Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.03.2024 - Film

Marlene Knobloch, Renate Meinhof, Ronen Steinke und Susan Vahabzadeh arbeiten für die "Seite Drei" der SZ den Berlinale-Eklat auf - und berichten auch von der unter "Free Palestine"-Rufen aufgeheizten Stimmung nach den öffentlichen Vorführungen des am Ende des Festivals ausgezeichneten Dokumentarfilms "No Other Land", nach denen selbst moderate Wortmeldungen, die "Frieden für Palästina und Israel" forderten, mit "Fuck You"-Rufen beschimpft wurden. Alice Brauner, Tochter des jüdischen Filmproduzenten Artur Brauner, "habe noch nie so eine aufgeheizte Stimmung nach einem Screening erlebt" und verließ das Kino schwer irritiert. Und auch von David Cunio sprach auf diesem Festival niemand. Der Schauspieler ist immer noch eine Geisel der Hamas, 2013 zeigte das Berlinale-Panorama Tom Shovals Film "Youth", in dem Cunio mitspielte. "Schon im Dezember verfasste die in Berlin lebende Künstlerin und Filmemacherin Sharon On, eine Freundin des Regisseurs Tom Shoval, eine E-Mail. Sie wunderte sich, warum die Berlinale bis dahin keine Stellungnahme abgegeben hatte, sagt sie am Telefon. Sie bat um ein Zeichen, 'andernfalls verstehe ich die Welt nicht mehr'. Sie schickte die Mail an zwölf Berlinale-Adressen. Nichts kam zurück. ... Kritik an Israel wollte man haben auf diesem Filmfest. Kritik an der Hamas und deren Verbrechen eher nicht."

Der Regisseur Paolo Taviani ist im Alter von 92 Jahren gestorben. "Mit seinem Tod fällt endgültig der Vorhang über dem italienischen Nachkriegsfilm", muss Andreas Kilb in der FAZ bekümmert feststellen. In den Filmen, die Paolo mit seinem bereits 2018 verstorbenen Bruder Vittorio Taviani gedreht hat, geht es um "Kindheit, Erinnerung, Sehnsucht nach einer Unschuld, die in der Vergangenheit oder in ferner Zukunft liegt. Und um den tragischen Konflikt zwischen den Wünschen des einzelnen und den geschichtlichen Umständen, in denen er lebt." Die Taviani-Brüder wählten "die Armut der Landbevölkerung zum Hintergrund gleichermaßen realitätsnaher wie poetischer Spielfilme", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Niemand konnte das Harte und Rohe so unprätentiös ästhetisieren wie Paolo und Vittorio Taviani. Im Alter bewiesen sie mit minimalistischen Filmen, dass Kunst keine Geldfrage ist. Und dass es Unfug wäre, zu denken, die Zeit des italienischen Autorenfilms sei längst vorbei oder das Erbe des Neorealismus aufgebraucht."

Als die Tavianis in den Siebzigern und Achtzigern von sich reden machten, blickt ganz Europa nach Italien, erinnert sich Luzi Bernet in der NZZ: "Der Bombenhagel der Roten Brigaden und die Mafia-Attentate verlangen nach Erklärungen. Man liest italienische Literatur, die Cantautori überschwemmen Europas Hitparaden, und wer etwas auf sich hält, schaut sich italienische Filme an: Fellinis Spätwerk, Ettore Scolas Komödien, die Anfänge von Giuseppe Tornatore. Die Filme der Tavianis tragen dazu bei, das zuweilen einseitige Bild, das man sich im Ausland von Italien macht, zu differenzieren. Es sind zumeist ruhige Werke, große und langsam sich entwickelnde Erzählungen, die in der Geschichte des Landes und seiner Regionen wurzeln oder mit literarischen Vorlagen arbeiten. Und immer münden sie in Szenen, die so aberwitzig sind, dass sie sich dauerhaft ins Gedächtnis einbrennen."

Außerdem: Für die taz spricht Klaudia Lagozinski mit dem für Deutschland oscarnominierten Filmemacher İlker Çatak. Katharina Bracher porträtiert die Schauspielerin Lily Gladstone, die für ihre Rolle in Martin Scorseses "Killers of the Flower Moon" (unsere Kritik) als erste indigene Amerikanerin einen Oscar bekommen könnte. Der Filmdienst erinnert ohne Autorenzeile an den tschechischen Regisseur František Vláčil, der vor 100 Jahren geboren wurde. Tim Caspar Boehme fasst in der taz die Wortmeldungen zum Berlinale-Eklat der letzten Tage zusammen. In der FAZ gratuliert Claudius Seidl Uschi Glas zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Marija Kavtaradzes Sundance-Gewinner "Slow" (Standard), Shujun Weis chinesischer Noir-Thriller "Only the River Flows" (Tsp), der Netflix-Science-Fiction-Film "Spaceman" mit Adam Sandler (FAZ) und die Serie "Dick Turpin" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.03.2024 - Film

Stil aus der Serie "Alexander der Große: Wie er ein Gott wurde" (Netflix)

Die griechische Rechte zürnt Netflix: Der Streamer hat eine Doku-Serie über Alexander den Großen produziert, die den makedonischen Großherrscher im Liebesspiel mit Männern zeigt. Die Proteste haben auch mit der politischen Debatte über gleichgeschlechte Ehe zu tun, schreibt Thomas Ribi in der NZZ. "Mitte Februar hatte das griechische Parlament ein entsprechendes Gesetz gutgeheissen, gegen den Widerstand der konservativen Parteien." Kulturministerin "Lina Mendoni machte klar, dass es von Staates wegen keine Interventionen geben werde", ist aber auch der Ansicht, dass es "keine Anhaltspunkte dafür gebe, dass Alexanders Beziehung zu Hephaistion mehr gewesen sei als eine Freundschaft. Wie sie darauf kommt, sagte Mendoni nicht. Die antiken Quellen jedenfalls zeigen ziemlich deutlich, dass die Beziehungen der jungen Männer am makedonischen Hof homoerotischer Natur waren, vor allem die von Alexander zu Hephaistion."

Außerdem: Bert Rebhandl spricht für den Standard mit Christian Friedel, der in Jonathan Glazers "Zone of Interest" (unsere Kritik) den KZ-Kommandanten Rudolf Höß spielt. Valerie Dirk porträtiert die Schauspielerin Zendaya, die im aktuellen "Dune"-Film (unsere Kritik) im Kino zu sehen ist. Lucca Grzywatz erklärt im taz-Gespräch, warum sie ausgerechnet in Lübeck ein neues Filmstudio eröffnet. Felicitas Kleiner gibt im Filmdienst einen Überblick über neue Serien im März. Und die Agenturen melden, dass der italienische Regisseur Paolo Taviani gestorben ist.

Besprochen werden Jonathan Glazers "The Zone of Interest" (Welt, unsere Kritik), Denis Villeneuves Science-Fiction-Epos "Dune 2" (taz, critic.de, Tsp, Standard, unsere Kritik), die SF-Serie "Constellation" (Freitag)  und die auf Apple gezeigte Comedy-Serie "Die frei erfundenen Abenteuer von Dick Turpin" (Tsp),

Und in einem Video einer ziemlich gut gefaketen Oscarverleihung für eine israelische Satiresendung nimmt der Comedian Michael Rapaport Hollywoodstars aufs Korn, die sich nicht zum 7. Oktober geäußert haben:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.02.2024 - Film

Nazi-Badespaß am Rande des Holocausts: "The Zone of Interest"

Heute startet Jonathan Glazers "The Zone of Interest" in den deutschen Kinos. Der Film über das Idyll der Familie des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß in unmittelbarer Nachbarschaft zur Massenvernichtung der Juden wird seit der Goldenen Palme in Cannes vergangenes Jahr insbesondere mit Blick auf die Darstellung des Holocaust im Film diskutiert: Dieser findet hier nur als aufs Off verweisende Spur statt - etwa als aufsteigender Rauch über Mauern im Bildhintergrund oder auf der Tonspur des Films. "Als Claude Lanzmanns 'Shoah' vor fast vierzig Jahren ins Kino kam, setzte er einen Maßstab dafür, wie man von der Massenvernichtung erzählt, ohne sie zu zeigen", erinnert Andreas Kilb in der FAZ. "'The Zone of Interest' ist der erste Spielfilm, der ihn erfüllt."

