Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.08.2019 - Film

"Captain America" hat die Highways endgültig verlassen: Peter Fonda ist in der Nacht gestorben, melden Hollywood Reporter und Variety.



Als neuer Siegfried-Kracauer-Stipendiat befasst sich Matthias Dell in seiner ersten Textlieferung für den Filmdienst mit dem filmhistorischen Festival Il Cinema Ritrovato in Bologna, wo es neben Debatten über die bis zur nächsten letztgültigen Fassung vorerst letztgültige Fassung von Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" auch um einen von Olaf Möller kuratierten Schwerpunkt zum deutschen Film zwischen 1945 und 1949 ging. Mit Herbert Fredersdorfs und Marek Goldsteins "Lang is der Veg" (1948) und Josef von Bákys maßgeblich auf Initiative des Schauspielers Fritz Kortner 1949 entstandenen "Der Ruf" gab es dort auch zwei außerordentlich frühe Filme über Nazi-Deutschland und dessen Folgen wiederzuentdecken: Insbesondere Bákys Film über einen Exil-Professor, der nach Deutschland zurückkehrt, "deutet eine Kontinuität an, die hinter der Idee einer 'Stunde Null' verschwand im Selbstbild der Bundesrepublik: Wenn eine Gruppe antisemitischer Studenten überlegt, wie sie Stimmung machen kann gegen den Heimkehrer und dabei den 'Propagandawert' seines Telefonanschlusses mit Verweis auf Goebbels diskutiert, dann erscheinen heutige Strategien rechter Diskursattacken unmittelbar anschlussfähig. ... Würde es eine Geschichte des Revisionismus im bundesdeutschen Kino geben, zu der 'Der Ruf' gehörte, wäre das mediale Erstaunen über scheinbar neue gesellschaftliche Phänomene wie den 'Rechtsruck' geringer im Wissen um die Kontinuität bestimmter Einstellungen und Politiken. Aber tradiert werden kann eben auch nur, was technisch verfügbar ist."

Weiteres: Olga Baruk (critic.de), Urs Bühler (NZZ) und Rüdiger Suchsland (Artechock) berichten weiter fleißig vom Filmfestival in Locarno. Für die SZ plaudert David Steinitz mit Hollywoodschauspielerin Diane Krüger. Und Thomas Groh präsentiert in seinem Blog ein tolles Fundstück: Fantastische Fotos von den Dreharbeiten zu Klaus Lemkes Klassiker "Rocker".

Besprochen werden Angela Schanelecs "Ich war zuhause, aber..." (Zeit, Freitag) und die Netflix-Komödie "Einer von sechs" mit Marlon Wayans (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.08.2019 - Film

Wiederentdeckt: "West Indies" von Med Hondo

Zu den Highlights des Filmfestivals in Locarno zählte in diesem Jahr wieder die Retrospektive, freuen sich die Kritiker vor Ort. Unter dem Titel "Black Light" war die von Greg de Cuir Jr. kuratierte (zuvor auch schon von Georg Seeßlen im Freitag besprochene) Reihe der schwarzen - nicht nur afro-amerikanischen - Erfahrung gewidmet. "Am Ende dieser umfangreichen und überraschenden Retrospektive bleibt der Eindruck einer irritierenden Zeitlosigkeit", schreibt Isabel Pfaff in der SZ.

Viel "unerwartetes war darunter, 'West Indies' von Med Hondo etwa, ein mitreißendes Musical aus Frankreich, Algerien und Mauretanien von 1979", lobt Verena Lueken in der FAZ. Der Film spiele "ausschließlich und sehr brechtisch in einer einzigen Kulisse und erweckte darin vierhundert Jahre Sklavereigeschichte zum Leben - mit einer Gruppe kraftvoller und technisch herausragender Tänzer und einer kleinen Gruppe von Schauspielern, die sämtliche historischen Rollen spielten. Vom afrokaribischen Sklavenhandel zur zeitgenössischen Migration von Arbeitskräften aus den ehemaligen Kolonien wob Hondo ein dichtes Netz von Bezügen, mit staunenswerten Bildern. Die Kulisse? Ein Schiff. Auf seinen verschiedenen Ebenen, vom Frachtraum zum Kapitänsdeck, bewegte sich die Inszenierung so fließend, dass die historische Kontinuität augenfällig wurde." Im kurzen Videostatement spricht Kurator Greg de Cuir Jr. über seine Reihe:



