Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.10.2019 - Architektur

In der Debatte um den Berliner Walter-Benjamin-Platz schlägt Ulrike von Hirschhausen im Tagesspiegel vor, als Antwort auf Ezra Pounds antisemitische Zeile "Bei Usura hat keiner ein Haus von gutem Werkstein" ein Zitat von Benjamins Geschichtsthesen in den Boden zu lassen: "Einmal heißt es: 'Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein.' Benjamin selber hatte dabei große geschichtliche Brüche vor Augen. Genau diese Ambivalenz kennzeichnet auch Pounds Cantos'. Deshalb gehören Benjamins Zeilen unter Pounds Zitat auf den Boden."
Stichwörter: Walter-Benjamin-Platz

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.10.2019 - Architektur

Dass sich die Architektur-Biennale in Chicago verstärkt auf die politischen und sozialen Dimensionen von Architektur konzentriert, in diesem Jahr etwa durch Projekte zur Mietpreissenkung in Sao Paulo, geht für Mechthild Widrich in der NZZ in Ordnung. Dennoch erscheinen ihr die künstlerischen Beiträge interessanter: "Die rumänische Performancekünstlerin und Tänzerin Alexandra Pirici choreografierte eine Arbeit, die sich in einer dem Amerikanischen Bürgerkrieg gewidmeten Raumausstattung im Cultural Center mit Territorien und deren Verlust für Minderheiten auseinandersetzt. Und auch der in Chicago beheimatete und international erfolgreiche afroamerikanische Künstler Theaster Gates zeigt in seiner dokumentarisch-künstlerischen Installation 'Landed. Gates et.al.' die zurzeit mehr als dreißig Grundstücke und Gebäude, die er in durch die Immobilienkrise gebeutelten Stadtteilen gekauft hat und nun zu kulturellen Stätten ausbaut."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.10.2019 - Architektur

Das schönste und beim Publikum erfolgreichste Museum Berlins, das Neue Museum, wurde von keinem Stararchitekten radikal umgebaut, es verband Altes mit Neuem und blieb am Ende 20 Millionen Euro unter dem Kostenvoranschlag, erinnert Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung. "Leider aber haben weder der Bund als Finanzier noch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz oder die Stadt Berlin aus dem Projekt gelernt. Das zeigen solche Radikal-Umbauten mit den entsprechend explodierenden Kosten wie die Alte Staatsbibliothek, das inzwischen auf fast eine halbe Milliarde Euro kalkulierte Pergamonmuseum, die Staatsoper oder jetzt auch das überaus umstrittene Projekt Museum der Moderne auf dem Kulturforum."
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Stichwörter: Neues Museum

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.10.2019 - Architektur

Bluttschnägg oder Swatch-Uhr? Der Campus in Biel. Foto: Shigeru Ban Architects

Sabine von Fischer feiert in der NZZ das neue Hauptquartier des Schweizer Uhrenhersteller Swatch, der für seinen Campus in Biel den Architekten Shigeru Ban zur Spielfreude verpflichtete: "Der Japaner hat ihnen ein Haus gezeichnet, wie es die Schweiz noch nicht gesehen hat und das die Architektur dreifach ans Extrem führt: mit einer endlos wirkenden Wabenhülle, die das Bürohaus wie ein Fußballstadion einkleidet; mit einer Tragstruktur, die fast 2000 Kubikmeter einheimisches Holz verbaut; und mit einer offenen Bürolandschaft für 400 Leute. Wie eine Schlange, eine Nacktschnecke ('Bluttschnägg') oder sogar ein Drache sehe die lange, organische Figur der Swatch-Headquarters aus, meinen die Ortsansässigen. Doch der Architekt Shigeru Ban will von diesen Metaphern nichts wissen. Vielmehr folge der Bau nur den Parzellengrenzen, und die Swatch-Uhren (von denen es bis heute 9154 verschiedene Modelle gibt) hätten ihn inspiriert: 'Der Bogen ist von den Spielereien von Swatch hergeleitet. Zwar ist der Mechanismus im Innern immer der Gleiche, aber das Äußere kann sich verändern.'"

