Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.12.2020 - Film

Die Berlinale hält in ihren Mails mit Akkreditierungsangeboten weiterhin daran fest, auch im kommenden Februar wieder als physisches Event vor Ort stattzufinden - ein ganzes Set von Hygiene-Regeln nach dem Modell Venedig soll dies ermöglichen. Das könnte vielleicht sogar gut gehen, meint Hanns-Georg Rodek in der Welt, wenn das Festival nicht die entscheidenden Fehler des vor vier Jahren von den Unternehmerbrüdern Sawiri gegründeten Filmfestivals in El-Guna im Roten Meer wiederholt - das hat sich unter ähnlichen Bedingungen nämlich dennoch mutmaßlich als Superspreading-Fiasko entpuppt: "Das verdankt es mit ziemlicher Sicherheit einer fatalen Fehlentscheidung im Vorfeld: Es sollte wie bisher gefeiert werden dürfen, 'soziale Interaktion' wurde kaum eingeschränkt." Hinzu kamen zahlreiche Empfänge und Veranstaltungen, wo mitunter der Gratis-Alkohol floss. "Im Netz wird den Sawiris vorgeworfen, für Profit und Ruhm eine zweite Welle des Virus in Kauf genommen zu haben."

Auf ZeitOnline nimmt es Wenke Husmann eher amüsiert zur Kenntnis, dass der britische Kulturminister Olive Dowden fordert, die vom britischen Königshaus erzählende Netflix-Serie "The Crown" möge doch mit einem Disclaimer vor jeder Episode offenlegen, dass Fiktion und Realität hier im Mischverhältnis daher kommen: "Die Frage ist, für wie dumm hält Dowden damit die Zuschauer? Die Angehörigen des Königshauses wirkten eigentlich immer schon auch in der medialen Berichterstattung - also in einer Form der Wiedergabe von Realität - längst so, als gäbe es sie nicht wirklich. Immer schon wirkten sie schöner, hässlicher, skandalöser als alle anderen und vor allem als die Realität. ... Die warnenden Worte Dowdens wirken da, als hätte er die vergangenen Jahre ausschließlich in seinem Büro verbracht."

Besprochen werden Steve McQueens auf Netflix veröffentlichte Film-Anthologie "Small Axe" (NZZ), Alan Balls "Uncle Frank" (Presse, mehr dazu hier) und die Serie "The Undoing" mit Nicole Kidman (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.11.2020 - Film

Tolle Verbindungen: Dominik Grafs Jubiläums-Tatort "In der Familie" (WDR/Frank Dicks)

Mit Dominik Grafs "In der Familie" - der erste Teil einer Doppelfolge - feierte der "Tatort" gestern Abend sein fünfzigjähriges Bestehen. Da haben sich die ARD-Sender mal was gegönnt, schwärmt Matthias Dell auf ZeitOnline: "Die Kunst feiert im ersten Teil von 'In der Familie' doch eine sehr schöne Geburtstagsparty. ... Grafs grafischer Stil mit seinen Ellipsen, Zooms, Schwenks, dem Gleiten der Kamera (Hendrik A. Kley), als würde die ins Bild reinschweben, um dann wieder auf Details zu gucken oder in die Totale zu wechseln, stellt tolle Verbindungen her." Hinzu kommt noch, dass "das Dortmunder Ensemble in Grafs Unmittelbarkeitsdistanzismus spielerisch an Kontur gewinnt; als ob das, was sonst an konventioneller Verkleidung dran ist an den Figuren und ihren Macken abgetrennt wäre durch die Klarheit des Blicks."