Auf Moviepilot erklärt Rajko Buchardt anlässlich des Kinostarts von "Toy Story 4", wie es Disney gelungen ist, das Animationsstudio Pixar zu ruinieren. Während die Saga um die Spielzeugfiguren vor zehn Jahren einen würdigen Abschluss fand, muss "das von der Selbstbestimmung eigensinniger Kinder bedrohte Spielzeug aus 'Toy Story 4' jetzt alles daran setzen, seine Produktivität und Zweckdienlichkeit zurück zu gewinnen. Dem sanftmütigen Existenzialismus der Vorgänger ist eine lärmende, nur ständig Figuren aufeinander loslassende Dringlichkeit gewichen. In diesem Kino gibt es nichts mehr zu entdecken."

In der FAZ zeigt sich Andreas Platthaus sehr skeptisch, was den jüngsten Fotorealismus der Reihe betrifft: "Die 'Illusion of Life' darin ist tatsächlich perfekt. Allerdings nur bei den Hintergründen, die derart fotorealistisch computergezeichnet sind, dass man sich fragt, warum man sich überhaupt noch die Mühe gemacht hat, die Wirklichkeit zu imitieren; abfilmen wäre billiger gewesen und hätte nicht anders ausgesehen." FR-Kritiker Daniel Kothenschulte sieht in dem Film immerhin "ein Plädoyer für Nachhaltigkeit im Kinderzimmer" und hat sich für die Welt mit dem Regisseur Josh Cooley unterhalten.

Weiteres: Dirk Peitz schaut für ZeitOnline genau hin, wie Brad Pitt in Quentin Tarantinos "Once upon a Time in Hollywood" (hier unsere Kritik) inszeniert wird. Besprochen werden Angela Schanelecs "Ich war zuhause, aber..." (Welt, mehr dazu bereits hier) sowie Zeek Earls und Christopher Caldwells auf Heimmeiden veröffentlichter "Prospect" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.08.2019 - Film

Der Natur nicht entfremdet: Angela Schanelecs "Ich war zuhause aber,..." (Bild: Nachmittagfilm)

Als sensibles Kinowunder feiert Ekkehard Knörer in der taz Angela Schanelecs neuen, von der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichneten Film "Ich war zuhause, aber...", der, wie er versichert, auch Menschen offensteht, denen die filmhistorischen Anspielungen des Films nicht ohne weiteres etwas sagen: "Jeder filmische Schnitt ist ein möglicher Abgrund. Das gilt ja eigentlich immer im Kino, aber Angela Schanelec, die hier auch den Schnitt selbst gemacht hat, macht mit dieser banalen Erkenntnis richtig Ernst. ... Es geht hier um sehr existenzielle Dinge, von denen viele aufs Äußerste alltäglich sein können: ein Radkauf, ein Schwimmbadbesuch, ein kleiner Tanz im Krankenhauszimmer, das Theaterspiel in der Schule. Schanelec sieht und hört bei all dem einfach nur sehr genau hin. Das Wunder liegt darin, wie sie im Ausschnitt der Bilder, in Tableau und Kamerafahrt, mit Dialog in On oder Off, im sanften oder brutalen Schnitt das aufwühlende Drama im Alltäglichen, die existenziellen Dimensionen unseres Dahinlebens offenbart."

Tagesspiegel-Kritikerin Dunja Bialas sah vor allem "einen sinnlichen Film": "Schanelecs große Filmkunst besteht darin, dass sie das Zentrum der Szenen ins Off drängt. Das Unsichtbare, das nur Hör- oder Erahnbare ist bei ihr genauso wichtig wie das, was wir sehen. Alles verschränkt sich in einem Kunstraum, der sich der Konvention des Kinos verweigert." Eine schöne, allgemeine Würdigung der Künstlerin findet sich in Bert Rebhandls FAZ-Kritik: Die Regisseurin "ist eine Chronistin der Gegenwart und öffnet diese Gegenwart zugleich in jedem Moment auf ihre bestimmenden Dimensionen: auf ein Bewusstsein für die Traditionen, aus denen sie kommt, und auf ein Bewusstsein von der Offenheit in eine ungeahnte Zukunft. Auf ein Leben, das seiner Natur nicht entfremdet ist und seiner Kultur gewahr." In der Zeit schreibt Katja Nicodemus über den Film.

