Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.08.2026 - Film

"Staatsschutz" von Faraz Shariat

Die Protagonistin in Faraz Shariats Justizdrama "Staatsschutz" ist eine junge Staatsanwältin mit südkoreanischem Migrationshintergrund. Sie wird Opfer eines rechtsextremen Angriffs und nimmt danach die Ermittlungen selber und gegen viele Widerstände in die Hand, schreibt Barbara Schweizerhof in der taz. Ihre eigene Staatsanwaltschaft versichert ihr anfangs nämlich, dass sie den Fall schnell aufklären wollen. "Aber dann reagiert die Justiz ebenso träge. Ermittlungen verlaufen im Sand und produzieren schließlich nur einen einzigen Verdächtigen, der den Tathergang aber ganz anders schildert." Hier zeige sich eine von Shariats Stärken: "Wie er die Quasi-Machtübernahme einer rechts-autoritären Gesinnung in den eigentlich zur Neutralität verpflichteten Institutionen wie der Justiz beschreibt. Es ist ein 'Was wäre, wenn …?', das einem den Atem nimmt, weil es so nebenbei passiert. Und man sich die Augen reibt und fragt, ob diese Zustände nicht vielleicht schon in einigen Regionen der Bundesrepublik Realität sind."

In der FAZ sieht Bert Rebhandl den konkreten Fall im Film vor dem Hintergrund ähnlicher Fälle in Deutschland, die von der Justiz immer nur sehr behäbig aufgeklärt wurden. "Im Hintergrund des Skandals, der sich allmählich abzeichnet, sind konkrete Vorfälle der jüngeren Vergangenheit deutlich erkennbar. Die vielen Ungeheuerlichkeiten im NSU-Verfahren sind die offensichtlichste Parallele. Shariat bezieht sich aber vor allem auf eine Reihe von rechtsradikalen Anschlägen in Neukölln in den Zehnerjahren, die unzureichend verfolgt wurden." Auf critic.de bespricht Nino Klinger den Film. 

Die Filmbranche wird immer mehr von der KI überrollt: Produktionskosten werden deutlich gesenkt, viele Jobs in der Industrie stehen vor dem Wegfall, konstatiert der Filmproduzent Martin Moszkowicz in der SZ. "Wie tief die KI in die Produktionsstruktur selbst eingreift, zeigt sich bei den Vertical-Serien fürs Smartphone. Während in Deutschland viele noch überlegen, wie man überhaupt in dieses Geschäft einsteigt, ist in China bereits mehr als ein Drittel der erfolgreichsten dieser Formate maschinell erzeugt - vor einem Jahr waren es sieben Prozent. Youtube beansprucht in den USA inzwischen mehr Fernsehzeit als Netflix - der größte Konkurrent Hollywoods produziert selbst keine Filme, er lässt produzieren, von Milliarden Nutzern, demnächst von deren Maschinen." Doch es gehe nicht darum, sich jetzt zwischen "Widerstand und Unterwerfung" zu entscheiden. "Sondern um die Aufgabe der Aneignung. Wir müssen eigene Daten- und Publikumsbeziehungen aufbauen, statt nur Inhalte zu liefern. Wir müssen unsere Kataloge lizenzieren, zu unseren Bedingungen, statt zuzusehen, wie sie ungefragt verdaut werden. Und wir sollten die Maschine früh in den kreativen Prozess holen, als Sparringspartner, nicht als Taktgeber."

Weiteres: In der FAZ schaut Timas Deppert nochmal den Film "Gridlock'd - Voll drauf!", in dem Hip-Hop-Legende Tupac Shakur in seiner letzten Rolle als drogenabhäniger Krimineller "Spoon", der clean werden will, überzeugt. Im FAS-Interview mit Mariam Schaghaghi spricht Regisseur Cyril Aris über seinen Film "A Sad and Beautiful World", der sich mit der libanesischen Geschichte und Lebensrealität auseinandersetzt.