Auch Rüdiger Suchsland auf Artechock ist umgehauen: "Vielstimmigkeit, schnelles Hin und Her, Erinnerungen an 'Im Angesicht des Verbrechens' werden wach: Temporeich werden Tricks und Facetten der Überwachung gezeigt. Dazu sehr dezent eingesetzte, pulsierende, das Tempo unmerklich forcierende Musik. ... Das ist kein Fernsehen. Das ist ein Film." Oliver Jungen in der FAZ freut sich über diese Ausnahme im Sonntagabendkrimibrei: "Wie sich diese Verwicklung der Teufelspakte voller Schuld-, Sühne- und Racheverstrickungen ultimativ zuspitzt, ist unbedingt sehens- und dank der gelungenen Musikauswahl auch hörenswert. So darf es gerne bis 2070 weitergehen."

Weitere Artikel: Für den Standard spricht Stephan Hilpold mit der Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen über Viren im Film. Lory Roebuck schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den Schauspieler David Prowse, der den Körper (aber nicht die Stimme) von Darth Vader gespielt hat.

Besprochen werden David Finchers Biopic "Mank" über den Hollywood-Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz (Standard, mehr dazu bereits hier), Matthew Michael Carnahans auf Netflix gezeigter Kriegsfilm "Mosul", der in den letzten Tagen des Kampfes gegen den IS spielt (SZ), Susanne Biers Miniserie "The Undoing" mit Nicole Kidman (Berliner Zeitung) und die neue DVD-Edition von Paul Verhoevens "Showgirls", der seinerzeit bei der Kritik schwer durchfiel und nun von SZ-Kritiker Fritz Göttler rehabilitiert wird: "Einer der großen amerikanischen Filme der letzten Jahre, sagte Jacques Rivette" und Göttler schließt sich gerne an.
Stichwörter: Graf, Dominik, Tatort

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.11.2020 - Film

Berkun Oyas Netflix-Serie "Bir Başkadır - Acht Menschen in Istanbul" über den Alltag in der türkischen Hauptstadt hat sich als Publikumshit so ziemlich zwischen alle Stühle gesetzt, stellt Ömer Erzeren in der taz fest: Zu den Kritikern zählen "Linke und Feministinnen, konservative Moslems und Säkulare. ... 'Eine große Niederträchtigkeit', titelt die islamistische Zeitung Yeni Akit. Sie verurteilt den Angriff auf die 'nationalen und geistigen Werte' und fordert die türkische Zensurbehörde auf, einzugreifen. Eine angedeutete Masturbation mit Kopftuch sowie lesbische Beziehungen waren wohl zu viel des Guten. Andere wiederum loben die Netflix-Produktion, weil sie gegen die Islamophobie Partei ergreife. Ein 'Anti-Feminismus reloaded', resümiert jedoch eine andere Autorin. Während eine andere feministische Momente zu erkennen glaubt. Die Säkularen würden verspottet, kritisieren die einen, während andere Säkulare meinen, die Serie bringe das Thema Islam und Kopftuch auf den Punkt."

Jan Feddersen spricht für die taz mit Björn Koll über die Geschichte dessen Filmverleihs Salzgeber, der sich seit den 80ern auf den Vetrieb queerer Filme spezialisiert hat. Die Lage des queeren Gegenwartskinos in Deutschland sieht er in diesem Jahr mit den Spielfilmen "Futur Drei", "Kokon" und "Neubau" und den Dokumentarfilmen 'Im Stillen laut' und 'Rettet das Feuer' inhaltlich gut aufgestellt, aber finanziell prekär: "Bedenklich ist natürlich, dass die beiden Dokumentarfilme im Prinzip außerhalb des Systems und auch ohne Förderung entstehen mussten und dass auch 'Futur Drei' mit 120.000 Euro aus Niedersachsen und dann noch mal 20.000 aus Hamburg höchst prekär finanziert wurde. Geld gibt es in Deutschland in der Regel halt nur für Blödsinn. Und wenn da ein studentisches Kollektiv kommt und sagt, sie erzählen vom queeren Heranwachsen eines Einwanderersohns, winken alle ab."