Patrick Holzapfel zeigt sich im Perlentaucher dennoch skeptisch: "In einer Zeit, in der die letzten Zeitzeugen sterben, müsste gerade das Kino sein Verhältnis zum Nicht-Verdrängen des Holocausts überdenken. 'The Zone of Interest' will ein verantwortungsvoller Film sein, der alle bereits gemachten Fehler umschifft. Er wiederholt aber letztlich nur das Bemühen um intellektuelle Souveränität, der es im Kern vor allem an Menschlichkeit mangelt. Oder ist es verboten, das leider nur der Redensart nach Unmenschliche menschlich zu filmen? Wahrscheinlich müsste man genauer definieren, was diese Menschlichkeit wäre, sie ist aber sicher irgendwo dort zu finden, wo man kein Wort mehr herausbringt, wenn man sich vergegenwärtigt, was in den Vernichtungslagern geschehen ist." In einem großen Filmdienst-Essay legt Holzapfel seine Gedanken noch etwas ausführlicher dar.

Auch Lukas Foerster hat im Filmdienst insbesondere wegen "Glazers allzu kalkulierter Informationspolitik", die es beim Beiläufigen bewenden lässt, mitunter Zweifel, ob dieser Film wirklich das Meisterwerk ist, zu dem er seit Cannes erklärt wird: "Zu kritisieren ist daran nicht, dass Glazer Mechanismen der Aufmerksamkeitssteuerung anzuwenden versteht, die zwar nicht dieselben sind wie die der Kulturindustrie, aber letztlich genauso formalistisch, also unter Absehung der Inhaltsebene, funktionieren; sondern, dass er es im Großen und Ganzen dabei bewenden lässt, also bei der fast schon seriell anmutenden Produktion von Kippbildern zwischen Alltag und Schrecken. Aller Raffinesse im gestalterischen Detail zum Trotz führt der Film kaum über den bereits in den Eingangsszenen etablierten Skandal einer in die Überschreitung eingepassten Normalität hinaus." Weitere Besprechungen in taz, Standard und Tagesspiegel.

"Die Berlinale braucht keine Vorschriften, keine politischen Drohungen, sie braucht in aller Freiheit einen Reset", schreibt Katja Nicodemus in der Zeit unter den Eindrücken aktueller Wortmeldungen aus der Politik und im Hinblick auf die neue Festivalleitung. Und weiter: "Die es auf Unversöhnlichkeit anlegen, handeln geschickt, denn Israel als 'Apartheidstaat' zu bezeichnen und ihm vorzuwerfen, einen 'Genozid' zu verüben, verstößt nicht gegen das Strafrecht. ...  Im Kulturbereich ist der Staat aufgerufen, Kunst- und Meinungsfreiheit in besonderer Weise zu schützen. Er kann und soll nicht Gesinnungen überprüfen oder Meinungen kontrollieren. Neutral in Sachen Juden und Israel ist er keineswegs, aus geschichtlichen Gründen kann und will er das nicht sein. So steckt er nun in dem heillosen Dilemma, gegen die antiisraelische Propaganda etwas tun zu müssen, doch ohne juristische Handhabe."

Und doch: Auf Twitter kursieren immer noch die Fragen, warum zum Beispiel die Festivalleitung nicht den Schauspieler David Cunio erwähnte, der 2013 einen Film auf der Berlinale hatte und der heute mit seinen Kindern und seiner Frau zu den Geiseln der Hamas gehört. Nils Minkmar hatte in seinem SZ-Artikel (unser Resümee) am Dienstag diese Frage zuerst gestellt.


Mal abgesehen von der Frage, ob die Entgleisungen bei der Berlinale-Abschlussfeier antisemitisch waren oder nur das Prädikat Meinungsfreiheit verdienen, fragt Welt-Autor Henryk Broder in Antwort auf Deniz Yücel (der gestern die Freiheit auch des "dummen Worts" verteidigte, unser Resümee), "warum kein Filmemacher auf die Idee gekommen ist, sich in eine ukrainische Flagge zu hüllen, als Zeichen der Solidarität mit den Ukrainern, die seit zwei Jahren von den Russen gebombt werden. Hast Du schon darüber nachgedacht, lieber Deniz, warum das so ist? Soll ich es Dir sagen? Mach ich gerne. Was die Palästina-Freunde triggert, ist nicht das Leiden der Palästinenser, sondern der Umstand, dass es Juden aka Israelis sind, die die Palästinenser leiden lassen."

Im SZ-Gespräch mit David Steinitz bekräftigt der Regisseur İlker Çatak seinen Ärger darüber, dass seine Oscarnominierung für "Das Lehrerzimmer" im Zusammenhang mit den Nominierungen für Sandra Hüller und Wim Wenders in deutschen Medien seltener erwähnt oder sein Name mitunter unterschlagen wird (unser Resümee). "Mein Großvater war Bauer, der erst in Deutschland lesen und schreiben gelernt hat, und jetzt ist sein Enkel für Deutschland für einen Oscar nominiert. Das wäre neben dem ganzen 'Ausländer raus'-Geplärr der AfD doch mal ein tolles Beispiel für gelungene Integration gewesen. Das kann junge Leute mit Migrationsgeschichte inspirieren. Ich weiß noch, wie wichtig es für mich war, statt all der deutschen Namen 'Fatih Akın' in einem Abspann zu sehen." Im Welt-Kommentar will Marie-Luise Goldmann den Rassismus-Vorwurf allerdings nicht stehen lassen: Hüller und Wenders seien schlicht bekannter. "Eher wäre also ein einseitiger Fokus der Medien zu bemängeln, der sich immer wieder auf einige wenige Superstars konzentriert. Verständlich wäre also eine Kritik an der Art, wie Medien sich aus aufmerksamkeitsökonomischen Gründen zunehmend dazu hinreißen lassen, Schlagzeilen mit Prominenz zu generieren."

Weitere Artikel: Andreas Scheiner spricht für die NZZ mit Agnieszka Holland über deren polnisches Grenzdrama "Green Border". Beate Hausbichler spricht mit Daniel Sanin von der Beratungsstelle #WeDo über Machtmissbrauch beim Film. Besprochen werden Denis Villeneuves Science-Fiction-Epos "Dune: Teil 2" (Perlentaucher, FD, FR, NZZ, Presse), Shujun Weis chinesischer Film Noir "Only the River Flows" (FD, SZ), Christian Johannes Kochs und Jonas Matauscheks Dokumentarfilm "Wir waren Kumpel" über das Ende des Steinkohlebergabbaus in Deutschland (FD, SZ) und Ian Penmans Buch "Fassbinder - Tausende von Spiegeln" (Jungle World). Und hier außerdem alle Filmkritiken des Filmdiensts zur aktuellen Kinowoche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.02.2024 - Film

Die Kontroverse um die Berlinale-Abschlussveranstaltung geht weiter. Wo blieb die Zivilcourage, fragt Michel Friedman in der SZ. "Diese Bühne wurde ersichtlich missbraucht, Israel wurde als Apartheid-Staat bezeichnet, dafür und für den Vorwurf des Genozids und für das weiträumige Verschweigen der Hamas als Terrororganisation gab es Applaus. Als zwei Menschen aufstanden und riefen: 'Peace for Palestine and Israel', wurde gebuht. Was, wenn andere Anwesende diesen beiden Menschen zur Seite gestanden hätten? ... Nachdem die Moderation versagt hatte, die Geschäftsführung sich hinter dem Vorhang versteckte, nachdem die Meinungen der Künstlerinnen durch ihre massive Einseitigkeit im Raum stand, wäre es an der Zeit gewesen zu widersprechen, denn auch der Widerspruch gehört zur Meinungsfreiheit. Nie wieder ist jetzt? Gesicht zeigen? In Berlin? Dazu, liebe Freunde, ist kein Mut erforderlich. Mut ist erforderlich, wenn man das in Teheran tut."

