9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Abseits von Geschmacksfragen

25.06.2018. Fast überall wird in verschiedenen Kontexten über Populismus nachgedacht. In der Welt erklärt  Sarah Wagenknecht, warum sie eine linke Sammlungsbewegung will - und bekundet ihr Verständnis für die Wähler der Populisten. Bei politico.eu empfiehlt der belgische Politiker Yves Leterme gemäßigten Parteien die Übernahme populistischer Rezepte.  Cem Özdemir vergleicht auf die Twitter die feiernden deutschen Erdogan-Anhänger mit Wählern der AfD. Vor 25 Jahren veröffentlichte Botho Strauß seinen Bocksgesang, erinnert sich der Standard. Und seitdem schwillt und schwillt er an.

Die Zeichen sind da

23.06.2018. Die NZZ zeigt auf, wie Linke und Rechte in Frankreich den Laizismus unterwandern. Die EU war immer geplant als eine Union, in der die Nationalstaaten irgendwann aufgehen, meint Robert Menasse in der taz. Die EU wird untergehen, wenn Flüchtlinge die nationalen Identitäten bedrohen, meint dagegen Markus Söder in der Welt. Aber verändert nicht gerade die Flüchtlingspolitik der CSU unsere Identität, fragt die SZ. David Grossman kann das für Israel bestätigen. Der Guardian fürchtet, dass wir in die dreißiger Jahre zurückfallen.

Kosten für die Transparenz

22.06.2018. Mit dem Brexit könnte auch das Stündchen der irischen Vereinigung schlagen, denn die Mehrheitsverhältnisse in Nordirland ändern sich, vermutet politico.eu. In der FAZ ist die CDU-Politikerin Serap Güler empört über Joachim Gaucks Kritik an mangelnden Deutschkenntnissen der Gastarbeiter: Denn niemand interessierte sich für sie als Mitbürger. Julia Kristeva streitet ihre Stasi-Mitarbeit ab, kompromittiert haben sie und der Tel-Quel-Kreis sich aber sowieso, schreibt Richard Wolin bei chronicle.com.

Am Wahltag Dankbarkeit

21.06.2018. Der Rechtsausschuss des EU-Parlaments will ein europäisches Leistungsschutzrecht und Uploadfilter. Wir bündeln erste Reaktionen auf diese Abstimmung, die nur mit den Stimmen von zwei Front-national-Abgeordneten gewonnen werden konnte. Sollte das Gesetz greifen, werden die Verlage im Netz weniger präsent sein, vermutet Spiegel online. Die Welt verteidigt das Projekt. Politico.eu schildert den Niedergang der gemäßigten Rechten, der in Brüssel vor allem von der CSU durch Fusion mit den Extremisten betrieben wird. Le Monde prangert ein ungarisches Gesetz an, das Flüchtlingshelfern mit Gefängnisstrafen droht.

Im Ungesicherten zu denken

20.06.2018. Letztlich kassiert die Politik durch Gesetze wie das Europäische Leistungsschutzrecht das Internet selbst ein, konstatiert The Verge - denn sie scheint es nur mehr als die Sphäre der Giganten zu betrachten. Die Brexit-Anhänger lieben den Brexit mehr als sie das Vereinigte Königreich lieben, konstatiert der Spectator nach Lektüre einer Umfrage. Roberto Saviano äußert sich in Guardian und Freitag entsetzt über die italienische Flüchtlingspolitik. Die NZZ sagt dem Intellektuellen leise Servus.

Verwandlung von Fremdem in Eigenes

19.06.2018. Die SZ geißelt den neuen Krieg der Bilder, für den Kinder in Käfige und Flüchtlinge auf See gehalten werden. Identität ist nicht, was man ist, sondern was man wird, meint Barbara Vinken in der NZZ. Slate.fr staunt über die Popularität Erdogans bei jungen Franzosen maghrebinischer Herkunft. In der taz wünscht sich Liane Bednarz eine Diskussion darüber, was konservativ und was rechts ist. Netzpolitik fordert eine digitale Bildung mit Open Source.

Begriff einer neuen Wildnis

18.06.2018. Im Observer kann es Nick Cohen nicht fassen, dass der Einfluss Russlands auf die Brexit-Bewegung von allen Seiten totgeschwiegen wird. In der FAZ fragt Arkadi Babtschenko Reporter ohne Grenzen, ob er sich lieber hätte erschießen lassen sollen als mit dem ukrainischen Geheimdienst zusammenzuarbeiten. Netzpolitik geißelt die Kapitulation der Öffentlich-Rechtlichen vor den Zeitungsverlagen. Die SZ führt uns mit terra0 in den Wald des Anthropozän.

Die Schweiz ist kein Kreidestrich

16.06.2018. Die Grünen-Abgeordnete Claudia Roth erklärt in einem Blogpost, wie der Populismus die Demokratie außer Kraft setzen will und wie diese sich wehren sollte. In der NZZ bezweifelt die Philosophin Ursula Renz, dass man Gruppen so etwas wie Identität zuschreiben kann. Emma.de begrüßt einen Appell der "Frauen in Naturwissenschaft und Technik", die Frauen im Iran im Kampf gegen Kopftuch und Rechtlosigkeit zu unterstützen. Und in der Welt verrät Viktor Jerofejew  jetzt schon den Sieger in der Fußball-WM.

Seltsam kleingeistig, stumpfsinnig und starr

15.06.2018. Die CSU setzt bei den Flüchtlingen auf eine AfD-Politik. Das ist nicht nur flüchtlings-, sondern auch bayernfeindlich, meint die SZ. Die taz warnt vor linker Häme: Was nach Angela Merkel kommt, wird nur schlechter. Wer braucht Heimat, fragt der Kulturtheoretiker Jan Söffner in der NZZ. Islamische Religionskunde soll vor allem den Einfluss der christlichen Kirchen sichern, warnt in der taz Memet Kiliç. Warum argumentieren Feministinnen oft wie die letzten Reaktionäre, fragt Judith Sevinç Basad in der FAZ.

Telefonnummer in Ankara

14.06.2018. Macht Schluss mit diesem Quatschgesetz, ruft Sascha Lobo in Spiegel online und geißelt die Kumpelei des Axel-Springer-Verlags mit der CDU, die ganz Europa eine "Linksteuer" beschert. Auch in Amerika wollen die Mediengewaltigen laut Buzzfeed Facebook am liebsten loswerden. Die Frage ist nur, wie die Zigarette danach schmeckt. Herfried Münkler schreibt heute quasi  überall. In der NZZ geht's um Eliten, in der Zeit um den Westen und mit beiden bergab. Die EU ist an der Lage in Italien selber schuld, ruft die taz. Unverfroren bereitet sich die Welt unterdessen vor den Augen einer angeekelten Welt auf das WM-Spektakel in Russland vor.