Weiteres: Bester Laune berichtet Tobias Sedlmaier in der NZZ vom Filmfestival Locarno. Dessen Schwerpunkt zum "Black Cinema" widmet sich Georg Seeßlen im Freitag. Jenni Zylka empfiehlt in der taz ein vom Filmfestival Final Girls in Berlin ausgerichtetes Wochenende zum Thema "Frauen im Science-Fiction-Film".

Besprochen werden Quentin Tarantinos "Once upon a Time in Hollywood" (Jungle World, Standard, mehr dazu bereits hier und dort), Eckhart Schmidts "Alpha City" von 1985 (critic.de), Josh Cooleys neuer "Toy Story"-Film (taz, Welt, Tagesspiegel) und Leonardo DiCaprios Naturdokumentation "Ice on Fire" (Welt).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.08.2019 - Film

Verlorene Unschuld der Popkultur: "Once upon a Time in Hollywood"

Quentin Tarantinos "Once upon a Time in Hollywood" liefert den Filmkritikern als Hommage an die Krise Hollywoods der späten 60er ordentlich Futter (unser erstes Resümee). Es geht auch um Sharon Tate und die Manson-Morde, schreibt Lukas Foerster im Filmbulletin, ganz und hin weg von Margot Robbie, die Tate spielt. Wieder gehe es Tarantino um eine Geschichte der Gewalt, diesmal hat er "die Manson-Morde einer Tarantinofizierung unterzogen und sozusagen im Raum eines allseitig anschlussfähigen kulturellen Imaginären aufgehoben". Doch "das Gespreizte, Angestrengte, das in den anderen genannten Filme, der Brillianz einzelner Szenen zum Trotz, stets irritierte, weicht einer enstpannten, spielerischen, schon fast altmeisterlichen Souveränität. Wenn 'Once Upon a Time in Hollywood' Tarantinos rundester, beglückendster Film seit 'Jackie Brown' geworden ist, dann hat das möglichwerweise mit der Passung von Süjet und Methode zu tun: Die Geschichte von Manson und Tate, dem verhinderten Folkrock-Musiker und dem verhinderten Hollywood-It-Girl, lässt sich nun mal kaum anders erzählen als so, wie Tarantino es tut: als ein düsteres, zutiefst ironisches Märchen über die verlorene Unschuld der Popkultur."

Tazler Fabian Tietke sah "eine autorenfilmerische Austattungsorgie", die "immer dann am besten funktioniert, wenn sich der Film selbst nicht um seine Handlung schert." Für FR-Kritiker Daniel Kothenschulte ist das "ein Film über das Triviale mit den Mitteln einer aussterbenden Kunst" und spielt damit auch auf das Analogmaterial an, auf dem Tarantino grundsätzlich nur dreht.  Dazu passend: In Los Angeles konnte FAZ-Kritiker Andreas Platthaus einer 70mm-Vorstellung des Films beiwohnen - und dann wegen eines nicht zu flickenden Filmrisses, dessentwegen der Rest des Films digital gezeigt werden musste, prompt einen Medienvergleich anstellen: Digital sieht "tatsächlich um einiges schlechter aus, weil die akribische Inszenierung von Hollywood im Jahr 1969 auf Zelluloid körniger und farbgesättigter daherkommt - so, wie wir das Kino jener Zeit eben aus Seherfahrung kennen." Die Analogmaterial-Freunde im Perlentaucher-Team stimmen dem eindeutig zu. Für den Filmdienst hat sich Patrick Holzapfel ein fiktives Treffen mit Tarantino ausgedacht. Und das ist mal eine schöne Online-Promo: Tarantino hat als Begleitmaterial zum Film ein ganzes Online-Magazin aus dem Boden stampfen lassen.