Der Politikwissenschaftler Klaus Bachmann hält in der Berliner Zeitung den Vorwurf des Antisemitismus für verfehlt, da es ausschließlich um die israelische Politik gegangen sei: "Keine der inkriminierten Äußerungen richtete sich gegen das jüdische Volk, die Juden als ethnische oder religiöse Gruppe oder Nation. Niemand behauptete, die Juden seien an allem schuld." Anders als bei der Documenta, wo "Topoi und Zerrbilder von Juden aus dem Arsenal bekennender und stolzer Antisemiten reproduziert" wurde. "Den Genozid-Vorwurf an Israel halte ich selbst für verfehlt. Mir geht es darum, Israel verteidigen zu dürfen. Das macht nämlich keinen Sinn mehr in einer Situation, in der das aufgrund des öffentlichen Drucks und der allgemeinen Empörung über Israel-Kritik alle tun. Israel zu verteidigen macht nur Sinn, wenn Israel auch kritisiert werden kann."

Der israelische Filmemacher Yuval Abhraham, der bei der Veranstaltung seinem Heimatland vorgeworfen hat, ein Apartheid-Staat zu sein, sieht sich nach eigenen Angaben Morddrohungen ausgesetzt und macht dafür israelische Medien und deutsche Politiker verantwortlich, melden die Agenturen.

Themenwechsel: Auf Zeit Online ärgert sich der für "Das Lehrerzimmer" in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" oscarnominierte Regisseur İlker Çatak, dass selbst manche Leitmedien bei der Berichterstattung über die Oscars nur Sandra Hüller und Wim Wenders (der allerdings für Japan antritt) als deutsche Kandidaten anführen und ihn mitunter nicht einmal namentlich erwähnen (der Perlentaucher hat ihn selbstverständlich bei den deutschen Nominierungen mit eingereiht). Für ihn steht das in einer langen Kette von Demütigungen, die er bislang immer weggelächelt hat, doch "in den Tagen nach der Oscarnominierung verstand ich: Du kannst noch so viel leisten, aber neben anderen (echten) Deutschen, wirst du immer nur der Andere bleiben. Ob die Journalistinnen hier bewusst oder unbewusst vorgehen, spielt keine Rolle, denn wie oben schon beschrieben ist auch Ignoranz eine Form der Ausgrenzung, eine Form von Rassismus. Und ja, heute stelle ich mich mit breiter Brust hierhin und nenne das Kind beim Namen. Wir reden von Rassismus."

Weitere Artikel: Im Filmdienst legt uns Jörg Taszman die Filme der ukrainischen Regisseurin Kira Muratowa ans Herz, die seit kurzem in einer DVD-Edition vorliegen und zum Teil auch auf Mubi gestreamt werden können. Die Agenturen melden, dass der Disney-Film "Mary Poppins" in Großbritannien nach einer Intervention der Medienaufsicht nicht mehr jugendfrei ist, weil darin an zwei Stellen das Wort "Hottentotten" auftaucht. David Leuenberger resümiert in seinem Blog den Nürnberger Hofbauerkongress von Anfang Januar.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.02.2024 - Film

Das Feuilleton diskutiert weiter über die Berlinale-Abschlussgala, bei der es auf der Bühne zahlreiche propalästinensische und israelkritische Statements gab. Nils Minkmar kommt in der SZ aus dem Staunen nicht heraus, dass gerade Menschen aus Kultur und queerer Szene mit nichts als besten Absichten zumindest implizit das Geschäft derer betreiben, die ihnen bei der nächstbesten Gelegenheit an die Gurgel gehen würden: "Als bedrohe diese Hamas nicht auch ihr Lebensmodell, also auch das derer, die sich in Berlin gerne Filme aus einer freien Welt ansehen. ... Man kann das alles nicht mehr sehen: Diese entsetzlich falschen Slogans und Symbole, die mangelnde Vorbereitung, die hilflosen Aufarbeitungsversuche danach in Arbeitsgruppen. Es ist beschämend, wie jede Großveranstaltung größte Sorgfalt auf Antidiskriminierungsprogramme legt, wie Großfirmen und Institutionen ihre Achtsamkeiten pflegen und täglich öffentlich durchdeklinieren, wie auf jedem Großkonzert Anlaufstellen für Awareness eingerichtet werden - aber der Hass auf Juden all diesen Institutionen und Initiativen vollkommen egal zu sein scheint. Da sitzen die Honoratioren im Berlinale-Palast, staunen, lachen, klatschen."

Forderungen, wie sie etwa Berlins Bürgermeister Kai Wegner auf Twitter aufgestellt hat, dass die Berlinale künftig alles daran setzen müsse, um solche Szenen wie am Samstag zu vermeiden, hält Claudius Seidl im FAZ-Kommentar, bei allem Verständnis, für unrealistisch und naiv: Wegner müsse sich dann auch "fragen lassen, ob ihn jemand daran gehindert hätte, unter Protest den Saal zu verlassen." Was will man Roth oder Berlinale-Leitung vorwerfen? "Dass sie mit den Filmen auch deren Schöpfer einladen? Dass internationale Jurys hier internationale Filme bewerten und internationale Künstler auszeichnen, ohne dass man vorher deren Gesinnungen genau durchleuchtet hätte? Die bösen Sprüche waren das Risiko, das so ein Festival wohl eingehen muss, sie waren der Preis einer Freiheit, die mit sich die Erkenntnis bringt, dass Teile (es waren ja nicht alle) des Filmbetriebs in Israel den Schurkenstaat sehen wollen. Das Schmerzlichste an jenem Abend war der Jubel eines Publikums, das zu opportunistisch ist, als dass sich jemand getraut hätte, buh zu rufen."

"Die Berlinale wurde von propalästinensischen Aktivisten gekapert", stellt Jonathan Guggenberger in der taz fest, fordert aber das Aushalten von Ambivalenzen: "Wer Israels Offensive fälschlicherweise als Genozid bezeichnet, wer sich Kulturveranstaltungen wünscht, die nach starrer Agenda laufen, der hält keine Ambivalenzen aus - dem sind Diskussionen egal. . ... Wenn jetzt die einzig ableitbare Forderung ist, Israel-Hassern imperativ zu verordnen, noch mal an die Geiseln und die Hamas zu erinnern, zeigt das, wo wir in der Debatte stehen: am Ende. Für einen Ausweg aus der Sackgasse bräuchte es politische Entschlossenheit und eine Kultur, die weiß, was Ambivalenzen sind - und was nicht."

Lars Henrik Gass, Leiter der Oberhausener Kurzfilmtage und nach einem israelsolidarischen Posting nach dem 7. Oktober heftigen Rücktrittsforderungen ausgesetzt, beobachtet auf Seiten derjenigen, die die israelische Perspektive bei all dem zu kurz gekommen sehen, zusehends ein Klima der Angst, sagt er im Gespräch mit der Berliner Zeitung. "Das soll ja erreicht werden. Mit Angst aber kann man ganz schlecht kommunizieren. Und mit Regungslosigkeit kann man auch keine gesellschaftlichen Konflikte lösen. ... Schon vor den jüngsten Kampagnen, die zu regressiven und repressiven Formen des politischen Protests geführt haben, abweichende Meinungen einfach niederzuschreien, wurde der universalistische Anspruch großer internationaler Kunstausstellungen und Festivals angegriffen."

