Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.02.2020 - Film

Heute beginnt die Berlinale - und alle haben sich um eine Audienz bei Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, die neue Doppelspitze des Festivals, beworben. Warum das Festival in diesem Jahr im Umfang etwas schmaler ausfällt, erklärt Chatrian in der taz so: "Wenn wir einen Film aussuchen, dann verschreiben wir uns dem auch und engagieren uns für ihn. Wir müssen dann bereit sein, ihn zu unterstützen. Das hat diesmal dazu geführt, dass wir ein bisschen weniger Filme zeigen." Große Stars werden in diesem Jahr weniger im Wettbewerb erwartet, sondern vor allem im Berlinale Special, erklärt Chatrian im Standard-Gespräch, in dem er auch seinen neuen Zweitwettbewerb Encounters konturiert: "Filmemacher produzieren heute oft an bewährten Strukturen vorbei. Die digitalen Mittel erlauben größere Freiheiten. Die Filme sind interessant, zugleich stehen sie produktionstechnisch oft nicht auf so soliden Beinen. Außerdem richten sie sich auf eine andere Weise ans Publikum. Ich will damit aber nicht sagen, dass wir im Hauptwettbewerb nur traditionelle Filme zeigen. Was Encounters anbelangt, geht es um etwas anderes: Die Form und die Sprache des Films kommen vor allem anderen." Für die NZZ spricht Lory Roebuck mit Chatrian. Susan Vahabzadeh wärmt in der SZ die Berlinale-Stimmung an. Trotz erster Krisen - auslaufende Sponsorenverträge, wegfallende Spielstätten, dann der Skandal um den ersten Berlinaledirektor Alfred Bauer - hat sich die neue Doppelspitze zumindest im Vorfeld ihres ersten Jahrgangs wacker geschlagen, kommentiert Andreas Busche im Tagesspiegel.

Außerdem hat sich Juliane Liebert für die SZ mit dem rheinländischen Regisseur Burhan Qurbani getroffen, der im Wettbewerb seine Adaption von "Berlin Alexanderplatz" zeigen wird, den Döblin-Stoff aber in die Gegenwart der Drogenszene rund um den Berliner Hasenheide-Park verlagert hat. Wenn da "die Mittelschicht mit ihren Kindern spazieren geht, und die kriegen ein ganz bestimmtes Bild von der Community in diesem Park: Schwarzer Mann = Dealer", erklärt Qurbani, der daher einen Film darüber drehen wollte. "Aber ich dachte: Egal, was du in Deutschland über die Community machst, es wird nicht wahrgenommen werden. Es wird versickern und dann hat es keiner gesehen.' Irgendwann kam ihm der Gedanke: Doch was, wenn es 'Berlin Alexanderplatz' ist? 'Was, wenn diese Jungs und Mädels, die an den Rand der Gesellschaft gespült sind, wo wir unser Tunlichstes tun, um sie zu ignorieren, sie nicht in unseren Alltag reinzulassen, was ist, wenn wir sie mit dieser Figur besetzen? Dann kannst du es nicht ignorieren, nicht wegschauen. Du musst hinschauen." Der Trailer des Films ist in Neon gebadet:



Fabian Tietke (taz) und Christian Schröder (Tagesspiegel) führen ausführlich durch das Programm der King Vidor gewidmeten Retrospektive. Ulrich Gutmair empfiehlt in der taz Dušan Makavejevs "W. R. - Die Mysterien des Organismus" aus dem Jahr 1971, den das Forum als Teil seines Jubiläumsprogramms zeigt - "eine ernste, traurige, radikale, humorvolle und lebensbejahende Hommage an Wilhelm Reich." Michael Meyns wirft für die taz einen Blick ins Programm der "Woche der Kritik", unter Kosslicks Berlinale-Zeiten als cinephile Gegenveranstaltung von Filmkritikern gegründet, auf die die jetzige Berlinaleleitung allerdings wohl deutlich wohlwollender blicken dürfte, wie Meyns spekuliert. Elmar Krekeler von der Welt hätte sich für die Texte im Programmheft ein besseres Lektorat gewünscht. Andreas Busche porträtiert im Tagesspiegel den Jurypräsidenten Jeremy Irons. Im taz-Staralbum schreibt Carolin Weidner über den Schauspieler Luca Marinelli, der in diesem Jahr in der Wettbewerbsjury sitzt.  Filmemacher Michael Verhoeven erinnert sich im Radiogespräch auf Dlf Kultur daran, wie sein Film "O.K." 1970 die Berlinale sprengte - im Jubiläumsprogramm des Forums wird er nun erneut gezeigt. Für Cargo hat Simon Rothöhler ein ausführliches Videogespräch mit der früheren taz-Filmredakteurin Cristina Nord geführt, die in diesem Jahr zum ersten Mal das Forum der Berlinale leitet.