Besprochen werden Jane Schienbruns Horrorfilm "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" (SZ und NZZ), die Komödie "One Night Only" von Will Gluck (Welt) und Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Hiddensee" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.08.2026 - Film

Szene aus "A Sad and Beautiful World"

Beim Filmfestival in Venedig erhielt "A Sad and Beautiful World", das Spielfilmdebüt des Libanesen Cyril Aris, vor einem Jahr den Publikumspreis, nun kommt das durch Jahrzehnte libanesischer Geschichte erzählte Liebesdrama auch bei uns in die Kinos. "Die Allgegenwärtigkeit von Chaos und Krieg in Libanon zeigt Aris nicht direkt", schreibt Antonia Krinninger in der FAZ. "Dass Yasmina und Nino im Bürgerkrieg geboren werden, erschließt sich nämlich erst über den Kontext. Dass sich die Wirtschaftskrise immer weiter zuspitzt, erkennt man in den Gesichtern der Protagonisten. Yasminas Gesicht scheint fast in sich zusammenzufallen, je länger die Unruhen anhalten. Ninos Küche wird zum Symbolbild. Von der Oase, wo ihm sein Großvater die kulinarischen Geheimnisse weitergegeben hat und Menschen zusammenkommen sind, bleibt am Ende eine graue Blechruine."

Weiteres: Felix Knorr widmet sich im Filmdienst dem noch überschaubaren Werk von Horror-Auteur Jane Schoenbrun, deren Meta-Slasher "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" gerade bei uns im Kino läuft (aktuelle Besprechungen im Standard, auf Artechock und bei uns). Dunja Bialas empfiehlt auf Artechock die Münchner Retrospektive mit Filmen von Bernhard Sinkel. Daniel Haas verneigt sich in der NZZ vor dem Action-Schauspieler Jason Statham, den er für einen "sympathischen Toxiker" hält, der im Herbst seines Lebens auch "in Neufassungen von Ingmar-Bergman-Filmen brüten und schweigen könnte".

Besprochen werden Saša Vajdas "The Lights, They Fall" (Tsp, unsere Kritik), Massoud Bakhshis "All My Sisters" (Artechock), Philippe Lacheaus Animationsfilm "Marsupilami", der in Frankreich Millionen in die Kinos gelockt hat (Artechock, Welt), die auf Netflix gezeigte Nordic-Noir-Serie "Blutopfer" (FAZ) und Regina Schillings in Deutschland bereits im Juni gestarteter Film "Ingeborg Bachmann - Jemand, der einmal ich war" mit Sandra Hüller (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.08.2026 - Film

Bleibt in der Reserve: "The Lights, They Sleep"

Saša Vajdas Coming-of-Age-Film "The Lights, They Sleep" zieht es tief in jenes wenig repräsentative Berlin weit jenseits des S-Bahn-Rings, schreibt Perlentaucher Lukas Foerster. Im Mittelpunkt stehen der sechzehnjährige Ilay und dessen Freunde. "Die Untiefen biografischer und anderer Art (...) bleiben sachte Andeutung, verdichten sich erst ganz am Ende zu einem lakonischen Geistermotiv. In den Gesprächen, die die Jungs führen und die zweifellos ausgezeichnet beim Leben abgeschaut sind, fallen teils tolle, eigenartige Sätze wie 'Metapher in Dich rein'." Doch gibt es immer wieder Momente,
in denen "man sich als Zuschauer wünscht, man könnte den fraglos durchweg durchdachten, klug komponierten und das Herz am rechten Fleck habenden Film ein wenig aus der Reserve locken. ... 'Slow Cinema' nannte man den Stil, den Vajda wählt, früher einmal, er hat eine ganze Reihe von Meisterwerken hervorgebracht. Heute spricht man eher von 'Vibes'. Doch Vibes brauchen Resonanz."