"Glühende Antisemiten" hat Andreas Busche vom Tagesspiegel auf der Bühne zwar keine gesehen, "aber es stimmt bedenklich, und da hat sich seit dem 7. Oktober leider wenig verbessert, wenn auf deutschen Kulturveranstaltungen der Solidarität mit den Menschen in Gaza inzwischen lauter Ausdruck verliehen wird als der mit Israel." Bert Rebhandl wünscht sich im Standard eine entschlossene Aufarbeitung, "sonst steckt die Berlinale demnächst in der gleichen Sackgasse wie die Documenta".

In der SZ arbeitet ein ganzes Autorenteam den letzten Berlinale-Samstag und den Niederschlag in den Medien auf. Die Tagesschau etwa verbreitete am Sonntagabend gute Stimmung in ihrer Berichterstattung und beließ es beim braven Vermelden der Bärengewinner: "Dass die Begriffe 'Genozid' und 'Apartheid' fielen, wurde verschwiegen - obwohl Chialo, Wegner, Notz und andere zu diesem Zeitpunkt schon deutlich geworden waren. Wie kam es zu diesem Totalausfall bei Deutschlands wichtigster Nachrichtensendung? Die ARD teilt mit, aufgrund der Nachrichtenlage sei lediglich Platz für eine 26-sekündige Meldung gewesen."

Auf Zeit online gehen Julia Lorenz die Propalästina-Bekundungen ebenso auf die Nerven wie die Behauptung, die Berlinale habe einen "Skandal" erlebt: "Mittlerweile hat sich eine elende Routine eingespielt, nicht nur in Deutschland, aber vor allem hier: Kulturschaffende protestieren lauthals und oft antiisraelisch gegen den Krieg im Gazastreifen, Politikerinnen und Politiker protestieren empört gegen diese Proteste, Kulturschaffende protestieren gegen die Proteste gegen ihre Proteste, indem sie mitunter zum Beispiel in Deutschland einen neuen McCarthyismus oder noch Schlimmeres politisch am Werk wähnen. Beide Seiten fühlen sich offenkundig mindestens moralisch im Recht. Miteinander geredet aber wird nicht." Ähnlich sieht es Hannah Pilarczyk bei Spon.

Außerdem: Kulturstaatsministerin Claudia Roth hat die einseitige Parteinahme auf der Gala für Palästina in einer am Montag nachgereichten Pressemitteilung zwar verurteilt, schweigt aber zu ihrem eigenen Applaus nach einer Rede, bei der Israel Apartheid vorgeworfen wurde, merkt Daniel Friedrich Sturm im Tagesspiegel an. Der Filmemacher RP Kahl ärgert sich in einem Facebook-Posting, dass niemand aus der deutschen Filmbranche im Gala-Saal protestiert oder wenigstens den Versuch einer Gegenrede gewagt hat.

Besprochen werden Axel Danielsons und Maximilien Van Aertrycks Essayfilm "And the King Said, What a Fantastic Machine" (taz), Ferdinand von Schirachs neuer ZDF-Film "Sie sagt. Er sagt" (Welt), die Apple-SF-Serie "Constellation" (ZeitOnline), die Serie "The Ones Who Live", die die Zombie-Serie "The Walking Dead" fortsetzt (FAZ) und eine Arte-Doku über Elon Musk (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.02.2024 - Film

Ein Goldener Bär für einen Film über Raubkuns: Mati Diops "Dahomey"

Die Berlinale geht mit einem Goldenen Bären für Mati Diops Dokumentar-Essayfilm "Dahomey" zu Ende, der einen Blick auf die afrikanische Perspektive auf die Rückgabe von Raubkunst wirft. Bereits im letzten Jahr war der Goldene Bär an einen Dokumentarfilm gegangen. "Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen, doch die Frage ist, ob wirklich der beste Film gewonnen hat", schreibt Tim Caspar Boehme in der taz: "Dieser Wettbewerb fiel durch halbgeglücktes Arthousekino ohne stimmige ästhetische Haltung auf." Andreas Kilb verzweifelt derweil in der FAZ: "Das Zähe, Kitschige, Verworrene, das schlecht Gedachte oder Gemachte hatte im Wettbewerb der Berlinale das Übergewicht." Eine "Neupositionierung im Konzert der großen Festivals ist den beiden Direktoren nicht gelungen". Andreas Busche vom Tagesspiegel sieht das Erzählkino in einer handfesten Krise: Gestandene Autorenfilmer erhalten Nebenpreise, Mati Diop aber den Goldenen Bären für ein Nebenwerk. "Dass auch Olivier Assayas und der mauretanische Regisseur Abderrahmane Sissako ... mit unterentwickelten Filmen in den Wettbewerb geladen worden waren, unterstreicht nur den schleichenden Bedeutungsverlust."

Katja Nicodemus hat in der Zeit ihre Probleme mit dem Gewinnerfilm, der mit 67 Minuten Spielzeit "unbefriedigend kurz" ist: "Vieles wird angerissen, manches bleibt im Unklaren." Kernstück des Films ist eine energisch geführte Diskussion über Restitution unter afrikanischen Studenten: "Diese Zusammenkunft der jungen Menschen - das erzählte Diop auf der Pressekonferenz in Berlin - habe sie eigens für ihren Film organisiert. Warum macht sie das nicht kenntlich? Inwieweit hat sie auch in die Diskussionen eingegriffen? Dass Dokumentarfilme Situationen, Szenen, die sie betrachten, selbst mitinszenieren, ist kein ungewöhnliches Verfahren. Und doch fragt man sich, weshalb die in Benin vorgefundene Wirklichkeit nicht als Beobachtungsmaterial ausreichte." Weitere Berlinalefazits im Filmdienst, in der FR, NZZ und im Standard.

Überschattet wurde die Preisverleihung am Samstagabend allerdings von diversen Parteinahmen für die palästinensische Seite im aktuellen Nahostkrieg. "Von Ästhetik war kaum noch die Rede", schreibt Claudius Seidl in der FAZ. "Eliza Hittman, Jurorin eines Nebenpreises, sagte, ganz unmissverständlich in Richtung Gaza, dass es keinen gerechten Krieg geben könne. Dass am selben Tag sich der russische Überfall auf die Ukraine jährte, war ihr entfallen. Basel Adra, Palästinenser und Ko-Regisseur von 'No Other Land', forderte, keine Waffen mehr an Israel zu liefern. Ben Russell, Ko-Regisseur von 'Direct Action', hatte sein Palästinensertuch wie eine Stola über die Schultern geworfen und nannte den Krieg in Gaza einen Völkermord. Und Mati Diop ... schloss ihre Dankesrede so: 'I stand in solidarity with Palestine!' Widerspruch gab es nicht, und vermutlich wunderten sich manche Gäste, dass man das sagen durfte, wo doch nicht nur 'Strike Germany' das Gegenteil behauptet. Der Jubel des Publikums war beklemmend."

Hier das Video von der Preisverleihung für den Film "Direct Action":


Nils Kottmann schreibt in der Jüdischen Allgemeinen über den Dokumentarfilmpreis für den Film "No Other Land", der die Besatzung im Westjordanland und die Räumung palästinensischer Dörfer thematisiert: "Die Hintergründe für die Besatzung des Westjordanlandes wurden auf der Veranstaltung allerdings genauso ausgespart wie die Hamas-Massaker vom 7. Oktober. Der größte Massenmord an Juden seit dem Holocaust wird auch in 'No Other Land' mit nur einem Satz erwähnt."