Weiteres: Für Kinozeit hat sich Katrin Doerksen die wenigen DEFA-Filme angesehen, die konkret den Mauerbau thematisierten. Rüdiger Schaper meldet im Tagesspiegel, dass der Vermögensverwalter Blackrock die Markenrechte an Marilyn Monroe gekauft hat. Besprochen werden Angela Schanelecs "Ich war zuhause, aber..." (SZ, mehr dazu bereits hier), der neue "Toy Story"-Film von Pixar (SZ) und die Trennungskomödie "Und wer nimmt den Hund?" mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.08.2019 - Film

Von großen Aufregungen in Frankreich berichtet Frédéric Jaeger in seiner Vierteljahrskolumne auf SpOn zum Kinogeschehen: Seit Juli steht dort mit der Berufung von Dominique Boutonnat zum Leiter der Filmförderungsstelle CNC laut Kritikern das Ende der exception culturelle zu fürchten und damit das französische Kino als nationaler Schatz auf dem Spiel - wogegen sich breit aufgestellter Widerstand sehr unterschiedlicher Filmschaffender regt. Denn: Boutonnats bisheriges Portfolio als privater Filmfinanzier beschränkt sich vor allem auf lancierte Kassenerfolge - und zu Macrons Spendern zählt er auch. Sein Ziel: "künftig einen politischen Schwerpunkt auf die größere Rentabilität des Kinos zu setzen, um private Investoren anzulocken. Das genaue Gegenteil also der 'kulturellen Ausnahme'."

Weitere Artikel: Isabel Pfaff hat für die SZ den Schweizer Filmemacher Fredi M. Murer besucht, der vom Filmfestival Locarno für sein Lebenswerk geehrt wird. In der NZZ porträtiert Urs Bühler Lucius Barre, den Protocol Officer des Filmfestivals Locarno.

Besprochen werden die Amazon-Doku-Serie "Free Meek", mit der der Rapper Meek Mill in eigener juristischer Sache auftritt (Presse), Quentin Tarantinos "Once Upon a Time in Hollywood" (SZ, mehr dazu bereits hier), Sabus von Arte online gestellter Thriller "Mr. Long" (FR), Stefan Ruzowitzkys vom ZDF online gestellter Actionthriller "Die Hölle" (FAZ) und Cindy Chupacks von Netflix online gestellter Fernsehfilm "Otherhood" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.08.2019 - Film

Nach Bildern gebaut: Angela Schanelecs "Ich war zuhause, aber..." (Bild: Nachmittagfilm)

"Sprechen ist in Schanelecs Filmen kein Motor der Erzählung, sondern wird als filmische Konvention in Frage gestellt", schreiben Dennis Göttel und Dierk Saathoff in einem für die Jungle World erstellten Gutachten über Angela Schanelecs neuen Film "Ich war zuhause, aber...". Der Film handelt von einer Frau im Berliner Kulturmilieu, die den Tod ihres Mannes verarbeiten muss. Doch "Schanelecs Filme sind nicht nach der Narration, sondern nach Bildern gebaut. Was passiert, muss sich nie veränderten Bildausschnitten fügen. Die montierten Bilder ergeben meist keinen kohärenten Raum. In der Strenge der Anordnung ähnelt der Film bisweilen tableaux vivants."

Besprochen werden Quentin Tarantinos "Once Upon a Time in Hollywood" (Tagesspiegel, NZZ, Presse, der Standard hat mit Tarantino gesprochen, mehr zum Film bereits hier), Malik Baders Thriller "Killerman" (SZ), Rainer Kaufmanns Beziehungskomödie "Und wer nimmt den Hund?" (taz), İlker Çataks Scheinehendrama "Es gilt das gesprochene Wort" (Freitag) und der auf DVD veröffentlichte Film "Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile" über den Serienmörder Ted Bundy (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.08.2019 - Film

Der Filmdienst spricht mit Ritesh Batra über seinen Film "Photograph" (unser Resümee), der damit das in Bollywood etablierte Narrativ "reiches Mädchen und armer Junge verlieben sich" in einem realistischen Register umsetzen wollte. Auch die sozialen Zuspitzungen seines Landes spielten für ihn eine Rolle: "Großstädter gehen gar nicht aufs Land. Sie wissen gar nicht, wie es dort aussieht. Umgekehrt gehen viele Menschen von den Dörfern in die Großstädte, um überhaupt noch Arbeit zu finden, nicht nur in Indien, sondern auch in China. Das ist eine riesige Migration, Menschen strömen in die Großstädte, arbeiten, sparen Geld, das sie dann nach Hause schicken. Das ist ein brisantes Phänomen, sehr massiv. Und es verändert natürlich auch das Zusammenleben in den Städten. Das wollte ich in meinem Film anklingen lassen."

