Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.05.2026 - Film

Stephan Ahrens schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf die Schauspielerin Angelica Domröse. In der FAZ gratuliert Andreas Kilb dem Regisseur Giuseppe Tornatore zum 70. Geburtstag. Besprochen wird Kirk Jones' Tourette-Drama "Verflucht normal" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.05.2026 - Film

Die Familie aus Cristian Mungius Drama "Fjord". Foto: Alamode Film 

Das Drama "Fjord" des rumänischen Regisseurs Cristian Mungiu hat in Cannes die Goldene Palme gewonnen! SZ-Kritiker David Steinitz hat dieses Jahr zwar kaum echte Meisterwerke in Cannes gesehen, aber viele gute Filme. Und auch der Gewinnerfilm überzeugt, findet er. Es geht um eine fundamental-christliche Familie, deren Kinder vom Jugendamt wegen angeblicher körperlicher Misshandlung in Pflegefamilien gesteckt werden: "ein finsterer Blick auf eine vorgeblich moderne Gegenwart, in der kaum noch jemand über den Tellerrand der eigenen Vorurteile blickt. Weder die zunächst so radikal wirkende Familie, noch die angeblich nur ums Kindeswohl bemühte norwegische Bürokratiemühle sind das, was sie zunächst scheinen. Dass erste (Vor-)Urteile selten zu guten Entscheidungen führen, weder im Privaten, noch in der Politik, dafür ist 'Fjord' eindrückliche Warnung." 

Daniel Kothenschulte attestiert "Fjord" in der FR zwar "ein ausgefeiltes Dialogbuch und das in skandinavischen Filmen immer wieder erstaunliche generelle Niveau der Schauspielkunst", sonst ist er weniger angetan, "auch dramaturgisch ist Eindimensionalität bedauerlich. ... Es hat schon etwas Populistisches, wie hier mit dem Zeigefinger auf eine ins Maßlose gedriftete 'Wokeness' gezeigt wird." Besser gefallen hat dem Kritiker Sandra Wollners Film "Everytime" (unser Resümee), der in der Nebenreihe "Un Certain Regard" den Hauptpreis abgeräumt hat - einer der "größten Erfolge der deutschen Filmgeschichte". 

Mungiu stellt immerhin zentrale Fragen nach dem Zusammenleben in einer offenen diversen Gesellschaft, meint Tim Caspar Boehme in der taz: "Wie geht eine offene und tolerante Mehrheit mit Minderheiten um, die sich für diese Offenheit nur bedingt interessieren? Wie kann man diese Menschen erreichen? Wie mit ihnen im Alltag leben? Und wie ehrlich ist diese Mehrheit mit ihren eigenen Vorurteilen, einschließlich rassistischen?" Gefreut hat er sich außerdem über den Preis der Jury für Valeska Grisebach und "Das geträumte Abenteuer": "Fast drei Stunden lässt Grisebach ihre Figuren durch eine Welt ominöser Codes und lauernder Gefahr treiben. Eine der mutigeren Entscheidungen der Jury, da Grisebachs sehr langsame Inszenierung manchen im Publikum einige Geduld abverlangen dürfte." Ein vergleichsweise schwaches Cannes-Jahr beklagt Marie-Luise Goldmann in der Welt. Im Tagesspiegel bilanziert Andreas Busche das Festival. 

Besprochen wird Bart Schrijvers Film "The North" (taz, hier zu Perlentaucher-Kritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.05.2026 - Film

Jan Küveler blickt in der Welt auf das Filmfestival in Cannes zurück, das große Umbrüche für die Filmindustrie insgesamt angedeutet hat. "Verlässt man sich noch auf Galapremieren, um Debatten und Karrieren zu starten, bestimmen Rechte-Einkäufe noch Trends, sind Festivals noch der zentrale Ort, an dem Kunst, Geschäft und kulturelle Macht zusammenlaufen? Oder übernehmen demnächst endgültig Influencer als zahme Claqueure? Hollywood ist dieses Jahr zu Hause geblieben, bis auf 'Propeller One-Way Night Coach', John Travoltas selbstfinanzierten Dia-Vortrag über die Liebe zum Fliegen. Nichts Neues von Spielberg oder Nolan, obwohl ihre Blockbuster in den Startlöchern stehen. Panels am Rande diskutierten, wie Kreative ihr Publikum zunehmend ohne Mittelsmänner finden, oder die Verheißungen und Drohungen durch KI. Einigkeit herrschte nur darüber, dass gerade kein Stein auf dem anderen bleibt. Wenn auch niemand weiß, wo das alles hinführt." In der taz blickt Tim Caspar Boehme auf die Filmfestspiele zurück und nennt die Favoriten für die Goldene Palme. 

