Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.07.2021 - Film

Zurück zur alten Energie: Xavier Dolans "Matthias & Maxime"

Mit heute 32 Jahren ist Xavier Dolan vielleicht nicht mehr das Wunderkind, als das der Franko-Kanadier bei seinem Durchbruch 2009 gefeiert wurde, und auch aus seinen letzten Filmen war die Luft dann doch eher raus, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Doch umso praller nun das künstlerische Comeback, das sein achter Film "Matthias & Maxime" darstellt: "Die alte Dolan-Energie ist zurück, die volatile Impulsivität, die man früher mal mit seiner Jugend erklärte - die im nachdenklich-introspektiven 'Matthias & Maxime' aber auch als Raumforderung völlig gegensätzlicher Lebenskonzepte funktioniert." Und "kein Regisseur seiner Generation versteht es so gut wie Dolan, das persönliche Drama im Popsong zu finden - ob es sich dabei um Arcade Fire oder Britney Spears handelt. Niemand verabreicht die Rückschläge im Leben mit so viel Liebe - und beweist doch seine Diskretion." Für die FAZ führt Andreas Platthaus durch den Film.

Die neuen Amazon-Richtlinien, die zwar keine besseren Arbeitsbedingungen in den eigenen Lager- und Abfertigungshallen vorsehen, aber im Film-Produktionssegment die geschlechtliche, sexuelle, herkunftsbedingte und religiöse Deckungsgleichheit der Identität von Schauspieler und Figur anmahnen (wohlweislich aber nicht die ökonomische), diese neuen Amazon-Richtlinien findet Andreas Bernard in der Zeit einigermaßen absurd: "Für die viel beschworene 'Authentizität' der Geschichten heißt das in erster Linie, dass die durch polizeiliche und medizinische Dokumente ausgewiesene Identität der Darsteller für die Glaubwürdigkeit des Erzählten bürgen soll. Man kann schon bei Denis Diderot nachlesen, dass ein solches Beharren auf dieser Übereinstimmung nicht nur unbeholfene Kunst hervorbringt, sondern auch die verschlungenen Pfade zwischen Wirklichkeit und Fiktion verkürzt und begradigt. Die Fähigkeit des Schauspielers, die unterschiedlichsten Charaktere auf der Bühne oder Leinwand zu verkörpern, sein Talent, sich in fremde Figuren hineinzuversetzen, gilt als verdächtig. An die Stelle von ästhetischen Prozessen tritt ein autoritäres kulturhygienisches Programm."

Weitere Artikel: In der SZ gratuliert Tobias Kniebe der "Zur Sache, Schätzchen"-Regisseurin May Spils zum 80. Geburtstag. Besprochen werden David Schalkos auf Sky gezeigte Serie "Ich und die Anderen" mit Sophie Rois und Lars Eidinger (taz), Uberto Pasolinis "Nowhere Special" (NZZ), Prano Bailey-Bonds Kunsthorrorfilm "Censor" (taz), David Lowerys Ritterfilm "The Green Knight" (taz, FR), Disneys Abenteuerfilm "Jungle Cruise" (FR), Helena Hufnagels Komödie "Generation Beziehungsunfähig" (SZ) sowie die siebte und letzte Staffel der Amazon-Krimiserie "Bosch" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.07.2021 - Film

Soziale Stasis in Bewegung: "Home" von Franka Potente

"Klassisches amerikanisches Schauspielkino" bietet "Home", das unweit von ihrem Wohnort in Los Angeles entstandene Regiedebüt von Franka Potente, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel: "Den Film zeichnet eine fast lakonische Souveränität aus, auch weil mit dem Tom-Tykwer-Weggefährten Frank Griebe ein alter Vertrauter hinter der Kamera steht, der die Bilder nie mit Bedeutung überfrachtet. Potente, die zudem das Drehbuch geschrieben hat, gibt ihren Figuren viel Raum, um manchmal auch einfach nichts zu sagen. Den Rest erledigt die atmosphärische Kinematografie: Impressionen eines Kleinstadt-Amerikas, das so spezifisch wie ortlos ist. ... Man findet durchaus Parallelen zu Chloé Zhaos Roadmovie 'Nomadland', das bei aller Mobilität ebenfalls in einer sozialen Stasis verharrte."