Weitere Artikel: Heide Rampetzreiter erinnert in der Presse an die vor 50 Jahren durch die Manson-Family ermordete Schauspielerin Sharon Tate. Der WDR hat aus diesem Anlass Jörg Buttgereits Hörspiel "Summer of Hate" über die Manson-Morde wieder online gestellt. Im Filmdienst erinnert Patrick Holzapfel an die Produzentenlegende Dino De Laurentiis, die am 8. August 100 Jahre alt geworden wäre. Für epdFilm porträtiert Sascha Westphal den Actionschauspieler Jason Statham.

Besprochen werden Werner Herzogs von Arte online gestellter Spielfilm "Salt & Fire" mit Veronica Ferres (FR, critic.de, unsere Kritik hier), Paul Thomas Andersons auf Netflix gezeigter, zusammen mit Thom Yorke gestalteter Kurzfilm "Anima" (The Quietus), Quentin Dupieuxs "Le daim" (Filmbulletin), neue BluRay-Ausgaben von Nicolas Roegs "Wenn die Gondeln Trauer tragen" und Paul Wegeners  "Der Golem" (im Filmdienst hier und dort), die Netflix-Anthologieserie "Love, Death & Robots" (FR), die Serie "Stadtgeschichten" (Freitag), die beiden beim Filmfest Locarno gezeigten Schweizer Produktionen "Wir Eltern" und "Die fruchtbaren Jahre sind vorbei" (NZZ) und der Anthologiefilm "Berlin, I Love You", der in seiner Klischiertheit laut Freitag-Kritiker offenbar den Esprit eines Bier-Werbespots versprüht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.08.2019 - Film

Lässig, aber sehr erwachsen - und das in Hollywood: Brad Pitt und Leonardo Dicaprio in "Once Upon a Time in Hollywood" (Bild: Sony Pictures)

Für die Seite Drei der SZ hat sich David Steinitz mit Quentin Tarantino getroffen und beim Gespräch über "Once Upon a Time in Hollywood", der im Los Angeles des Jahres 1969 von der Krise Hollywoods und den Manson-Morden handelt, dem Meister beim Fuchteln und Lautreden beobachten können und auch die zahlreichen eingebundenen "Fucks" penibel mitgezählt ("noch öfter als in seinen Drehbüchern"). Interessanter sind seine Beobachtungen zu Tarantinos kulturellem Kapital im Betrieb: Denn Tarantino hält Kino und analogem Filmmaterial eisern die Treue - anders als viele von Tarantinos Weggefährten aus dem Boom des US-Independentkinos der Neunziger, die mittlerweile digital für Netflix drehen. "Once Upon A Time in Hollywood" sei damit "Tarantinos 100-Millionen-Dollar-Autorenfilmer-Manifest für das Kino. 100 Millionen Dollar Budget bedeuten in Hollywood eigentlich: Superhelden, kleinster gemeinsamer Nenner, freigegeben ab maximal zwölf. Quentin Tarantino nennt sein Werk, während er in seinen Haaren herumfuchtelt, einen 'relativ teuren Kunstfilm'. Er ist (und weiß dies auch) der letzte Mensch, dem ein Hollywoodstudio noch 100 Millionen Dollar in die Hand drückt, um eine Welt wiederauferstehen zu lassen, die der Regisseur als Sechsjähriger erlebt hat und die er nun als alter motherfucker des Autorenkinos reflektiert. ... Die Ironie im Jahr 2019 an 'Once Upon A Time in Hollywood' ist, dass Tarantino mit seinen Erinnerungen eines Sechsjährigen den mit Abstand erwachsensten Film gedreht hat, den man derzeit aus Hollywood bekommen wird."

