Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Raubzüge am schönen Tier

03.08.2021. Die Tupfen und Kleckse des einen ergänzen die Schmierereien und Kratzer des anderen: Commonweal sieht die Gemeinsamkeiten im Werk von Willem de Kooning und Chaim Soutine. Die taz bewundert die kollektiven Fantasien der Mode von Birgit Jürgenssen. In der FAZ ruft Martin R. Dean dem vor der "political correctness" aus Deutschland fliehenden Kollegen Matthias Politicky zu: Was wir gerade erleben, ist Aufklärung! Der Standard erinnert an den belarussische Nationaldichter Janka Kupala. Die SZ lässt sich von Christian Thielemanns Bruckner mitreißen.

Komm, beglücke mich!

02.08.2021. Die FAS untersucht mit einem Parfum der Künstlerin Pamela Rosenkranz das gestörte Verhältnis von Mensch und Tier. Die NZZ stellt den polnisch-jüdischen Autor Leopold Tyrmand vor. Warum sind deutsche Liebesfilme nur immer so unromantisch, fragt sich in der NZZ Tobias Sedlmaier. Perfekten Verführungsstoff hört dagegen die hüftschwingende SZ mit "Paani Paani" von Rapper Badshah. Die nachtkritik reagiert entgeistert auf den "Chor der Mütter, die den Holocaust überlebt haben" in Marta Górnickas Inszenierung "Still Life. A Chorus for Animals, People and all other lives". Die FAZ feiert den Orpheus des zwanzigsten Jahrhunderts: Enrico Caruso.

Von aller Erdenschwere befreit

31.07.2021. So frisch hat man Wagner selten erlebt, jubeln die Theaterkritiker vom Grünen Hügel herab: Die SZ schwimmt in Hermann Nitschs hellen Farbseen Wagners dunklen Leidenschaften entgegen, die FAZ hört dank Pietari Inkinen einen Wagner jenseits der Düsternis. Billy Eilishs zweites Album ist das zweite Großereignis des Feuilletons: Die SZ hört das Alterswerk einer 19jährigen. Die NZZ trauert dem kraftvollen Verriss in der Literaturkritik nach. Monopol kämpft in München mit zwei Gottesanbeterinnen im Puppenhaus. Und Scarlett Johansson kämpft gegen Disney für die Zukunft des Kinos. 

Rumpeln und rollen in höchster Präzision

30.07.2021. Farbe und Gesang - reicht völlig für Wagner, findet die taz in Hermann Nitschs Bayreuther "Walküre"-Performance. Die FAZ ist beeindruckt von Sergej Newskis Doku-Oper "Die Einfachen" über Homosexualität in der frühen Sowjetunion. Außerdem hat sie noch ein Hühnchen zu rupfen mit Salzburgs Intendant Markus Hinterhäuser. Die Welt freut sich über die Wiederauferstehung der Cahiers du Cinema. Die Zeit denkt über nackte Männerbeine nach. Die Literaturkritiker trauern um den italienischen Verleger und Schriftsteller Roberto Calasso, die Musikkritiker um den ZZ Top-Bassisten Dusty Hill.

Hier brauche er Schwarz oder da Gelb

29.07.2021. Niemand findet das persönliche Drama im Popsong so gut wie Xavier Dolan, der mit seinem Film "Matthias & Maxime" zu alter Form aufläuft, freut sich der Tagesspiegel. Die Zeit schaudert vor dem autoritären kulturhygienischen Programm der Filme von Amazon Prime. Wann war Kunst je so kompatibel mit dem medialen Diskurs, stöhnt die Welt in der Badener Ausstellung "State and Nature". NZZ und SZ besuchen Hermann Nitsch, der in Bayreuth carte blanche für eine Performance der "Walküre" bekommmen hat. Van warnt vor dem seelenzerstörenden Klassikgeschäft.

Mit der Attitüde des Provokateurs

28.07.2021. In Salzburg hatte der "Don Giovanni" Premiere: in der Inszenierung von Romeo Castellucci und mit Teodor Currentzis am Pult. Die SZ lernt das gesellschaftszerstörerische Potential des Sex verstehen und bewundert nackte Opernsänger. Die Welt erlebt nur Geistesblitze eines Dekorateurs. Die FAZ findet ein  Epos des "Coming of Age" in den Fotografien Tobias Zielonys. Dem Tagesspiegel gefällt die lakonische Souveränität von Franka Potentes Regiedebüt "Home". Die SZ freut sich über die Feier der Homosexualität in Lil Nas X neuem Video "Industry Baby".

Selbstbewusst, breitbeinig, eckig

27.07.2021. In Bayreuth hat mit Oksana Lyniv nach 145 Jahren zum ersten Mal eine Frau dirigiert: den "Fliegenden Holländer". Sie lässt die FAZ den Sturm hören, aber auch das Schimmern der Wogen. Gefeiert werden auch die Sänger Asmik Grigorian und Eric Cutler. In Salzburg liegen die Theaterkritiker der fulminanten Lina Beckmann zu Füßen, die Richard III. als böses Clownkind gibt. Die NZZ beschreibt die Situation in Ungarn, wo der Kulturkampf eine ganze Generation von Schriftstellern zu lähmen scheint. Zeit online und Tagesspiegel kommentieren die abgebrochenen Konzerte von Nena und Helge Schneider, die sich nicht mit den Sicherheitskonzepten abfinden mochten.

Zeig deine Zähnchen, Guido

26.07.2021. Die Theaterkritiker feiern die Rampensaukönigin der Herzen, die umwerfende Katharina Thalbach als Hercule Poirot. Im Standard schwelgt die Schriftstellerin Daniela Emminger im Dürrenmatt-Rausch. Die taz fühlt sich mit der jazzigen, bockigen Musik der Mountain Goats so pudelwohl wie in den Sümpfen Alabamas. Die FAZ blickt in Tübingen ungerührt auf ein Hologramm Marina Abramovics. Und: Die Feuilletons trauern um den großen Modefotografen F.C. Gundlach.

Wahnsinn der Erleuchtung

24.07.2021. In der Literarischen Welt fragt Teju Cole, was es für einen Schwarzen bedeutet, ein niederländisches Stillleben zu betrachten. Die NZZ gerät in Winterthur beim Anblick vergessener Schweizer Expressionisten in Ekstase. Die SZ knöpft sich Juli Zeh vor: "Ist es lauter, Politik und Journalismus nicht zuzugestehen, durch unlautere Mittel eine Wirkung zu erzielen, solche Mittel aber in seiner Literatur selbst einzusetzen?", fragt sie. In der Welt ärgert sich Marina Abramovic über politische Korrektheit. Und der Standard schaut fassungslos zu, wenn Maguy Marin beim Wiener Impulstanz Festival die Zerstörung der Umwelt tanzen lässt.

Realität à la carte

23.07.2021. Frankreichs Militär malt sich mit einer Gruppe von Science-Fiction-Autoren die Untergangsszenarien der Zukunft aus, weiß die Welt. SZ und FAZ loten mit den Karikaturen von Greser & Lenz in Frankfurt ihre Humortoleranz aus. Alte weiße Männer wurden in der Literatur zwar oft kanonsiert, aber auch oft vergessen, tröstet Tell. Hyperallergic erkennt in der Londoner Tate Modern den Kolonialismus im Werk von Rodin. Die FAZ steht in Tokio in Kengo Kumas Olympiastadion zufrieden im warmen Sprühnebel. Und der Tagesspiegel springt mit Alexander Kluges weiblichem Orpheus schreiend im Feuerkreis herum.