Besprochen werden die Doku "Alles ist eins. Außer der 0" über Wau Holland, der damals den Chaos Computer Club mitbegründete (taz, SZ), M. Night Shymalans Horror-Groteske "Old" über Menschen, die schlagartig altern (ZeitOnline), Thomas Vinterbergs "Der Rausch" (Intellectures, unsere Kritik hier), die vierte Staffel der Serie "In Treatment" (FAZ) und Prano Bailey-Bonds Horrorfilm "Censor" (Presse).
Stichwörter: Potente, Franka

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.07.2021 - Film

Ariana Malik unterhält sich in einem online nachgereichten FAS-Gespräch mit den in Frankreich lebenden Nasser-Brüdern über deren Film "Gaza mon Amour", mit dem sie den Menschen in ihrer alten Heimat ein Denkmal setzen wollten und für die es "die Hamas noch schwieriger gemacht hat, als es eh schon war. ... Die meisten Gazaouis jedoch lehnen die Hamas ab, ihre Politik, ihre Willkür, ihre Gewalt."

Kinderfasching im Sonnenschein: Demenzkomödie "Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen"

Einfach nur bodenlos findet SZ-Kritikerin Johanna Adorján Marc Dietschreits und Nadine Heinzes Demenzkomödie "Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen", bei der ein demenzkranker Witwer Fehler in Liebesdingen gegenüber seiner verstorbenen Frau aufarbeiten will: "Wenn das Demenz ist, ist Demenz Kinderfasching." Am Ende gebe es dann tiefsinnig anmutende Sentenzen mit gratis Lebensweisheiten: "Klingt bedeutungsvoll. Als gäbe es einen tieferen Sinn, als wolle dieser Film irgendetwas sagen. So etwas lieben ja deutsche Filmredakteure, so eine Art tiefere Wahrheit, die sich hier nur leider nicht findet. In diesem Film steckt kein Fünkchen Wahrheit. Dieser Film ist ein saudummes Märchen."

Weitere Artikel: Andreas Busche ist im Tagesspiegel gespannt auf das Filmfestival Venedig, das gestern seine Filme angekündigt hat. Johanna Adorján trauert in der SZ dem Schauspielertypus Cary Grant hinterher, dem es im Screwball-Klassiker "Leoparden küsst man nicht" aufs hinreißendste gelang, "unbeschreiblich gut auszusehen und gleichzeitig so zu wirken, als täte er das nicht". Kerstin Decker (Tagesspiegel) und Susanne Burkhardt (Dlf Kultur) schreiben Nachrufe auf den Schauspieler Herbert Köfer.

Besprochen werden Thomas Vinterbergs "Der Rausch" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier) und die Arte-Serie "Wenn die Stille einkehrt" (taz).
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Stichwörter: Demenz

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.07.2021 - Film

Nachdem sich die Wallungen um den Dokufilm-Skandal "Lovemobil" etwas gelegt haben, hat Wenke Husmann für ZeitOnline sich bei Dokumentarfilmemachern und bei den beauftragenden Redaktionen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk umgehört, wie dort derzeit die Stimmung und Arbeitskultur ist: Etwas mehr Vorsicht herrscht bei den einen Redaktionen, etwas mehr Zuversicht bei den anderen. Dass die Redaktionen noch immer besonders zugespitzte Filme verlangen, deren Ergebnis schon beim Antrag feststeht, hat sich offenbar nicht gelegt, ebenso die zutiefst prekäre Lage der Macher. "Die Filmemacherin Sandra Trostel hat aus diesem Grund ein alternatives Finanzierungsmodell ersonnen. Dabei geht sie von ihrem eigenen Selbstverständnis als Dokumentarfilmerin aus: 'Ich mache Filme über die Gesellschaft - für die Gesellschaft.' ... Weil auch die öffentlich-rechtlichen Sender einen gesellschaftlichen Auftrag haben (und von der Gesellschaft bezahlt werden), schlägt Trostel vor, zwei Prozent der Rundfunkgebühren in die Entwicklung und Realisierung von Dokumentarfilmen zu stecken, was mehr ist als bislang. Davon sollen deren Macher angemessen bezahlt und auch sozial abgesichert werden. Im Gegenzug würden die Lizenzen freigegeben und die Filme langfristig verfügbar gemacht, im Netz."