In FAS spricht der iranische Regisseur Asghar Farhadi mit Mariam Schaghaghi über seinen Film "Histoires Parallèles", der in Cannes läuft. Außerdem äußert er sich zu dem Vorwurf, iranische Filmschaffende würden sich zu wenig zu den Ereignissen im Iran äußern und nimmt Bezug auf Trumps Vernichtungsdrohung gegenüber dem Iran. "Ich glaube nicht, dass sie zu still ist. Aber ich glaube, es ist das Mindeste, was ich tun kann: zu versuchen, einen Beitrag zu leisten, meine Stimme für einen Aufruf zu erheben, der fordert, dass die Zerstörung nicht militärischer Infrastruktur gestoppt wird. Ich ertrage es nicht zu hören, dass die Kultur und Zivilisation meines Landes verschwinden sollten. Es handelt sich nun einmal um eine jahrtausendealte Zivilisation."

Die Schauspielerin Nastassja Kinski hat im Wim Wenders Film "Falsche Bewegung" als 13-Jährige eine Szene halbnackt spielen müssen. Jetzt fordert sie, dass diese Szene nachträglich rausgeschnitten wird, konstatiert Claudia Tieschky in der SZ. Wenders - besser gesagt, seine Anwälte - lehnt dies bisher ab. "'Es müsse ja an 'Falsche Bewegung' auch gar nicht viel verändert werden, die Geschichte, sagt Nastassja Kinski, lasse sich auch erzählen, ohne dass sie auf diese Weise ausgestellt werde. In 'Taxi Driver' habe Scorsese mit der jungen Jodie Foster gedreht, die eine Prostituierte spielt - 'da sieht man nie was, und trotzdem erzählt er diese Geschichte'."

Weitere Artikel: Im Filmdienst zeigt Denis Sasse, wie sich das Kino mit dem Filmemachen selbst vor allem in Umbruchszeiten in eigenen Filmen auseinandersetzt. Maria Wiesner (FAZ) berichtet über die "Dogma 25"-Gruppe ein (unser Resümee). Pavao Vlajcic verabschiedet sich auf critic.de vom Filmfestival in Cannes. Tobias Rüther (FAS) besucht den Schriftsteller Saša Stanišić am Set von "Herkunft", einer Verfilmung von Stanišićs gleichnamigen Roman.

Besprochen werden unter anderem "Das geträumte Abenteuer" von Valeska Grisebachs (FR und FAZ), Nicolas Winding Refns "Her Private Hell" (critic.de), Jon Favreaus "The Mandalorian and Grogu" (Zeit Online), Mel Gibsons "Ladies First" (SZ), Guy Ritchies "In the Grey" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.05.2026 - Film

Ein Mann seiner Zeit: "Notre Salut" von Emmanuel Marre

Für Pavao Vlajcic (critic.de) zählt Emmanuel Marres "Notre Salut", der auf Grundlage von Aufzeichnungen von Marres Großeltern von einem Opportunisten in der Vichy-Zeit handelt, ohne Zweifel "zu den besten im diesjährigen Wettbwerb" von Cannes. "Allerdings bin ich mir aufgrund der relativ kompromisslosen Machart nicht sicher, als wie konsensfähig er sich erweisen wird." Der Film "psychologisiert nicht, arbeitet formal streng, mit beinahe dokumentarischem Gestus, zielt (...) auf den Kopf und nicht auf das Herz. Er lässt sich lange, aber in diesem Fall auch benötigte, 155 Minuten Zeit und zeigt bei privaten Abendessen, Parteitreffen und Arbeitsmeetings den Preis, den man für Konformität und Mitläufertum bezahlt. Der Regisseur dämonisiert seine Figur zu keinem Zeitpunkt, lässt sie aber auch nicht mit Ausflüchten und Ausreden davonkommen. So gelingt ihm ein überzeugendes Porträt eines Mannes seiner Zeit." Für die taz bespricht Tim Caspar Boehme den Film.