Abseits der Berlinale: Andreas Scheiner freut sich in der NZZ über das künstlerische Comeback von Shia LaBeouf. Willi Winkler (SZ) und Bert Rebhandl (FAZ) schreiben einen Nachruf auf die Heimatfilm-Schauspielerin Sonja Ziemann. Besprochen wird Chris Sanders' "Der Ruf der Wildnis" mit Harrison Ford (Presse).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.02.2020 - Film

taz-Autorin Susanne Messmer stimmt sich auf die Berlinale ein und macht einen Spaziergang über den Potsdamer Platz, wo nach dem Cinestar-Kino im Sony Center jetzt auch erst einmal die Arkaden dichtgemacht werden: "Ödes Einerlei hier, Vakuum da. In der wettergeschützten Einkaufspassage Potsdamer Platz Arkaden wirbt Gerry Weber mit einem Plakat, auf dem 'nur noch 7 Tage' steht. Im Untergeschoss ist nicht zu überhören, dass die Umbauarbeiten bis zur Wiedereröffnung 2022 begonnen haben."

Weitere Artikel: Die Berlinale hat das Münchner Institut für Zeitgeschichte damit beauftragt, die Frühgeschichte des Festivals und Alfred Bauers Rolle im Nationalsozialismus zu recherchieren, meldet der Tagesspiegel - mehr zu diesen Aufdeckungen hier im Überblick beim Perlentaucher. "Man kommt aus dem Streamen gar nicht mehr heraus", jammert Elmar Krekeler in der Welt angesichts der Überfülle an TV-Serien, die mittlerweile täglich auf den Markt geschmissen werden und dabei immer mehr an Qualität nachlassen. Derweil spricht Carolin Ströbele auf ZeitOnline sehr ausufernd mit Jörg Schönenborn und Frank Beckmann von den ARD-Anstalten über deren Mediatheken- und Serienpläne für die Zukunft: Ganze 20 Millionen stehen dafür bereit - dafür produzieren Netflix oder HBO zwischen 10 und 20 Episoden einer einzigen Serie.

Besprochen werden Valeria Golinos "Euforia" ("ein Kleinod des zeitgenössischen Kinos", schreibt Fabian Tietke in der taz) und die Sky-Comedyserie "Work in Progress" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.02.2020 - Film

Im FAZ-Gespräch über ihre erste Berlinale kommen Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, die neue Führungsspitze des Festivals, auch auf den deutschen Filmnachwuchs zu sprechen. "Da ist eine starke neue Generation sichtbar", sagt Chatrian. "Nur manchmal habe ich den Eindruck, sie könnten noch mehr erreichen, wenn sie ein bisschen mehr auf ihr Land schauten. Wenn ich jetzt mal als Filmkritiker spreche, kümmern sie sich zu sehr um die Innenperspektive. Das italienische Kino, Pietro Marcello oder Alice Rohrwacher etwa, hat Filme gemacht, die nicht nur über ihr Land reden, sondern auch hinsehen. Die beiden deutschen Filme im Wettbewerb, 'Berlin Alexanderplatz' und 'Undine' wiederum haben einen anderen Blick auf Berlin."

Für die Welt hat sich Hanns-Georg Rodek die Mühe gemacht, die filmpolitischen Forderungen der AfD mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Sein Fazit: Nicht nur wünscht sich die Partei einen Film, dem sämtliche Potenziale zum Diskurs und zur Kritik genommen wurden, würde man darüber hinaus noch die mit allerlei Sperrungsdrohungen durchsetzten Vorschläge dem Wortlaut nach umsetzen, käme die hiesige Filmproduktion schlagartig zum Erliegen. Wenn die Partei nicht weiß, was sie da tut, "würde sie den deutschen Martk, der sowieso zu zwei Dritteln von Amerika dominiert wird, komplett Hollywood ausliefern", meint Rodek, der aber eh davon ausgeht, dass die Partei sehr wohl weiß, was sie da schreibt: Dann "handelt es sich um eine Drohgeste gegenüber den Filmemachern, denselben Sack mit Knüppel, den sie seit Jahren Theatern und Museen zeigt: Seht her, wir werden euch die Mittel wegnehmen, wenn ihr nicht kuscht."