Weitere Artikel: In der FAZ resümiert Bert Rebhandl das in diesem Jahr unter neuer Leitung, aber online stattfindende Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg, das sich ambitioniert "an den Maßstäben von Cannes oder Locarno misst". Kommende Woche wird Jean-Luc Godard 90, was sich zumindest den TV-Programmen aber eher nicht entnehmen lässt, seufzt Rüdiger Suchsland auf Artechock: "Früher wären die Godard-Filme in einer Reihe im Fernsehen gelaufen." Für ZeitOnline blickt Matthias Kalle auf die filmische Darstellung des Nerds im Wandel der Zeit.

Besprochen werden Dominik Grafs und Pia Strietmanns an diesem und am nächsten Sonntag ausgestrahlter Doppel-"Tatort", mit dem die ARD das 50-jährige Bestehen ihrer Krimi-Reihe feiert (FR, Filmdienst), Victor Klemperers "Licht und Schatten. Kinotagebuch 1929-1945" (Dlf Kultur), das von Daniel Kehlmann geschriebene, von Arte online gestellte Krimi-Drama "Das Verhör in der Nacht" (online nachgereicht von der FAZ) und Marielle Hellers auf DVD veröffentlichter "Der wunderbare Mr. Rogers" mit Tom Hanks (SZ).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.11.2020 - Film

Kennt man schon: Alan Balls "Uncle Frank"

Eigentlich wäre Alan Balls Coming-Out-Drama "Uncle Frank" der klassische Oscar-Köder der Kino-Herbstsaison mit ihren Arthaus-Dramen, erklärt Daniel Kothenschulte in der FR. Wegen Corona landet der Sundance-Erfolg nun ohne Leinwandumweg direkt auf den Streamingkanälen. Wahnsinnig schade darum ist es aber offenbar nicht: Ball hat zwar Film- und Serienklassiker wie "American Beauty", "Six Feet Under" und "True Blood" geschrieben, "doch auch erstklassige Serienarbeiten führen zu Routinen. Und wahrscheinlich schüttelt man nach Dutzenden von Folgen auch ein Kinodrehbuch dann einfach so aus dem Ärmel, routiniert, aber ohne Widerhaken. ... Am Ende ist es nicht anders als bei vielen der Serien, auf die sich Amazon und Netflix ja spezialisiert haben - man versinkt förmlich in einschmeichelnder Glätte - und hat am Ende das Gefühl, nichts gesehen zu haben, das man noch nicht kannte."

Weitere Artikel: Andreas Busche gibt im Tagesspiegel Tipps zur derzeit digital stattfindenden Französischen Filmwoche. Dort läuft auch der neue Film von Arnaud Desplechin, den Perlentaucherin Thekla Dannenberg bespricht. In der FAZ gratuliert Dietmar Dath Ed Harris zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Elem Klimows auf DVD veröffentlichter Antikriegsfilmklassiker "Komm und sieh" (Berliner Zeitung), David Finchers Biopic "Mank" über den Hollywood-Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz (Welt) und die ägyptische Netflix-Serie "Paranormal" (Presse).
Stichwörter: Ball, Alan, Corona

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.11.2020 - Film

Szene aus Miranda Julys "Kajillionaire"


In der taz spricht Marie-Claire Wygand mit Miranda July vor allem darüber, wie die Filmemacherin und Schriftstellerin ihren neuen Film "Kajillionaire" finanziert hat. Auf die großen Töpfe der Streamingkonzerne hat sie nämlich freiwillig verzichtet: "Das war vielleicht eine der letzten Chancen, nur fürs Kino zu drehen. Man muss sich entscheiden zwischen einer Kinoproduktion und dem doppelten Budget, wenn man für Netflix oder andere Streamingdienste produziert. ... Streamingplattformen können gefährlich werden, weil sie Monopole schaffen. Sie beeinflussen Filme mit sehr großen Geldsummen" und "wenn man einmal in den Bereich eines größeren Budgets kommt, ist man nicht mehr so völlig frei wie ganz ohne Budget."