Eline van der Velden ist die Frau hinter der KI-Schauspielerin Tilly Norwood, die in den letzten Monaten für einige Turbulenzen insbesondere in der US-Branche gesorgt hat. Im Zeit-Gespräch versucht van der Velden, die selbst als Schauspielerin und Produzentin tätig ist, ihren Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen: KI zerstöre keine Jobs, Norwood halte tatsächlich bereits 40 Menschen in Lohn und Brot. Und "die meisten Geschichten über Frauen werden nicht gedreht, weil sie als zu nischig gelten. Niemand will sie finanzieren. Ich kann jetzt Geschichten erzählen, die sonst nicht gemacht worden wären." Außerdem "haben wir festgelegt, dass unsere KI-Schauspieler nur in KI-Filmen auftreten dürfen. Wenn Brad Pitt aber einen digitalen Zwilling von sich erstellen lässt, könnte man den neben Tilly platzieren. Natürlich nur mit seiner Zustimmung und gegen Vergütung."

Weiteres: "Ein Held, der an einer Schuld zerbricht, für die er sich selbst verantwortlich macht - das war in der Antike undenkbar", schreibt Thomas Ribi in der NZZ zu Christopher Nolans "Die Odyssee". Auch im Superheldenkino geht der Trend zur Introspektion und zur Sinnkrise der Protagonisten, schreibt Daniel Gerhardt in der Zeit. Für die Zeit hat Alexander Cammann den Schauspieler Hanns Zischler besucht. Andreas Kilb gratuliert in der FAZ der Schauspielerin Joan Allen zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Jane Schoenbruns Meta-Slasher "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" (FR, Welt, FAZ, unsere Kritik), Ines Reinischs Dokumentarfilm "Salz und Wasser" über eine Antarktis-Expedition (FR), Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Hiddensee" (taz, Zeit), Cyril Aris' libanesisches Drama "A Sad and Beautiful World" (Intellectures), eine BluRay-Ausgabe von Richard Attenboroughs Antikriegsmusical "Oh! What a Lovely War" aus dem Jahr 1969 (taz) und Marco Petrys auf Netflix gezeigte Komödie "Mein bester Freund, seine Freundin und ich" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.08.2026 - Film

Kino, Lust, Begehren, Konsens: "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" von Jane Schoenbrun

Andreas Busche ist im Tagesspiegel begeistert von Jane Schoenbruns queerer Meta-Slasher-Hommage "Teenage Sex and Death at Camp Miasma", in dem eine feministische Regisseurin, die als guilty pleasure eine Vorliebe für die oft bedenklichen Slasherfilmen der Achtziger pflegt, die Möglichkeit bekommt, ein solches Franchise wiederzuleben, das sie in subversiver Weise gesellschaftspolitisch auf den neuesten Stand bringen will - ebenso wie Schoenbrun selbst dies mit ihrem Meta-Film tut. "Die fantasmagorische Geschichte, in der sich Realität, Film-im-Film, absurde Blutexzesse und erotische Fantasien zunehmend vermischen, erzählt von der Utopie genderfluider Identitäten und sexueller Befreiung, ohne wieder bloß das Narrativ tragischer Queerness zu bedienen." Unter anderem geht es um "Fantasien, die sich mit der sexuellen Selbstermächtigung der GenZ eigentlich nicht vereinbaren lassen. Aber Begehren kennen keine Grenzen und keine Moral - solange beide Seiten ihre Zustimmung geben."

"Die Jouissance, der psychoanalytische Begriff für eine Lust, in der Genuss und Schmerz ineinander übergehen, steht im Zentrum des Films", verrät Schoenbrun im taz-Gespräch mit Thomas Abeltshauser: "Lust und Tod sind miteinander verflochten, ebenso die konstruktive und die zerstörerische Kraft des Orgasmus. (...) In Slasherfiguren wird eine Menge seltsamer, allegorischer, psychosexueller Scheiß verarbeitet: im Killer, im Opfer, im Final Girl. Ich wollte diese Tropen queeren. Den Slasherkiller sowohl zum Instrument des Begehrens als auch zum Mittel zu machen, den Höhepunkt zu erreichen, erschien mir als der richtige Weg." Im Perlentaucher bespricht Stefanie Diekmann den Film ambivalent, endet aber auf einer positiven Note: "Think Pink: Wer begehrt und nach Wunscherfüllung strebt, sollte sich besser nicht zu sehr fürchten. Zumal der kleine Tod, der in der Tiefe des Sees wohnt, früher oder später zurückkehren wird."