Weiteres: In seinem Blog schreibt der Filmemacher Christoph Hochhäusler über seine "sanfte Enttäuschung" über den von der Kritik durchaus gefeierten Polanski-Film "Intrige". Besprochen werden die bei 3sat online gestellte Doku "Kino Kanak - Warum der deutsche Film Migranten braucht" (SZ) und Johannes Holzhausens Dokumentarfilm "The Royal Train" über die Bestrebungen der rumänischen Kronprinzessin Margareta, der Bevölkerung die Monarchie wieder schmackhaft zu machen (SZ).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.02.2020 - Film

"Etwas an sich heranlassen": In "Spuren" stehen die Hinterbliebenen der Opfer des NSU-Terrors im Mittelpunkt

Sehr sehenswert findet Matthias Dell im Tagesspiegel Aysun Bademsoys Dokumentarfilm "Spuren - die Opfer des NSU" (hier dazu mehr), der sich mit den Folgen des rechten Terrors auf Seiten der Opfer und Hinterbliebenen befasst. Man blicke in diesem Film "von Anfang an in den Abgrund, den der NSU-Komplex noch immer darstellt." In Berlin sprach die Filmemacherin über ihren Film, berichtet Katharina Granzin in der taz: "Als der NSU-Prozess nach fünf langen Jahren mit einem derart unbefriedigenden Ergebnis zu Ende gegangen sei, habe der Richter es nicht einmal für nötig gehalten, den Angehörigen der elf Ermordeten für ihre Geduld und ihren Anstand zu danken. 'Im Nachhinein habe ich gedacht, man hätte den Prozess viel mehr stören sollen', sagt Bademsoy."

Nach seinem Horrorfilm-Remake "Suspiria" (unsere Kritik) meldet sich Luca Guadagnino mit einem von der Modemarke Valentino co-produzierten 30-Minüter "The Staggering Girl" zurück, der derzeit und noch für etwa einen Monat auf Mubi online zu sehen ist. Das Konzept des Films beschränkt sich darauf, "dass eine umwerfend schöne Frau, gespielt von Julianne Moore, umwerfend schöne Mode trägt", erklärt Philipp Stadelmaier in der SZ - wobei es immerhin noch darum geht, dass Moore die New Yorker Schriftstellerin Francesca Moretti spielt, die ihre Autobiografie schreibt und dann nach Rom reist, um ihre Mutter zu besuchen. "Francesca bewohnt eine Welt, die aus Träumen und Erinnerungen besteht, aus Geistern und Stimmen - und natürlich aus schönen Kostümen, die sie entweder selbst trägt oder auch mal im Nachtwind wehen können. ...Romantik und Horror kommen wunderbar zusammen, verbinden sich in der ebenso unheimlichen wie melancholischen Filmmusik des berühmten Komponisten Ryuichi Sakamoto." Gedreht wurde im übrigen auf 35mm-Filmmaterial. Einen kleinen Eindruck der Sinnlichkeit des Films vermittelt der Trailer:



Außerdem: Im Dlf Kultur sprechen Carlo Chatrian und Marianne Rissenbeek ausführlich über die erste von ihnen geleitete Berlinale. Emeli Glaser zerpflückt in der FAZ die "Schulmädchen-Report"-Reihe, deren erster Teil vor 50 Jahren in die Kinos kam. Christiane Peitz widmet sich im Tagesspiegel den 70ern und 80ern der Berlinale-Geschichte. Für die WamS plaudert Martin Scholz mit "Star Trek"-Schauspieler Patrick Stewart. Besprochen werden Corneliu Porumboius "La Gomera" (FAZ, Standard, unsere Kritik hier), der deutsche Netflix-Fernsehfilm "Isi & Ossi" (taz) und eine Robert Wienes Stummfilmklassiker "Das Cabinet des Dr. Caligari" gewidmete Ausstellung im Filmmuseum in Berlin (Tagesspiegel). Den Film selbst kann man derzeit online bei Arte sehen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.02.2020 - Film

