9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Zuletzt nur noch eine Option

11.12.2018. Emmanuel Macron hat seine Rede ans Volk gehalten und eine Erhöhung des Mindestlohns und weitere Erleichterungen versprochen. Libération ist dennoch nicht zufrieden. Theresa Mays Entscheidung, die Parlamentsabstimmung über den Brexit zu verschieben, ist für Jonathan Freedland im Guardian fatal, weil sie den notwendigen politischen Klärungsprozess aufhält. Der Humanistische Pressedienst fragt: Wo und warum trägt Annegret Kramp-Karrenbauer Kopftuch? Die FR erinnert daran, dass die universalen Menschenrechte, wie sie von der UN vor siebzig Jahren forumliert wurden, keine spezifisch westliche Idee waren.

Fatale Resonanz

10.12.2018. Thomas Piketty und Mitstreiter wollen eine neue europäische Institution schaffen, die neue Steuern beschließen kann, um Ungleichheit abzubauen: Um eine "Transferunion" soll es aber nicht gehen, beteuern sie in ihrer Petition. Immerhin: Die Brexit-Diskussion hat dem Nachdenken über Europa genützt, meint Gustav Seibt in der SZ. Vor der morgigen Abstimmung im britischen Unterhaus zeigt sich die britische Unternehmerin Gina Miller, die die Konsultation des Parlaments gerichtlich erstritten hatte, in Zeit online entsetzt über die Ignoranz vieler Abgeordneter. Die NZZ fragt, warum Alexander Solschenizyns hundertster Geburtstag so wenig gefeiert wird.

Heute hoffnungsmatt und bedrückt

08.12.2018. Alarmstufe Gelb! Für heute haben die Gilets Jaunes zum Klassengroßkampftag aufgerufen, und Libération fragt, ob Paris heute brennen wird. Wenn, dann brennt das Frankreich der Provinz, präzisiert die taz, wenn auch auf den Champs Elysees. Im DLF Kultur ist Thomas Ostermeier voll dabei. Die NZZ liest bei Hannah Arendt nach, wie die Philosophie das Interesse an der Politk verlor. Nicht die Werte machen Europa aus, erklärt zudem Jürgen Wertheimer in der NZZ, sondern das kritische Denken. Die FR gratuliert Noam Chomsky zum Neunzigsten.

Wenn Lenin länger gelebt hätte

07.12.2018. Was an den "Gilets jaunes" so irritiert, ist, dass sie keinen angenehm manichäischen Diskurs zulassen, sagt der Philosoph Frédéric Gros In Libération. Nicht alle "Gilets jaunes" leben im Elend, wie ein Blick auf zwei Protagonisten der Bewegung zeigt. Im Guardian setzt Timothy Garton Ash seine Hoffnung auf ein zweites Referendum, das den Brexit wieder einkassiert. Sonst drohe der EU Ärger. Edward Kanterian wirft in der NZZ einen Blick auf einige der vielen linken Brexit-Gegner.

Theoretisch sehr brillant

06.12.2018. "Wer die 'Gelben Westen' beleidigt, beleidigt meinen Vater", sagt Edouard Louis in den Inrocks (und deutsch in Zeit online). Auch Annie Ernaux erklärt in der Zeit ihre Sympathie für die Bewegung. Die Kräfte, die von der Straßengewalt profitieren, können nicht nur Frankreich in den Abgrund stoßen, warnt dagegen Natalie Nougayrède im Guardian. Das "Zentrum für politische Schönheit" hat seinen soko-chemnitz-Pranger vom Netz genommen. Die Nachtkritik findet die Aktion gut.

Im Namen historischer Gerechtigkeit

05.12.2018. Die französische Regierung hat die Erhöhung der Dieselsteuer kassiert. Nun ist es an den "Gelben Westen", Verantwortung zu zeigen, schreibt Bernard-Henri Lévy in Le Point. Pascal Bruckner verzweifelt in der NZZ am linken Konservatismus. Le Monde analysiert die Forderungen der Bewegung: zwei Drittel seien links. Und die restliche Hälfte rechts... Die Islamkonferenz repräsentiert nur eine Minderheit der Muslime, meint die Alewitin und Rapperin Reyhan Şahin alias Lady Bitch Ray in der SZ. Der Medientheoretiker Erhard Schüttpelz veröffentlicht in einem Blog der Uni Köln eine scharfe Attacke auf den Bericht von Bénédicte Savoy und Felwine Sarr.

Schubweise ins Irre

04.12.2018. Die französischen Medien streiten über die "Gilets jaunes": Wird die Bewegung in sich zusammenbrechen? Offenbart sie die Schwäche von Emmanuel Macrons Aktionismus? In Deutschland streitet man dagegen mal wieder über das Zentrum für politische Schönheit, das Rechtsextreme an den Pranger stellt. Denunziation, meint die SZ. Im Gegenteil, die FR. In der New York Times erzählt die Dalit-Aktivisten Thenmozhi Soundararajan, wie Twitter zu einem Mittel der Kastengewalt wird. Dlf Kultur fragt, ob chinesische Handys spionieren.

Übrig bleibt eine destruktive Kraft

03.12.2018. Was wir in Paris sehen, ist der Aufstand der Peripherie gegen das Zentrum, schreibt Christophe Guilluy im Guardian. Und Emmanuel Macron ist ein allzu naiver Repräsentant des Zentrums und der Hochqualifizierten, ergänzt der Historiker Gérard Noiriel in Libération. Aber ein Ziel haben haben die "Gilets jaunes" nicht, konstatiert die SZ ratlos. Im Deutschlandfunk spricht sich Ahmad Mansour für einen gemeinsamen Religionsunterricht der Kinder aus. Netzpolitik staunt über einen Staat, der seinen Bürgern Datenschutz verspricht und alle Daten selber will.

Weniger Mensch

01.12.2018. Die Diskriminierung in hundert Jahren kann man sich ja jetzt schon vorstellen - die der genetisch Modifizierten, "Überlegenen", gegenüber den "Normalen", annonciert T. C. Boyle nach der Genmanipulation zweier chinesischer Babys durch Crispr in der taz.  Im Gespräch mit emma.de kritisiert Ertan Toprak von der Initiative Säkularer Islam auch die Kirchen, denen es in erster Linie um den Erhalt der eigenen Privilegien gehe. Die New York Times stellt den mörderischen Handschlag von MBS und Wladimir Putin in eine historische Reihe.

Und alles führte ins Verderben

30.11.2018. The European bringt einen Facebook-Beitrag Hamed Abdel-Samads, den Facebook wegen angeblicher "Hassrede" gestrichen hatte - Abdel-Samad attackiert dort jene deutschen Muslime, die immer nur Deutschland kritisieren. Die neueste Runde der Islamkonferenz hat begonnen, und schon gibt es Ärger, berichtet die Zeit. Die taz bringt ein Dossier zum Bündnis zwischen rechtspopulistischen und -extremen Parteien und christlichen "Lebensschützern".  In der NZZ erinnert Bora Cosic an die Gründung des jugoslawischen Königreichs vor hundert Jahren.