Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Kribbelnd, heiß und eng umschlungen

06.04.2020. In Österreich beginnt heute die Maskenpflicht: Der Standard weiß: Schon bei schamanischen Riten war der Glaube an ihre magische Kraft zentral. Die SZ folgt mit Begeisterung dem Online-Parcours, mit dem die Akademie der Künste durch John Heartfields Leben führt. Die FR würde Raffael noch mehr verehren, wenn er in seine Schule von Athen auch Frauen gelassen hätte. Die Welt vermisst Rainald Goetz. Der Tagesspiegel empfiehlt Eskapismus-Fluff von Dua Lipa.

Die Welt wird wieder uns gehören

04.04.2020. In der taz erzählt der Schriftsteller Barbaros Altuğ, wie er versucht, offizielle türkische Geschichtsnarrative zu sprengen. Die SZ schließt sich Hans Ulrich Obrist an, der im Guardian New-Deal-Programme für Künstler forderte. FAZ und Filmdienst befürchten: Die Krise besiegelt das Ende des Kinos. Die Vogue schneidert Haute Couture im Homeoffice nach. NZZ und SZ feiern den modernen Raffael. Und alle trauern um Bill Withers, den zornigen Sozialrealisten.

Wie schön Elefanten rasen können

03.04.2020. Im Freitag erklärt der Schriftsteller Leif Randt seinen Wunsch, an einer kybernetisch geregelten Planwirtschaft mitzuwirken. Die NZZ erzählt, wie sie Beethoven lieben lernte. Auf ZeitOnline erklärt der Filmemacher Savaş Ceviz, warum er einen Film über einen Pädophilen machen wollte. In der SZ sagt Schaubühnenleiter Thomas Ostermeier schon mal das Ende der Solidarität nach Corona voraus. In der FAZ spricht Thomas Struth über das kollektive Unbewusste des städtischen Raums.

Hinterher eine höhere Biodiversität

02.04.2020. In der SZ erzählt Dirigent Yoel Gamzou von seinem Projekt "7 Deaths of Maria Callas", in dem Marina Abramović und Willem Dafoe die Todesart von sieben Bühnenfiguren der Callas zeigen: vom Ersticken bis zum Tod durchs Messer. Die FAZ stellt das neue Viertel vor, das irgendwann mal auf dem Gelände des Tegeler Flughafens entstehen soll: für wohnungssuchende Menschen, Start-ups und Fledermäuse. Auf ZeitOnline erklärt der Hamburger DJ Lars Schmedeke, warum Freiberuflern eine Infektion mit dem Coronavirus derzeit mehr bringen würde als die Staatshilfen. In Frankreich hat sich rund um die Corona-Tagebücher von Schriftstellern eine Debatte über Klassenunterschiede entwickelt, berichtet der Freitag.

Der innere Beach Boy

01.04.2020. Die NYTimes hofft angesichts der neuen Choreografien des Alltags auf eine Rückkehr in unsere Körper. In der taz schreibt der serbische Schriftsteller Ivan Ivanji über Corona in Serbien. Außerdem beklagt die taz die diskursive Einengung. Die SZ rät zum Eskapismus mit Eric Rohmers Sommerfilmen: Wirksamer als alle Antidepressiva gegen Lagerkoller. Und Renzo Piano ruft dazu auf, wenn das alles vorbei ist, die Museen zu stürmen.

Da gehen Energien hin und her

31.03.2020. In der FAZ trauert Olga Tokarczuk um die offenen Grenzen Europas. In der SZ verteidigt Judith Schalansky das Schuppentier. taz, FR und Nachtkritik diskutieren die digitale Revolution, die gerade die Bühnen umwälzt. Zum Achtzigsten bekommt Timm Ulrichs von seinen ehemaligen SchülerInnen eine Klasse in Benin. Die SZ übt, mit afrikanischem Pop Corona wegzutanzen. Und Klagenfurt findet jetzt doch statt.

Gymnastik und Atemübungen

30.03.2020. In Guardian und Spiegel schreibt Francesca Melandri einen Brief aus der italienischen Zukunft. Die Jury des Bachmann-Preises protestiert gegen die Absage des Wettbewerbs. Die taz lernt mit Johannes Itten, den Atem Rembrandts von Giottos Odem zu unterscheiden. Der Tagesspiegel lauscht Wajdi Mouawads Audio-Tagebuch aus dem Pariser Confinement. Die Musikkritiker trauern um den großen polnischen Komponisten und spirituellen Avantgardisten Krzysztof Penderecki.

Trotziger Tanz auf dem Virusvulkan

28.03.2020. Die coronageplagte New York Times lässt sich im leeren Met Museum von der Heiligen Rosalie trösten. Wolfgang Tillmans wirbt am Kunstmuseum Basel für Abstand. Die FAZ denkt mit der Architekturtheoretikerin Beatriz Colomina darüber nach, wie Seuchen auf Dauer das Stadtbild verändern. Hans Ulrich Gumbrecht arbeitet sich für die Literarische Welt durch einen guten Regalmeter von Klassikern der Epidemie- und Seuchenliteratur. Die taz meditiert mit Emily St. John Mandels Roman "Das Licht der letzten Tage" über postapokalytische Narrative. Die FAZ versinkt in Camus' "Pest", der Tagesspiegel im "Zauberberg". Zeit online lauscht Bob Dylans "Murder Most Foul".

Sakralbauten feinsinniger Außerirdischer

27.03.2020. In Berlin soll der Mäusebunker abgerissen werden, Berlins einziger, international berühmter Brutalismusbau, empört sich der Tagesspiegel. Die SZ geht vor dem schwedischen Jazzposaunisten Nils Landgren auf die Knie. Die FAZ gleicht die Corona-Tagebücher im Netz mit Samuel Pepys berühmten Schilderungen der Pest im London des 17. Jahrhunderts ab. Die Kunstkritiker gratulieren Daniel Spoerri zum Neunzigsten und hoffen auf eine schöne Telefonparty.

Es wird wieder neu anfangen, hochfahren

26.03.2020. Die Künste sind jetzt von Existenzsorgen geplagt: Die Buchverlage verschieben Veröffentlichungstermine oder stellen auf E-Book um, Bühnenkünstler und Musiker stehen vor dem Nichts, berichten Zeit und Welt. Und die versprochene unbürokratische Hilfe? Kommt erst nach Durcharbeitung eines 60 Seiten langen Antrags, klagt die SZ. Die NZZ lernt in einer Ausstellung über Holz, wie unglaublich intelligent Pflanzen sind. In der FAZ ärgert sich Michael Wolffsohn über die Netflix-Serie "Unorthodox", die ein ganz falsches Bild vom Judentum zeichne. Die taz guckt Filme im Arsenal, online.