Still aus Aysun Bademsoys Doku "Spuren - die Opfer des NSU"


Sehr beeindruckt ist Anne Küper auf critic.de von Aysun Bademsoys Dokumentarfilm "Spuren - die Opfer des NSU", der einen einfühlsamen Blick auf die Hinterbliebenen der Opfer der rechtsextremen Terroristen wirft: "Es geht um die Materialität von Zeit, Gedenken und Trauer", der Film frage, "was übrig geblieben ist: von den Ermordeten und dem Schmerz ihrer Familien. Da sind die Sammlungen von Zeitungsartikeln, digitale wie analoge Fotos, die Gedenktafeln, das Tattoo auf dem Oberarm von Tochter Gamze Kubaşık, die Aufnahme von der Schweigeminute des Lieblingsfußballvereins... eine Arbeit am Nicht-Vergessen." Dlf Kultur hat mit der Filmemacherin über ihren Film gesprochen.

Der Aufsichtsrat des französischen César-Preises ist geschlossen zurückgetreten. Hat es mit den zwölf Nominierungen für Roman Polanskis "Intrige" (mehr zum Film hier) zu tun? Eher nicht, schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt, denn Auswirkungen auf die Verleihung Ende des Monats dürfte dieser Rücktritt wohl eh nicht haben: Er werde "erst im März wirksam, und die Mitgliederabstimmung über die Gewinner in den diversen Kategorien ist bereits im Gang." Susan Vahabzadeh erklärt in der SZ die Hintergründe: Am vergangenen Montag hatte ein von Hunderten Filmschaffenden unterschriebener offener Brief in Le Monde die Entscheidung des Rats gerügt, dass die feministischen Filmemacherinnen Claire Denis und Virginie Despentes "von der Führungsclique der Académie ohne Begründung von einer Veranstaltung ausgeschlossen worden, bei der die Nominierungen präsentiert werden. Den Unterzeichnern geht es um Transparenz: Warum, wollen sie wissen, dürfen sie eigentlich ihren Vorstand nicht wählen oder sonst wie an seinen Entscheidungen partizipieren?"

In der FAZ gratuliert Dietmar Dath Tsui Hark zum Siebzigsten. Einen guten Eindruck des Irrsinns, der in den Filmen des Hongkong-Actionregisseurs waltet, vermittelt dieses Video:



Ai Weiwei hatte zuletzt wieder böse auf die Berlinale geschimpft, die seine Filme einfach nicht zeigen wolle. Ein bisschen anders stellt sich das schon dar, wenn man den Ergebnissen von Christiane Peitz' Nachfrage für den Tagesspiegel beim Festival folgen darf. Sie hat erfahren, dass Ais "Produktionsfirma Mitte Dezember auf eine schnelle Entscheidung gedrungen habe, wegen einer anderen Festivalanfrage. Diese habe die Sektion Panorama, wo der Film gesichtet worden war, mitten im Auswahlprozess noch nicht treffen können."

Weiteres zur Berlinale: Tim Caspar Boehme stimmt in der taz auf das Festival ein, die sich im ersten Jahrgang der neuen Doppelspitze Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek eher durch "kleine Änderungen" auszeichnet. Sehr schön geraten ist Claus Lösers großes Gespräch für die Berliner Zeitung mit den Berliner Cinephilen Erika und Ulrich Gregor, die mit der Gründung des Berlinale-Forums vor 50 Jahren und des Kino Arsenals die Filmgeschichte entscheidend geprägt haben.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.02.2020 - Film

Nicole Kidman in "Bombshell"


Jay Roachs Film "Bombshell", der aufarbeitet, wie eine Handvoll Frauen bei Fox News 2016 den sexuell übergriffigen CEO Roger Ailes zu Fall brachten, wurde vom ersten Schwung Kritiken ziemlich verrissen (unser Resümee). Und stimmt ja auch, schreibt Cosima Lutz in der Welt: Ein mitreißend feministischer oder zumindest analytischer erkenntnisreicher Film ist "Bombshell" auf den ersten Blick nicht. Aber es lohnt sich, sich davon nicht verprellen zu lassen und zu beobachten, wie hier "willensstarke weibliche Profis des Taktierens eher neben- als mit- oder füreinander kämpfen. ... Letztlich schrumpelt aller Maskenbildaufwand zu einer bescheidenen und traurigen Einsicht zusammen: Auch weiße, rechtskonservative Karrieristinnen haben das Recht, von dem misogynen Umfeld, das sie selbst mit erschaffen, genutzt und gestützt haben, nicht belästigt zu werden." Und dennoch hat Thomas Klein von der Berliner Zeitung am Ende des Films erhebliche Probleme damit, "dass man den so reaktionären wie rücksichtslosen Rupert Murdoch auch noch feiern soll, wenn er Ailes dann doch endlich feuert."

