9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Hier hat sich etwas verschoben

23.02.2024. Morgen vor zwei Jahren überfiel Putin die Ukraine. Heute erscheint das autoritäre Russland so stark wie eh und je, während die liberalen Demokratien schwächer werden, notiert die taz. Die Welt attackiert die Putin-Knechte von der AfD. Im Perlentaucher glaubt Richard Herzinger nicht, dass die um ihren Glamour bekümmerten arabischen Despotien auch nur im mindesten an den Palästinensern interessiert sind. Und die SZ fragt: Was ist mit den Ruhrbaronen? Sie sind links, sie sind rechts, und sie lancieren alle wichtigen Debatten.

Das neue Spiel mit Ähnlichkeiten

22.02.2024. Die französische Russland-Historikerin Françoise Thom will im Gespräch mit der FR Anzeichen einer Putin-Dämmerung erkennen, und sie beleuchtet die Ursprünge der französischen und deutschen Russophilie. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger spricht sich in der taz gegen ein AfD-Verbot aus. Daily Mail stellt einen neuen Bericht zur sexuellen Gewalt der Hamas-Terroristen am 7. Oktober vor. Ijoma Mangold ist in der Zeit nicht wohl beim kommenden Demokratiefördergesetz, mit dem sich der Staat seine Zivilgesellschaft gleich selber fabriziert.

Omas wählen signifikant progressiver

21.02.2024. Das Bemerkenswerte an Alexej Nawalny war, dass er auch gegen die lange Tradition imperialer Machtausübung in Russland kämpfte, hält der Historiker Martin Schulze-Wessel auf Zeit Online fest. Auf geschichtedergegenwart glaubt die Politikwissenschaftlerin Hanna Perekhoda, dass die russischsprachigen Ukrainer die Russen lehren können, wie man ohne Imperium leben kann. In der FAZ legt Felix Klein dar, wie der Postkolonialismus auf die Relativierung des Holocausts setzt, um sein starres Täter-Opfer-Schema durchzusetzen. Und alle trauern um Jan Assmann.

Gebt den Mördern nicht die Hand

20.02.2024. In Russland wird die Trauer um Alexei Nawalny schnell wieder verfliegen, glaubt Viktor Jerofejew in der NZZ. Im Tagesspiegel möchte die Schriftstellerin Gabriele Stötzer die Kraft des Glaubens an das Gute nicht unterschätzen. In der SZ ruft Irina Scherbakowa den Politikern im Westen zu: Hört auf, auf Frieden und Einigung mit Mördern zu hoffen. Die FAZ fragt, warum sich kein deutscher Politiker für Julian Assange einsetzt. In La regle du jeu erinnert Bernard-Henri Lévy an den antitotalitären Intellektuellen Raymond Aron.

Hier endet der Dialog

19.02.2024. In der Welt versteht Natalja Kljutscharjowa erst nach dem Tod Alexei Nawalnys, warum dieser nach Russland zurückgegangen war. In der SZ erzählt der Autor Hasnain Kazim, wie die Kollegin Ronya Othmann beim Karachi Literatur Festival Opfer einer unheilvollen Allianz aus einer britischen Professorin, sich für links haltenden Feministinnen und Islamisten wurde. Ausgerechnet den vom IS systematisch verfolgten Jesiden droht mit der neuen Asylpolitik der Bundesregierung die Abschiebung in den Irak, berichtet Qantara. Wer im Iran zum Christentum konvertiert, riskiert sein Leben, lernt die taz von der britischen NGO Article 18.

Dass wir ehrliche Menschen waren

17.02.2024. Alexei Nawalny ist nach Angaben der russischen Behörden tot. Es bestehen keine Zweifel: Das war politischer Mord. Sogar im Gefängnis war er noch eine große Bedrohung für Putin, schreibt Anne Applebaum in Atlantic. Niemand wurde Putin so gefährlich wie er, weiß auch die SZ, deshalb wurde er ermordet. Die FAZ zeichnet seinen Kampf gegen den Kreml nach. Sicherheitsversprechen sind schön und gut, meint die SZ anlässlich der Konferenz in München, am Ende geht es aber um Krieg oder Frieden. Warum konzentriert man sich bei der Frage der Sicherheit nur auf militärische Belange, fragt die taz.

Ambivalenzen gab es trotzdem

16.02.2024. Die UNRWA ist der institutionalisierte Antizionismus - und schadet letztlich den Palästinensern, meint Sascha Lobo auf Spon. Der Krieg in Gaza zeigt vor allem, wie wenig Zutrauen wir in die Wehrhaftigkeit Europas haben können, glauben Herfried Münkler und Carlo Masala in der SZ. In der FAZ halten Claus Leggewie und Horst Meier den Verfassungsschutz für ebenso nutzlos wie ein AfD-Verbot. Vorausschauend hat Selenskyj Mechanismen initiiert, die der Ukraine eine Fortsetzung des Kampfes erlauben, ohne von den USA abhängig zu sein, erzählt dessen Biograf Simon Shuster im Tagesspiegel

Die lautstark schreienden Extremen

15.02.2024. Die Zeit rät Deutschland, langsam darüber nachzudenken, ob man sich in puncto atomare Abschreckung mehr auf Frankreich als auf die USA verlassen sollte. Ebenfalls in der Zeit erklärt Philip Manow, warum Populismus die "demokratische Antwort auf einen undemokratischen Liberalismus" ist. Im Tagesspiegel erhebt der ehemalige Vize-Generalstabschef des israelischen Militärs, Jair Golan, große Vorwürfe gegen Netanjahu. Die FR erinnert an das Ende des Afghanistan-Krieges vor 35 Jahren, der eine Millionen Afghanen das Leben kostete. Die FAZ informiert mit einer neuen Studie über den neuesten Trend auf TikTok: Antisemitismus.

Ein Schuss Gelassenheit und eine Prise Nachsicht

14.02.2024. In der FAZ schildert die russische Autorin Anna Narinskaya, wie Gerichte in Russland Rechtmäßigkeit inszenieren, während die Gesellschaft zermürbt wegschaut. Zeit Online fordert Deutschland und die USA auf, mit Blick auf Rafah die militärische Hilfe für Israel einzustellen. Bei Spon glaubt der Politologe Torben Lütjen, dass die Republikaner die Nato nicht mehr brauchen, weil die Nähe zu Putin größer ist. Und in der FAZ kann sich der postkoloniale Historiker Sebastian Conrad Antisemitismus-Vorwürfe gegen sein Fachgebiet nur damit erklären, dass in Deutschland die Erinnerungskultur der Neunzigerjahre aufrechterhalten werden soll.

Dann ist das aus dem Ruder gelaufen

13.02.2024. Ungarn habe er für die nächsten Jahre abgeschrieben, sagt Paul Lendvai in der Welt: Die Zivilgesellschaft sei zu schwach, um gegen Orban anzugehen. Auch die britische Gesellschaft ist gebrochen, dafür hat die Regierung gesorgt, meint A. L. Kennedy in der SZ. Die FAZ protokolliert ein öffentliches Gespräch, in dem die russische Schriftstellerin Alissa Ganijewa schilderte, wie Moskau Dagestan für den Krieg ausbeutet. Bis zum Ende des Jahrhunderts dürfte sich Chinas Bevölkerung fast halbieren, glaubt Alexander Görlach in der Welt. Und die taz blickt auf die Unterdrückung marginalisierter Ethnien im Iran.