Ansonsten von der Croisette keine allzu großen Meldungen. Vielleicht nochmal eine Gelegenheit, auf dieses ominöse "Dogma 25" zu blicken, das Tom Tykwer, Kurdwin Ayub, Helene Hegemann, Nora Fingscheidt und İlker Çatak dort vor wenigen Tagen - "Dogma 95" rund um Lars von Trier eingedenk - ausgerufen haben. Erneut sind es erhebliche Selbstbeschränkungen, die sich die fünf deutschsprachigen Filmemacher auferlegt haben - beim Filmdienst kann man sie nachlesen. "Die Filmschaffenden präsentieren sich selbstbewusst und radikal", schreibt dort Felix Knorr. Rüdiger Suchsland kann darüber auf Artechock indessen nur lachen: "Warum muss es eigentlich ein Keuschheitsgelübde sein, warum keine filmische Orgie, keine cinephile Polyamorie? ... Bürgerlicher Puritanismus statt künstlerische Freiheit und keine erkennbare Selbstironie, stattdessen nur der alte zehnmal aufgebrühte Antikapitalismus von fünf etablierten Regisseuren, die offenbar mal ein bisschen herumspielen wollen. Verkrampft und aus zweiter Hand liest man eine Mischung aus leeren Behauptungen und Gelaber. Eine Totgeburt!"

Weiteres: Marie-Luise Goldmann spricht in der Welt mit Andrei Swjaginzew über dessen Film "Minotaur" (mehr dazu bereits hier). Josef Lederle (Filmdienst) und Hanns-Georg Rodek (Welt) resümieren das Festivalgeschehen der letzten Tage. 

Besprochen werden Hagai Levis Arte-Sechsteiler "Etty" nach den Tagebüchern von Etty Hillesum, die in Auschwitz ermordet wurde (Welt, unsere Kritik), Tarik Salehs "Eagles of the Republic" (Standard, Artechock), Damiano Michielettos "Vivaldi und ich" (Artechock), Dietrich Brüggemanns "Home Entertainment" (Artechock), Jon Favreaus "Star Wars"-Film "The Mandalorian und Grogu" (Artechock, unsere Kritik), Guy Ritchies "In the Grey" (Welt) und die ARD-Serie "Stardust Hotel" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.05.2026 - Film

"Minotaur" von Andrei Swjaginzew

Endspurt in Cannes: Es hat schon eine "etwas schiefe Optik, dass der einzige Film, der sich mit dem Krieg in der Ukraine auseinandersetzt, von einem russischen Regisseur stammt", schreibt im Tagesspiegel Andreas Busche über "Minotaur", den neuen, im Wettbewerb laufenden Film des Exilrussen Andrei Swjaginzew, der damit Claude Chabrols "Die untreue Frau" auf die russische Gegenwart umlegt. Trotzdem avanciert diese "bleierne Bestandsaufnahme von Putins Russland" auf der Zielgeraden zum Palmenfavoriten. "Mit kühler Unnachgiebigkeit, die für seine Filme charakteristisch ist, umzirkelt Swjaginzew seine Figuren, legt ihre Leere offen. Der Krieg in der Ukraine ist in vielen Einstellungen präsent, in Plakaten, Soldatenaufmärschen, Panzertransporten, wird aber nie explizit thematisiert. ... Unverkennbar, dass in diesem Bild einer zerrissenen Familie auch der Befund eines ganzen Landes steckt. In Cannes ist von der Solidarität mit der Ukraine nicht mehr viel zu spüren, und so thront Swjaginzews bildgewaltiger Pessimismus fast wie ein Mahnmal über einem streckenweise von der Welt seltsam entkoppelt wirkenden Wettbewerb." Pavao Vlajcic findet indes auf critic.de: "Das ist alles fein, sauber und nicht uninteressant gelöst - aber unterm Strich dann doch etwas etwas egal." Auf Artechock bespricht Rüdiger Suchsland den Film.