Weitere Artikel: Viola Schenz tadelt in der NZZ das Gegenwartskino dafür, ein zu unbekümmertes Verhältnis zum Ekel zu unterhalten: "Protagonisten beim Kotzen und Pinkeln zu zeigen, nützt selten der Dramaturgie." Für den Tagesspiegel wirft Gunda Bartels einen Blick in die Berlinale-Sektion "Perspektive Deutsches Kino". Andreas Conrad erzählt im Tagesspiegel Anekdoten aus der Frühgeschichte der Berlinale. Conrads Kollege Christian Schröder weiß, wie Jayne Mansfield im Festivaljahr 1961 alle Aufmerksamkeit von Antonioni und Konsorten auf ihren Busen lenkte.

Besprochen werden Corneliu Porumboius "La Gomera" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), Abel Ferraras "Tommaso und der Tanz der Geister" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), die Computerspielverfilmung "Sonic the Hedgehog" (FAZ) und Sabine Derflingers Doku "Die Dohnal" über Österreichs erste Frauenministerin Johanna Dohnal (Presse).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.02.2020 - Film

Bitterer Seelenstriptease: Willem Dafoe in Abel Ferraras "Tommaso und der Tanz der Geister"

Selten, dass mal ein Film von Abel Ferrara in die hiesigen Kinos kommt. Mit "Tommaso und der Tanz der Geister" wirft der mittlerweile nach Italien ausgewanderte US-Regisseur wieder einmal einen Blick in die eigene Biografie: Willem Dafoe spielt hier einen Regisseur, der nach Italien ausgewandert ist, derzeit an einem Film arbeitet und auf eine von Drogen gesäumte Biografie zurückblickt. Einen fast traumwandlerischen Film mit surrealen Einsprengseln hat Robert Wagner von critic.de gesehen: "Tommaso läuft von Ort zu Ort, von Person zu Person und erlebt mal diese, mal jene Kleinigkeit, die alle erst in Summe ein Bild ergeben. ... Die größte Änderung Ferraras in den letzten 25 Jahren ist dabei nicht etwa die Erkenntnis, dass er bzw. sein Protagonist ein Problem mit Nähe hat. Sondern dass es dafür nicht mehr wie früher explosive Momente braucht", denn heute reicht schon "ein Wutanfall, um Tommaso zur (selbst-)zerstörerischen Figur zu machen. Die Ruhe des Films gibt Kleinigkeiten große Wirkung. In den luftigen Momentaufnahmen wirken die kleinsten Anzeichen von Niedertracht giftig. Der filmische Seelenstriptease ist dabei nicht weniger bitter."

Einen der schönsten Filme der letzten Zeit hat Perlentaucher-Kritiker Jochen Werner gesehen, "einen Film über Angst", der in seinen beeindruckendsten Momenten dennoch "von einem in Ferraras Werk ohne Vergleich bleibenden inneren Frieden geprägt ist." Doch beobachtet er auch einen "nagenden Zweifel an der eigenen Fähigkeit, dieses Leben, diesen Frieden auf Dauer zu leben. Immer wieder verschiebt sich die Wirklichkeit der Filmerzählung, oft übergangslos, ins Halluzinatorische, und die Dämonen, die in Tommasos Innerstem unaufhörlich weiterfressen, suchen nach Ausdruck." Werner weist auch darauf hin, dass dieser Film bereits "Siberia" vordenkt, Ferraras Ende des Monats im Wettbewerb der Berlinale gezeigten neuesten Film.