Außerdem: Thomas Abeltshauser spricht für die taz mit dem Filmemacher Dominik Moll über dessen neuen Film "Die Verschwundene". Besprochen wird "Gaza mon Amour" von den Nasser-Brüdern (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.07.2021 - Film

Demo im Jahr 1983, Stil aus "Die Dohnal" (Rudi Semotan)

In der Jungle World legt uns Esther Buss Sabine Derflingers Dokumentarfilm "Die Dohnal - Frauenministerin, Feministin, Visionärin" ans Herz, der ab kommenden Donnerstag im Kino läuft. Es geht um die österreichische SPÖ-Politikerin Johanna Dohnal, die als Politikerin energisch für Frauenfragen gestritten hat. An ihr "fällt vor allem die klare Sprache auf, die sich von der heutigen politischen Rhetorik des Drumherumredens, den Worthülsen und schiefen Metaphern deutlich unterscheidet. 'Aus taktischen Gründen leisezutreten, hat sich immer noch als Fehler erwiesen' ist ein typischer Dohnal-Satz. ... Statt die Ausnahmepolitikerin zu historisieren und ihr damit museale Weihen zukommen zu lassen", werde sie in diesem Film "zur Hauptperson einer Gegenwartsbefragung." Zugleich entfalte sich "auch eine Geschichte des österreichischen Fernsehens. An den Redebeiträgen der Talkshowgäste wie auch gewöhnlicher Menschen, die auf der Straße zu Themen wie etwa Elternzeit für Väter befragt werden, wird klar, in welch konservatives und frauenfeindliches Klima Dohnal ihre Überzeugungen hineintragen musste."

Weitere Artikel: Im Filmdienst spricht Simon Hauck mit Thomas Vinterberg über dessen neuen Film "Der Rausch" (hier unsere Kritik). Im SZ-Gespräch ärgert sich Franka Potente, die mit "Home" gerade ihren ersten Langfilm als Regisseurin fertiggestellt hat, dass man Männern im Business immer noch erklären muss, dass Frauen Filme inszenieren können. Für die FAZ spricht Anna Schiller mit der Schauspielerin Peri Baumeister über ihre Arbeit am deutschen Netflix-Horrorfilm "Blood Red Sky" über Vampire im Flugzeug ("erfüllt fast mustergültig sämtliche Anforderungen einer modernen Streaming-Produktion", meint dazu ein sehr gelangweilter Josef Grübl in der SZ). Mit dem Regisseur des Films, Peter Thorwarth, sprach Schiller ebenfalls. In der taz empfiehlt Fabian Schroer das Potsdamer Nachwuchsfestival Sehsüchte. In der "Langen Nacht" des Dlf Kultur widmet sich Beate Schönfeldt den Filmregisseurinnen in der DDR.

Besprochen werden Nadine Heinzes und Marc Dietschreits Demenzkomödie "Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen" (SZ) die Arte-Miniserie "Hamishim - Fünfzig" (Artechock) und "Gaza Mon Amour" von den Nasser-Brüdern (Artechock, FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.07.2021 - Film

Alle Toten sollen zurück: "Orphea" von Alexander Kluge und Khavn de la Cruz (Rapid Eye Movies)

Staunend steht Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche vor "Orphea", der zweiten Zusammenarbeit des deutschen Autorenfilmers Alexander Kluge und des philippinischen Guerilla-Filmkünstlers Khavn de la Cruz. Im letzten Herbst wurde der Film im Kino vom Lockdown gefressen (unsere damalige Kritik), jetzt startet der Verleih den zweiten Versuch. Mitten im Geschehen: Lilith Stangenberg als weiblicher Orpheus und als solcher geht sie an Grenzen. "Sie springt und schreit gitarreschwingend in einem Feuerkreis herum, rezitiert Ovids Metamorphosen (manchmal mit der Stimme des Regisseurs Alexander Kluge) und kriecht durch einen Lüftungsschacht in die Unterwelt." Sie "will alle Toten auf die Erde zurückholen, da spricht die wahre Revolutionärin. Es geht Kluge und Khavn um nicht weniger als die Unsterblichkeit - des Menschen und der Kunst. Inspiration findet Orphea bei den russischen Biokosmisten, den Afterlife-Experimenten im Silicon Valley, in der Theologie. Und natürlich der Musik."

Der freudig irrlichternde Film ist "weder Dekonstruktion noch ein stream of consciousness, wenngleich er sich beider Methoden bedient", schreibt Zviad Gamsachurdia auf critic.de. "Es geht ihm auch nicht um eine Reflexion der filmästhetischen Mittel - es gilt ernst zu nehmen, dass der Film bewusst mythisch, nicht wissenschaftlich ist. Das Programm der Wiederbelebung löst die eigene Programmatik in ein kreatives Chaos auf, indem es emphatisch bejaht, was schon immer durch das Wesen des Experimentalfilms geisterte: den Dilettantismus. Damit versperrt sich der Film jeder Vereinnahmung durch eine Form und bleibt freies, aber auch gespenstisches Spiel."