Hin und weg von dem Film, der im übrigen erst nächste Woche startet, ist auch Zeit-Kritiker Thomas Assheuer, der den Film - anders als viele Tarantino-Kritiker - nicht als Gewaltverherrlichung, sondern als Meditation über und Kritik an Gewalt und Kino-Gewalt deutet: "Für Tarantino scheint es ein Heidenspaß zu sein, dem Publikum weiszumachen, sein Film sei eine Reise ins Wunderland des alten Kinos. Tatsächlich ist sein Hollywood der Spiegel des großen Amerika, der Spiegel einer Spaltung. Auf der einen Seite die Kulturindustrie mit ihren Bildern voller sinnloser Gewalt; auf der anderen Seite das vom Kino Verleugnete - das Reale, das Leben oder wie immer man es nennen will. "

Rüdiger Suchslands auf Artechock veröffentlichte Kommentare zum deutschen Kinobetrieb sind in ihrer Bissigkeit und Unversöhnlichkeit unverzichtbar, wenn man sich über Kinostarts hinaus fürs Filmgeschehen interessiert. In der aktuellen Lieferung rauft er sich die Haare darüber, dass ein Film wie Angela Schanelecs "Ich war zuhause, aber..." bei der Berlinale zwar mit dem Silbernen Bären beworfen wird, im Anschluss aber bei der Filmförderung abblitzt, wenn es um Verleihhilfe geht, die selbst noch hirnrissigsten deutschen Komödien überwiesen wird: "Wie ist das in Gottes Namen möglich??? Das BKM ist ja nicht irgendeine von Tante Emma geführte Länderbutze, sondern angeblich die 'kulturelle Filmförderung'. ... Warum pumpt man viel Geld in die Berlinale, sorgt aber nicht dafür, dass wenigstens die dort ausgezeichneten Filme auch vernünftige Startchancen bekommen?" Sein Fazit: "Hier läuft ganz, ganz viel falsch. Und das darf nicht, und es kann auch nicht so bleiben. So finanziert die öffentliche Hand das Sterben des Mediums Kino."

Außerdem: In der NZZ wünschte sich Sarah Pines, es wäre endlich Schluss mit James Bond: "Warum sollte man immer noch mehr Filme aus dem alten Agentenlappen herausquetschen, Geheimdienste weiter verklären und eine ganze Ästhetik in die unpassende Gegenwart zwingen?"

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.08.2019 - Film


In Safy Nebbous "So wie Du mich willst", einer Verfilmung eines Romans von Camille Laurens, spielt Juliette Binoche eine 50-jährige Frau, die sich im Netz als 24-Jährige ausgibt, um beim Online-Dating zu punkten. "Dringend gesucht", seufzt Daniel Kothenschulte in der FR, wird endlich einmal "der erste richtig gute Film über das Internet und seine Bedeutung für das Leben in unserer Zeit". Zwar hat der Film hier und da ein paar schöne inszenatorische Einfälle, doch "was dieser Film überhaupt nicht vermittelt, ist sein eigentliches Thema, die Macht der Worte. ... Seien wir gespannt, wann das Kino endlich einen Weg gefunden haben wird, die merkwürdigen Seelenlandschaften, die Chatrooms geniereren können, von den kleinen Displays auf die große Leinwand zu übertragen." Große Freude hat Tagesspiegel-Kritikerin Dunja Bialas an Juliette Binoches Spiel (worin ihr SZ-Kritikerin Martina Knoben nur beipflichten kann), den Film selbst findet sie zuweilen "etwas beutlich inszeniert." Presse-Kritikerin Anne-Catherine Simon sah "ein interessantes Verwirrspiel mit Identitäten und Geschichten".