Ausgerechnet bei der Constantin, Deutschlands verlässlichster Filmproduktionsgesellschaft für relativ große Produktionen und Kassenhits, mehren sich beträchtliche Krisenanzeichen, berichtet Hanns-Georg Rodek in der Welt: Nicht nur wurde die als teure Prestige-Produktion konzipierte Serienadaption von "Die Päpstin" kurz vor Drehbeginn abgeblasen, auch ihre Finanzkonstruktion über eine finanziell gerade schwer angeschlagene Schweizer Medienholding Highlight belastet die Constantin gerade sehr. Zwar hat sich die Constantin stets bemüht, in Sachen Finanzierung eine Brandmauer zur Highlight aufrechtzuerhalten, unabhängig zu bleiben. Allerdings ist die Bayerische Landesbank als ein regelmäßiger Constantin-Finanzier ausgestiegen, über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Möglicherweise hat es mit den russischen Verbindungen der Highlight zu tun. ... Sollte die Refinanzierung der Highlight scheitern, könnte die Constantin an das Bankenkonsortium fallen, das dann versuchen würde, die Münchener möglichst teuer zu verkaufen."

Die FAZ lässt nochmal über Christopher Nolans an der Kinokasse weiterhin sehr erfolgreiche "Odyssee" diskutieren. Dass Nolan bei Odysseus "die äußere Gerissenheit durch eine innere Zerrissenheit ersetzt", passt gut "in unsere Zeit", findet Jannis Koltermann, "denn an der Beherrschbarkeit der Welt sind uns längst Zweifel gekommen. Während in den Kinos die 'Odyssee' läuft, ist der Sommer draußen außer Rand und Band und die regelbasierte Ordnung kaum mehr eine Chimäre." Wie Odysseus "erleben wir einen Kontrollverlust aus eigenem Versagen. Dieser Odysseus sind wir." Andreas Kilb freut derweil, wie der Film und dessen Erfolg dem Gegenwartskino trotzt, das Comic- und andere Franchises dominieren: In der "Verwandlung von realen Schauplätzen in Seelenlandschaften steht Nolans 'Odyssee' im Hollywoodkino der vergangenen Jahre tatsächlich allein da. Sie trotzt der Tendenz zur Veräußerlichung, die in den immer wieder neu recycelten Stoffen des Marvel-Comic-Universums" zu finden ist, "und sie befreit sich - und uns - aus der visuellen Zwangsjacke der Fantasy-Serienwelten."

Weiteres: Irene Genhart resümiert im Filmdienst das Filmfestival LocarnoKauft DVDs, rät Valérie Catil in einer taz-Glosse angesichts dessen, dass digitale Plattformen mittlerweile nicht nur Filme aus dem allgemeinen Streamingangebot nehmen, sondern auch einst zum vollen Preis gekaufte Filme aus den Sammlungen der Nutzer löschen. Besprochen werden David Schalkos Serie "Braunschlag 1986" (ZeitOnline), Saša Vajdas "The Lights, They Fall" (taz), Lars Jessens "Spaziergang nach Syrakus" mit Charly Hübner (Welt, FAZ), Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Hiddensee" (SZ) und Louis Leterriers auf Netflix gezeigter Thriller "The Last House" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.08.2026 - Film