Weitere Artikel: Andreas Busche porträtiert im Tagesspiegel die Berliner Filmemacherin Henrika Kull, deren Film "Glück" selbiges in einem Bordell sucht. Für Artechock liefert Rüdiger Suchsland weiter Berichte von seinen Cannes-Beobachtungen.

Besprochen werden Jon M. Chus' Kinoadaption von Lin-Manuel Mirandas und Quiara Alegria Hudes' Musical "In the Heights" (Standard, SZ), Thomas Vinterbergs "Der Rausch" (FAZ, Zeit, Welt, mehr dazu hier), François Ozons "Sommer 85" (Standard), David Clay Diaz' "Me, We" (Presse), Peter Thorwarths auf Netflix gezeigter Horrorthriller "Blood Red Sky" (Presse) und Marc Bauders Essayfilm "Wer wir waren" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.07.2021 - Film

Mads Mikkelsens pichelt in "Der Rausch" gut mit (Mauritius/Weltkino)

Das große Saufen? Thomas Vinterberg erzählt in "Der Rausch" jedenfalls von einer Gruppe Lehrer, die sich vornimmt, fortan keinen Tag mehr nüchtern zu verbringen. "Je länger der Film dauert, desto mehr erkennt man das Porträt einer westlichen Gesellschaft, in der kaum ein Ereignis ohne Alkohol denkbar ist", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. Moralinsauer ist das dennoch ganz und gar nicht, denn "schließlich sieht man hinter der Schwäche der Protagonisten, ihr Glück nur betrunken erleben zu können, eben dieses Glück. Und das wiederum, die Freude von Gemeinschaft und Ekstase, vermag uns gerade heute, mit dem Lockdown im Rücken, besonders kostbar erscheinen." Auch tazlerin Katharina Granzin hält fest: "Wer hier nach einer eindeutigen Botschaft sucht, wird jedenfalls mit leeren Händen abziehen müssen. Alkohol tut gut, Alkohol zerstört; beides ist der Fall, manchmal sogar gleichzeitig. Wenn es eine Sache gibt, die dieser Film einer am Ende eindeutig vernichtend ausgefallenen Prüfung unterzogen hat, dann ist es das Leistungssystem Schule. Wie kann es sein, dass diese Lehrertypen in mittleren Jahren schon derart abgestumpft und desillusioniert sind?"

Weitere Artikel: Für die Berliner Zeitung porträtiert Nina Hermann den Schauspieler Hinnerk Schönemann.

Besprochen werden Lisa Gottos und Dominik Grafs Buch "Kino unter Druck" über osteuropäische Filme (SZ), Stefan Kolbes und Chris Wrights Dokumentarfilm "Anmaßung" über einen Mörder (Tagesspiegel, mehr dazu bereits hier), die Verfilmung von Lin-Manuel Mirandas Musical "In the Heights" (ZeitOnline, Tagesspiegel), François Ozons "Sommer 85" (Presse), Arne Körners Satire "Gasmann" (taz), Justin Lins neuer Teil der "Fast & Furious"-Reihe (Welt, unsere Kritik hier), die Amazon-Serie "Them" über Rassismus in den USA der 50er (taz), Mona Fastvolds "The World to Come" (Standard), David Clay Diaz' "Me, We" (Standard), Peter Thorwarths Actionhorrorfilm "Blood Red Sky" (taz), die Disney-Serie "Scott & Huutsch" (FAZ) und die Ausstellung "Katastrophe" im Frankfurter Filmmuseum (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.07.2021 - Film

Der Täter als Puppe: "Anmaßung" (GMfilms)