Derweil werden die Meisterwerke an der Croisette verzweifelt gesucht: Große Namen, derer sich das Festival stets rühmt, reichen eben nicht aus, die dazu gehörigen Menschen müssen dann auch große Filme drehen. "Amarga Navidad" etwa, der neue Film von Pedro Almodóvar, biete nicht mehr viel als "Kabinettstücke wie aus früheren Klassikern", seufzt Daniel Kothenschulte in der FR, doch "zu einem neuen Meisterwerk setzt sich das alles jedoch nicht zusammen". Ja, "die Croisette hat schon bessere Zeiten erlebt", seufzt auch Marie-Luise Goldmann in der Welt. Den neuen Almodóvar findet auch sie nur recht gelungen, aber nicht umwerfend: "Einen emotionalen Kern, existenzielle Fallhöhe oder politische Sprengkraft sucht man vergebens."

Außerdem aus Cannes: Im Podcast von critic.de sprechen Dunja Bialas, Valerie Dirk und Jenni Zylka über die die Filme der letzten Tage. Und im "Artepod" von Artechock diskutieren Rüdiger Suchsland und Christoph Petersen von Filmstarts über Cristian Mungius "Fjord". Lucien Scherrer (NZZ) und Rudolf Balmer (taz) berichten von den Bolloré-Turbulenzen, die in Frankreich nun auch die Filmbranche heimsuchen (mehr dazu bereits hier). Angesichts dessen, wie frisch aus dem Ei gepellt John Travolta (72) bei seinem Auftritt an der Croisette wirkte, vergeht Julia Werner (SZ) der Spaß daran, sich über Botox-Exzesse der Stars zu amüsieren: Sie "sehen aus, als hätte eine Bild-KI eine optimierte Version ihres jugendlichen Ichs ausgespuckt", damit "haben Schönheitseingriffe ihren Freak-Faktor verloren". Aus dem Festivalprogramm besprochen werden Marie Clémentine Dusabejambos Debütfilm "Ben'Imana" über den Völkermord der Hutu an den Tutsi im Jahr 1994 (taz), Arthur Hararis "The Unknown" (Kino-Zeit) und Katharina Rivilis' "I'll Be Gone in July" (Kino-Zeit). Und: der Kritikerspiegel auf critic.de für den schnellen Überblick.

Abseits von Cannes: Die Zeit gratuliert Marilyn Monroe mit einem Dossier zum hundertsten Geburtstag. Besprochen werden Bart Schrijvers "The North" (Perlentaucher), Jonas Ulrichs Black-Metal-Jugenddrama "Wolves" (taz), Jon Favreaus "Star Wars"-Film "The Mandalorian und Grogu" (Perlentaucher, taz), Damiano Michielettos Biopic "Vivaldi und ich" (Welt), Annemarie Jacirs "Palestine 36" (SZ), David Lowerys Horror-Melodram "Mother Mary" (SZ), die neue Netflix-Serie "The Boroughs" der Duffer Brothers, die auch schon "Stranger Things" machten ("Es wurde höchste Zeit für eine Ü-70-Horrorserie, in der die Nekrosen blühen und die Gelenke beängstigend knacken", findet Oliver Jungen in der FAZ) und eine ZDF-Dokuserie zum "Sommermärchen" 2006 (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.05.2026 - Film

War nur die Sonne schuld? Sandra Wollners "Everytime"