Der Filmemacher Basel Adra, der zum Team von "No Other Land" gehört, forderte auch eine Einstellung deutscher Waffenlieferungen an Israel - unter dem Jubel des Publikums:

Gestern Nachmittag tauchten auf dem Instagram-Konto der Berlinale-Sektion Panorama auch noch antiisraelische Kacheln auf, die den Krieg im Gaza mit dem Holocaust gleichsetzten. Die Berlinale hat sich von diesen Kacheln distanziert und erklärte, Strafanzeige zu erstatten. Hier ein informativer Thread:


"Die Kultur hat ein massives Israel-Problem", kommentiert Christian Tretbar im Tagesspiegel die Geschehnisse: "Wo war die deutliche Kritik an der Terrororganisation Hamas, die Israel am 7. Oktober 2023 brutal überfiel? Wo war die klare Aufforderung, die noch immer festgehaltenen Geiseln freizulassen? Wo ist die Auseinandersetzung damit, dass die Hamas ihr eigenes palästinensisches Volk in Unterdrückung hält - ohne Wahlen, ohne Justiz? Wo ist die Kritik daran, dass Millionen an Hilfsgeldern in unterirdische Tunnel geflossen sind, statt in den palästinensischen Wohlstand? Kein Wort dazu. Stattdessen wohlig-warmer Applaus für eine einseitige Pro-Palästina-Show auf der großen Berlinale-Bühne in Berlin. Die Berlinale rühmt sich damit, ein politisches Filmfestival zu sein. Nur ist dies nicht ernsthaft politisch. Es ist peinlich, beschämend, verstörend und propagandistisch."

Von einem "erschreckend undifferenzierten Israel-Bashing" auf der Abschlussgala spricht SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh. "Nur die Berlinale-Leiterin Mariette Rissenbeek hat am Anfang Empathie ausgedrückt mit den Menschen in Israel. ... Ein Dialog war nicht gefragt. Am deutlichsten zu erkennen war das, als ganz am Anfang der Dokumentarfilm 'No Other Land' über die Zerstörung eines Dorfs im Westjordanland ... den vom RBB gestifteten Dokumentarfilmpreis erhielt. Da wurden Begriffe wie 'Apartheid' und 'Terror' und 'Genozid' von der Bühne gen Israel geschleudert, und eine Jurorin verkündete, dieser Film 'transzendiert jede Kritik'. Darf man nicht mal diskutieren. Das ist kein Dialog, das ist Rechthaberei und die Absage an jede Debatte."

Doch die Galaveranstaltung war nicht der einzige Schauplatz unrühmlicher Szenen. Bei einer Diskussionsveranstaltung, bei der man sich viel für Palästina einsetzte, ohne den 7. Oktober zu erwähnen, wurde eine Person, die auf diese Leerstelle hinwies, "von einem Dutzend Aktivisten niedergeschrien; einer von ihnen setzte sich währenddessen ostentativ auf den leeren Sessel direkt neben diesen Besucher", berichtet Hanns-Georg Rodek in der Welt.

Außerdem vom Festival: Christiane Peitz wirft im Tagesspiegel einen Blick auf die Herausforderungen, die sich der neuen Leiterin Tricia Tuttle stellen. Nadine Lange berichtet im Tagesspiegel von der Verleihung der Teddy Awards. Das Welt-Team sammelt (online vom Samstag nachgereicht) Momente, die in Erinnerung bleiben. Aus dem Berlinaleprogramm besprochen werden Victor Kossakowskys im Wettbewerb gezeigter Essayfilm "Architecton" (Tsp) und Tilman Singers Horrorfilm "Cuckoo" (FAZ).

Abseits der Berlinale: Marc Zitzmamn resümiert in der FAZ die César-Preisverleihung in Frankreich. Besprochen werden Kaouther Ben Hanias Dokumentarfilm "Olfas Töchter" über die Frauen von IS-Kämpfern (Standard) und die Amazon-Serie "Expats" (Jungle World).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.02.2024 - Film

Ein Bär für ein Nilpferd? Die Berlinale macht es vielleicht möglich

Der Berlinale-Wettbewerb ist gelaufen, heute Abend werden die Bären vergeben. Gut möglich, glaubt FR-Kritiker Daniel Kothenschulte, dass Nelson Carlos de Los Santos Arias' formal völlig durchgeknallter Querschläger "Pepe" (unser Resümee) das Rennen macht. Weniger positiv fällt sein Urteil über den Wettbewerb aus, den letzten, den Carlo Chatrian als künstlerischer Leiter bestreitet: "Einzelne Filme auszusuchen, die formal sogar extremere Positionen besetzen als die eigentliche Sektion für Experimente, das Internationale Forum, wird die Banalitäten nicht kaschieren, in denen der Wettbewerb zugleich in diesem Jahr ertrinkt. ... Nicht von ungefähr klingt dieses Programm mit der falschen Postkartenschönheit von 'Shambhala' aus, einem mit chinesischer Beteiligung in Nepal gedrehten Folklore-Stück. Die problematische Rolle, die die Weltmacht in dieser Region spielt, mag sich beim Zuschauen nicht ausblenden lassen." Chatrian "verabschiedet sich mit einem glanzlosen und künstlerisch weitgehend obskuren Programm, nach dessen Inansichtnahme eine weitere Leitung des Festivals kaum vorstellbar gewesen wäre. Eine kuratorische Linie war nicht erkennbar, Entdeckungen blieben aus."

Rüdiger Suchsland berichtet auf Artechock vom Rand der Erschöpfung, die mit den Herausforderungen eines solchen Festivals einhergehen. Wer wird gewinnen? Die Filme von Dresen und Glasner schon mal nicht, dessen ist er sich auch deshalb so sicher, weil Christian Petzold in der Jury sitzt, "denn er möchte die Berlinale-Preise wenn, dann schon am liebsten für sich selbst und seine Freunde behalten - aber bestimmt bin ich da viel zu voreingenommen." Gewinnen dürfte wohl eher: "Mati Diop. Assayas nicht. Der Österreicher einen großen Preis, aber nicht den Hauptpreis. Für deutsche Filme höchstens ein Schauspielpreis für 'Sterben'." Dieser Jahrgang zeigt eine von den Geistern der Vergangenheit heimgesuchte Gegenwart, beobachtet derweil Suchslands Artechock-Kollege Axel Timo Purr.

Standard-Kritiker Marian Wilhelm attestiert dem Wettbewerb auch in der zweiten Festivalwoche "einen wilden Mix". Der Filmdienst erklärt ohne Autorenzeile (wir vermuten: Felicitas Kleiner) das "Glück der Begegnungen zwischen fremden Kulturen" zum bestimmenden Thema dieses Wettbewerbs. Die Encounters, der von Chatrian ins Leben gerufene Zweit-Wettbewerb mit eher experimentelleren Filmen, "frönten in diesem Jahr einem magischen Realismus", hält Christiane Peitz im Tagesspiegel fest. Doch das Profil der Sektion "will sich auch im fünften Jahrgang nicht recht erschließen, versammelt sie doch auch reichlich Solitäre und vor allem Produktionen, die ebenso gut im Panorama, im Forum oder im Wettbewerb aufgehoben wären."

Menschen, die nicht mehr in Teheran leben: "My Stolen Planet"

Silvia Hallensleben spricht für die taz mit der iranischen Filmemacherin Farahnaz Sharifi, die im Berlinale-Panorama ihren Essayfilm "My Stolen Planet" zeigt. Der Film handelt von der Beschlagnahmung ihres Archivs mit privaten Aufnahmen aus dem ganzen Land durch das Teheraner Regime. Mit diesem Archiv war es ihr darum gegangen, "Geschichte zu retten. Denn sie wollen, dass wir vergessen, was wir waren und was wir früher hatten. Wenn du die Bilder dieser Vergangenheit sammelst, rettest du diese Geschichten und Menschen können studieren, was wir waren und wo wir hingehen." Die Aufnahmen sammelte sie in Second-Hand-Läden im ganzen Land. "Damals wusste ich nicht, was ich damit anfangen würde, ich wusste nur, dass ich das Material liebe. Eines Tages habe ich den Händler gefragt, woher die Filme kommen. Und er sagte mir, dass die meisten von Menschen sind, die ihre Wohnungen und Häuser in Teheran verkauft haben. Sie sind nicht mehr dort."

