Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.04.2020 - Architektur

Bewegt hört Gabriele Detterer in der NZZ, wie der Architekt Renzo Piano per Video-Botschaft, den Italienerinnen und Italienern Mut zuspricht: "Mut und Tatkraft für die Zeit nach der Katastrophe, und er fordert dazu auf, die dann wieder geöffneten Museen und Kulturstätten quasi zu stürmen, denn diese Orte seien der Grundstein der Civitas und des vitalen Lebens der städtischen Zentren." Aber er nimmt auch die Jüngeren in die Pflicht, nicht nur unter den Architekten, wie Detterer zitiert und übersetzt: "Ihr werdet eine bessere Zukunft bauen müssen. Nachhaltig zu bauen, sei das neue Ziel baulicher Ausdrucksformen, und es fehle noch an Sensibilität. Da gebe es so viel zu tun, resümiert Piano, wir müssten aus der Krise als Bessere herauskommen, als wir es zuvor gewesen seien!"



In der Berliner Zeitung verabschiedet Nikolaus Bernau mit recht deutlichen Worten die nach Basel wechselnde Dessauer Bauhaus-Direktorin Claudia Perren, die das Bauhaus-Jubiläum reibungslos organisieren wollte, indem sie alles Politische raushielt: "Perrens Bauhaus hat zu keiner einzigen irgendwie kontroversen Debatte der jüngeren Zeit einen erinnerlichen Beitrag geleistet, seien es Klimaschutz, ökologischer Umbau der Städte, Ausgleich zwischen Städten und Landgemeinden, Verkehrsplanung."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.03.2020 - Architektur

Wer wissen will, wie sich Seuchen auf die Architektur der Städte auswirken, sollte Beatriz Colominas Buch "X-Ray Architecture" lesen, das zeigt, wie sehr moderne Hygienevorstellungen und medizinisches Denken, "die 'durchgängige Obsession mit Durchlüftung, Besonnung, Hygiene und weißen Wänden, die alle Bauten wie medizinische Ausrüstung aussehen ließen'", die moderne Architektur geprägt haben, empfiehlt Niklas Maak in der FAZ. Er fragt sich, welche Auswirkungen Corona auf die Städte haben wird. Zum Beispiel, wenn das Homeoffice üblich wird: "Aber was wird ein Stadtzentrum sein, wenn man dort nicht mehr arbeitet und - siehe den unaufhaltsamen Aufstieg des Online-Handels - auch nicht mehr einkauft? Dass es trotz allem ein großes Bedürfnis nach physischer Nähe in Bars, Stadien und Parks gibt, zeigt die Renitenz vieler Bürger, denen der Staat nur mit der Androhung beikommen konnte, es werde Ausgangssperren geben, wenn die Auswertung der von den Mobilfunkanbietern zur Verfügung gestellten kollektiven Bewegungsprofile ergebe, dass die Bürger das Versammlungsverbot missachteten."

Der Architekturkritiker Michael Sorkin ist an Covid-19 verstorben, meldet Wojciech Czaja im Standard. Ken Tan besucht für Hyperallergic Mies van Der Rohes Seagram Building in New York.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.03.2020 - Architektur


Links der Mäusebunker der Hänskas, rechts das Hygieneinstitut von Fehling und Gogel. Fotos von mäusebunker.de

Auf der ganzen Welt wird der Brutalismus neu entdeckt und gefeiert. Nur in Berlin, wo der Senat seit über zehn Jahren ganze Viertel in scheußlichster Investorenarchitektur hochziehen lässt, soll der einzigartige Mäusebunker abgerissen werden - die Tierversuchslaboratorien der Freien Universität, für die das Architektenpaar Magdalena und Gerd Hänska 1971 einen fantastischen Brutalismusbau entwarf. "Wenn nichts geschieht, würde damit ein auch international geschätztes Zeugnis der Berliner Nachkriegsarchitektur aus dem Stadtbild verschwinden", warnt Jonas Bickelmann im Tagesspiegel. "2019 war der Mäusebunker etwa im britischen Guardian abgebildet, zu einem Artikel über bedrohte brutalistische Bauten in aller Welt. Nur wenige Schritte entfernt findet sich ein ganz ähnlich gelagerter Fall. Das Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité stammt aus derselben Epoche und könnte ebenfalls schon bald abgerissen werden. Stilistisch mutet es ganz anders an als der Mäusebunker. Die Linien sind fließend und geschwungen, sie strahlen eine Zukunftseuphorie aus, die heute geradezu nostalgisch wirkt. Wenn der Mäusebunker einem U-Boot gleicht, so weckt das Hygiene-Institut Assoziationen an Sakralbauten feinsinniger Außerirdischer. Auch hier waren namhafte Nachkriegsarchitekten am Werk, Hermann Fehling und Daniel Gogel, von denen auch das Studentendorf Schlachtensee stammt." Beide Gebäude stehen nicht unter Denkmalschutz. Inzwischen gibt es aber eine Unterschriftenaktion zur Rettung der beiden Bauten. 