Zu Sandra Wollners in der Cannes-Sektion "Un Certain Regard" gezeigtes Trauerdrama "Everytime" hatten wir gestern schon ein erstes kurzes Resümee, doch die folgenden Kritiken sind so begeistert, dass es ein zweites braucht - zumal sich alle irritiert die Frage stellen, was Festivalleiter Thierry Fremaux wohl geritten haben mag, diesen Film nicht im Wettbewerb aufzunehmen. "Everytime" beginnt im Register des sozialen Realismus mit poetischen Untertönen, entfernt sich aber zunehmend weiter ins Irreale, hält Pavao Vlajcic auf critic.de fest. "Wie Wollner der Trauer jeder der Hauptfiguren einen Raum gibt, gänzlich ohne Schuldvorwürfe auskommt und allen Charakteren endlose Anmut zugesteht: So etwas findet sich im Weltkino aktuell kein zweites Mal. Bildgestaltung, Schnitt und Musik ergeben ein Gesamtkunstwerk, das nie selbstzweckhaft wirkt und zu jedem Zeitpunkt auf die Themen des Films einzahlt. Vielleicht das Meisterwerk des diesjährigen Festivals." 

Der Film findet seinen Weg von Ostberlin nach Teneriffa, schreibt eine hingerissene Katrin Doerksen auf Kino-Zeit: "Die Insel wird erst zur rauen Seelen- und dann zur entrückten Traumlandschaft, die man selbst gesehen haben muss, um sie zu glauben. Antonioni'sche Entfremdung für die 2020er-Jahre. So konsequent Sandra Wollner die genaue Bedeutung, ja, selbst den genauen Zeitpunkt dieser Reise in der Schwebe hält, so prägnant sind dabei die Bilder und Motive, die sie für die Gedanken findet, die uns alle schon in existenziellen Krisensituationen durch den Kopf geschossen sind: Warum ausgerechnet ich? ... Ist das alles eigentlich nur ein großer kosmischer Witz? So scheint es, wenn die rot glühende Sonnenscheibe zum Schluss einfach nicht untergehen will. Was in letzter Konsequenz wenig über die Sonne aussagt und vielmehr bedeutet, dass die Welt tatsächlich für einen Moment aufgehört hat sich zu drehen." Auch Artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland ist umgehauen: "Vielleicht war, wie bei Camus, die Sonne schuld. Wer weiß? Im Kino, jedenfalls dem von Sandra Wollner, ist alles möglich."

Mehr von der Croisette: Viele Filme drehen sich ums Filmemachen oder haben zumindest Filmemacher als Protagonisten, bemerkt Tobias Sedlmaier in der NZZ: Bloße Nabelschau einer krisengeschüttelten Branche sei das aber nicht, "da in den besseren Fällen das Thema des Filmemachens nur als Vehikel für existenzielle Themen fungiert". Marie Wiesner blickt in der FAZ auf die japanischen Filme im Programm. 

Aus dem Festivalprogramm besprochen werden Arthur Hararis "The Unknown" und Cristian Mungius "Fjord" (taz), Marie Kreutzers "Gentle Monster" (Kino-Zeit), Jeanne Herrys "Another Day" (Kino-Zeit), Volker Schlöndorffs "Heimsuchung" nach dem Roman von Jenny Erpenbeck (Kino-Zeit) und Na Hong-jins "Hope" (Kino-Zeit, mehr dazu bereits hier). Außerdem für den schnellen Überblick: der Kritikerspiegel von critic.de.

Abseits von Cannes: Für critic.de tauchte Tilman Schumacher bei den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen tief ab "in die weniger beleuchteten Areale der Filmgeschichte". Und Critic.de und Artechock bringen einen neuen Kino-Podcast an den Start: Für "Dust in the Wind" werden Lukas Foerster (auch für den Perlentaucher rege tätig) und Dunja Bialas einmal im Monat mit wechselnden Gästen über einen ausgewählten Film sprechen - und dies abwechselnd im Nürnberger Filmhaus und im Münchner Werkstattkino. In der ersten Folge geht es um Daniela Magnani Hüllers "Was an Empfindsamkeit bleibt":



Besprochen werden David Lowerys Horror-Melodram "Mother Mary" (taz, Tsp) und Jon Favreaus neuer "Star Wars"-Film "The Mandalorian & Grogu" ("Es geht irre zur Sache, am Boden, in der Luft, im Schnee, am Strand, im Dschungel und im Sumpf", verspricht Peter Huth in der Welt, Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.05.2026 - Film

Die Agenturen melden, dass Jafar Panahi sich morgen in Teheran erneut vor Gericht verantworten muss. Trotz drohender Haft war der Filmemacher von einer ausgiebigen Promo-Tour für seinen aktuellen Film (unsere Kritik) in seine iranische Heimat zurückgekehrt.

