Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Die tausend Hände, die einen solchen Dolch halten

13.08.2022. In New York wurde ein Anschlag auf Salman Rushdie verübt, der dabei möglicher Weise ein Auge verloren hat. Kamel Daoud bekennt bei Twitter seine ohnmächtige Wut: "Auf Salman Rushdie wird mit dem Messer eingestochen. Und auf jeden von uns mit ihm." Wir verlinken auf weitere erste Reaktionen. Die Welt sucht nach über tausend Büchern, die aus den Stundenplänen britischer Universitäten verschwunden sind. Standard und critic.de berichten vom Filmfest Locarno. Die FAZ genießt einen Tränenregen im Barocktheater von Schloss Drottningholm. Die Literaturkritiker erinnern sich mit Liebe an Sempé.

Denk dran, mich nicht zu vergessen

12.08.2022. Die SZ betritt die Pforten der Unlogik in der Ugo-Rondinone-Ausstellung der Schirn. Die FAZ hört das Meer rauschen in den neuen Romanen von Theresia Enzensberger, Dörte Hansen und Mariette Navarro. Die NZZ setzt sich einen Hut auf. Die Welt schwärmt von der schlichten Schönheit des neuen Maigret-Films - mit Gerard Depardieu - von Patrice Leconte, der unbegreiflicherweise hierzulande nicht in die Kinos kommt. Das Berliner Theatertreffen schafft sich gerade selbst ab, konstatiert die Welt. Die taz erzählt, wie ein Reissue-Label die Staples Jr. Singers wiederentdeckte. Und: Frankreich trauert um den großen Sempé, dessen federleichter Tuschestrich den "Kleinen Nick" ins Leben gerufen hatte.

Dreimal Midas, dreifach unfehlbar

11.08.2022. Europäisches Kino in bester Form - nicht fürs Tablet geeignet, aber die Ambivalenzen des Fortschritts aufspießend, sehen die Filmkritiker mit Carla Simóns Drama "Alcarràs" über spanische Pfirsichbauern. Die FAZ feiert den Perlmuttschimmer von Elisabeth Teiges Sopran. Die NZZ begutachtet das Learn Center von Sou Fujimoto an der Hochschule St. Gallen. Die Musikkritiker trauern um den begnadeten Songschreiber Lamont Dozier. The Nation besucht eine ängstliche Philip-Guston-Ausstellung in Boston.

Frei und voller Pirouetten

10.08.2022. Die Feuilletons jubeln: Der Büchner-Preis geht an Emine Sevgi Özdamar, "eine der magischsten, poetischsten und üppigst schreibenden Frauen der deutschen Literaturgegenwart", wie der Freitag schreibt. Die SZ prüft genau, wer zur Kontextualisierung der antisemtischen Werke auf der Documenta berufen wurde, die Welt schaut indes schon, was bereits kontexualisiert wurde. Die NZZ gönnt sich ein wenig "erlesene Weltflucht" auf britischen Landsitzen. Die FAZ findet das Haus der Zukunft ausgerechnet auf der Berliner Kurfürstenstraße. Und alle trauern um Olivia Newton-John und Issey Miyake.

Nur Katja gehört nie dazu

09.08.2022. Aktualisiert: Emine Sevgi Özdamar bekommt in diesem Jahr den Büchner-Preis! Der Tagesspiegel bestaunt in der Fondation Cartier Werke der australischen Künstlerin Sally Gabori, die erst mit 81 Jahren zu malen anfing. Die Musikkritiker sind hin und weg von Barrie Koskys Salzburger Inszenierung von Leoš Janáčeks "Katja Kabanova": So geht Minimalismus, mit fabelhafter Personenführung! In der FAZ beklagt der ostukrainische Schriftsteller Wolodymyr Rafejenko, was der Krieg seiner Sprache angetan hat: Die russische Sprache an sich wurde obszön. Wie Rap-Texte zu Beweismitteln werden können gegen kriminelle Gangs, erklärt Zeit online.

