Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.04.2019 - Architektur

Cover der Zeitschrift bauhaus von 1928.
Friedhelm Greis bringt in seinem Tucholsky gewidmetem Sudelblog einen interessante Überblick über Texte der Weltbühne zum Bauhaus. Diskutiert wurde es früh, gegen Ende der Zwanziger dann auch eher kritisch. Und schreiben konnten sie, etwa der Architekturkritiker und ehemalige Leiter der Zeitschrift bauhaus Ernö Kállai, der 1930 einen gewissen Überdruss bekannte: "Heute weiß jeder Bescheid. Wohnungen mit viel Glas- und Metallglanz: Bauhausstil. Desgleichen mit Wohnhygiene ohne Wohnstimmung: Bauhausstil. Stahlrohrsesselgerippe: Bauhausstil. Lampe mit vernickeltem Gestell und Mattglasplatte als Schirm: Bauhausstil. Gewürfelte Tapeten: Bauhausstil. Kein Bild an der Wand: Bauhausstil. Bild an der Wand, aber was soll es bedeuten: Bauhausstil."

Außerdem: Die New York Times bringt eine wunderbare Fotostrecke von Architektur aus der ganzen Welt, die vom Bauhaus inspiriert ist.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.04.2019 - Architektur

Ludwig Mies van der Rohe: Färberei- und HE-Gebäude, Verseidag 1930. Bild: Projekt MIK

Das Bauhaus fand im Osten Deutschlands statt, in Weimar, Dessau und Berlin, im Westen hat es nur wenige Spuren hinterlassen. Die große Ausnahme ist Krefeld. Hier baute Ludwig Mies van der Rohe seinen einzigen Industriebau (für die Vereinigten Seidenwebereien) und das Villenpaar Haus Lange und Haus Esters. Das Bauhaus war eng verflochten mit der Textilindustrie am Niederrhein, wie SZ-Autor Alexander Menden in der Krefelder Ausstellung "Bauhaus und Seidenindustrie" lernt: "Gunta Stölzl, später erste Bauhaus-Meisterin und Leiterin der Weberei, hospitierte etwa an der Krefelder Färberei- und Weberschule. Die deutsche Samt- und Seidenindustrie wollte sich nach dem Ersten Weltkrieg stärker von der dominanten französischen Konkurrenz absetzen. Der Branchenverband mit Hauptsitz in Krefeld beschäftigte Bauhäusler nicht nur zur Ausbildung des Nachwuchses und bei der Gestaltung von Stoffen. Besonders Mies van der Rohe und Lilly Reich trugen zum internationalen 'Branding' bei, indem sie spektakuläre Ausstellungsarchitekturen entwarfen: das Café 'Samt und Seide' bei der Berliner Ausstellung 'Die Mode der Dame' 1927 und den Beitrag der deutschen Seidenindustrie zur Weltausstellung 1929 mit Mies' berühmtem 'Barcelona-Pavillon'."

Weiteres: Die Architektur der Hudson Yards ist schon furchtbar genug, meint Zachary Small auf Hyperallergic, noch schlimmer sei allerdings ihre Finanzierung: Mit Visaprogrammen für superreiche Ausländer und insgesamt 1,2 Milliarden Dollar öffentlichen Geldern.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.04.2019 - Architektur

New Yorks neues Kulturzentrum gleich neben dem Milliardärsspielplatz der Hudson Yards nennt sich ganz ganz bescheiden The Shed, Der Schuppen, und kann sich bei gutem Wetter spektakulär öffnen. In der taz kann sich Lukas Hermsmeier nicht für dieses Projekt erwärmen, schließlich hat auch dieser Bau fünfhundert Millionen Dollar gekostet und prunkt mit Künstlernamen von Steve McQueen über Gerhard Richter bis zu Katie Mitchell, Anne Carson und Björk im Programm. "Der Schuppen fühle sich wie das 'großzügige Geburtstagsgeschenk an, dass du von dem reichen Typen bekommst, der deine Frau gestohlen hat', schrieb die Kritikerin Ginia Bellafante in der New York Times. Ein Kulturzentrum als eine Art Alibi und Gewissensberuhigung also, für all jene Politiker, Investoren und sonstigen Verantwortlichen, die dafür sorgen, dass Manhattan immer unbezahlbarer, steriler und öder wird und die Bewohner von ihrer Stadt immer weiter entfremdet."
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Stichwörter: The Shed, New York

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.04.2019 - Architektur

Das neue, von Jean Nouvel gebaute Nationalmuseum in Doha. Foto: Iwan Baan / Ateliers Jean Nouvel