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"All of a Sudden" von Ryusuke Hamaguch

Halbzeit beim Filmfestival in Cannes. Zu den Kritikerlieblingen zählt bislang Ryusuke Hamaguchis auf Französisch gedrehter Wettbewerbsfilm "All of a Sudden", der mit seinen mehr als drei Stunden Laufzeit "ein im Kino eher seltenes Glücksgefühl versprüht", wie Josef Lederle im Filmdienst schreibt. Es geht um ein Pariser Pflegeheim, um eine unheilbare Krekserkrankung, um Freundschaft und um eine Theateraufführung, die im Chaos zu versinken droht, bis es zu einer Fußmassage-Orgie kommt. Erstaunlich, wie der Film "mit seiner sanften Unmittelbarkeit tief berührt und so bewegend erzählt, dass selbst die geduldige Pflege dementer Menschen zu einer aufregenden Angelegenheit wird. Hinzu kommt, dass der Film, in dem über weite Strecken auch Japanisch gesprochen wird, eine fast meditative Ruhe ausstrahlt und auf geradezu leichte Weise von schweren Themen handelt."

Katrin Doerksen findet das auf Kino-Zeit "umso beeindruckender", da der Film zugleich "vollgestopft ist mit Metaebenen und abstrakten Konzepten. Der Film basiert auf dem Buch 'You and I - The Illness Suddenly Get Worse', einem Briefwechsel zwischen der Philosophin Makiko Miyano und der Anthropologin Maho Isono und zuweilen scheinen die Dialoge unmittelbar den darin gefassten Gedankengängen zu entsprechen. Marie-Lou erklärt das Konzept der Humanitude, Mari spricht beeindruckend hellsichtig über die selbstzerstörerischen Tendenzen des Kapitalismus, komplett mit einer auf ein Whiteboard im Pausenraum des Altenheims skizzierten Schautafel." 

"Everytime" von Sandra Wollner

Sandra Wollners österreichisches Trauer-Drama "Everytime" mit Birgit Minichmayr konkurriert lediglich um den Prix Un Certain Regard, hätte aber auch gut in den Wettbewerb gepasst, sagen die Kritiker. Der Film hat zwar eine fürs avancierte österreichische Kino durchaus typische Kühle, schreibt Valerie Dirk im Standard. "Schon ihr letzter Film 'The Trouble With Being Born' handelte von Familien und ihren Umgang mit Verlust. Stück für Stück wird der Alltag suspendiert, andere, virtuell-träumerische Ebenen schichten sich über das Familiendrama. Das ist eine Art von Kino, das es vermag, eine unheimliche Grundspannung aufrechtzuerhalten und mit jedem Bild, jedem Ton und jedem neuen Schauplatz zu überraschen. Und es ist ein Kino, das zutiefst humanistisch ist, denn die vorher angesprochene Kühle entpuppt sich irgendwann als brüchiger Panzer." Dunja Bialas von Artechock verliert gar den Boden unter den Füßen: Das ist "ein Film reinster Gegenwärtigkeit, der sich hinausstiehlt aus der Zeit, der zurückreicht in die Vergangenheit der Figuren und hineinblickt in den Zustand des Irrealis. Das ist mindestens Futur II, in der Unmöglichkeitsform. Im gegenwärtigen Augenblick des Sehens schlägt einem 'Everytime' mit der Faust ins Gesicht."