Außerdem: Eine angeregte Laura Weißmüller blättert für die SZ in alten Ausgaben von Arch+ und empfiehlt Lesern die Nachbestellung.
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.03.2020 - Architektur

Stalinistischer Bombast statt klassischer amerikanischer Moderne? In der FAZ überlegt Andrea Gnam, was Donald Trumps Forderung bedeutet, öffentliche Bauten ab einer bestimmten Größe nur noch im Stil des Klassizismus zu errichten: Das ist "ein Abschied von einer ganzen Epoche, in der der Moderne sinnstiftende Ausdruckskraft zugebilligt wurde", schreibt sie. Schon die Bungalowbauten nach dem Krieg, "diese Segnungen des modernen Lebens, selbstredend für die Hausfrau, die nur noch mit dem Fuß die Lüftungsschächte des Heizungssystems bedienen musste, sollten nicht zuletzt auch dazu dienen, den technologischen und wirtschaftlichen Vorsprung Amerikas in einen zugleich politischen wie kulturellen Führungsanspruch umzudeuten".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.03.2020 - Architektur

Die alte Biblioteca Pública del Estado vor dem Park Agua Azul. © Moisés Mondragón / Changing Places

In Mexiko können sich die Menschen noch frei bewegen. Für den Tagesspiegel berichtet Philipp Lichterbeck vom Projekt "Changing Places" in Guadalajara, mit dem den Bauten der gescheiterten Moderne neues Leben eingehaucht werden soll, denn bei aller Funktionalität fehlte ihnen meist "die organische Einbindung in ihre Umgebung. Enorme Büro- und Bibliothekstürme wurden beispielsweise inmitten eher bescheidener Viertel mit flacher Bebauung hochgezogen. So blieben sie Solitäre, Repräsentanten der sozialistischen Idee, dass sozialer Fortschritt baubar sei. ... Aus architekturgeschichtlicher Sicht mögen viele Gebäude aus dieser Zeit also zwar wertvoll sein, gelten aber heute dennoch als grandios gescheitert."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.03.2020 - Architektur

Ohara House, Silver Lake, Los Angeles, 1961, Foto: David Schreyer 2017/Wienmuseum

Der Wiener Architekt Richard Neutra wurde in Kalifornien Opfer des Hochglanz-Fotografen Julius Shulman, der seine Bauten - wie auch die seiner Kollegen Ludwig Mies van der Rohe, Le Corbusier Louis Kahn - zu Ikonen einer Martini-Moderne machte. In der SZ ist Laura Weißmüller daher ganz begeistert, dass David Schreyer, Andreas Nierhausmit ihrer Neutra-Ausstellung im Wienmuseum den Humanisten "aus dem Knast der Coffee-Table-Books" befreien. Und siehe da: "Für heutige Verhältnisse sind diese Häuser in den Hügeln von Hollywood klein, geradezu winzig. Viele sind weniger als 100 Quadratmeter groß. Trotzdem wirken sie durch ihre Offenheit, die fließenden Grundrisse und den Dialog mit ihrer heute fast urwaldartigen Umgebung großzügig. 'Man braucht nicht Hunderte von Quadratmetern, um gut zu wohnen', so Nierhaus. Und auch keine Klimaanlage. Ursprünglich hatte keines der Häuser eine, viele Bewohner verzichten bis heute darauf... Nierhaus und Schreyer haben Neutra damit tatsächlich 'demokratisiert'." Oder wie Kevin Vennemann Shulman vorwarf: Seinestwegen ist die Moderne unerschwinglich geworden!

Weiteres: In der NZZ hätte Thomas Stadelmann gern den Besuch einer Ausstellung in Lausanne empfohlen, die der Frage nachgeht, wie die anhaltende Urbanisierung eigentlich zu den endlichen Ressourcen  passen soll.
Stichwörter: Neutra, Richard

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.03.2020 - Architektur

In Hamburg soll wieder eine große Synagoge im Grindelviertel gebaut werden, wo einst der größte und stolzeste der jüdische Bau des Nordens stand, am Bornplatz. Einhellig hat die Stadt das beschlossen, aber nun diskutiert sie, wie der Bau aussehen soll, berichtet Alexander Diehl in der taz. Der SPD-Politiker Johannes Kahrs etwa wünscht sich einen originalgetreuen Wiederaufbau.  Die Filmemacherin Marion Kollbach dagegen, findet das grundfalsch: "Ein solcher Bau, zumal in Deutschland, müsse 'Erinnerung speichern', sagt Kollbach. 'Und das kann er nicht, wenn er so tut, als wäre nichts gewesen.' Sie verweist auf zeitgenössische Neubauprojekte, etwa das Gebäude der jüdischen Gemeinde am Jakobsplatz in der Münchener Innenstadt: 'Es gibt ein vielfältigeres, ein modernes Judentum, und dafür muss eine neue Synagoge auch Ausdruck sein.'"