Bjarke Ingels' Copenhill. Foto: BIG

In der vorigen Woche wurde der Copenhill eröffnet, Bjarke Ingels schon jetzt berühmte Skianlage auf einer Müllverbrennungsanlage am Rand von Kopenhagen, die zugleich auch als Kletterwand und Schulungszentrum dient. SZ-Kritikerin Laura Weißmüller sieht in dem Projekt ein herausragendes Beispiel für Ingels "hedonistische Nachhaltigkeit", die besonders gut funktioniere, wenn er für die öffentliche Hand baut: "Kopenhagen hat wie keine andere Stadt in den letzten 20 Jahren konsequent am eigenen Umbau zu einer lebenswerten und gleichzeitig nachhaltigen Metropole gearbeitet.Copenhill ist Teil der Strategie, bis 2025 CO₂-neutral zu werden. Die Gestaltung des öffentlichen Raumes spielt dabei eine entscheidende Rolle. Und genau das ist der Grund, warum BIG-Projekte in Kopenhagen so sympathisch sind: Weil sich ihre Aufforderung, das Leben in der Stadt zu genießen, hier an alle richtet."

Weiteres: Im Guardian stellt Frances Perraudin neue Sozialbauten in Norwich vor, die nicht nur günstig und geräumig, sondern auch ökologisch sind.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.10.2019 - Architektur

Der Tolbuchin-Boulevard in Minsk. Architekten J. Spit, J. Samontschuk. 1965. Foto: BGANTD

Nirgendwo kann man die modernistische Architektur des ehemaligen Ostblocks besser studieren als in Minsk, weiß FAZ-Korrespondentin Kerstin Holm, auf verbrannter Erde wurde hier nach dem Zweiten Weltkrieg die sozialistische Mustermetropole errichtet. Besonders spannend findet Holm deswegen auch die Minsker Lokalausgabe der vom Goethe-Institut inititiierte Wanderausstellung "Die Stadt von morgen", die der Architekturhistoriker Dimitrij Zadorin kuratierte: "Zadorin zeigt, wie nach dem Verbot architektonischer 'Überflüssigkeiten' durch Parteichef Chruschtschow in den fünfziger Jahren die Baukörper kahl werden, und wie nach Chruschtschows Ukas über die industrielle Fertigung die Ziegel- durch Blockbauweise abgelöst wird. Was für Moskau die 'Chruschtschowki' sind, jene fünfstöckigen Wohnhäuser ohne Lift, die derzeit abgerissen und zumeist durch Wohntürme ersetzt werden, sind für Minsk zweistöckige spätstalinistische Arbeiterappartementhäuser, die nach ihrem Architekten Michail Osmolowski 'Osmolowki' heißen und jetzt ebenfalls verschwinden."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.10.2019 - Architektur

Susanna Petrin hat für die NZZ El Gouna besucht, eine Stadt am Roten Meer, die sich der ägyptische Milliardär Samih Sawiri gebaut hat. Hier darf man kurze Röcke tragen, westliche Musik hören, trinken und tanzen: "Was er vor genau dreißig Jahren als kleines Projekt für sich und seine Freunde in Angriff nahm, ist inzwischen zu einer Kleinstadt mit rund 20 000 Einwohnern gewachsen. Mit allem, was es so braucht - und mehr: Es gibt eine Schweizer Primarschule, eine deutsche Universität, ein Spital, Hotels, Restaurants, Läden, eine Bibliothek, Kinos, eine Radiostation, Golfplätze, Tauchzentren und sogar einen kleinen Flughafen. Private Sicherheitsdienste statt Polizisten schützen das Gelände. Es ist, als ob hier andere Gesetze gälten."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.10.2019 - Architektur

NZZ-Kritikerin Sabine von Fischer verfolgt in der Ausstellung "Swissness Applied" im Kulturgüterschuppen Glarus, wie die Bauordnung des amerikanischen Städtchen New Glarus in Wisconsin bis heute schweizerische Bautradition hochhält. Oder zumindest so gut wie: "Im realen New Glarus allerdings ist die Konstruktion teilweise handwerklich adaptiert: Einzelne Chalets sind auch mit Fotoprint auf Kunststoff realisiert und mit direktem Highway-Anschluss schließlich doch genauso amerikanisch wie schweizerisch."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.09.2019 - Architektur

