Aus dem Englischen von David Frühauf. Für A. Dirk Moses stellt der Völkermord einen doppelten Gewaltakt dar: Einerseits vollzieht er den massenhaften Mord an Menschen und traumatisiert ganze Bevölkerungen für Generationen. Andererseits bringt ein derart grausames Verbrechen eine neue Kategorie des Bösen hervor, das ein Nachleben entwickelt. Als "das Verbrechen aller Verbrechen" stellt der Genozid unweigerlich eine normative und moralische Hierarchie der Gewalt auf. Er wird zum Maßstab für Verbrechen gegen die Menschlichkeit, der es erlaubt, Gewaltgeschichten kategorisch zu unterscheiden. Dagegen entwickelt Moses eine Theorie, die differenzierter und inklusiver ist. Statt unterschiedliche Gewalterfahrungen und Traumata gegeneinander auszuspielen, schlägt er eine Perspektive vor, die Verbindungen befördert und die Solidarität unter den Opfern stärkt. Moses' Ansatz ist dabei gerade für die deutsche Erinnerungskultur von Bedeutung.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.08.2023
Der Historiker Stephan Malinowski ist bekannt geworden durch seine Studien über die Hohenzollern und den Nationalsozialismus, aber er hatte sich zuvor als Historiker schon mit postkolonialen Infragestellungen befasst, lange bevor diese Debatte in der breiten Öffentlichkeit angekommen war. Sein Aufsatz "Der Holocaust als 'kolonialer Genozid'? Europäische Kolonialgewalt und nationalsozialistischer Vernichtungskrieg" in Geschichte und Gesellschaft 2007, verfasst zusammen mit Robert Gerwarth, gehört zu den wichtigsten Texten in der Debatte. In der FAS kommt Malinowski auf die Dirk-Moses-Debatte zurück. Anlass ist ein bei Matthes & Seitz erschienenes Bändchen, in dem Moses seine Thesen nochmal resümiert. Malinowski versucht, Moses Begriff der "dauerhaften Sicherung" auf die Spur zu kommen, den dieser aus der Aussage eines Nazimörders bei den Nürnberger Prozessen destilliert hatte. Der Mörder hatte gesagt, man habe Kinder umgebracht, um sich vor der Rache der Nachfahren zu schützen. Solche "dauerhafte Sicherung" sei nun das Kennzeichen aller Völkermorde vom Holocaust bis zum "Krieg gegen den Terror", den Moses ernstlich einzureihen scheint. Malinowski reagiert einigermaßen fassungslos auf diese Konstruktion Moses': Die Behauptung, die Täter hätten sich vor allem in einer Art Gefahrenabwehr gesehen, "müsste noch gegen den Forschungsstand durchgesetzt werden", merkt Malinowski spitz an. Der vergleichenden Genozid-Forschung annonciert er eine große Zukunft - eine "Mischung aus politischer Polemik, Whataboutism und Begriffszerstörung" werde allerdings nicht zur Erkenntnis beitragen.
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