Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Die Massivität der feinen Unterschiede

23.03.2019. Die Literaturkritiker feiern den Beatnik und reportierenden Dichter Lawrence Ferlinghetti. Der Tagesspiegel entdeckt die Bedeutung des Handwerks neu im Gropius-Bau. Im Filmdienst erklärt der Dokumentarfilmer Talal Derki, wie Kinder zu Dschihadisten werden. Die NZZ ermuntert, Künstler mit ihren Fehlern als dialektisches Gesamtbild wahrzunehmen. Die Theaterkritiker gratulieren dem Schauspieler Jens Harzer zum Iffland-Ring.

Tieftraurige Abrechnung

22.03.2019. Die Feuilletons gratulieren Anke Stelling, die gestern für ihre fiebrigen "Schäfchen im Trockenen" mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet wurde. In der taz erklärt der Musikethnologe Michael E. Veal, warum Wiederveröffentlichungen von Weltmusik so billig sind. So modern hat Dresden mal gesammelt, staunt der Tagesspiegel im Albertinum. Die SZ durchlebt mit Tschaikowskys "Jungfrau von Orleans" die Exaltationen einer Frauenseele. Die FAZ durchleidet mit Alberto Ginasteras Oper "Beatrix Cenci" Machtmissbrauch und sexuelle Perversionen in einer verrohten Gesellschaft.

Polyvalente Konstellationen

21.03.2019. Im Tagesspiegel zeigt Pophistoriker Simon Reynolds, wie die Liebe zur Musik jeden Mangel der Digitalisierung ausbügeln kann. Dezeen stellt die polnische Architektin Jadwiga Grabowska-Hawrylak vor, die für ihren Brutalismus gefeiert wurde, obwohl sie Brutalismus hasste. Die Filmkritiker begeistern sich für  Jordan Peeles Horrorfilm "Wir". Der Tagesspiegel besucht die polnische Kunstsammlerin Grazyna Kulczyk in einem Schweizer Dorf, wo sie ein Museum für ihre Sammlung feministischer Kunst eröffnet hat.

Hinten der Po, sehr meta

20.03.2019. Heute Abend beginnt die Leipziger Buchmesse. Die NZZ sieht im Auftritt des Gastlands Tschechien auch die ultimative Geste der Versöhnung. In Liberation schreibt Philippe Lançon über Rembrandt. Der Tagesspiegel  erkundet mit Luk Perceval in Gent, wie kolonialistischen Verbrechen auch den eigenen Blick zerstören. Und der Guardian meldet, dass die National Portrait Gallery dankend auf eine Millionenspende der Familie Sackler verzichtet. Und was richtig gut ist: Gebrannte Mandeln, wenn man mal 'ne Ente macht.

Einbettung in den Heiligenschein

19.03.2019. Die NZZ fragt nach der Ausstellung "Fotografinnen an der Front", warum die Verklärung des Krieges nicht mehr hinterfragt wird, wenn Frauen dieses Geschäft betreiben. Die FAZ fragt dagegen das Frankfurter Museum Angewandte Kunst, ob die Unterdrückung der Frau jetzt in Ordnung geht, wenn sie in kleidsamer islamischer Mode daher kommt. Die taz erlebt mit Talal Derkis Dokumentarfilm "Fathers and Sons" den erschreckenden Grad der Verrohung in Syrien. Und die Spex berichtet, wie Erdogans Behörden jetzt auch gegen Rap und HipHop vorgehen.

Mit expressiven Zacken

18.03.2019. Die taz freut sich über den Großen Kunstpreis für Renée Gailhoustet, die ihre Bauten durch Saint Ivry sur Seine so großzügig wuchern lassen konnte. Nach Exzess und Erschöpfung in der Kunst setzt die SZ mit Walter Dahn ganz auf Bescheidenheit. Der ungarische Theatermacher Arpad Schilling erklärt in der Welt das Besondere an der Ostfremdheit. Die Nachtkritik erlebt in einer Amsterdamer Inszenierung von Don DeLillos "Falling Man" eigentlich ganze Welten fallen. Tagesspiegel und Vanity Fair trauern um die verstorbene Pionierin des lesbischen Experimentalfilms, Barbara Hammer.

So viel Schönes von den Deutschen

16.03.2019. Fasziniert reisen die KritikerInnen in der Ausstellung "bauhaus imaginista" zu Bauhaus-Keimzellen von Kyoto über Moskau bis Kalkutta. Nur die SZ stöhnt: Wann ist endlich Schluss mit diesem unkritischen Bauhaus-Wahnsinn? Was ist eigentlich gute Literatur, fragt die taz. Literatur, die einen Überschuss an Sinn bietet, antwortet die NZZ. Die Welt fragt, weshalb schlechte Filme so schamlos subventioniert werden. Ziemlich indiskret findet die SZ die große New Yorker Frida-Kahlo-Ausstellung, die ihr mehr Körper als Kunst zeigt. Und alle trauern um Okwui Enwezor.

Impulse industrieller Niedlichkeit

15.03.2019. Die Welt erkundet den Post-Cyberfeminismus in einer Bakterienschale. Die NZZ badet in Farben. Die SZ würde lieber keinen Lorbeerkranz auf dem Haupt des antisemitischen Schriftstellers Kornél Döbrentei sehen. Der Antisemitismus Theodor Fontanes war kaum weniger ausgeprägt, wenn auch widersprüchlicher, notiert die Welt. Hannelore Schlaffer beklagt in der Stuttgarter Zeitung das Genuschel auf deutschen Bühnen. Pitchfork liegt der japanischen Bubblegumpop-Band Chai zu Füßen.

Man hatte Zeit, Geduld und Muße

14.03.2019. Die Zeit feiert die Unergründlichkeit der Schauspielerin Barbara Auer, die in Christine Reponds Beziehungsdrama "Vakuum" eine HIV-infizierte Ehefrau spielt. Zu viel individuelle Befindlichkeit moniert die taz in Małgorzata Szumowskas Filmsatire "Die Maske". Die NZZ stellt den tschechischen Schriftsteller Jaroslav Rudiš vor. Die New York Review of Books staunt über den Zorn, die Wut und Sturheit im zurückgebliebenen Anatolien in den 50er Jahren, das die Fotografin Yildiz Moran festgehalten hat.

Ich muss verschwinden und die Frau sein

13.03.2019. Die SZ feiert die hervorragende Schau von Kriegsfotografinnen im Düsseldorfer Kunstpalast. Der Tagesspiegel preist Magdeburg als Pionierin des Neuen Bauens. Die NZZ sieht die neue Freiheit der Kunst in der Zensur von unten.  In der Welt fürchtet der Drehbuchautor Maciej Karpinski eine neue Selbstzensur unter polnischen Filmemachern. Die taz spürt mit der Theatergruppe Gob Squad der Düsternis von Blackpool nach. Und in der FAZ reitet Dietmar Dath eine Attacke auf die Edelkunstkritik, die vor Hatusne Miku und den gerechneten Künsten kapituliert.