9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Ausgerechnet jene Netz-Giganten

23.03.2019. Heute sind Demonstrationen gegen die EU-Urheberrechtsreform angesagt - es geht vor allem gegen Uploadfilter. Diese Proteste sind von Lobbys gesteuert, findet die SZ und findet sie auch wieder nicht. In der NZZ schreibt die ukrainische Kulturwissenschaftlerin Kateryna Botanova über den komplizierten Begriff der Nation in Osteuropa. Das Internetmagazin The Intercept schließt das Edward-Snowden-Archiv, ohne Snowden zu informieren, berichtet der Freitag. "Viele Menschen trugen als Zeichen der Solidarität ein Kopftuch", freut sich die taz mit Blick auf die Trauerfeiern in Neuseeland.

Taktik der Könige

22.03.2019. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Der Guardian tröstet sich: "Nicht der Brexit erzeugte die Krise in unserer Politik, sondern die Krise machte den Brexit möglich." In der Welt erklärt Philippe Lançon von Charlie hebdo, warum er die radikale Linke in Frankreich für so fatal hält. Die Debatte um die EU-Urheberrechtsreform geht vielstimmig weiter. In der Berliner Zeitung spricht Boualem Sansal über die Krise in Algerien.

Ausbreitung von Partikularinteressen

21.03.2019. Gewährt den Briten noch eine Verlängerung bis zu einem Jahr, fleht Timothy Garton Ash im Tagesspiegel, denn die EU sei nicht nur eine Union der Regierenden, sondern auch ein "Europa der Bürger". In der Zeit kritisiert Géraldine Schwarz den Linkspopulismus von Eribon und Co. Die Welt druckt die Leipziger Rede Masha Gessens, die schildert, wie Lenin der Sowjetunion den Geist austrieb. Die Zeit stimmt ihre Leser nochmal aus Sicht der Kulturindustrien auf die EU-Urheberrechtsreform ein. Die Wikipedia streikt aus diesem Anlass.

Konfliktherd für die Ewigkeit

20.03.2019. Christen haben einen Arbeitskreis in der SPD, Muslime haben einen, Juden auch, aber Säkulare dürfen keinen gründen, berichtet die FAZ. In der NZZ verteidigt Pascal Bruckner das fragile Regime der Demokratie: "Das Unvollendete ist ein Wesenszug der Demokratie. Ihre Herrschaft ist immer eine kommende." Niall Ferguson erklärt, warum sie von Schneeflocken gefährdet wird. Und im Guardian erklärt Ivan Krastev, warum Orban und KonsortInnen bei der Europawahl nicht obsiegen werden.

Es gibt keine Zuschauer

19.03.2019. Die SZ ist befremdet über Masha Gessen, die in Leizpig mit dem Preis für Europäische Verständigung ausgezeichnet wird und partout nicht mit Putin-Anhängern reden will. France Culture berichtet von der Gründung  der Wissenschaft der "Giletjaunologie" bei einer Debatte zwischen französischen Intellektuellen und Emmanuel Macron. Die FAZ sagt nicht, warum in ihrem Titelkopf nur mehr drei Herausgeber verzeichnet sind. Die Berliner Grünen wollen laut taz die Gneisenaustraße in Kreuzberg 61 abschaffen. Und der Brexit ist ein Kater.

Die eigene Krise

18.03.2019. Das Attentat von Christchurch ist nur die Spitze des Eisbergs: taz und Spiegel online untersuchen das Phänomen des durch das Internet international vernetzten Rechtsextremismus. Ist Antizionismus nur "eine Meinung"? Auch in Frankreich wird über Israelkritik diskutiert. Viktor Jerofejew schreibt in der FAZ einen kritischen Brief an die Deutschen. An den Gilets jaunes wird deutlich, was Rechts- und Linkspopulismus eint, analysiert die NZZ: eine Verklärung des Volks.

Womöglich verheißungsvoll

16.03.2019. Neuseeland steht nach dem Attentat von Christchurch unter Schock. Die SZ sieht in dem 28-jährigen Australier Brenton Tarrant den neuen Typus eines global vernetzten rechtsextremen Terroristen. Bellingcat erklärt, wie Shitposting funktioniert. Die taz recherchiert weiter zum Milizen-Netzwerk Hannibal. Das NiemanLab meldet, dass Facebooks neu justierte Algorithmen noch mehr Aggression, Angst und Erschöpfung in das Netzwerk brachten. Die NZZ fragt, ob Google und Amazon die ungewisse Zukunft abschaffen wollen.

Überhöhung krimineller Akte

15.03.2019. Die katholische Kirche arbeitet ihre Geschichte des sexuellen Missbrauchs ungenügend auf, findet der Tagesspiegel. In der NZZ mahnt der Theologe Jan Heiner Türck, dass ein Vorzeigen geistlicher Zerknirschung nicht ausreicht, um das Thema zu bewältigen. In der SZ fordert Francis Fukuyama eine Besinnung auf den Nationalstaat. In Japan wird die Presse im Sinne einer nationalistischen Ideologie gleichgeschaltet, berichtet die FAZ. Der Fall Relotius stellt die ganze deutsche Reportagekultur in Frage, meint der Medienjournalist Kai-Hinrich Renner in der Morgenpost. Die Salonkolumnisten wollen keine autoritäre Postwachstums-Gesellschaft gegen den Klimawandel.

Dorf der Globalisierungsenttäuschten

14.03.2019. Der Streit um genderneutrale Sprache geht weiter: Wenn schon "Gendersternchen" dann doch bitte "Geschlechtersternchen", seufzt in der NZZ die Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin. Die Debatte wird als Kampf um kulturelle Hegemonie geführt, fürchtet Thomas Steinfeld in der SZLiteraturcafé macht auf Artikel 12 der EU-Urheberrechtsreform aufmerksam, mit dem die Verlegerbeteiligung an Einnahmen der Verwertungsgesellschaften wieder hergestellt wird. Die SZ hofft auf öffentlich-rechtliche soziale Plattformen, die die Debatte zähmen. In der Zeit streiten Bruno Latour und Mark Lilla über Heimat.

Mit Meilenstiefeln unterwegs

13.03.2019. Heute findet in Berlin die Kulturministerkonferenz statt, in der über Restitution von Kolonialkunst verhandelt werden soll. Die Welt begrüßt die Konferenz und ihre gemeinsame Erklärung als Etappe in einem Prozess der Bewusstwerdung. Im Tagesspiegel erklärt Katja Lange-Müller, warum sie die Petition "Schluss mit dem Gender-Unfug" unterzeichnet hat. Die taz beschreibt die Abschottung des Internets in Russland, während Russland in anderen Ländern wie Frankreich laut politico.eu gern ein möglichst offenes Netz hat, um Fake News zu verbreiten.