Im SZ-Gespräch erklärt Joachim Kosack von der Ufa, warum sich sein Unternehmen per Erklärung dazu selbstverpflichtet hat, bis 2024 eine insgesamt diverserere Produktionspalette vorzulegen: "Wir wollen die Gesellschaft abbilden, wie sie wirklich ist. Im Genderbereich streben wir 50 Prozent an, bei Menschen mit Migrationshintergrund 25 Prozent, wie es ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht." Unklar bleibt allerdings, wie hoch der Anteil von Arbeitslosen, Niedriglohnjobbern und Altenheimbewohnern künftig sein wird.

Dazu passend fliegt auch gerade Arte eine zwar gutgemeinte, aber ziemlich ungelenk durchgeführte Ausschreibung um die Ohren, berichtet Xenia Balzereit in der taz. Unter dem Titel "Unbeschreiblich weiblich" rief man Filmemacherinnen zum Doku-Wettbewerb auf. Kritikerinnen fühlen sich auf ihr Geschlecht reduziert, zugleich halten sie dem Sender vor, auf diese Weise bequem und ohne Produktionsaufwand bereits fertige Ware zu akquirieren "und das, obwohl selbstständige Filmemacher*innen durch die Coronakrise ohnehin schon äußerst schlechte Bedingungen haben. 'Selbst die Gewinnerin hat keine garantierte Aussicht auf einen Produktionsvertrag, geschweige denn einen Prime-Time-Sendeplatz', sagt die Filmemacherin Pary El-Qalqili 'Auch sie muss sich erst profilieren. Das zeigt erneut, dass Regisseurinnen* weniger zugetraut wird als ihren männlichen Kollegen.'"

Weitere Artikel: Ekkehard Knörer empfiehlt in der taz Filme aus dem Onlineprogramm der Französischen Filmwoche. Dort läuft auch Arnaud Desplechins "Roubaix, une lumière", den Thekla Dannenberg für den Perlentaucher gesehen hat. Besprochen werden außerdem  Ron Howards "Hillbilly Elegy" (Freitag, mehr dazu hier), Robert Zemeckis' Neuverfilmung von Roald Dahls "Hexen hexen" (taz), Ben Wheatleys "Rebecca" (Perlentaucher) und die ARD-Thrillerserie "Das Geheimnis des Totenwaldes" mit Matthias Brandt (Berliner Zeitung, ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.11.2020 - Film

Glenn Close in "Hillybilly Elegy" (Lacey Terrell/Netflix)

Ron Howard hat für Netflix mit "Hillbilly Elegy" J.D. Vance' gleichnamigen Sachbuch-Bestseller von 2016 über den Rust-Belt, das us-amerikanische Hinterland, als Spielfilm adaptiert. Vor der Kamera mit dabei sind Amy Adams und Glenn Close. Das liberale Hollywood reagiert beim Blick in diese ihm so ferne Welten vor allem verstört, schreibt FR-Kritiker Daniel Kothenschulte: "Die Hillbillies in diesem Film sehen aus, als seien sie den Fotos von Diane Arbus entsprungen und anschließend in grelle Farben getaucht worden. Ebenso wie Vances Buchvorlage dürfte auch Howards Film dem liberalen und aufgeklärten Teil des Landes damit ein wohliges Gruseln bereiten." Sehenswert sei der Film dennoch: "Howard beseitigte offensichtlich einige der schlimmsten populistischen Vereinfachungen" des Buches. Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche hingegen winkt bloß ab: "Neue Einsichten liefert der Film nicht, er fällt sogar noch hinter die Vorlage zurück. Der Autor Vance ist wenigstens ein eloquenter Beobachter, auch wenn ihm die analytische Schärfe fehlt. Dem Regisseur Howard mangelt es an beidem." Weitere Kritiken auf ZeitOnline und in der Berliner Zeitung.

Weitere Artikel: Für den Freitag spricht Thomas Abeltshauser mit Alan Ball über dessen auf Amazon gezeigtes, in den 70ern spielendes Coming-Out-Drama "Uncle Frank". Nilz Bokelberg schreibt auf ZeitOnline einen Nachruf auf Karl Dall.

