9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Ein guter Rausch

06.08.2022. Die Ukraine hat einen langen Krieg vor sich. Wenn der Westen sie weiter unterstützen will, muss er seiner Bevölkerung erklären, was der Preis dafür ist, fordert im Guardian Timothy Garton Ash. Wenn Russland gewinnt, wird die ukrainische Intelligenz als erstes dran glauben müssen, meint Martin Pollack in der FR. In der taz erinnert die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel daran, dass die Kulturwissenschaften mal entwickelt wurden, um Differenzen zu denken. Die Islamische Republik Iran ist gescheitert, diagnostiziert der Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan in der NZZ. Und: In seiner Bar ist die Abstinenzbewegung noch nicht angekommen", versichert Klaus St. Rainer, Chef von Münchens Goldener Bar in der NZZ.

Und der Bewohner des fernen Burjatien...

05.08.2022. Amnesty kritisiert die ukrainische Kriegsführung, die taz kritisiert Amnesty. Der Zweck des Krieges ist der Krieg, plötzlich scheint für die Russen alles wieder Sinn zu geben, beobachtet der russische Essayist Sergej Medwedew in deskrussie.fr. Die Fragen: Wie konnten wir so naiv sein? Und wie konnten wir in eine solche Abhängigkeit geraten? muss sich Deutschland nicht nur in Bezug auf Russland stellen, fürchtet die SZ.

Der typische Londoner Fahrradfahrer

04.08.2022. Nancy Pelosis Besuch in Taiwan hat zu gravierenden chinesischen Sanktionen geführt, berichtet die SZ: Man verzichtet dort jetzt auf taiwanesische Zitronen und zwei Fischsorten. In der taz erinnert Ronya Othmann an den Genozid an den Jesiden vor acht Jahren. Die Zeit erzählt, wie der Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen vermarktet wird und wer sich noch alles in seinen Agenturen tummelt. Und die Katholische Kirche sichert sich laut FAZ hundert vom Staat bezahlte Stellen in Hamburg - um ihres Bekenntnisses willen!

Dafür gibt es kein Like von Kylie Jenner

03.08.2022. Die FAZ fragt nach der Rolle Dmitri Medwedews im putinistischen Propaganda-Apparat. Es ist zwingend notwendig, Taiwan im Rahmen der Ein-China-Politik gegen Chinas Drohungen zu verteidigen, sagt die SZ aus Anlass des Nancy-Pelosi-Besuchs in Taipeh. Wenn man sich über antisemitischen Karikaturen bei der documenta empört, warum hat man dann seinerzeit die Mohammed-Karikaturen verteidigt, beschwert sich Jürgen Zimmerer in der Berliner Zeitung. Polizei und Politik haben den Fanatismus der Querdenkerszene verkannt, konstatiert hpd.de nach dem Suizid der Ärztin Lisa-Maria Kellermayr.

Audi A8 (435 PS)

02.08.2022. Man kann Putins Krieg gegen die Ukraine sehr wohl als genozidal bezeichnen, sagt der Gewaltforscher Wolfgang Sofsky in der NZZ. Wer auf einen Abnutzungskrieg setzt, gefährdet nicht nur die Ukraine, sondern Europa insgesamt, schreibt Richard Herzinger. Felwine Sarr rät Europa zu schweigen. Würde er das auch im Blick auf China und Rusland raten, fragt Harry Nutt in der FR. Nach einem Vorstoß für einen Israelboykott der Mélenchonisten in der Assemblée nationale erzählt Bernard-Henri Lévy in La Règle du Jeu die Geschichte des linken Antisemitismus in Frankreich.

Die Folge einer Politik der Zugeständnisse

01.08.2022. Die taz geht dem Tod von 57 ukrainischen Kriegsgefangen in der Haftanstalt Oleniwka nach. Kriegsverbrechen wie die Verbreitung eines Videos, das die Kastration eines Kriegsgefangenen zeigt, erleben die Ukrainer laut taz als Teil der russischen Kriegsführung. Aber es gibt Anzeichen für eine Schwächung Putins, hofft Timothy Snyder in der NZZ. In der Welt schildert Thomas Schmid die destruktive Politik Viktor Orbans mit der ungarischen Minderheit in Rumänien. Der Guardian fragt, ob die Sprengung von Rasenflächen zu unterlassen sei.

Aber der Nahostkonflikt

30.07.2022. Richard Herzinger untersucht im Perlentaucher die antikoloniale Rhetorik, mit der Wladimir Putin den "globalen Süden" für sich gewinnen will. Herfried Münkler weiß schon, warum die Emma-Pazifisten ihre Friedensforderungen an die Ukraine, und nicht den Angreifer richten, und erklärt es in der NZZ. Nicolas Tenzer fragt in seinem Blog, ob man Russland zum terroristischen Staat erklären soll. Und die New York Times erklärt, warum Antony Blinken davor zurückscheut.

Nur ein Gebet in der Fortschrittskirche

29.07.2022. Im New Statesman attackiert Bruno Maçães Intellektuelle wie Jürgen Habermas, die über den "kindlichen Glauben der Ukraine, noch siegen zu können, mit Amüsement hinweggehen". In der SZ fordert Hedwig Richter, dass die SPD auch den "kleinen Mann" auffordert, den Gürtel enger zu schnallen. Das chinesische Modell ist im 21. Jahrhundert gefährlicher für die liberale Weltordnung als die morsche Autokratie Russlands, fürchtet die Welt. Die sozialen Medien wachsen weiter, so die SZ. Aber News kaufen sie nicht mehr, so Axios.

Eine Linke, die sich selbst vergisst

28.07.2022. In Foreign Affairs schildern Andrei Soldatov and Irina Borogan den Krieg gegen die Ukraine als totale Machtübernahme des FSB. In der Zeit meditiert Thomas E. Schmidt über die vertrackte und nicht unschuldige Psychologie der Restitution. Ebenfalls in der Zeit wirft der Historiker Georgiy Kasianov einen wohltuend nüchternen Blick auf ukrainische Nationalerzählungen. In der FAZ verteidigen Saba-Nur Cheema und Meron Mendel die zur Funktionärin gemachte Aktivistin Ferda Ataman gegen ihre säkularen Kritiker.

Mit wem wir auf Whatsapp schreiben

27.07.2022. Demütigung ist das Schlüsselwort, um Putins Agieren zu verstehen, schreibt Peter Pomerantsev in der New York Times. Die SZ sieht die  real existierende Dystopie à la chinoise auf dem Vormarsch. Die Türkei überwacht ihre Bürger auch schon sehr intensiv, schreibt Bülent Mümay in seiner FAZ-Kolumne. Der Papst hat sich in Kanada für die Rolle der Kirche bei der Zwangsassimilierung indigener Völker entschuldigt, wenn er sie schon nicht entschädigt, berichtet die taz. Quillette beschreibt, wie die Geschichte der Indigenen in Kanada für einen Medienhype ausgebeutet wurde.