Werner Block ist für die NZZ nach Katar gereist, um das neue, von Jean Nouvel einer Wüstenrose nachempfundene Nationalmuseum in Doha zu begutachten. Was nicht ganz einfach ist: "Wer sich ein Bild machen will von diesem gigantischen Monument, das Emir Tamim bin Hamad Al Thani Ende März eröffnete, der braucht schon einen Helikopter, mindestens aber eine Drohne. Über 400 Meter dehnt sich das Nationalmuseum von Katar entlang der Corniche, der Prachtstraße von Doha. Zwischen Meer und City ist ein sandfarbenes Raumschiff eingeschwebt, eine extrem verschachtelte Struktur wie aus besten 'Star Wars'-Zeiten, mit einem Mutterschiff und 539 aneinandergedockten Scheiben und unterirdischen Gängen. Eine Raumstation voller Querverbindungen, gehalten von 7000 Tonnen Beton. Und doch wirkt dieser Bau, der nach achtzehn Jahren Planungs- und Bauzeit fertiggestellt wurde, leicht und filigran." Dazu gibts eine schöne Bilderstrecke.

Ebenfalls in der NZZ ermuntert Sabine von Fischer, sich nicht der bereits einsetzenden Bauhaus-Müdigkeit anstecken zu lassen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.04.2019 - Architektur

Im Guardian rauft sich Oliver Wainwright die Haare beim Anblick der New Yorker Hudson Yards, dem 25 Milliarden teuren Areal für Superreiche: "Das Überraschende ist nicht, dass eine solche Entwicklung stattgefunden hat, sondern dass es so scheußlich ist. Der Marketinghype von Hudson Yards ist voller Superlative: Dies sei das größte und teuerste private Immobilienprojekt in der Geschichte der USA, ein Ort mit 'noch nie dagewesenen' Einzelhandelskonzepten und 'einzigartigen' Restaurants. Es wird als das Nonplusultra in allem angesehen, ein raffinierter Spielplatz für anspruchsvolle Stadtbewohner, mit Geschäften, in denen man fünfstellige Summen für eine Armbanduhr und 800 Dollar für einen Haarschnitt ausgeben kann. Doch es fühlt sich alles so billig an."
Stichwörter: Hudson Yards, Armbanduhren

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.04.2019 - Architektur

Balkrishna Doshi: Architekturbüro Sangath, Ahmedabad, 1980 © Iwan Baan 2018

Sabine von Fischer porträtiert in der NZZ den indischen Architekten Balkrishna Doshi, der im vorigen Jahre den Pritzker-Preis erhielt und dem das Vitra Museum in Weil am Rhein eine Ausstellung widmet. Doshi verbindet Tradition und Moderne, erklärt Fischer, Ungestüm und Bescheidenheit: "Mit Nachdruck und Geduld sucht Balkrishna Doshi seit über einem halben Jahrhundert nach einer Architektur, welche die Gemeinschaft der Menschen verkörpert und fördert. 1978 gründete er innerhalb seines Büros Vastu Shilpa eine gemeinnützige Stiftung, die sich intensiv auch sozialen Fragen widmet. Das bekannteste Resultat dieser Recherche ist wohl das Aranya Housing, wo 80.000 Familien aus verschiedenen Gesellschaftsschichten zusammenleben. Auch ökologische und ökonomische Fragen sind Teil der Arbeiten von Vastu Shilpa, in jüngeren Jahren auch Stadtplanungen riesigen Ausmaßes, wie beispielsweise farbenfroh sichtbar gemacht im Stadtplan von Khargar Node in Mumbai für mehr als 200.000 Familien."

Im NZZ-Interview versprüht Doshi zudem etwas indischen Spirit: "Ein Haus steht nicht - in meinem Verständnis wächst es", sagt er etwa. Und wie eine gute Schule das nachhaltige Bauen vermittelt, erklärt er auch: "Eigentlich lernt niemand etwas. Dieses Verständnis ist uns allen eigen. Wenn du arm bist, suchst du und findest etwas. Wenn du neben jemandem sitzt, der Hunger hat, teilst du dein Essen. Oder nicht?"