Distanz zur Realität Indiens: Ritesh Batras "Photograph"

Ritesh Batras
in Mumbai spielender Film "Photograph" über einen Fotografen, der sich in eine Frau aus einer höheren Kaste verguckt, könnte man sich gut als Romantic Comedy oder auch als Bollywood-Film vorstellen, schreiben die Kritiker. Doch Batra dreht, wie zuvor Mira Nair im indischen Kino, Filme für "ein Publikum das in der Lage ist, die Unterschiede zwischen einer Bollywood-Schnulze und einer 'echten' Liebesgeschichte zu goutieren und von beiden Formen das Beste zu erwarten", erklärt Bert Rebhandl in seiner online nachgereichten FAZ-Kritik. "Zu den sozialen und politischen Wirklichkeiten des Landes hält Ritesh Batra eine gebrochene Distanz. Er ist eben kein Realist, sondern er erzählt davon, wie sich in einer Welt, in der alles nach dem einen unverwechselbaren und dabei doch bestmöglich austauschbaren Bild strebt, ein Rest von Eigensinn halten kann." Ein bisschen anders sieht es Thomas Winkler in der taz: "Solidarisch mit seinen Protagonisten kapituliert 'Photograph' vor der Realität - und erzählt damit viel über Indien." Der Film ist "staunenswert zärtlich, aber allzu langsam inszeniert", gähnt Gunda Bartels im Tagesspiegel.

Weitere Artikel: Für die NZZ spricht Hoo Nam Seelmann mit dem koreanischen Regisseur Bong Joon-Ho über dessen in der Schweiz anlaufenden Cannes-Gewinner (und hier aktuell besprochenen) Film "Parasite". Carolin Weidner (taz) und Esther Buss (Tagesspiegel) empfehlen die Retrospektive Hedy Lamarr im Berliner Zeughauskino. Bert Rebhandl gratuliert in der FAZ dem Schauspieler Keith Carradine zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Alexander Gorchilins russisches Teenagerdrama "Acid" (FR, Tagesspiegel), Malik Baders "Killerman" (taz), das Scheidungsdrama "Und wer nimmt den Hund?" mit Ulrich Tukur und Martina Gedeck, das in Welt-Kritiker Elmar Krekeler die leise Hoffnung aufglimmen lässt, dass sich das Genre hiermit nun endgültig selbst beerdigt, und der Netflix-Film "Otherhood" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.08.2019 - Film

Szene aus Kenneth Macphersons Stummfilm "Borderline" von 1930 (mehr hier), produziert in der Schweiz


Auf ZeitOnline führt Andreas Scheiner ein sehr schönes, aber auch lustiges Gespräch mit der Französin Lili Hinstin, die nach dem Wechsel von Carlo Chatrian zur Berlinale das Filmfestival von Locarno leitet und im Gegensatz zum Interviewer überhaupt nicht an der Schweiz leidet: "Mir scheint, dass das gegenwärtige Filmschaffen in der Schweiz wieder sehr lebendig ist. Die Jungen sind gut, radikal", schwärmt sie etwa. Oder: "Die Schweiz ist doch ein Ort, wo starke anarchische und politische Bewegungen entstanden sind. In unserer Retrospektive zum Black Cinema des 20. Jahrhunderts zeigen wir eine unglaublich tolle Schweizer Produktion aus dem Jahr 1930: 'Borderline' von Kenneth MacPherson. Eine Dreiecksgeschichte zwischen einem schwarzen und einem weißen Paar. Sehr politisch, utopisch, irrsinnig modern, experimentell, rebellisch, freigeistig. Man mag es fast nicht glauben: Wie war so ein Film damals möglich? Und er kam aus der Schweiz!"

Weitere Artikel: Urs Bühler porträtiert in der NZZ den Schweizer Filmemacher Fredi M. Murer. In der "10 nach 8"-Reihe auf ZeitOnline schreibt die Schauspielerin und Filmproduzentin Saralisa Volm über ihre Versagensängste, die sie auch auf ihrem Instagram-Account "365 Imperfections" künstlerisch reflektiert. Im Tagesspiegel plaudern Martina Gedeck und Ulrich Tukur über ihren Trennungsfilm "Und wer nimmt den Hund?".

Besprochen werden Kim Longinottos heute Abend im Ersten gezeigter Dokumentarfilm "Shooting the Media" über die Fotografin Letizia Battaglia, die mit ihren Arbeiten die Verbrechen der Mafia dokumentiert (taz, FAZ) und Eckhart Schmidts "Atlantis" von 1970 (critic.de).