Jan Küveler resümiert in der Welt die vom Filmhistoriker Ehsan Khoshbakh kuratierte Retrospektive beim Filmfestival Locarno, die sich in diesem Jahr den Verfemten Hollywoods der McCarthy-Ära widmete. Wie unangemessen die damals verhängten de facto Berufsverbote waren, daran hat Küveler ebenso wenig Zweifel wie an der Güte der präsentierten Filme. "Eine Leerstelle bleibt dennoch: Wovon die Hollywood-Linke selbst überzeugt war, wird kaum verhandelt. Etliche der Verfolgten waren kommunistische Parteimitglieder, die den Hitler-Stalin-Pakt mitgetragen und die Moskauer Schauprozesse, in denen Stalin die eigene Parteiführung liquidieren ließ, für legitime Rechtsprechung gehalten hatten. ... Wer nur die Repressionen kritisiert und nicht die Loyalitäten der Geprüften, betreibt eine rabattierte Erinnerungspolitik."

Weiteres: Tobias Sedlmaier (NZZ) und David Steinitz (SZ) schreiben zum Tod der Schauspielerin Hayden Panettiere, die im Alter von nur 36 Jahren gestorben ist. Edo Reents schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Regisseur Mark Rydell. Besprochen wird Carla Simóns in Deutschland bereits im April angelaufenes Drama "Romería" (Standard, unsere Kritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.08.2026 - Film

Szene aus Ann Orens "Object a"


Daniel Kothenschulte berichtet in der FR vom Filmfestival in Locarno, wo ihm besonders drei Filme gefielen, Hong Sangsoos mit dem Regiepreis ausgezeichneter "Nowhere to Lay My Eyes", Nicolaas Schmidts "September Afternoon" und Ann Orens "'Object a': Der kleine Buchstabe des Titels ist ein Monument in Lacans Psychoanalyse als Bezeichnung für jenen Motor des Begehrens, dem wir niemals habhaft werden. Für ein erfolgreiches, auf Handchirurgie spezialisiertes Paar, in geheimnisvoller Präzision gespielt von Aenne Schwarz und Louis Hofmann, ist es ein wohlgehegter, stets neu gefüllter Freiraum innerhalb ihrer ansonsten durchdeklinierten Leben. In Operationssaal und Schlafzimmer findet ihre von weiblicher Dominanz geprägte Sinnlichkeit Erfüllung - und sucht naturgemäß nach immer neuen Lustobjekten. Eines ist eine temporäre Prothese, die sich die Frau von einem Kunsthandwerker bauen lässt, um nach einem Fußbruch weiter zu agieren. Man muss kein Fetischist sein, um der Schönheit dieser kinetischen Skulptur aus Chrom und Leder zu erliegen." In der NZZ schreibt Tobias Sedlmaier zu Locarno.

Weiteres: Alexander Kloß erinnert sich in der taz an die "völlig neue Filmerfahrung", die ihm vor 25 Jahren Hayao Miyazakis Anime "Chihiros Reise ins Zauberland" bescherte. Besprochen werden Jono und Benji Bergmanns Doku "Noga" über ein israelisches Künstlerpaar und den 7. Oktober (Welt), Roderick Warichs "Funeral Casino Blues" (Tsp) und Annekatrin Hendels Inselporträt "Hiddensee" (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.08.2026 - Film

"Übergang" von Thomas Heise, Peter Badel und Chris Wright.