Wenn der Reichtum prekär wird: Corneliu Porumboius "La Gomera"

Mit "La Gomera" von Corneliu Porumboiu findet auch wieder ein Vertreter des jüngeren rumänischen Autorenfilms seinen Weg in die hiesigen Kinos. Einen Krimi und Spionagefilm gibt es hier zu sehen, dessen "alltägliche Surrealität" direkt "der modernen Überwachungstechnologie entspringt", erklärt Daniel Kothenschulte in der FR. "Die Subjekte in den Räumen wissen, dass sie beobachtet werden und richten ihre Leben sorgfältig nach den Überwachern hinter den Kameras aus", erzählt auch Katrin Doerksen im Perlentaucher - und betont die Relevanz der Farben für die Ästhetik dieses Films. Zu sehen gibt es hier "eine Gesellschaft, in der niemand glaubt, mit der Arbeit, die er verrichtet, auf Dauer über die Runden zu kommen", erfahren wir von Fabian Tietke in der taz. "Die Einzigen, die mit ihrer Erwerbsarbeit im Reinen sind, sind die Drogenhändler." Alles in allem ist der Film demnach "eine kluge Komödie über europäische Gesellschaften, nachdem diese vor allem an den Rändern Europas in der Finanzkrise gelernt haben, wie prekär ihr Reichtum geworden ist." Nicht zuletzt ist der Film auch eine Hommage an die Filmgeschichte, schreibt Philipp Stadelmaier in der SZ: "Einerseits laufen die Figuren dem Versprechen von Glück und Reichtum hinterher, wie es einst von den großen Hollywoodfilmen inszeniert wurde. Und gleichzeitig sind die Zeiten von Rita Hayworth und John Wayne vorüber - die Studios stehen leer, das Kino ist nur noch reine Fassade, unbenutzte Kulisse."

Weitere Artikel: In der NZZ sprechen Philippe Graber und Willy Schaffner an der Arbeit zu ihrem Schweizer Film "Moskau einfach". Außerdem empfiehlt Peter Nau den Berliner taz-Lesern die Aufführung von Jean Grémillons "Die Liebe einer Frau", den das Kino Arsenal heute abend zeigt. Nachrufe auf Joseph Vilsmaier schreiben Rudolf Neumaier (SZ), Harry Nutt (FR), Gunda Bartels (Tagesspiegel) und Andreas Kilb (FAZ).

Der Tagesspiegel wirft bereits einen ersten Blick ins Programm der Berlinale: Christiane Peitz schreibt über die Filme des Berlinale-Special. Christian Schröder empfiehlt Filme aus der King Vidor gewidmeten Retrospektive. Kirsten Taylor hat sich in der Jugendfilmsektion umgesehen. Nadine Lange pickt Entdeckungen aus dem Panorama heraus.

Besprochen werden Aysun Bademsoys Dokumentarfilm "Spuren - Die Opfer des NSU" (taz, Dlf Kultur hat mit der Filmemacherin gesprochen), Pella Kagermans und Hugo Liljas Science-Fiction-Film "Aniara", der SF-Experte Dietmar Dath völlig von den Socken haut (FAZ), Jay Roachs "Bombshell" (taz, Jungle World, FR, Tagesspiegel, mehr dazu bereits gestern), Johannes Holzhausens Dokumentarfilm "The Royal Train" (taz), Oliver Kienles deutscher Netflix-Film "Isi & Ossi" (SZ) und eine Ausstellung in der Deutschen Kinemathek in Berlin anlässlich des 100. Geburtstags von Robert Wienes Stummfilmklassiker "Das Cabinet des Dr. Caligari" (taz). Den Film selbst kann man derzeit in der Arte-Mediathek sehen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.02.2020 - Film

Wirklichkeit und Fiktion: Problematisch in "Bombshell"

Langsam sickert die Aufarbeitung von #MeToo auch in die Produktion des Hollywoodkinos ein: Jay Roachs "Bombshell" erzählt, wie die Moderatorin Gretchen Carlson - im Film gespielt von Nicole Kidman - 2016 Roger Ailes vom Krawallsender Fox News zu Fall brachte. Die Art der Umsetzung dieses Films kommt bei den ersten Kritiken allerdings nicht gut an: Dass es bei Fox News zu Übergriffen kam, war kein Zufall, sondern fast schon Teil des Gesamtpakets, erklärt Sabine Horst auf ZeitOnline: Denn "Sexismus ist ein integraler Bestandteil der rechtspopulistischen Agenda, mit der der zum Murdoch-Imperium gehörende Kanal sein Geld einspielt. Und die Frauen, die 'Bombshell' vorstellt, haben dieses Programm, zum Teil an vorderster Front, repräsentiert und mitgetragen. Ein Widerspruch, den der Film nicht aushält, sondern aus dem er sich herauswindet - indem er die 'Frauenfrage' im Stil liberaler Identitätspolitik von allen anderen Formen der Unterdrückung trennt und die unbequemeren Eigenschaften der Protagonistinnen herunterspielt."