Weiteres: Alexander Menden besichtigt für die SZ das Eisenbahnmuseum in Bochum-Dahlhausen, das der Schweizer Architekt Max Dudler in "Klinker, Eiche und Sichtbeton" gestaltet hat. Auf Domus liefert Manuel Orazi noch einen Nachruf auf den im Sinne Rimbauds "absolut modernen" Architekten Vittorio Gregotti.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.03.2020 - Architektur

Der Tagesspiegel meldet, dass nun auch der italienische Architekt Vittorio Gregotti an einer Corona-Infektion gestorben ist. Zu seinen bekanntesten Bauen gehörten das Olympiastadion von Barcelona, das Fußballstadion von Genua, das neue Opernhaus in Aix-en-Provence und das Kulturzentrum im portugiesischen Belem. Bitterer Nachsatz: "Beerdigungen sind in Italien vorübergehend ausgesetzt." Auch La Repubblica erinnert daran, dass Gregotti nicht nur Architekt war, sondern mit Umberto Eco und Luciano Berio zum intellektuellen Gestirn Mailands gehörte. Der Guardian bringt in seinem Nachruf viele Bilder seiner tollen Bauten.
Stichwörter: Gregotti, Vittorio, Corona

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.03.2020 - Architektur

Die Ausstellung "da! Architektur in und aus Berlin" der Berliner Architektenkammer im Stilwerk Berlin reißt Nikolaus Bernau (Berliner Zeitung) nicht gerade vom Hocker. Immer alles so zwangsidyllisch in Berlin: "Heftige Debatten aber wird diese Ausstellung nicht auslösen. Dabei konstatierte [Senatsbaudirektorin] Regula Lüscher zur Eröffnung, dass 'Architektur auch Angst macht, weil sie verdrängt, liebgewordene Dinge und Milieus verändert.' Doch in dieser Auswahl macht wenig Angst - und manches wie die Kita in der Ruheplatzstraße ist geradezu idyllisch: Holz, Sand, wilde Gräser und wehende Birken - Berlins ewige Sehnsucht nach dem Kleinen im Großen."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.03.2020 - Architektur

Der Urbanist Winy Maas, Mitbegründer des Büros MVRDV aus Rotterdam, berät gerade Marseille für die Manifesta, die dort ab Juni stattfinden soll. Im Interview mit der SZ erklärt er, warum es okay ist, dass die deutsche Stadtplanung so tödlich langweilig ist (Hans Stimmann!) Muss es auch geben, im Sinne der Unterschiedlichkeit europäischer Städte, meint er: "In Eindhoven machen wir das Gegenteil. Es gibt eine historische Schicht, die etwa 17 Meter hoch ist, und wo wir Hochhäuser oben drauf bauen. Das ist superlustig. Jeder kann einen Turm bauen. ... Es ist eine Art freier Urbanismus, bei dem wir nur sagen: Jeder Turm muss anders sein. Kopiere nicht deinen Nachbarn. Es gibt so viele Möglichkeiten, Städte zu verbessern. Das Ziel ist dabei immer dasselbe: Städte müssen grün werden."

Im Gespräch mit der NZZ erklärt der Architekt Roger Diener, warum es manchmal besser ist, das Alte stehen zu lassen, wie man Spuren der Vergangenheit sichert, und warum er erst spät Glas zu verwenden begann: "Das erste Mal, dass wir eine ondulierende Glasfassade vorgeschlagen haben, war für die Restrukturierung des Pergamon-Museums in Berlin vor zwanzig Jahren, für das Eingangsgebäude am Kupfergraben. Die rhythmisierten Wellen sollten ein einziges Stück Architektur mit den Exponaten bilden. Die Besonderheit des Museums sind die antiken Großarchitekturen im Piano Nobile. Die Wellen stehen in diesem Entwurf in suggestiver Beziehung zu den antiken Stützen der Ausstellung mit Kanneluren und zylindrischen Schäften. Wir haben den zweiten Preis bekommen. Das Projekt ist Teil einer Suche, die Hüllen, Vorhänge oder Verkleidungen mit Glas zum Gegenstand hat."

Besprochen wird die Berliner Ausstellung "Modell Mies" (Tagesspiegel).