Besprochen werden Adam Egypt Mortimers Horrorfilm "Der Killer in mir" (Berliner Zeitung) und die Serie "Yellowstone" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.11.2020 - Film

Netflix im Besonderen, aber auch die Streamingdienste generell stehen für divers breit aufgestelltes Programm, heißt es meist. Eine Studie hat nun festgestellt, dass diese Einschätzung zumindest rein quantitativ nicht wirklich gut begründbar ist, berichtet Philipp Bovermann in der SZ: Der Anteil männlicher Hauptfiguren sei auch nicht signifikant niedriger als bei anderen Programmanbietern. Und zumindest hinter der Kamera deutscher Produktionen finden sich fast schon ausschließlich nur Männer am Drehbuch und in der Regie. "Was die Sichtbarkeit unterschiedlicher Ethnien angeht, sei das Programm der Plattformen zwar 'insgesamt divers', schließlich werde es auf der ganzen Welt produziert. Schaut man sich aber nur die Produktionen eines einzelnen Landes an, 'überwiegt die Sichtbarkeit der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung'. In den deutschen Produktionen etwa seien rund 89 Prozent der Figuren weiß. Menschen mit Migrationshintergrund, die rund ein Viertel der bundesdeutschen Bevölkerung bilden, sind laut Studie deutlich unterrepräsentiert."

Weitere Artikel: Jan Feddersen erinnert in der taz an Helga Feddersen, die vor 30 Jahren gestorben ist und der der NDR gerade eine große Hommage gewidmet hat. Dominik Straub berichtet im Standard von den Plänen der italienischen Kulturpolitik, den Cinecittà-Studios in Rom wieder zu altem Glanz zu verhelfen. Willi Winkler (SZ) und Oliver Rasche (Welt) schreiben Nachrufe auf Karl Dall.

Besprochen werden Ron Howards "Hillbilly Elegy" (FR) sowie ein Band mit den Schriften von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.11.2020 - Film

Im Gespräch mit der Jungle World bekräftigt der Filmhistoriker Lars Henrik Gass seine in den letzten Monaten häufiger unterstrichene Position, dass das Kino, nicht erst seit Corona in der Krise, seiner Musealisierung und damit einer kulturpolitischen Wertschätzung entgegen geführt werden müsse. "Man versucht immer noch, die Filmförderung an die Kinoauswertung zu binden, in der Illusion, dass Kinoauswertung die letztgültige Form sei, mit Film umzugehen. Damit hat man weder die mediengeschichtliche Besonderheit des Kinos verstanden noch zur Kenntnis genommen, welche gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen wir gerade in rasender Geschwindigkeit durchlaufen. ... In ganz Deutschland gibt es gerade einmal fünf Filmmuseen - wovon eines noch nicht einmal eine eigene Kinemathek hat -, dagegen in jeder Stadt ein Theater" und "wenn sich die Stadt Hamburg eine Elbphilharmonie für über 800 Millionen Euro leisten kann, darf ich doch einmal ausrechnen, dass sich allein mit dieser Summe jede Großstadt in Deutschland eine Kinemathek leisten könnte."

Weitere Artikel: Susanne Burg spricht für Dlf Kultur mit dem Schriftsteller Daniel Kehlmann über dessen Drehbuch für den Arte-Film "Das Verhör in der Nacht".