Stefan Kolbe und Chris Wright widmen sich in ihrem Dokumentarfilm "Anmaßung" dem Bild, das wir von einem Mörder - Stefan S., der 2003 in Bayern eine junge Frau ermordet hat - haben. Weder der Täter noch die Filmemacher hatten ein Interesse daran, ihn als Protagonisten vor die Kamera zu setzen, schreibt René Martens auf ZeitOnline: Entstanden ist ein Film, der "Ambiguitätstoleranz" erfordert. "Die Regisseure entwickeln daraufhin die Idee, S. durch eine Puppe darzustellen, die von zwei Puppenspielerinnen geführt wird. Das mag auf den ersten Blick wie ein spleeniger Einfall klingen, aber relativ schnell wird deutlich, dass die Notlösung Vorteile hat: Die kindgroße Puppe mit dem hässlichen Gesicht lässt keine Faszination für das Böse entstehen. Vor allem ermöglicht sie theaterhaftes Arbeiten. ... 'Anmaßung' ist ein Film über das Filmemachen. Was oft nur für einen kleinen Kreis von Spezialisten reizvoll klingt, für den großen Rest dagegen eher akademisch, wird hier zu einem ungewöhnlichen Seherlebnis."

Außerdem: Esther Buss wirft für den Filmdienst einen Blick auf "Extreme Private Eros: Love Song 1974", ein Dokumentarfilm von Kazuo Hara über seine Partnerin Miyuki Takeda. Es gibt immer wenige gute Liebesfilme, meint Wenke Husmann auf ZeitOnline. Patrick Holzapfel gratuliert im Filmdienst Richard Leacock zum 100. Geburtstag. Besprochen wird Hanneke Schuttes Kinderfilm "Erdmännchen und Mondrakete" (SZ).
Stichwörter: Dokumentarfilm

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.07.2021 - Film

Die Goldene Palme für Julia Ducournaus Horrorfilm "Titane" ist ein Affront gegenüber jenem Qualitätskino, das üblicherweise in Cannes den Wettbewerb bestimmt und dort ausgezeichnet wird, meint Rüdiger Suchsland auf Artechock. Aber ein Affront, der nötig ist, denn er trifft ein Kino, "das bestimmten engen ästhetischen Mustern folgt, aber wenn man ehrlich ist, schon lange alt und mürbe und ideenlos geworden ist. Ein Kino, das in den letzten 30 Jahren zunehmend aus braven Geschichten über gute Menschen besteht, ein Weltverbesserungskino der Elendsportraits und der Lehrstücke, das aber filmisch wenig bietet und zumeist nur abbildet und illustriert. ... Die Agenden müssen sich ändern. Das Kunstkino muss sich dem wieder öffnen, was das Kino inzwischen nur im Mainstream oder in seinen Nischenbezirken abbildet: Dem Unbewussten, Surrealen, Unklaren, Ungesicherten, Riskanten."

Weitere Artikel: Keine Serie über die mexikanischen Kartelle und den Drogenkrieg werden der Lage so sehr gerecht wie die Netflixproduktion "Somos", schreibt Mexiko-Korrespondent Wolf-Dieter Vogel in der taz.

Besprochen werden Thomas Vinterbergs Pichelfilm "Der Rausch" (Jungle World, SZ) und Justin Lins neuer Teil der "Fast & Furios"-Actiofilmreihe (Presse, unsere Kritik hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.07.2021 - Film

Die Goldene Palme von Cannes geht in diesem Jahr an Julia Ducournau für "Titane" (hier alle Preise im Überblick). Wohl nicht nur, weil die begehrte Trophäe diesmal an einen allem Vernehmen nach ziemlich wilden Horrorfilm ging - und überhaupt erst zum zweiten Mal an eine Frau -, dürfte diese kühne Auszeichnung in die Filmgeschichte eingehen. Sondern auch, weil Jurypräsident Spike Lee die Auszeichnung in einem herrlich amüsanten Moment gleich zu Beginn der Gala ausplauderte:



Ausgezeichnet wurde mit diesem wegen seiner Gewaltdarstellung an der Croisette hitzig diskutierten Film ein vitales, alles auf eine Karte setzendes Risiko-Kino, schwärmt Daniel Kothenschulte in der FR: "Verführerisch wie ein schwüler Alptraum folgt der Film der surrealen Entwicklungsgeschichte einer androgynen Frauenfigur, stählern und gleichwohl zerbrechlich. Eines weiblichen Terminators, zu brutalen Morden fähig, der Sex mit Autos hat, aus dessen Brüsten Motoröl tropft. ... Ducournaus Aneignung des Genres gelingt auf der Basis einfühlsamer Schauspielerführung und formaler Kraft. Und das hat in Cannes schon viele Gewinner hervorgebracht: Luis Buñuel, David Lynch, Quentin Tarantino oder auch Apichatpong Weerasethakul."