Mehr von der Berlinale: Die besten Filme des Festivals findet man eh in den Nebensektionen und am besten in den Publikumsvorstellungen, findet Jörg Gerle im Filmdienst. Tim Caspar Boehme berichtet in der taz von einer Gesprächsveranstaltung mit Martin Scorsese, die man hier auch online sehen kann. Aus dem Festival besprochen werden weiterhin Min Bahadur Bhams Wettbewerbsfilm "Shambala" (taz), Antonella Sudasassi Furniss' Wettbewerbsfilm "Memorias de un cuerpo que arde" (taz), Travis Wilkersons Encounters-Film "Through the Graves the Wind Is Blowing" (Tsp), Thomas Arslans Thriller "Verbrannte Erde" (ZeitOnline), André Téchinés "Les gens d'à côté" mit Isabelle Huppert (taz), Nathan Silvers Liebeskomödie "Between the Temples" mit Jason Schwartzmann (Tsp), Rose Glass' Sportliebesfilm "Love Lies Bleeding" mit Kristen Stewart (taz) und die von Paramount nach Fertigstellung aus dem Programm geworfene Serienadaption des "Zeit Verbrechen"-Podcasts (taz). Auch gut für eine abschließende Schau des Festivals: der Kritikerspiegel auf critic.de.

Familienidyll vor den Mauern von Auschwitz: Sandra Hüller in "Zone of Interest"

Abseits der Berlinale bestimmt der kommende Kinostart von Jonathan Glazers gleichnamiger, wenngleich loser Verfilmung von Martin Amis' Roman "The Zone of Interest" das Film-Feuilleton. Der in Cannes ausgezeichnete, mit Sandra Hüller besetzte Film schildert das Leben der Familie des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß in unmittelbarer Nähe zum Massenmord an den Juden, ohne diesen ins Bild zu setzen. "Was dort geschieht, nimmt die Zuschauer trotz der künstlichen Distanz in einen unerträglichen Würgegriff", schreibt David Steinitz in der SZ. "Natürlich sind jenseits der Gartenmauern die großen grauen Gebäude zu sehen, manchmal auch Flammen und vor allem: der Rauch aus den Schornsteinen. Und natürlich sind auch mitten im Azaleen-Gartentraum von Frau Höß die Geräusche zu hören", nämlich "ein vielstimmiger Chor des Tötens und des Sterbens, ein gewaltiges, auf- und absteigendes Mahlen, Brummen, Summen, Wummern. Dieser Klang von Auschwitz (...) liegt wie eine unsichtbare Grabplatte über den Bildern der fröhlich im Gartenschwimmbecken planschenden Höß-Kinder und der Eltern in ihren Liegestühlen."

Die in Holocaustdramen oft vorherrschende Opferperspektive wollte Glazer hier bewusst durchbrechen, erklärt er im SZ-Gespräch: "Wir sollten auch die Täter im Blick haben, sonst machen wir es uns zu leicht. Man vermeidet das gerne, wohl aus Angst, was wir entdecken könnten. Wir fürchten uns davor, in den Tätern ganz normale Menschen zu sehen. Menschen wie uns. Aber das waren sie. Und genau das ist das Monströse. Dass ganz normale Menschen zu so etwas fähig sind. ... Ich teile Claude Lanzmanns Standpunkt, dass dieser Horror nicht dargestellt werden kann. Ich glaube aber nicht, dass wir den Holocaust als etwas Monolithisches, Unantastbares betrachten sollten, über das man nicht sprechen kann." Jan Küveler spricht für die WamS mit dem Schauspieler Christian Friedel, der in dem Film Rudolf Höß spielt. Fernanda Thome erzählt in der taz davon, wie sie ihren Ehemann Lukas, der als Assistenz bei der Produktion angeheuert war, nach Oświęcim begleitete.

Weiteres: Nastassja Kinski verklagt den NDR darauf, ihre im Alter von 15 Jahren gedrehten Nacktszenen aus dem Tatort "Reifeprüfung" von 1976 zu entfernen, berichtet Thomas Ribi in der NZZ. Markus Ehrenberg blickt im Tagesspiegel-Kommentar mit Sorge auf den kriselnden Serienmarkt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.02.2024 - Film

"Mé el Aïn" von Meryam Joobeur.

Dieser Film verdient einen Preis, meint Andreas Kilb in der FAZ mit Blick auf den Wettbewerbsbeitrag "Mé el Aïn". Das Alltagsdrama der tunesisch-kanadischen Regisseurin Meryam Joobeur, das auf einem Bauernhof am Meer spielt, ist "[u]nter den zwanzig Beiträgen im Berlinale-Wettbewerb (...) 'Mé el Aïn' vielleicht der einzige, den man im strengen Sinn als politisches Kino bezeichnen kann. Dabei zeigt er nichts als Alltäglichkeiten: Häuser und Ställe, Gesichter in Großaufnahme, ein totes Schaf, einen leeren Strand, karge Felder und Wiesen und die Träume einer Frau, die um ihre Kinder bangt. Aber über all dem hängen unausgesprochen die Drohung des islamistischen Terrors und die Erinnerung an die Toten von Raqqa und Mossul. Wenn man es richtig anschaut, dann hängt auch ein tunesisches Dorf mit der ganzen Welt zusammen, mit Europa, mit Asien, mit Afrika und sogar mit Berlin." Weitere Texte zum Film: Tagesspiegel, Filmstarts.

"Pepe" von Nelson Carlos de los Santos Arias.

Einen anderen Favoriten macht Andreas Busche in einem aus seiner Sicht ansonsten enttäuschenden Wettbewerbsjahrgang im Tagesspiegel aus: "Pepe" von Nelson Carlos De Los Santos Arias. "So bleibt als einziger Hoffnungsträger dieses Jahr ein südostafrikanisches Nilpferd, das nach Worten für sein Schicksal sucht, im Privatzoo von Drogenboss Pablo Escobar gelandet zu sein. Und dabei auf Menschen trifft, die sich einen Reim auf dieses seltsame Wesen und ihre eigenen Lebensumstände zu machen versuchen. Das ist nie gimmickhaft, Santos Arias experimentiert mit filmischen Formen (Essay und Fiktion, Animation und Überwachungsbilder), um das Weltkino um neue Perspektiven zu bereichern. Pepe ist der Star des Wettbewerbs."

Gut angekommen ist bei der Kritik "Andrea lässt sich scheiden", der neue Film von Josef Hader. Der österreichische Regisseur schlägt dunklere Töne als gewöhnlich an, meint Stefan Weiss im Standard: "Eine Tragödie um Vertuschung, Schuld und Reue entspinnt sich - dunkler und mit weniger Humoranteil in Szene gesetzt, als man es bei Hader bisher gewohnt war. Er selbst spielt mit dem zu Unrecht verdächtigten und dank eines patscherten Lebens zynisch gewordenen Religionslehrer Franz auch nur den Nebenpart. Birgit Minichmayr geht in der Hauptrolle der emotional verhärteten und vom Schicksal geschlagenen Provinzpolizistin insofern "auf", als gerade ihre Verschlossenheit der Figur besondere Authentizität gibt. Man leidet förmlich mit."

Außerdem: Daniel Kothenschulte freut sich in der FR über Martin Scorseses Lektionen in Filmgeschichte. Kira Taszman blickt im Filmdienst auf drei Berlinalefilme aus der Ukraine. In der taz interviewt Arabella Wintermayr Veronika Franz und Severin Fiala, das Regieduo, das für den Wettbewerbsfilm "Des Teufels Bad" verantwortlich zeichnet. Auf critic.de schreiben Studierende der Stiftung Universität Hildesheim Kurztexte über Berlinalefilme. Robert Ide schaut sich im Tagesspiegel Berlinale-Fußballfilme an. Besprochen werden der Panoramafilm "Teaches of Peaches (Tagesspiegel, taz), die "Zeit Verbrechen"-Serienadaption, die im Panorama präsentiert wird (Tagesspiegel), der Encountersfilm "The Great Yawn" (Tagesspiegel), der Panoramafilm "No Other Land" (critic.de), der Panoramafilm "Memorias de un cuerpo que arde" (taz), der Panoramafilm "Shikun" (NZZ), der Panoramafilm "Baldiga - Entsichertes Herz" (taz), der Panoramafilm "Sex" (critic.de), der Forumsfilm "Der unsichtbare Zoo" (critic.de), der Berlinale-Special-Film "Seven Veils" (Filmstarts), der Wettbewerbsfilm "Sons" (Filmstarts), der Wettbewerbsfilm "Vogter" (Berliner Zeitung) und der Berlinale-Special-Film "Wu Suo Zhu" (Berliner Zeitung).