Ähnliches beobachtet Susan Vahabzadeh in der SZ: Dass der Film die Figur der Megyn Kelly (Charlize Theron), die mal dafür bekannt war, nicht unbedingt im positivsten Sinne erheblich auf den Putz zu hauen, aus dramaturgischen Gründen als Heldin darstellt, grenze an Geschichtsklitterung. Und das ist symptomatisch, findet Vahabzadeh: Roach versuche "jegliche Politik, also allen Kontext, aus seinem Film herauszuhalten - Fox News zeichnet er als normalen Nachrichtensender, bloß mit Belästigung, und Megyn Kelly als Vorkämpferin für Frauenrechte. Die Murdochs sind bei ihm keine politischen Drahtzieher, sondern Beobachter, die ganz irritiert aus der Ferne mitbekommen, dass Ailes - oh Schreck! - Mitarbeiterinnen belästigt hat. 'Bombshell' hat ein gestörtes Verhältnis zur Wirklichkeit."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.02.2020 - Film

Es tut sich was im Weltkino: Bong Joon-hos "Parasite"

Dass Bong Joon-hos "Parasite" (unsere Kritik) bei den Oscars nicht nur für das beste Drehbuch und die beste Regie, sondern zugleich auch als bester internationaler und auch generell bester Film ausgezeichnet wurde (unser erstes Resümee) kommt einer Zeitenwende im Kino gleich, sind sich die Kritiker einig. "Das Kino hat sich globalisiert", ruft Christiane Peitz überschwänglich im Tagesspiegel. "Bong Joon-ho hat mit seiner Gesellschaftssatire eine Hürde überwunden, an der namhafte internationale Regisseure wie Jean Renoir, Ingmar Bergman und Michael Haneke zuvor gescheitert sind", pflichtet ihr Lory Roebuck in der NZZ bei. "Die Illusion, dass das beste Kino aus Hollywood stammt - oder, erweitert betrachtet, aus Großbritannien -, war um Punkt 5 Uhr 30 außer Kraft gesetzt. Einige der größten Filmemacher aller Zeiten - Fellini, Truffaut und Kurosawa - haben nie einen Oscar erhalten. Jahrzehnte lang warf das einen grossen Schatten auf den glanzvollsten aller Filmpreise." Für einen Moment ist die Traumfabrik "so international wie noch nie, die lang gepflegte Dominanz des angelsächsischen Geschichtenerzählens scheint außer Kraft gesetzt", jubelt auch Tobias Kniebe in der SZ. "Der lange Prozess ihrer Ablösung durch ein neues Weltkino wird nun endgültig manifest."

Von einem "bahnbrechenden Erfolg" spricht auch Andreas Busche im Tagesspiegel, der viel Aufbruchsstimmung mitnimmt: "Dieser Zustand der Welt spiegelt sich auch in Joaquin Phoenix' bemerkenswerter Dankesrede wider, in der er sich gegen soziale und kulturelle Ungleichheit, die Ausbeutung unserer natürlichen Ressourcen und die 'Cancel-Kultur' ausspricht, die einen Dialog verhindere. Die Oscars haben schon eine Menge wohlfeiler Worte produziert, aber Phoenix, der sich selbst von seiner Generalkritik nicht ausnahm, hinterlässt einen bleibenden Eindruck." Überhaupt tut sich da was bei der Academy, hält Carolin Ströbele auf ZeitOnline fest: "Während in früheren Jahren die sogenannten Feel-good-Movies bei den Oscars eine größere Rolle spielten, schien es diesmal um mehr zu gehen. Nicht mehr um verbale Haltungsbekundungen wie #TimesUp und #OscarsSoWhite in vergangenen Jahren. Sondern um Haltung im Werk." Ähnlich sieht es Jenni Zylka in der taz. Die Quoten waren allerdings so niedrig wie nie zuvor, meldet etwa die Presse.