Der von Thomas Heise kurz vor seinem Tod begonnene Film "Übergang" wurde nun von seinen langjährigen Mitarbeitern Peter Badel und Chris Wright fertiggestellt. Entstanden ist "ein Werk der geräumigen Bilder", schreibt Leonard Krähmer in Critic.de. Es geht um Heises Leben und um "Aufnahmen der Schönhauser Allee. Mal filmt die Kamera durch die Scheiben der S-, U- und Straßenbahnen, mal versucht sie Schritt zu halten mit dem vorüberfließenden Verkehr. Unter den Hochbahngleisen der Station hat sich eine Filiale der Automatenkaffeekette 'LAP' eingenistet. LAP steht für 'Life Among People' und darum geht es Heise, Badel und Wright in 'Übergang' - der nicht zuletzt ein Berlin-Film, zumindest ein Film über ein kleines Stück Prenzlauer Berg ist - irgendwie auch. (…) Die Bilder, aus denen 'Übergang' besteht, sind geräumig; was sie zeigen, ist Raum. Ihr Drehort ist ein Raum des Übergangs par excellence: der Dreh-, Angel- und Verkehrsknotenpunkt Schönhauser Allee mit der Dreifaltigkeit des Berliner Schienenverkehrs: S-Bahn, U-Bahn, Tram. Hier lebte Heise über Jahrzehnte, bis zum Schluss."
 
Im Interview mit der taz spricht der Regisseur Russell T Davies über seine neue Serie "Tip Toe", die sich um einen schwulen Clubbesitzer und seinen von Hass erfüllten Nachbarn dreht. Schon vor dem Anschlag auf den CSD warnte Davies vor einer Eskalation des Hasses gegen queere Menschen, aber auch vor einem sich verengenden Weltbild, dem er mit der Serie und auch der Figur Stephanie entgegentreten will: "Wenn es darauf ankommt, steht Stephanie auf der richtigen Seite. Am Ende kämpft sie darum, genau die trans Frau zu retten, der sie zuvor kritisch gegenüberstand. Als Sozialarbeiterin hat sie Fälle erlebt, in denen die Möglichkeit der Selbstidentifikation missbraucht wurde. Deshalb vertritt sie diesen Standpunkt. Ich wurde auch dafür heftig kritisiert, eine Figur wie Stephanie überhaupt in die Serie aufzunehmen. Dabei bestätigt diese Reaktion in gewisser Weise genau das, worum es mir geht: Wenn man überhaupt nicht mehr zuhört, sobald sich jemand auch nur einen einzigen Schritt aus dem eigenen Weltbild herausbewegt, wird sich diese ganze Situation niemals besser werden. Und sie muss besser werden, sonst wird am Ende Blut auf den Straßen fließen. Das meine ich vollkommen ernst."

Weitere Artikel: Bert Rebhandl macht sich in der FAZ Gedanken zum "Director's Cut" von Wim Wenders Film "Falsche Bewegung" (unsere Resümees). Gerhard Poppenberg empfiehlt in der FAZ Steven Spielbergs "Lincoln" als perfekten Film zum Unabhängigkeitsjubiläum der USA. Für die FAS interviewt Bert Rebhandl Charly Hübner zu seinem neuen Film "Spaziergang nach Syrakus". Isolde Sellin schreibt in der Zeit, warum es die neu angekündigte "Die wilden Hühner"-Serie unbedingt braucht.

Besprochen werden "The End of Oak Street" von David Robert Mitchell (Tagesspiegel) und "Spaziergang nach Syrakus" von Lars Jessen (Wams).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.08.2026 - Film

Im Standard stellt Jakob Thaller die inzwischen in Los Angeles lebenden Grazer Schauspielerzwillinge Bianca und Dilara Foscht vor, deren neuer Film "Manhunt" in Locarno Premiere feiert. Heute startet Christopher Nolans "Odyssee" in China: Für FAZ-Kritiker Mark Siemons eine Probe, "wie universal die Sprache Hollywoods ... in Wirklichkeit ist". Eva Goldbach besucht für die FAZ den Berliner Veranstaltungsort "Silent Green", ein ehemaliges Krematorium im Wedding, wo jetzt auch das "Arsenal"-Kino residiert. Georg Seeßlen schreibt bei Zeit online über die Retrospektive in Locarno mit Filmen der Opfer der sogenannten "blacklist" Joseph McCarthys. Besprochen wird Florian Karners "Finding Connection", der die Partnerqualitäten künstlicher Intelligenzen untersucht (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.08.2026 - Film