Weiteres: Die FR hat Nikolaus Bernaus Text zur Eröffnung des Bauhaus-Museums in Weimar online gestellt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.04.2019 - Architektur

Der minimalistisch-elegante Bau des neuen Bauhaus-Museums in Weimar gefällt Anne Katrin Fessler zwar sehr gut, aber auch sie fragt sich heute im Standard, ob sich die Marke so umstandslos in eine symbolische Trutzburg gegen das Totalitäre umwandeln lasse: "Die Ambivalenzen, die das Bauhaus als Teil einer brüchigen Moderne besitzt, bleiben ausgespart. Kein Versuch, den ausgeboteten Frauen des Bauhauses hier mehr Sichtbarkeit zu geben. Kein Hinweis auf die zweifelhafte 'Rassenheilkunde' Ittens. Kein Hinweis auf Ertl, der später für Auschwitz Baracken und Krematorien entwarf."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.04.2019 - Architektur

Das neue Bauhaus-Museum von Heike Hanada


In Weimar wurde zum Bauhaus-Jubiläum das neue Bauhaus-Museum der Architektin Heike Hanada eröffnet. Im Tagesspiegel lobt Bernhard Schulz das neue Gebäude als "Ausdruck der heutigen Moderne und ein Bekenntnis zu ihr darstellt. Aus der Ferne sieht man einen weißgrauen Klotz, der sich kantig und verschlossen von der Gebäudeecke des 'Gauforums' absetzt. ... Der Beton, aus dem das Haus besteht, bleibt überall sichtbar, überzogen im Inneren nur von einer millimeterdünnen Schlämmschicht - kein Putz! -, die die Struktur des Betons mit allen Spuren der bauzeitlichen Schalung erhält. Die doppelläufigen Deckenträger bergen in ihrer Mitte zugleich die technische Ausrüstung, insbesondere die Leuchtröhren. Die Treppen sind schmal und steil. Das ist im Grunde auch eine Aussage - eine Aussage über die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, da das Bauhaus entstand und buchstäblich 'ganz klein' anfing mit Werkstattarbeiten in Ton und Holz. Die vermeintliche Orientierung auf industrielle Produktion kam erst in Dessau."

Bei Monopol ist Sarah Alberti auch mit dem Ausstellungskonzept zufrieden, das sie für einen "geglückten Balanceakt" darstellt: Es ist zugleich Kunst-, Design- und historisches Museum. Es schafft Themeninseln, die intuitiv anziehen. Angenehm wenig ist zu sehen in der luftigen Architektur. Hier hat niemand den Fehler gemacht, eine Dauerausstellung mit einer wissenschaftlichen Publikation zu verwechseln. Erfrischend kurze Texte werfen kleine Orientierungsanker, machen Lust auf mehr. Im Vordergrund stehen die gut 1.000 ausgestellten Objekte. Ihre Farbigkeit. Ihr Material."

In der Welt ist Marcus Woeller dagegen geradezu entsetzt von diesem Bau, der "mit Betonklotz nicht besser zu beschreiben" sei. "Grau, schwer, klobig. Wie ein Luftschutzbunker ragt der Quader am Rand des Schwanseeparks empor, als müsse er mindestens die Goldreserven des Freistaats Thüringen beschützen. Das Museumsgebäude, das ab diesem Sonnabend die Bauhaus-Sammlungen Weimars zeigt, wirkt wie ein Mausoleum für die Moderne. Da können auch die in die Fassade eingelassenen Lichtbänder, die es nachts 'zum Schweben' bringen sollen, nicht helfen."

SZ-Kritikerin Laura Weißmüller wird beim Blick auf das neue Museum gar "von einer tiefen Traurigkeit erfasst. Denn just in der Stadt, wo alles begann, wo Walter Gropius vor hundert Jahren zur Gestaltungsrevolution aufrief, wird das Bauhaus eingesargt. Deutschlands Avantgarde bekommt in Weimar einen Sarkophag. Als hätten wir das Erbe heute nicht bitter nötig. Wer sich gefragt hat, warum sich auch nach vier Monaten Bauhaus-Jubiläum noch kein Feuerwerk an neuen Ideen für dieses Land entzündet hat, der weiß es jetzt. Die große Masse an Veranstaltungen und Vielzahl neuer Publikationen über das Bauhaus bleiben so uninspirierend, weil es ihnen nicht gelingt aufzuzeigen, welche Relevanz die Ideen der Bauhäusler heute immer noch haben. ... Wo ist die Lust, etwas radikal Neues, und zwar fürs 21. Jahrhundert auszuprobieren? Wo der Mut, Experimente zu wagen? Das alles war das Bauhaus."