Thomas Hahn liefert in der SZ zudem einen kleinen Überblick über das südkoreanische Kino, das ihm im Großen und Ganzen allerdings nicht allzu viel zu geben scheint: Nach den krisengeschüttelten 90ern "ist Entertainment eine Art bejubelter Nationalsport in Südkorea, den einflussreiche Produktionsfirmen organisieren. ... Allerdings erreichen nur wenige Arbeiten eine künstlerische Tiefe wie 'Parasite'. Gerade Südkoreas Unterhaltungsfirmen scheinen oft lieber ablenken zu wollen von den gesellschaftlichen Problemen." Und Alex Rühle befasst sich in der SZ mit Julia Reicherts Doku-Gewinner "American Factory" über eine amerikanische Fabrik, die sich de facto in chinesischer Abwicklung befindet - für Rühle ein Film in der Tradition Ken Loachs.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.02.2020 - Film

Klassenunterschiede und Klamauk: Bong Joon Hos "Parasite"

In der Nacht wurden die Oscars verliehen - hier alle Auszeichnungen im Überblick. Der große Gewinner des Abends: Bong Joon Ho, der nicht nur für Drehbuch und Regie gleich zwei Oscars erhalten hat, sondern dessen "Parasite" (unsere Kritik) zudem nicht nur als bester internationaler, sondern darüber hinaus auch als bester Film ausgezeichnet wurde - eine Sensation in der Geschichte der Academy Awards, schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt: Denn zum ersten Mal in deren Geschichte hat ein nicht-englischsprachiger Film die begehrteste Auszeichnung erhalten. Der Film ist ein Paradebeispiel für das südkoreanische Kino, das seit vielen Jahren auf hohem Niveau Filme liefert, schreibt Anke Leweke auf ZeitOnline: "Seit Jahren versetzt dieses Kino die Gäste internationaler Festivals in eine Art Schockzustand: halb Erstarrung, halb Nachdenklichkeit. ... Vielleicht hat sich das südkoreanische Kino mit Bong Joon Hoos 'Parasite' das schönste Geschenk zum hundertsten Geburtstag gemacht. Der Film über eine Familie aus der Unterschicht, die eine Neureichenfamilie unterwandert, ist die Synthese der großen Themen und kulturellen und historischen Prägungen: Messerscharf gezeichnete Klassenunterschiede, subversiver Klamauk, pittoreske Gewalt - vereint in einer eleganten Genre-Erzählung." Hier Bong Joon Hos so bescheidene, wie emotionale Dankesrede für die Auszeichnung als bester Regisseur:


Weiteres zu den Oscars: David Hugendick würdigt auf ZeitOnline Joaquin Phoenix, der für "Joker" (unsere Kritik) als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde. Wenke Husmann porträtiert Scarlett Johansson, die in diesem Jahr für zwei Oscars nominiert war. Für den Standard erkundigt sich Bert Rebhandl bei der Cutterin Monica Willi, wie man sich Alltag und Arbeit eines Academy-Mitglieds vorstellen muss. Peter Huber fordert in der Presse, dass die Gala künftig wieder moderiert sein soll. Die Zeit bringt eine Fotostrecke vom ziemlich gewöhnlichen Alltag, der auf dem Hollywood Boulevard herrscht, wenn dort mal keine Oscarverleihung stattfindet.

Weiteres: Ilya Khrzhanovskiys für die Berlinale als Weltpremiere angekündigter Film "Dau.Natascha" lief in allerdings angeblich abgewandelter Version bereits im Januar in Paris, muss Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Peitz zu ihrer Verwunderung feststellen. Gunda Bartels plaudert für den Tagesspiegel mit dem Schauspieler Samuel Finzi, der Anke Engelke als Berlinale-Moderator ablöst.

Besprochen werden Agnès Vardas "Varda par Agnès" (Jungle World, Tagesspiegel, unsere Berlinale-Kritik hier), Ulrich Köhlers und Henner Wincklers "Das freiwillige Jahr" (Freitag), die nunmehr auch synchronisiert vorliegende dritte Staffel der Amazon-Serie "The Marvelous Mrs. Maisel" (taz), die Apple-Serie "Little America" (Freitag) und neue Heimveröffentlichungen, darunter eine DVD von Claude Chabrols "Alice" - "ein sehr unbekannter, mysteriöser Film", meint SZ-Kritiker Fritz Göttler.