9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Fassade eines versteckten Albtraums

06.04.2020. In Libération schlägt der Soziologe Michel Wieviorka eine Art politische Graswurzelbewegung vor, um die politische Zukunft nach Corona zu denken.  Die Corona-Krise ist ein Triumph für Viktor Orban, schreibt Gergely Márton, ehemals Redakteur von Népszabadság, in der taz. Thomas Gebauer von "Medico International" fordert in der taz eine "kosmopolitische Solidarität", denn die Krise droht sich nun in armen Ländern zuzuspitzen. Die Autorin Katherine Funke bestätigt das in der SZ für Brasilien. Auch Observer-Kolumnist Kenan Malik findet eine Solidarität, die sich nur auf die "Community" bezieht, nicht ausreichend.

Manche lernen etwas, manche nicht.

04.04.2020. In der SZ wundert sich Juli Zeh, warum eigentlich niemand über Bewegungsfreiheit oder Schulpflicht diskutieren will. In Tel Aviv funktioniert das Prinzip Dafka nicht mehr, erzählt Sarah Stricker. Christoph Höhtker fragt in der NZZ, wer jetzt noch die Schweiz beneidet. Annie Ernaux auf France Inter und Georg Kremnitz im Standard beklagen den Rückbau der Gesundheitssysteme, der Spanien, Italien und Frankreich im Zuge der Austerität abverlangt wurde.

Deutlich mehr Toilettenpapier

03.04.2020. Wenn Solidarität ausbleibt, wäre es das Ende der EU, schreibt die in Italien lebende Schriftstellerin Helena Janeczek in der SZ. Immerhin scheint sich in der EU einiges zu regen, notiert die taz. In Zeit online erläutert der Staatsrechtler Tonio Walter das kaum zu lösende Dilemma der "Triage". Laut Guardian fürchten in Ungarn Journalisten, die zu Corona recherchieren, ins Gefängnis gesteckt zu werden.

Eine neue Klaustrophobie

02.04.2020. "Leben darf nicht gegen Leben abgewogen werden", sagt der ehemalige Bundesverfassungsrichter Hans-Jürgen Papier in der SZ zum Thema Triage. In der Zeit wendet sich der italienische Premier Giuseppe Conte ans deutsche Publikum und fordert eine gemeinsame europäische Anstrengung. Libération zeigt, warum die Angaben über Todesfälle in Frankreich und Italien untertrieben sind. NZZ und taz berichten über evangelikale Superspreader in Brasilien und Südkorea.

Zehn bis zwölf Seiten Todesanzeigen

01.04.2020. In Spiegel online erklärt der Medizinstatistiker Gerd Antes, warum die Zahlen zur Corona-Krise, die überall diskutiert werden, total unzuverlässig sind. In der taz spricht die Biologin Simone Sommmer über die spezifische Gefahr, die von Wildtieren ausgeht. In der SZ spricht der Psychoanalytiker Eckhard Frick über einen der schrecklichsten Aspekte der Krise, das einsame Sterben der Menschen. Die Auswirkungen der Krise auf den Buchmarkt sind drastisch, berichtet das Börsenblatt. Außerdem: Die SZ fragt, wie es mit dem Jüdischen Museum in Berlin weitergeht.

Dann gute Nacht

31.03.2020. In einer ganzseitigen FAZ-Anzeige bitten italienische Politiker um deutsche Solidarität. "Ihr gehört als Deutsche zu den großen europäischen Nationen. Euer Platz ist an der Seite der europäischen Institutionen." In Netzpolitik warnt der Politologe Wolf J. Schünemann vehement vor der Versuchung, "Desinformation" unter Strafe zu stellen.  In Atlantic meint Francis Fukuyama, dass es jetzt nicht auf die Form der Regimes, sondern  auf das Vertrauen der Bevölkerung ankommt.  Unterdessen hat Viktor Orban Ungarn zur Diktatur gemacht, notieren SZ und Welt.

Erfahrungen der Disruption

30.03.2020. Eine Handy-App zum Corona-Tracking muss dem Datenschutz nicht widersprechen und kann dezentral organisiert werden, schreiben Experten bei Netzpolitik. In El Pais mahnt der italienische Premierminister Giuseppe Conte  europäische Solidarität an. Radio Free Asia bezweifelt die chinesischen Statistiken. Außerdem: Die angeblich so "antifaschistische" DDR gehörte zu den Miterfindern des linken Antisemitismus, notiert Marko Martin in libmod.de.

Wie der Dieb in der Nacht

28.03.2020. Im historischen Kontext von Pest-Epidemien und anderen Seuchen geht es uns mit dem Corona-Virus noch gut, meint der Kulturwissenschaftler Thomas Macho im Gespräch mit den Van Magazin. Er erlebt zum ersten Mal Geschichte, schreibt Szczepan Twardoch in der Welt, alles vorher waren nur Ereignisse. Die Bundesregierung sollte ihr Handeln von Forschung begleiten lassen, mahnt die taz. Und wenigstens eine verdient bei alle dem kostenlosen Streaming, notiert die Berliner Zeitung: die Gema.

Üblicherweise per Fax

27.03.2020. Netzpolitik staunt über die Datenübermittlungstechnik der Gesundheitsämter. In der SZ hat das Wort "Überkapazität" für den Soziologen Steffen Mau einen ganz anderen Geschmack als noch vor zwei Wochen. Friedrich Christian Delius ist ebenfalls in der SZ ganz froh über die Errungenschaften der Moderne. Im Guardian konstatiert der Politologe David Runciman die Rückkehr der Nation. Nutzt Amazon die Krise, um das E-Book durchzusetzen? Die Branche soll sich gegen Amazon wehren fordert der Agent Thomas Montasser  in einem offenen Brief.

Vielfache Todesfolge

26.03.2020. Altantic malt ein sehr düsteres Corona-Szenario für Amerika an die Wand - und es beruht auf einem politischen Fehler, der selbst für einen wie Donald Trump fatal werden könnte. Die Zeit und der Tagesspiegel weigern sich, China als Modell zu sehen. In der SZ erklärt Gustav Seibt, warum es falsch gewesen wäre, massiv auf "Herdenimmunität" zu setzen. In der FAZ protestieren die Rechtsprofessoren Klaus Ferdinand Gärditz und Florian Meinel  heftig gegen das neue Infektionsschutzgesetz, das zentrale Normen der Verfassung außer Kraft setze.