Ähnlich geht es Niklas Maak (FAZ), dem auch die Ausstellung viel zu weichgespült ist: Die Arbeiten der Frauen werden hier - wie schon im echten Bauhaus - kaum erwähnt, und Gropius, Meyer und van der Rohe würden zwar groß gewürdigt: "Aber hätte man nicht irgendwo erwähnen müssen, dass der hier so gefeierte Bauhaus-Lehrer Itten ein knallharter Rassist war, der von einem spirituell gereinigten arischen Supermenschen träumte".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.04.2019 - Architektur

Bauhausfest in der Gaststätte Ilmschlösschen bei Weimar am 29. November 1924, Foto: Louis Held


Sabine Seifert besucht für die taz das Bauhaus in Weimar, wo das neue Bauhaus-Museum eröffnet wurde, und lernt einiges über dessen komplexe Geschichte, mit der sich natürlich auch die Ausstellungsmacher beschäftigen: "18 Bauhäusler wurden in Konzentrationslagern ermordet, deswegen werden aus 18 Fenstern 18 Scheinwerfer auf den Innenhof des Hauptgebäudes gerichtet sein und die Namen der Ermordeten sichtbar machen. Sebastian Helm, 39, Mitbegründer des Grafikbüros Schroeter und Berger, das sich viel mit der Bauhaus-Typografie und seinen Signets beschäftigt hat, erzählt von Franz Ehrlich, der in Dessau am Bauhaus studierte und später als Kommunist in Buchenwald inhaftiert war. Dort entwarf er 1940, ins Baubüro des Lagers abkommandiert, die Bärenburg für das Tiergehege im SS-Freizeitbereich - Helm holt eine Zeichnung hervor, die ungewöhnlich geschlängelte Wege enthält. Eine besondere Formensprache für die Zeit und erst recht für den Ort. Die Studierenden sind den Parallelen zwischen Ehrlichs Malerei und den Entwürfen nachgegangen. 'Ehrlich hat in Buchenwald das vom Bauhaus Gelernte angewendet', erklärt Helm. Auch die berühmte Inschrift 'Jedem das Seine' über dem Lagertor stammt von ihm."
Stichwörter: Bauhaus, Bauhaus Weimar

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.04.2019 - Architektur

Bruchfeldsiedlung, Donnersberger Straße. © Hermann Collischonn / DAM


Das Deutsche Architekturmuseum erinnert mit der Ausstellung "Neuer Mensch, neue Wohnung" an das Neue Frankfurt, und Laura Weißmüller findet in der SZ, dass sich die Stadt absolut zu Recht zu seiner eigenen Vision erklärte. Im Hochbauamt des Architekten Ernst May wurde für den neuen Menschen gebaut, im Kollektiv, zehntausend Wohnungen in zehn Jahren: Kindergärten, die nach maria Montessori das Kind in den Mittelpunkt stellten, Margarete Schütte-Lihotzkys Frankfurter Küche, in der die neue Frau mit ihrem Bubikopf stand: "Dass nicht nur Schütte-Lihotzky, sondern alle Protagonisten des Neuen Frankfurt klare Vorstellungen davon hatten, wie die Menschen in ihren Entwürfen leben sollten, zeigt Ernst Mays Zitat von 1928: 'Für uns hat neues Bauen den neuen Menschen zur Voraussetzung, den Menschen, der entschlossen ist, das Alte, Erstarrte hinter sich zu lassen.' Bei Grete und Walter Dexel klingt das im selben Jahr sogar noch fordernder: 'Der Vergangenheit müssen wir den Kampf ansagen. Die Lebens- und Wohnsitten unserer Väter haben sich für uns erledigt.'"

Die Schweizer Zollfreilager waren einst extraterritoriales Gebiet, heute sind sie in Zürich und Basel zu Hotspots der Stadtentwicklung geworden. Schick geht es in diesen Arealen zu, meint Sabine von Fischer in der NZZ, aber betreten möchte man sie nicht. Fischer zufolge ist die Frage der Grenze nicht bedacht geworden. Es gibt keine Übergänge: "Das Leben im Basler Freilager pulsiert vor allem dank jenen, die ohnehin schon drinnen sind. Wer sich sonst hierher verirrt? Einzelne, die eine Ausstellung im HeK, im Haus der elektronischen Künste Basel, sehen möchten. Sonst wenige, denn an den Rändern ist der Puls im Innern nicht ablesbar. Möchte man böse sein, könnte man sagen: Der Kontextbezug beschränkt sich in Zürich wie in Basel auf Parkplätze und Verkehr." Vor Jean Nouvels neuem Nationalmuseum von Qatar macht sich Stefan Trinks in der FAZ Gedanken über nationale und metaphorische Architektur.