Riesenechsen in der Vorstadt: The End of Oak Street


Dinosaurier in den Suburbs: Das ist der Ausgangspunkt von David Robert Mitchells "The End of Oak Street", einem an einschlägigen Spielberg-Filmen der 1980er Jahre geschulten Sommerblockbuster. Perlentaucher Kamil Moll ist angetan: "Der Prämisse der Vorstadt als auf links gedrehtes Dinosaurierland, ein 'Jurassic Park' fürs 21. Jahrhundert, gewinnt der Film einige der schönsten und originellen Action-Setpieces der jüngeren Hollywood-Geschichte ab: von flinken Raptoren, die weniger behende Menschen in ihren Vorgärten zu reißbarem Freiwild erklären, hin zu einer urzeitlichen Schlange, die auf der Suche nach lebendiger Nahrung ihren enormen Körper durch die labyrinthartige Zimmeranordnung eines zweistöckigen Hauses windet, und eher gemächlichem Getier, das gegen ein Hausdach gelehnt lediglich in dösiger Ruhe Sex haben möchte."

Bert Rebhandl ist in der FAZ weniger begeistert: "Gleichwohl bleibt als befremdlicher Eindruck, dass beide Welten, die der Dinosaurier und die der Platts anno 1982, irgendwie unbeholfen ineinandergeschoben wurden. Gerade bei Zeitreise-Szenarien kommt es darauf an, dass sie ihre innere Logik deutlich ausweisen. Mitchell aber lässt nie verständlich werden, warum ihn ausgerechnet die Riesenechsen interessiert haben" In der SZ bespricht Florian Kaindl den Film, für die taz rezensiert Tobias Obermeier.

Das Filmfestival Locarno widmet sich dieses Jahr in einer großen Retrospektive den Opfern der sogenannten "blacklist": linken Hollywood-Filmemachern, die im Zuge der Kommunistenjagd der McCarthy-Ära unter die Räder kamen und oft viele Jahre lang keine Filme realisieren konnten. Die Filme, die die Verfemten dennoch drehen konnten, zeichnen sich, so Daniel Kothenschulte in der FR, oftmals durch ihre humanistische Weltsicht aus. Zum Beispiel "Stuart Heislers Drama 'Smash-Up: The Story of a Woman' mit Susan Hayward als aufstrebender Sängerin, die ihre Karriere für die Ehe opfert und dem Alkohol verfällt. Mitverfasst von der vom FBI als Kommunistin verdächtigten Autorin Dorothy Parker, versteckt neben der feministischen Botschaft auch die antikapitalistische Haltung nicht. Es ist Zeit, sich nicht nur mit dem Verdacht linker Gesinnung von Hollywoods Verfolgten auseinanderzusetzen, sondern auch mit ihrem tatsächlichen linken Filmwerk."

Weitere Artikel: Marie-Luise Goldmann und Matthias Heine überlegen in der Welt, wer die Königin des Kinojahres 2026 ist: Zendaya oder Sandra Hüller. Susanne Gietl unterhält sich im Filmdienst mit dem Regisseur George Jacques über dessen Film "Sunny Dancer", der außerdem auf critic.de, in der taz und in der BlZ besprochen wird.

Besprochen werden der neue Eberhofer-Krimi "Steckerlfischfiasko" (Welt), der Dokumentarfilm "Finding Connection" (FR), Olivia Wildes Beziehungskomödie "The Wilde" (NZZ) und Roderick Warichs "Funeral Casino Blues" (critic.de).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.08.2026 - Film

India Hair und Vincent Macaigne in "Drei Freundinnen".

