Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Distanz ermöglicht Deutlichkeit

13.07.2020. Melancholisch, poetisch, versöhnlich - so erleben die Theaterkritiker den Abschied Matthias Lilienthals von München, der dafür ins Olympiastadion lud. In der NZZ wirft Ines Geipel dem Verlag "Das kulturelle Gedächntnis" noch einmal vor, Susanne Kerckhoff, deren "Berliner Briefe" gerade Furore machen, als unpolitisches, gar unbeschriebenes Blatt zu präsentieren. Die FAZ könnte mit dem Fotografen Christian Borchert an der Welt verzweifeln. In der SZ erläutert die Dresdner Kuratorin Kathleen Reinhardt ihre geplante Aktion "1 Million Rosen für Angela Davis".

Rotwein schmeckte ihm besser als Doppelkorn

11.07.2020. Man muss nur auf den Hamburger Bahnhof schauen, um zu erkennen, was in der Preußenstiftung falsch läuft, meint die taz. Im SZ-Gespräch mit Ines Geipel erinnert sich Susanne Kerckhoffs Tochter Dina Haerendel an den Geruch von Angst und Apfelmus in Berliner Bombennächten. Die NZZ blickt auf die Anfänge der Kriegsfotografie. Notre-Dame soll originalgetreu wiederaufgebaut werden, atmet die FR auf. Die Zeit lauscht den Lungen- und Rachenlauten von Elaine Mitchener. Und das Monopol-Magazin fliegt auf DDR-Orientteppichen nach Jerusalem.

Atlantikgrau in Atlantikgrau

10.07.2020. Sorry, wir sind zu spät! Wir hatten ein technisches Problem. Der Standard stellt den südafrikanischen Künstler Robin Rhode vor. Die SZ plaudert mit Matthias Lilienthal über ein wegen Corona abgesagtes Mammutprojekt der Kammerspiele, das Bolanos Roman "2666" mit den Olympischen Spielen von 1972 zusammenbinden wollte. Zeit online singt ein hochverdientes Lob der "alten Damen" Elke Erb und Helga Schubert. Die FAZ sieht das ganze Drama des Weltkriegs-Filmdramas "Greyhound" in dem Gesicht von Tom Hanks.

So zeichenentlastet

09.07.2020. Die NZZ bewundert die von vielerlei kulturellen Einflüssen geprägten Schatten des indonesischen Wayang. Die Welt freut sich an Skulpturen Priska von Martins, die ihr wie ein unwahrscheinlicher Irrläufer der modernen Kunst begegnen. In der FR durchforstet der Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer die Klassiker von Homer bis Kleist nach Rassismus und wird fündig. In der New York Times verabschiedet sich John Zorn von Ennio Morricone, im Van Magazine Helmut Lachenmann.

Aus Dampf geboren

08.07.2020. Elke Erb ist neue Büchner-Preisträgerin. Wurde aber auch Zeit, freuen sich die Kritiker. Jetzt soll sogar Lin-Manuel Mirandas Musical "Hamilton" gecancelt werden, berichten The Nation und die Daily Mail: Weil Hamilton die Sklavenhalterfamilie seiner Frau unterstützte und Miranda das verschweigt. Den deutschen Museen geht's auch in der Krise ganz gut, meldet die SZ. Nur für die armen freien Mitarbeiter bräuchte man etwas mehr Geld. Die taz wünschte sich, Pedro Almodovar hätte Netflix-Parodie "Eurovision Song Contest" verfilmt. In der FAZ sucht Dirigent René Jacobs die wahre Männlichkeit Beethovens.

Gräser vom Schlüpferband

07.07.2020. Die Filmkritiker beschwören den Garten voller Schönheit, den uns der große Komponist Ennio Morricone hinterlassen hat. Wunderbar schmelzenden Italo-Pop konnte er übrigens auch, zeigt uns The Quietus. Der Tagesspiegel lernt, dass Diversity in der Oscar-Academy mit Tücken verbunden ist. Wie's weitergeht mit der Staatlichen Ballettschule in Berlin untersucht die taz, die außerdem eintaucht ins Hippie-New-Age mit einer Hamburger Gruppenausstellung zu den Thesen der Philosophin Donna Haraway.

Auch glaube ich an Wittgenstein

06.07.2020. Die SZ bricht in kosmischer Verbundenheit mit dem Klangkünstler Alva Noto zu einer Odysee durchs Weltall auf. Weiße Kritiker verstehen die Zwischentöne in der Literatur von schwarzen und migrantischen Autoren einfach nicht, glaubt Maryam Aras in 54books.Die weiße taz empfiehlt trotzdem nigerianische Popmusik. Die NZZ begibt sich mit dem georgischen Maler Andro Wekua in ihren Raum der Wünsche. Aktualisiert. Vorerst nur die Meldung: Ennio Morricone ist gestorben.

Zwischen Drogentrip und Superorgasmus

04.07.2020. Die NZZ überprüft anlässlich einer Kunstausstellung über die 1920er unseren Kälte-Habitus. Monopol würde Georg Herolds "Ziegelneger" gern im Städel hängen lassen, aber andere Künstler zum Thema Rassismus dazu stellen. In der taz erklärt Marjane Satrapi, die gerade einen Film über Marie Curie gedreht hat, warum erfolgreiche Frauen nicht nett sind. Krise ist produktiv, ruft Artechock aufmunternd allen Filmkünstlern zu. Die Welt will endlich wieder singen.

Mit Blick durch die Glasdreiecke

03.07.2020. Die SZ besucht die kugelrunde Niemeyer-Sphere in Leipzig. Die Berliner Zeitung erlebt die kosmische Dimension der schwarzen Erfahrung in einem Video für Kanye West. Die FAZ feiert mit dem Jazzmusiker Shabaka Hutchings die Schönheit der Widerstandskraft der Griots. Die NZZ sucht einen Mann mit Krawatte. Artechock wünscht sich mehr Komplexitätstoleranz beim Streaming von Kinofilmen, sonst drohe eine Replikation der Provinz im Internet. Die FAZ erinnert an einen denkwürdigen "Fidelio" im Gulag von Perm.

Mikrokosmos, Makrokosmos und wieder zurück

02.07.2020. Angesichts der Forderung einer Studentin, Georg Herolds Bild "Der Ziegelneger" von 1981 im Städel abzuhängen, stellt die Welt fest: Korrektes Menschsein geht durchaus zusammen mit interpretatorischem Schwachsinn. Die Zeit wagt sich in das Sommerhaus der beinahe unmöglichen Schriftstellerin Monika Maron. Die FR feiert die Grafikdesignerin Anette Lenz. Der Tagesspiegel bewundert die transzendente Qualität von Christian Petzolds "Undine", Kinostoff reinsten Wassers, sekundiert die Zeit. Das Van Magazin weiß nicht so recht wo hingucken, beim kleinen Privatkonzert der Mezzosopranistin Hagar Sharvit.