Architektur

Detail aus der Ausstellung. Foto: Goethe-Institut


Bernhard Schulz besucht für den Tagesspiegel eine vom Goethe Institut mitorganisierte Ausstellung zur "Stadt von Morgen" im armenischen Eriwan. Heute geht es der sowjetischen Spätmoderne nicht gut, lernt er: "Beton bröckelt, Kacheln fallen herab, Fensterrahmen verrotten, Freitreppen und Terrassen zeigen Risse und sind längst gesperrt - wenn nicht gleich das ganze Gebäude wie das phänomenale Kino 'Rossija' von 1975 mit seinen beiden wie Vogelschwingen über einen belebten Platz auskragenden Vorführsälen. Verschandelt ist das Bauwerk längst; wie überall im späten Sowjetland nisteten sich irgendwelche Verkaufskioske und Zubauten in die Ritzen und Freiräume. Es war die Obsession aller Sowjetmenschen, sich aus dem Kollektiveigentum soviel als möglich an Privatraum herauszuschneiden, angefangen mit den zu Lagerräumen umfunktionierten Balkonen der Plattenhochhäuser. Darüber ist in Vergessenheit geraten, welcher Schwung in der nach-stalinschen Hoch- und Spätphase der Sowjetunion die Architekten beflügelte - besonders in der experimentierfreudigen, von der zunehmenden Gerontokratie der Moskauer Zentrale weniger gebeutelten Peripherie."

Außerdem: Oliver Herwig begutachtet für die NZZ die vom norwegischen Architekturbüro Snøhetta im österreichischen Wattens entworfene neue Swarovski-Fabrik.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.07.2019 - Architektur

Niklas Maak betrachtet für die FAZ die Pläne von Herzog & de Meuron für das Areal um die Paketposthalle in München: Gegen die zwei heiß umstrittenen neuen Hochhäuser hat er nichts, nur warum dürfen sie nicht gerade nach oben wachsen? "Die nach innen gewölbten Hochhäuser, so sagen es die Architekten, sollen den Schwung des nach außen gewölbten Hallendachs [der Paketposthalle] aufnehmen. Das Ergebnis sieht ein wenig so aus, als würden sie ängstlich den Bauch einziehen, damit der nicht in die Sichtachse zum Schloss Nymphenburg oder in den Alpenblick hineinhängt. Man muss sagen, dass die geplanten Türme weniger grässlich aussehen als viele andere Hochhäuser, aber doch auf eine eigenartige Weise auch an gigantische senkrecht gestellte Telefonhörer aus den achtziger Jahren erinnern, die jemand nicht auf die Gabel zurückgelegt hat."
Stichwörter: Herzog & de Meuron

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.07.2019 - Architektur

In der SZ empfiehlt Gerhard Matzig Kritikern wärmstens, den Masterplan der Basler Architekten Herzog & de Meuron für das Areal rund um die Paketposthalle im Westen der Stadt (mehr hier), genau zu studieren. Auch mit den Hochhäusern sei es ein vortrefflicher Beitrag zu einer gelungenen städtischen Verdichtung: "Das von Herzog und de Meuron vorgeschlagene Stadtviertel wäre allein durch die Belebung der Erdgeschosszone, durch die Autofreiheit, das Näherrücken der sechsgeschossigen Blöcke (die zum Ausgleich mit viel Grün innen ausgestattet sind) und durch die Vielgestaltigkeit des Raum-Mix-Angebotes in genau diesem Sinne eine städtisch-urbane Bereicherung für München. Die Hochhäuser, die mit dieser Form städtischer Dichte auf logische Weise verknüpft sind, wären zwar weithin sichtbare Zeichen des neuen Stadtviertels. Aber das eigentliche Novum des Masterplans liegt in seinem Begriff einer urbanen Dichte, der ebenso fortschrittlich wie traditionsgebunden wirksam wäre."

Weiteres: Marlene Militz stellt in der taz Konrad Wachsmann vor, ein Spezialist für Holzbauten, der mit Albert Einstein dessen Sommerhaus in Caputh entwarf. Christine Lemke-Matwey besucht für die Zeit in Estland das neue Arvo Pärt Centre.