Besprochen werden Ron Howards Verfilmung von J. D. Vances Memoiren "Hillbilly-Elegie" (taz, Standard, Dlf Kultur hat mit dem Regisseur gesprochen), die Serie "Das Damengambit" (Freitag), die Serie "I May Destroy You" (Freitag), die DVD-Edition des österreichischen Tonfilmoperettenklassikers "Sehnsucht 202" von 1932 (NMZ) und weitere neue Heimmedienveröffentlichungen, darunter Richard Fleischers SF-Klassiker "Die phantastische Reise" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.11.2020 - Film

80s-Exzess im Heimkino statt auf der großen Leinwand: "Wonder Woman 1984"

Warner wird seinen schon lange im Stall stehenden Blockbuster "Wonder Woman 1984" zumindest in den USA an Weihnachten nun definitiv in die (paar wenigen noch geöffneten) Kinos bringen, aber zeitgleich auch auf Digitalplattformen anbieten - und damit das Zeitfenster, das Kinos zur Auswertung üblicherweise zugestanden wird, de facto schleifen, berichtet Tobias Kniebe in der SZ. "Im Grunde ist es ein Traum der großen Studios, dass sie das Szenario der totalen Wahlfreiheit einmal testen können: Wer rüstet zum gemeinsamen Ausflug ins Filmtheater, um Gal Gadot als 'Wonder Woman' im Kalten Krieg der Achtzigerjahre zu sehen - und wer abonniert lieber HBO-Max, um sich das Ganze auf dem heimischen Sofa reinzuziehen? Von den Antworten, so verzerrt sie durch Virenangst und Kinoschließungen gerade sein mögen, wird für die Zukunft der Filmindustrie viel abhängen."

Außerdem: Patrick Heidmann plauscht in der SZ mit der Autorin Caitlin Moran über die (von Tobias Kniebe besprochene) Verfilmung ihres Buchs "How to Build a Girl". In der FAZ gratuliert Maria Wiesner Terry Gilliam zum 80. Geburtstag. Besprochen wird die Serie "Tehran" (Freitag).
Stichwörter: Blockbuster, Kinokrise

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.11.2020 - Film

"My Mexican Bretzel" - derzeit online zu sehen beim Filmfestival Mannheim

"Mediatheken sind Krücken", seufzt Rüdiger Suchsland auf Artechock und kann es bei allem Verständnis auch nicht ganz verschmerzen, dass die Festivals ihre Filme derzeit schon aus Sachlagezwang online statt vor Ort zeigen. "Das Netz ist großartig, wo es das Kino nicht abschafft, sondern es als schützender, fördernder Raum umgibt. Darum wären Festivals eigentlich dann am Besten, wenn sie alles Mögliche im Netz machen, aber dort keine Filme zeigten." Tipps gibt er dennoch, etwa Nuria Giménez Lorangs "My Mexican Bretzel" - "sensationell" mit drei Ausrufezeichen -, den das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg gerade online zeigt und der "gewissermaßen das Kino ganz neu erfindet". Übrigens zeigt das Festival in seiner Retrospektive auch Filme der zweiten Generation der Nouvelle Vague, berichtet Daniel Moersener in der Jungle World.

Weitere Artikel: Scott Tobias erinnert im Guardian an den beschwerlichen Weg, den es brauchte, um in Michael Ciminos einst von der Kritik verschmähten und legendär gefloppten "Heaven's Gate" als das große Meisterwerk zu erkennen, als das er 40 Jahre nach seiner Premiere gilt. Jens Balkenborg wirft für Artechock einen Blick ins Programm des Kasseler Dokfests, das in diesem Jahr ebenfalls online stattfindet. In der Berliner Zeitung empfiehlt Ralf Schenk Elia Kazans "Tabu der Gerechten" von 1947. Für die taz spricht Benjamin Moldenhauer mit Christian Keßler, gerade ein Buch über das italienische Thrillerkino der 60er und 70er veröffentlicht hat. Für ziemlich viel Aufregung in den Sozialen Medien sorgt außerdem die Meldung, dass Warner seinen neuen Superheldenblockbuster "Wonder Woman 1984" zwar definitiv an Weihnachten ins Kino bringen, aber nahezu parallel auch online auswerten will.

Besprochen werden Andres Veiels "Ökozid" (Artechock, mehr dazu bereits hier), David E. Talberts Weihnachtsmusical "Jingle Jangle Journey" (SZ) und der neue auf Spongebob-Film (Presse).
Stichwörter: Filmfestivals, Kinokrise, 70er