Patrick Holzapfel bespricht in der NZZ Todd Haynes' "May Dezember". Holzapfel beschreibt den Film - es geht um eine Schauspielerin, die sich auf eine neue Rolle vorbereitet - als ein beeindruckendes, abgründiges, fast vampirfilmartiges, an Douglas Sirk geschultes Melodram: "'Fakeness' ist hier eine Überlebensstrategie, eigentlich spielt keine der Figuren mit offenen Karten. Das liegt weniger an strategischen Motivationen als an einem gesellschaftlichen Ausgeliefertsein, das gar nicht mehr in der Lage ist, sich selbst zu erkennen. Alle Figuren in diesem Film wollen ein Bild wahren oder werden. Wer als Erster zeigt, dass hinter dem Bild ein Mensch leidet, verliert. Ein Schelm, wer dabei an die sozialen Netzwerke denkt. Als Elisabeth den Lippenstift Gracies aufträgt und in die Kamera spricht, wird Imitation zum Fetisch, Schauspiel zur oberflächlichen Flucht vor der menschlichen Seele."

Anna Lindemann interviewt für taz Nord Perivi John Katjavivi, den Regisseur des Films "Under the Hanging Tree". Besprochen wird Radu Judes "Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.02.2024 - Film

"Intercepted" von Oksana Karpovych

Bert Rebhandl stellt in der FAZ zwei Berlinale-Filme vor, die sich mit politischen Konflikten unserer Zeit auseinandersetzen: Der von einem israelisch-palästinensischen Kollektiv gedrehte "No Other Land" über den Widerstand der Bewohner einer palästinensischen Ortschaft gegen die israelische Armee; und Oksana Karpovychs "Intercepted", der auf Telefonaten basiert, die russische Soldaten während des Ukrainekriegs mit ihren Angehörigen führen. "Leicht anzuschauen bzw -hören ist das nicht: (...) Männer sprechen unverhohlen von ihrer moralischen Entfesselung. Einer schildert eine Praxis, die unter der Bezeichnung '21 Rosen' läuft: 21 Stellen gibt es am menschlichen Körper, die man in der Folter öffnen kann wie eine Blüte. Der Zynismus, der sich in dieser Wortwahl zeigt, ist so atemberaubend, wie es unmöglich ist, die Kultur der Grausamkeit zu ermessen, die sich hier äußert."

Wie geht politisches Kino? Das fragt auch Fabian Tietke im Perlentaucher. So, wie es der Woche-der-Kritik-Film "Wikiriders" versucht, geht es jedenfalls schon einmal nicht. In dem Film von Clarer Winter, Miiel Ferráez und Megan Marsh begeben sich drei junge Leute auf eine Reise, um irgendwas über Mexiko und Ungerechtigkeit herauszufinden. Bisweilen wird das "Konzept Recherche zur Farce. (...) Am Ende fragt man sich, wofür es all die Reisen und Fahrten braucht. Man könnte auch sagen, dass Problem ist, dass der Film die Form eines Rechercheroadtrips gewählt hat, aber nichts herausfinden will. Waberndes Herumgemeine über Reichtum, Kapitalismus, Imperialismus und die Welt im Allgemeinen ist in 'Wikiriders' nicht von Recherche zu unterscheiden. Oder wie Clarer Winter im Film selbst sagt: 'Und wir labern echt viel und hören wenig zu.'"

"Des Teufels Bad" von Veronika Franz und Severin Fiala

Der von einem historischen Kriminalfall inspirierte Wettbewerbsfilm "Des Teufels Bad" stößt bei den Berlinale-Kritikern auf ein geteiltes Echo. Die einen sehen in dem von Veronika Franz und Severin Fiala inszenierten Werk nur dräuende Stimmungsmalerei. Andere sind hellauf begeistert, so etwa Susan Vahabzadeh in der SZ: "Die feuchte Kälte und der Geruch von Moder und Verwesung scheinen geradezu aus den Bildern herauszukriechen in den Kinosaal. Die Geschichte entspinnt sich 1750 in einem kleinen Ort in den Bergen in Österreich, (...) Agnes (Anja Plaschg), die neu dazukommt, findet nicht einmal den Weg zum schlammigen Fischteich. Die Szenerie sieht aus wie aus Grimms Märchen, minus jegliche romantische Verklärung." Auch Thomas Groh erfreut sich im culturmag an den rauen Texturen: "Schön grob körperlich und schroff geht es hier mitunter zu. Da fließt auch mal der Eiter, da verwest auch mal ein Kopf, da darf der Schangel in Wahnsequenzen schangeln." Für critic.de bespricht Martin Gobbin den Film.

Außerdem: Im Tagesspiegel würdigt Kerstin Decker Edgar Reitz, der auf dem Festival für sein Lebenswerk ausgezeichnet wird. Florian Weigl durchforstet auf critic.de ein weiteres Mal das Forum. Katrin Doerksen blickt im culturmag auf einige ihrer Festivalhighlights. Silvia Hallersleben schreibt in der taz über auf der Berlinale diskutierte Fragen zum Thema Filmarchivierung. Manuel Almeida Vergara ärgert sich in der Berliner Zeitung über den deutschen Schlabberlook auf der Berlinale. Sophia Zessnik spricht in der taz mit Josef Hader über dessen Panoramafilm "Andrea lässt sich scheiden". In der Zeit lassen Peter Kümmel und Katja Nicodemus das bisherige Festivalgeschehen Revue passieren. Besprochen werden der Forumsfilm "Republic" (taz), der Wettbewerbsfilm "Black Tea" (critic.de, Filmstarts), der Forumsfilm "Il cassetto segreto" (taz), der Wettbewerbsfilm "Pepe" (taz, Berliner Zeitung), der Wettbewerbsfilm "Dahomey" (Tagesspiegel), der Berlinale-Special-Film "Spaceman" (Welt, Filmstarts), der Panoramafilm "Verbrannte Erde" (Berliner Zeitung), "Kaddu beykat" aus der Sektion Forum Special (perlentaucher), der Forumsfilm "All the Long Nights" (critic.de), der Wettbewerbsfilm "Langue Étrangère" (critic.de), der Wettbewerbsfilm "Gloria!" (Filmstarts, Berliner Zeitung) und der Berlinale-Special-Fußballfilm "Elf Mal Morgen" (Filmstarts).

"Der Meister und Margarita" von Michail Lockshin


Kerstin Holm weiß in der FAZ vom außerordentlichen Publikumszuspruch zu berichten, dessen sich die Neuverfilmung von Michail Bulgakows "Der Meister und Margarita" derzeit in Moskau erfreut. Der Film von Michael Lockshin, der noch vor dem Überfall auf die Ukraine fertiggestellt wurde, aber erst jetzt in die Kinos kommt, wird von Kremlpropagandisten aufgrund antistalinistischer Tendenzen attackiert. "Doch der Publikumszuspruch ist riesig, seit Ende Januar hat der Film mehr als 17 Millionen Euro eingespielt. Die Moskauer Autorin Tatjana Malkina berichtet von ausverkauften Vormittagsvorführungen, bei denen kein Popcorn knistert, sondern das Publikum bis zum Ende des Abspanns mucksmäuschenstill bleibt. (...) In Publikumschats und sozialen Netzwerken bekunden vor allem Frauen Erschütterung und Dankbarkeit, während sich viele Männer über Lockshins vermeintliche Russophobie und Hass auf die sowjetische Vergangenheit empören."