Abschied von der Lesbarkeit der Welt

08.08.2022. Der Bayreuther "Ring" ist durch. Der Presse geht es den Umständen entsprechend widerprüchlich. Zwanzig Minuten Buhorkan stoppte die SZ nach der "Götterdämmerung". Die FAZ spricht gar von einer Hinrichtung. "Egal - in vier Jahren klatschen sie alle", verspricht die Welt, die als einzige Zeitung die "große Kraft" dieser Inszenierung lobt. Die taz bewundert die Totenköpfe der Hamburger Künstlerin Magda Krawcewicz. Das Gedicht hat den Krieg kommen sehen, ist sich der ungarische Lyriker Gábor Schein bei Zeit online sicher.

Zuckerl für die wundgeriebenen Gemüter

06.08.2022. Die Kritiker senden erste Eindrücke vom letzten Teil des Rings in Bayreuth: Ein ganzes "Buh-Gewitter von erschreckend unflätigem Furor", erlebt der Tagesspiegel, Mutlosigkeit kann man Valentin Schwarz immerhin nicht vorwerfen, beschwichtigt der Standard und glaubt: Die Inszenierung wird noch Kult! Auf ZeitOnline erlebt Annett Gröschner im litauischen Kaunas eine Stadt zwischen Solidarität und Angst. Die WamS lernt von "Nope"-Regisseur Jordan Peele, dass die historischen Cowboys zum beträchtlichen Teil Schwarze waren. Und die Berliner Zeitung hört verwundert zu, wenn Burda-Erbin Elisabeth Furtwängler ihre Befindlichkeiten rappt.

Das Ohr ist die Instanz

05.08.2022. Die FAZ liefert Hintergründe zum Prozess gegen die Schriftstellerin Tsitsi Dangarembga in Simbabwe. Der Tagesspiegel vermisst Psychologie in Bayreuth, die SZ hört lieber den Mythos in der Musik als echte Menschen zu sehen. Die FR freut sich auf die Douglas-Sirk-Retro in Locarno. Die NZZ ist genervt von der internationalen Sprachpolizei, die jetzt Beyoncé und Lizzo zur Änderung von Texten zwang. Zeit online findet das demokratisch: Via Social Media kommunizierten Fans und Stars jetzt fast auf Augenhöhe. Warum einige kubanische Künstler Angst haben, nach Kassel zu fahren, erklärt die Welt.

Kein Drache! Nirgends. Skandal!

04.08.2022. Die NZZ erzählt, wie Vitra und Sanaa Architekten das Umbrella House des japanischen Architekten Kazuo Shinohara retteten. Die Presse lernt von Dóra Maurer, wie man in der ungarischen Kunst Geometrie versteht. In Bayreuth feiert die Welt Würde, Fülle, Kraft und Glanz des Wagnerschen "Siegfrieds". Die SZ recherchiert, wie das Harry Ransom Center in Texas mit aberwitzigen Geldbeträgen literarische Nachlässe aufkauft. Die FAZ erholt sich von zeitgeistigen Aufregungen beim Festival für Barockmusik im estnischen Haapsalu.

Mehr so eine Todesparty

03.08.2022. Die FAZ bestaunt in einer Berliner Ausstellung das fantastisch düstere Comic-Tokio des Manga-Künstler Katsuhiro Ōtomo. Verweigerung kann heilsam sein, aber sie braucht ein Gegengift, das der Tagesspiegel in der Bayreuther "Walküre" vermisst. Musikalisch war die Sache aber tiptop, lobt die taz. Im Interview mit dem Standard warnt Yana Ross: Vorsicht vor Stiftungen mit Sitz im Schweizerischen Zug. Auf Zeit online macht Lilian Peter kurzen Prozess mit dem patriarchalen Schreiben. Die taz zieht den Bauch ein und probiert in der Münchner Pinakothek einen "Go FlyEase"-Schuh.