Blick auf "The Twist". Foto laurianghinitoiu/kistefosmuseum


In der Welt stellt Marcus Woeller den dänischen Architekten Bjarke Ingels vor, der mit seinem norwegischen Architekturbüro BIG gerade bei Oslo die Kunsthalle "The Twist" über einen Fluss gebaut hat: "Um die senkrechte Achse gedrehte Hochhäuser gibt es inzwischen einige, seit Santiago Calatrava im schwedischen Malmö seinen 2005 eingeweihten 'Turning Torso' baute, waagerecht verdrehte Flachbauten aber noch keine. Sein Entwurf habe außerdem etwas Universelles, sagt Ingels und beruft sich auf Jan Utzon als Vorbild, den dänischen Architekten des berühmten Opernhauses von Sydney. 'Utzon war besessen von der Idee, dass man jede nur vorstellbare Form aus massengefertigten Elementen herstellen könne.' Im 'Twist' drücke sich nun diese 'Utzonische Verpflichtung' aus, mit den einfachsten Mitteln eine hochkomplexe Struktur zu erschaffen. Besonders stolz ist Ingels darauf, dass die Biegungen im Gebäude erreicht wurden, ohne auch nur ein gebogenes Bauteil zu verwenden."
Stichwörter: Ingels, Bjarke, The Twist

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.09.2019 - Architektur

Laura Weißmüller schlendert für die SZ durch Chemnitz und lässt sich vom gebürtigen "Karl-Marx-Städter" Martin Böhringer erklären, warum es, Neonazis beiseite, völlig okay ist, dass Chemnitz Kulturhauptstadt 2025 werden will: "'Wer sich hier auf Tradition beruft, der beruft sich auf eine, die maximal international war', sagt Böhringer, der mit seinem Kapuzenpulli auch als Student durchgehen könnte, dabei wurden in sein Start-up gerade mal wieder 20 Millionen Euro investiert. Er verweist damit auf die Industriegeschichte der Stadt."

Weiteres: In der NZZ nimmt Sabine von Fischer das Open House-Wochenende in Zürich zum Anlass, über Nacktheit in der Architektur und besonders im Brutalismus nachzudenken. Regine Müller besucht für die taz das frisch renovierte Düsseldorfer Schauspielhaus.
Stichwörter: Chemnitz

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.09.2019 - Architektur

Zwischen Randsfjord und Tyrifjord: The Twist. Foto: BIG


Vor einem spektakulären Rätsel steht Welt-Kritiker Marcus Woeller mit der von Bjarke Ingels entworfenen Kunsthalle "The Twist", die sich nördlich von Oslo über die Schlucht der Randselva spannt: "Die Architektur scheint jeder Logik zu widersprechen. Ein metallverkleideter Quader schiebt sich über das Gewässer, krümmt sich kühn, sodass was am einen Flussufer noch der Boden war, am anderen Ufer als Außenwand ankommt. Die nach Osten weisenden Panoramafenster auf der einen Seite des Riegels werden durch die Krümmung zu Oberlichtern in der Decke verbogen. Und im Inneren des 60 Meter langen Hauses wird die gewohnte Raumwahrnehmung gleichfalls geprüft. Was als vertikal orientierter Tunnel beginnt, wird zu einem horizontal geweiteten Saal, dazwischen liegt der 'Twist'. Das Niveau hebt sich, der Weg macht eine doppelte Biegung, die Wände wölben sich, alles krümmt sich, so als wandelte man nicht durch Norwegens neueste Kunsthalle, sondern durch das 3-D-Modell einer mathematischen Kurvendiskussion."

Weiteres: In der NZZ propagiert der Architekt Jacques Herzog das Hochhaus, das natürlich aus kommerziellen Gründen, aber auch aus urbanistischen immer dringlicher werde: "Ein Hochhaus kann viel mehr sein: Es kann auch Öffentlichkeit generieren, es kann zum Treffpunkt werden. Es kann ein Innenleben haben, das erst in dieser extremen Vertikalen möglich ist." In der Berliner Zeitung veranschaulicht Ulrich Paul allerdings das Elend des Berliner Bauens am Beispiel des geplanten, für schlecht befundenen, aber bereits genehmigten Edge-Towers. In der taz berichtet Lorina Speder von der Architektur-Biennale in Chicago, die sich besonders den vernachlässigten Vierteln der South Side widmet.