Drastische Filme wie "Titane" waren an der Croisette bislang in die Nische der Mitternachtsvorführungen verbannt, erklärt Tobias Kniebe in der SZ. Wie kam dann dieser Erfolg zustande? Die "nachpandemische Lebensgier könnte eine Rolle spielen, eine Lust, nach der langen Stille mal so richtig allen Gefühlen freien Lauf zu lassen, wie wild und dunkel sie auch immer sind. Oder ist es ein deftiger Kommentar der Jury zur Auswahlpolitik des Festivalleiters Thierry Frémaux, der alte und traditionell männlich dominierte Cannes-Traditionen gern an jeder Stelle verteidigt? Du gibst uns einen Wettbewerb mit vier Regisseurinnen und zwanzig Regisseuren zu bewerten? Dann heben wir doch einfach mal die wildeste und unerfahrenste Frau, die gerade mal ihren zweiten Film fertiggestellt hat." Tarantino hatte damals für "Pulp Fiction" allerdings auch für einen zweiten Film die Palme erhalten.

Feminismus, Gender Trouble, verunsicherte Männer: Dieser Film ist vollgesogen mit den Debatten der Gegenwart, schreibt ein völlig umgehauener Hanns-Georg Rodek in der Welt: Die Auszeichnung für diesen staunen machenden Film "ist ein Signal, ein Weckruf an das Kino, dass es die Zwangspause der Pandemie als eine Motivation ansieht, origineller und mutiger und radikaler zu werden." Dominik Kamalzadeh (Standard) und Christine Longin (taz) porträtieren die Regisseurin.

Wie war das Festival im Großen und Ganzen? "Es war kein großes Jahr", seufzt Andreas Kilb in der FAZ: Die Auszeichnungen abseits von "Titane" deuten für ihn auf eine "Gespaltenheit" und "Verlegenheit" der Jury hin. Sanft enttäuschend fand auch Anke Leweke von ZeitOnline das Festival. Dabei wurde dem Jahrgang im Vorfeld entgegen gefiebert wie selten: "Warum das Festival seinen Wettbewerb allerdings mit 24, zum großen Teil mittelmäßigen oder gar enttäuschenden Filmen überfrachtet hat, bleibt die große Frage. War es die Gier nach dem Alleinstellungsmerkmal der großen Namen?"

Ähnlich sieht es - trotz großer Freude über den Siegerfilm - Andreas Busche im Tagesspiegel: Mit diesem Schaulaufen der Big Player im Autorenkino wurde ein "ein verschwenderisches Maß erreicht, es schien Festivalleiter Thierry Frémaux nur noch um schiere Verdrängung der Konkurrenz in Berlin und Venedig zu gehen. Er tat damit weder dem Festival noch den Filmen einen Gefallen." Die klingenden Namen lieferten meist nur schwach, der Wettbewerb wirkte "aufgeblasen" und "Regisseur:innen mit formal interessanten Filmen wie Kornél Mundruczó, Andrea Arnold (ein Dokumentarfilm über die landwirtschaftliche Verwertungskette, aus der Perspektive einer Kuh) und Gaspar Noé, der dem Horror-Impresario Dario Argento eine zärtliche Altersrolle schenkte, wurden dagegen in nachrangigen Programmreihen geparkt."

Außerdem: Bert Rebhandl empfiehlt in einem online nachgereichten FAZ-Artikel die aktuelle Mubi-Retrospektive mit den Filmen von Kelly Reichardt, "einer der wichtigsten unabhängigen amerikanischen Filmemacherinnen". Im Tagesspiegel empfiehlt Gunda Bartels aus der Reihe insbesondere Reichardts neuesten Film "First Cow" (unsere Kritik hier). Im Dlf Kultur spricht Filmemacher Thomas Vinterberg über seinen neuen Film "Der Rausch". Tim Lindemann schreibt im Freitag über Notting Hill als Drehort. Für den Standard plaudert Christian Schachinger mit Otto. In der FAZ gratuliert Claudius Seidl Abel Ferrara zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Lee Isaac Chungs autobiografisch angefärbtes Migrationsdrama "Minari" (Artechock), der neue Teil der "Fast & Furious"-Reihe (Artechock, unsere Kritik hier), Baltasar Kormákurs Netflix-Serie "Katla" (Freitag), die Serie "The White Lotus" (Freitag), ein Buch zur Geschichte des Sportdokumentarfilms (Jungle World) und die 3sat-Doku "Queer Cinema" (taz).