9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Die Küche sehen

13.07.2020. "Srebrenica darf sich nicht wiederholen", hat Heiko Maas gerade gesagt. Doch, darf es: unter den Augen der Weltpolitik wiederholt es sich gerade potenziert in Syrien, meint Dominic Johnson in der taz. Im Observer porträtiert Nick Cohen seine Kollegin Anne Applebaum, die mit ansehen musste, wie ihre ehemaligen Freunde Brexit, Populismus und Trump ermöglichten. In der NZZ ist Ulrike Ackermann bestürzt über den historischen Reinheitswahn der heutigen AntirassistInnen. In Zeit online denkt Peter Pomerantsev über Meinungsfreiheit heute nach.

Wer als Erstes schießt

11.07.2020. Die Frage ist nicht, ob Kant rassistisch ist, sondern ob der Universalismus rassistisch ist, erklärt in der Welt der israelische Philosoph Omri Boehm. In der NZZ sucht Nathan Gardels nach einer neuen moralischen Sprache, die mit dem technischen Fortschritt mithalten kann. Im Guardian freut sich Billy Bragg, dass die cancel culture den Linksliberalen zeigt, wo's langgeht. Die Linke zerfleischt sich doch nur selbst, ärgert sich dagegen Marina Weisband auf Zeit online. Warum hilft die EU, das globale Internet zu zerschlagen, fragt die SZ.

Gebot der Zweckbindung

10.07.2020. Am Sonntag sind die Stichwahlen bei der polnischen Präsidentschaftswahl: Das ist eine Wahl zwischen Demokratie und Diktatur, warnen Politologen und appellieren an die EU. Der vielgefeierte Philosoph und Utopist einer Einstaatenlösung für Israel Omri Boehm ist sich mit Blick auf die jetzige Situation  in Israel sicher: "Ein rassistischer Staat mit zwei Rechtssystemen - das ist Apartheid", sagt er im Standard. Die Zeitungen diskutieren weiterhin über die missliche Lage und das Kompetenzchaos im Blick auf die Preußen-Stiftung. Und was wird nun aus der Mohrenstraße?

Wir alle sind keine Opfer der Umstände

09.07.2020. Großes Thema Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Über die Krise sind sich alle einig. Aber gibt es einen Ausweg? Würden vier Stiftungspräsidentinnen mit vier Pressesprecherinnen besser funktionieren, fragt die FAZ. Und natürlich Antirassismus in allen Schattierungen: Slavoj Zizek wirft den Demonstranten in der NZZ vor, auf perverse Weise unsere Schuld zu genießen. Elisabeth von Thadden gibt in der Zeit Ratschläge, wie wir uns als "verstrickte Subjekte" unseres "white Privilege" bewusst werden können. In der taz erinnert Erich Rathfelder an das Massaker von Srebrenica, das die letztlich erfolgreiche ethnische Reinigung besiegelte.

Ein Stahlgitter zieht sich durch den Pausenhof

08.07.2020. Eine Bombe schlägt in Berlin ein: Der Wissenschaftsrat schlägt die Auflösung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz vor, der Laden sei "dysfunktional", meldete als erste Zeit online. Monika Grütters dürfte mit dem Bericht einverstanden sein, vemutet die SZ. Der Tagesspiegel findet kaum genug Platz, um die Misere auszumalen. Amerikanische und britische Intellektuelle wenden sich in einem offenen Brief gegen den Tugendterror in der Debatte. Die NZZ erklärt, warum "Black Lives Matter" in der arabischen Welt nicht populär ist.

Wertvolle Praxiserfahrung

07.07.2020. Die BVG will die Berliner U-Bahnstation Mohrenstraße In Glinkastraße umbenennen: Das Problem ist nur, dass der russische Nationalkomponist Glinka Antisemit war, wendet die Jüdische Allegemeine ein. Im Rassismus erweist sich die Zweischneidigkeit der Aufklärung, schreibt Arno Widmann in der Berliner Zeitung. Aber abservieren lasse sie sich dennoch nicht. Nein, der Mund- und Nasenschutz ist kein Niqab, insistiert emma.de. In der FAZ erklärt Thomas Thiel, warum er mit dem Begriff "Personen, die menstruieren" nicht einverstanden ist.

Etwas so Labiles wie weibliche "Capricen"

06.07.2020. Warum schweigen muslimische Staaten, die einst Salman Rushdie jagten und gegen dänische Karikaturisten hetzten, über die grausame Behandlung der Uiguren in China, fragt Nick Cohen im Observer. China meint es ernst mit "Ein Land, zwei Systeme", meint Mark Siemons in der FAS mit Blick auf Hongkong, sehr ernst. Die liberale Mitte braucht intellektuelle Bastionen, schreibt Yascha Mounk in seiner neu gegründeten Community Persuasion.  Und in der FR meditiert Arno Widmann über Evolution und Schönheit.

Im Transit zu leben

04.07.2020. Wann beginnt das Anthropozän, fragt Josef H. Reichholf in der NZZ, mit der Atombombe in Hiroshima oder vielleicht doch eher vor 40.000 Jahren? Überall wird über Denkmäler diskutiert: Statt ständig welche einzureißen, wäre es besser, neue zu bauen, meint Doris Akrap in der taz. Auch Donald Trump griff in seiner gestrigen Rede zum amerikanischen Nationalfeiertag in die Denkmaldebatte ein - und eröffnete laut New York Times einen Kulturkrieg. Der heutige Antirassismus ist extrem selektiv und benennt Missstände ausschließlich, wenn die Schuldigen weiß sind, kritisiert Ahmad Mansour in der taz. Die FAZ macht sich Sorgen um die Frankfurter Buchmesse.

Im Sinne einer Demokratieförderung

03.07.2020. In der FAZ erklärt der Osteuropahistoriker Joachim von Puttkamer, wie Wladimir Putin sich die Geschichte schönlügt. Der Holocaust ist nichts Abstraktes, "wenn Juden an die Schoa denken, denken sie konkret", schreibt Mike Wuliger in der Jüdischen Allgemeinen. In Horizont erklärt die Medienjournalistin Ulrike Simon, warum sie die neuen Pressesubventionen der Regierung problematisch findet. In Zeit online erklärt die Kunsthistorikerin Jadwiga Kamola, wie "rassismusfreie Museen" künftig aussehen sollen.

Zum Besseren erziehen

02.07.2020. Ihr Körper, schreibt in der SZ die Lyrikerin Caroline Randall Williams, deren schwarze Vorfahren von ihren weißen Vorfahren vergewaltigt wurden, sei das eigentliche Denkmal. Sind Weiße per se privilegiert? Im Rolling Stone und der Zeit gibt es vehementen Widerspruch. In der NZZ fragt der Historiker Eckhard Jesse, warum niemand fordert, die 613 Ernst-Thälmann-Straßen und Plätze in Deutschland umzubenennen. Zeitungen werden künftig von Google und von der Regierung mit finanziert, berichten Meedia und die taz.