Perlentaucher-Kritiker Lukas Foerster ist rundum begeistert von "Drei Freundinnen", dem neuen Film des französischen Meisterregisseurs Emmanuel Mouret, der in den letzten zwanzig Jahren ein "auf unaufdringliche Weise eigensinniges Werk" geschaffen habe. Im "Zentrum seiner stets komödiantisch, manchmal und, im Fall des hier besprochenen mehr denn je, auch tragisch grundierten Filme steht einerseits stets, explizit, die Liebe; und andererseits, implizit, die Frage, wie man von ihr erzählen kann. Oder auch, anders herum: was die Liebe mit dem Erzählen macht" Der neue dreht sich um drei Frauen, um die mehr als drei Männer herumschwirren. "Zur Beziehungs-Farce, die in der Figurenkonstellation (...) durchaus angelegt ist, teils zum Greifen nah scheint, wird der Film nie. Anstatt sich in Schlüpfrigkeit und Indiskretion zu entäußern, bleiben die Spannungen, Sehnsüchte, Enttäuschungen und Hoffnungen, die die Liebe mit sich bringt, tendenziell in Figurensubjektivität eingeschlossen."

Hildegard Schmahl und Corinna Harfouch in "Im Spiegel meiner Mutter"

Andreas Kilb ist in der FAZ angetan von Jutta Brückners Film "Im Spiegel meiner Mutter", in dem Corinna Harfouch eine kinderlose Archäologin spielt, die nach dem Tod der eigenen Mutter in eine Lebenskrise gerät. Für Kilb ist der Film ein "Fundstück in der planierten Landschaft des deutschen Gegenwartskinos"; denn er "ist unverkennbar von der Ästhetik des Frauenfilms der Siebzigerjahre inspiriert, einer Bewegung, die sich nicht nur gegen patriarchale Frauenbilder, sondern auch gegen kulturindustrielle Konventionen des Erzählens richtete. Eine Geschichte im landläufigen Sinn gibt es hier nicht, nur Assoziationen, Zeitsprünge, filmische Mosaiksteine, die sich zum Porträt einer von ungelebtem Leben innerlich vergifteten Frauenfigur zusammenfügen."

James Gray, aktuell mit seiner Milieustudie "Paper Tiger" in den Kinos, hat in Locarno den Preis für sein Lebenswerk erhalten. Im Welt-Gespräch mit Jan Küveler stellt er die These auf, dass es gar kein amerikanisches Kino gibt: "Das amerikanische Kino wurde - von Walt Disney und Darryl Zanuck abgesehen - größtenteils von Migranten geschaffen, darunter vielen osteuropäischen Juden, die in die Vereinigten Staaten kamen und dort eine Industrie aufbauten. Wer hat die wunderbare Sprache des Erzählkinos entwickelt? Ernst Lubitsch, Billy Wilder, Fritz Lang, William Wyler, Alfred Hitchcock aus England, Douglas Sirk, Robert Siodmak, so viele. Was Deutschland zum amerikanischen Kino beigetragen hat, ist unermesslich. Dazu Frank Capra, ein Italiener. Der einzige wirkliche Amerikaner ist im Grunde Howard Hawks - und seine Filme wirken folgerichtig ganz anders."

Weitere Artikel: Christine Dössel gratuliert dem Schauspieler Gerd Anthoff in der SZ zum Achtzigsten. Gut, dass es in den USA und in Deutschland inzwischen einen gewissen Rechtsschutz gibt, der Schauspieler vor der posthumen Wiederbelebung ihrer Bilder durch KI schützt, atmet Lisa Berins in der FR auf - aber was ist mit Privatpersonen? "Jeder Mensch, von dem jemals - sei es nur aus Versehen - ein Foto oder Video gemacht wurde, könnte in der Zukunft in realitätsnah erscheinenden Clips Dinge treiben, die er zu Lebzeiten nie getan hätte. Oder beispielsweise in KI-Trainingsdaten verschluckt und als 'Werbegesicht für Pickelcremes' wieder ausgespuckt werden, wer weiß." In der NZZ porträtiert Tobias Sedlmaier die Schauspielerin Zoe Saldana.

Besprochen werden außerdem Roderick Warichs Film "Funeral Casino Blues" (taz) und George Jacques' "Sunny Dancer" (Tagesspiegel).
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