Weiteres: In der Zeit führen Cathrin Gilbert und Peter Kümmel ein langes Gespräch mit dem Schauspieler Matthias Brandt. Salome Müller und Timo Posselt wiederum reden, ebenfalls in der Zeit, mit der Schauspielerin Leonie Benesch. Wilfried Hippen interviewt für taz Nord Eduard Klein, einen von zwei Regisseuren des Ukraine-Dokumentarfilms "Life to the Limit". Biopics und kein Ende: Der Regisseur Sam Mendes will gleich vier auf einmal drehen, für jeden Beatle einen, wie unter anderem der Standard meldet. Besprochen werden "Dune: Part Two" (Filmstarts, "die gigantischen Erwartungen werden sogar noch übertroffen"), der Thriller "Good Boy" (SZ), Fredrik Gerttens Dokumentarfilm "Breaking Social" (taz Nord), Zelda Williams Teenie-Horrorkomödie "Lisa Frankenstein" (SZ) und der Dokumentarfilm "Holy Shit" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.02.2024 - Film

Szene aus Tilman Singers "Cuckoo"

Im Wettbewerb der Berlinale ist nach dem Wochenende tendenziell Ruhe eingekehrt. Eine Gelegenheit, auf die übrigen Sektionen zu blicken. Für Furore sorgt Tilman Singers "Cuckoo" in Berlinale Special: Ein deutscher Horrorfilm, dessen Hauptfigur Gretchen in einem Bayerischen Naturhotel das Fürchten gelehrt wird. Mathis Raabe ist auf Zeit Online äußerst angetan von Singers Gruselkunst: "Während Gretchen abends auf dem Fahrweg unterwegs ist, überholt ihr Schatten sie auf der Straße immer wieder, schließlich strecken sich Arme hinter ihr aus. Oben und unten werden vertauscht in 'Cuckoo', Menschen kommen aus Richtungen, in denen man sie nicht vermutet hat, und während Stiefschwester Alma einen epileptischen Anfall hat, gerät der lineare Zeitverlauf durcheinander: Sequenzen wiederholen sich, als hätte sich die Filmrolle verhakt; das Bild wabert, als hätte ein Dämon von der Projektion selbst Besitz ergriffen. Das würde zumindest einiges erklären." Andreas Busche stellt im Tagesspiegel die Hauptdarstellerin des Films Hunter Schafer vor.

Thomas Arslans "Verbrannte Erde"

Das Panorama zeigt "Verbrannte Erde" von Thomas Arslan - ein Wiedersehen mit Mišel Matičevićs Trojan, der Hauptfigur in Arslans Gangsterfilms "Im Schatten". Michael Meyns zeigt sich auf Filmstarts äußerst angetan von der Wiederbegegnung: "Was Thomas Arslan an dieser Figur interessiert, ist also nicht die Tiefe des Charakters, sondern die reine Oberfläche, das Agieren, das Handeln. Kein Wunder, heißt seine Produktionsfirma doch 'Pickpocket', benannt nach Robert Bressons gleichnamigem Klassiker, der minutiös einen Taschendieb bei der Arbeit zeigt. 'Verbrannte Erde' ist wie der Vorgänger erneut ein Film der Beobachtung und der Bewegung, kein reißerischer Thriller, auch wenn die Spannung bisweilen enorm ist. Schüsse fallen nicht wahllos, sondern gezielt - so wie Trojan darauf achtet, keine unnötigen Bewegungen zu machen, so versucht auch Arslan, filmisch alles auf den Punkt zu bringen, keine Schnörkel zu ziehen, nie den Stil in den Vordergrund zu stellen." Andreas Busche schreibt im Tagesspiegel ("Trojans Rückkehr sieht durch die Kamera von Reinhold Vorschneider fantastisch aus, metallisch-monochrom leuchtet die Nacht, minimalistisch pulsiert der Soundtrack"). In der taz unterhält sich Tim Caspar Boehme mit Arslan.

Also doch: Auf der Berlinale wird über das große Thema Gazakrieg diskutiert. Allerdings nur im "Tiny House Project" auf dem Potsdamer Platz. Hier waren Festivalbesucher, wie Jonathan Guggenberger in der taz berichtet, geladen, "mit dem in Berlin geborenen Juden [Shai] Hoffmann und dem in einem syrischen Flüchtlingslager aufgewachsenen Palästinenser [Ahmad] Dakhnous über ihre Gedanken, Meinungen und vor allem ihre Gefühle bezüglich Israel/Palästina auszutauschen". Zu besprechen gibt es laut beiden genug. "Für Hoffmann ist eine Grenze erreicht, wenn Aktivisten wie die 'Filmmakers for Palestine' auf der Berlinale zwar lautstark protestieren, aber nicht bereit seien, den angebotenen Dialogfaden aufzunehmen. Unpassende Buzzwords wie 'Genozid' oder 'Zionismus ist Rassismus' seien für die Aktivisten oft wichtiger als ein differenzierter Austausch. Differenzierung heißt für Hoffmann auch: 'Ja, ich bin Zionist, ich bin für das Existenzrecht Israels, ich kann aber auch gegen die illegale Besatzung durch die israelische Regierung sein.'"

Außerdem: Andreas Kilb kürt die diesjährige Berlinale in seinem jüngsten FAZ-Überblickstext zum "Festival der erfundenen Stimmen" und meint: es fehlt nach wie vor "[e]in großer Film". Daniel Kothenschulte zeigt sich in der FR ebenfalls enttäuscht vom Wettbewerb, empfiehlt aber den Forumsfilm "Mit einem Tiger schlafen". Marie-Luise Goldmann stellt in der Welt fünf Frauenfiguren der Festivalauswahl vor. Valerie Dirk resümmiert im Standard zwei deutschsprachige Wettbewerbsfilme. Christiane Peitz gratuliert im Tagesspiegel Martin Scorsese zum Ehrenbären. Robert Ide interviewt im Tagesspiegel die Schauspielerin Bahira Ablassi, die im Berlinale-Special-Film "Shikun" zu sehen ist. Jens Balkenborg porträtiert für epd film die vielbeschäftigte Berlinaleschauspielerin Renate Reinsve. Besprochen werden Alexander Horwaths Essayfilm "Henry Fonda for President" (taz), der Panoramafilm "Faruk" (critic.de), "Love Lies Bleeding" aus der Sektion Berlinale Special (critic.de), die Forumsfilme "Redaktsiya und "Intercepted" in einer Doppelbesprechung (taz), der Wettbewerbsfilm "A Different Man" (filmdienst), der Wettbewerbsfilm "Sterben" (epd film), der Wettbewerbsfilm "Architecton" (taz), der Woche-der-Kritik-Film "Abendland" (Filmstarts), der Wettbewerbsfilm "Des Teufels Bad" (Tagesspiegel, Die Presse, Filmstarts, Moviepilot), dessen Hauptdarstellerin Anja Plaschg im Standard vorgestellt wird, der Encountersfilm "Ivo" (Filmstarts), der Wettbewerbsfilm "Pepe" (Filmstarts).

Abseits der Berlinale: Gefahren und Chancen von Künstlicher Intelligenz treiben die Filmbranche um - auch in Deutschland. Die Schauspielergewerkschaft BFFS versucht gerade, legt Wilfried Urbe in der taz dar, sich gemeinsam mit der deutschen Produzentenallianz auf das weitere Vorgehen zu einigen. Konkret geht es um Möglichkeiten, Schauspieler durch KI-Doubles zu ersetzen und um Ausgleichszahlungen, die dann fällig sein sollten. Fabian Tietke empfiehlt in der taz Berlin die Wiederaufführung des Dokumentarfilms "B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989". Anna Lindemann unterhält sich für taz Nord mit Oliver Kanehl, Regisseur des Films "Sprechen Sie Deutsch". Besprochen werden Radu Judes "Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt (Die Presse) und Luc Jacquets Rückkehr zum Land der Pinguine" (filmdienst).