"Hope" von Na Hong-jin

Na Hong-jin zählt zu jenen koreanischen Regisseuren, deren Genre-Filme bei einem oft kräftezehrenden Festival einem kräftigen Hallowach gleichkommen. Zu sehen ist sein Monster-Reißer "Hope" nicht in den "Midnight Screenings", sondern tatsächlich im Hauptbewerb. "Der Film feuert in den ersten 60 Minuten eine lehrbuchmäßige, dermaßen perfekt inszenierte und geschnittene Monsterhatz ab, dass sie ab sofort als Pflichtprogramm auf alle Filmschulen gehört", staunt Pavao Vlajcic im Genre-Glück auf critic.de. Doch kurz bevor Vlajcic dazu kommt, "einen neuen SciFi-Horror-Western-Klassiker auszurufen", fährt der Film mit allem Karacho an die Wand und versucht die verbliebenen hundert Minuten irgendwie zu füllen: "Inhaltlich fällt dem Film dann kaum noch etwas ein, dramaturgisch noch weniger, und man bekommt immer mehr den Eindruck, Hong-jin schwebt eine eigene, von 'Avatar' inspirierte Franchise vor. Die leider dann genauso öde wirkt wie ihre Vorbilder." tazler Tim Caspar Boehme ist deutlich gnädiger und hat viel Freude an der "hässlichen Pracht" des im Film gezeigten Viehs, das "in einer Szene sogar weint".

Mehr von der Croisette: In Frankreich ist nach der Literatur ein zweites Bolloré-Beben zu beobachten und zwar diesmal im Film: Der rechte Multimilliardär hat 600 Filmschaffende bei Canal+ rausgeworfen - mehr dazu in unserer Debattenrundschau. Rüdiger Suchsland erklärt auf Artechock, warum er in Cannes weniger Wettbewerbsfilme sieht, sondern viel lieber in den Nebenreihen vagabundiert: "Wegen der schmutzigen sperrigen Filme, denen, die etwas wirklich Junges, Anderes ausdrücken, die nur sich selbst repräsentieren, die nicht ganz so staatstragend sind, die sich eben nicht dem Wettbewerb und seinen ungeschriebenen Regeln fügen." Im Podcast von critic.de resümieren Dunja Bialas, Valerie Dirk, Sven von Reden und Jenni Zylka die wichtigsten Filme der letzten Tage. 

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Aus dem Festivalprogramm besprochen werden Volker Schlöndorffs "Heimsuchung" nach dem Roman von Jenny Erpenbeck (Welt-Kritiker Jan Küveler "verlässt das Kino mit gemischten Gefühlen"), Radu Judes "Le Journal d'une femme de chambre" (Artechock), Rudi Rosenbergs "Words of Love" und Asghar Farhadis "Parallel Tales" (Artechock), Hirokazu Kore-Edas "Sheep in the Box" (Kino-Zeit), James Grays "Paper Tiger" (Kino-Zeit) und Jane Schoenbruns "Teenage Sex and Death At Camp Miasma" (Kino-Zeit). Außerdem: der Kritikerspiegel von critic.de.

Abseits von Cannes: In der Welt zürnt Marie-Luise Goldmann der "Arroganz der Filmemacher", die ihre Erzeugnisse heutzutage grundsätzlich nur noch in Überlänge in die Kinos zu bringen scheinen (dass dies auch viel damit zu tun hat, dass Tickets mit Überlängenzuschlag mehr Einnahmen bringen und man damit nebenbei auch die Konkurrenz von Leinwänden und Publikum fernhält, erwähnt sie nicht). Die Agenturen melden, dass die Schauspielerin Luna Jordan im Alter von gerade einmal 25 Jahren gestorben ist.

Besprochen werden Hagai Levis Arte-Verfilmung der Tagebücher der in Auschwitz ermordeten Etty Hillesum ("ein würdiges filmisches Denkmal", schreibt Alice Fischer im Perlentaucher), László Nemes' "Andor Hirsch" (Jungle World, FAZ), Andrea Segres "Enrico Berlinguer - La grande ambizione" über italienische Kommunisten (taz), Cédric Kahns ab morgen in der Arte-Mediathek gezeigter Film "Der Goldman-Prozess" (FAZ), der Abschluss der Amazon-Serie "The Boys" (Welt) und Kyle Baldas Schafs-Krimi "Glennkill" (Standard, SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.05.2026 - Film

"Moulin" von László Nemes

László Nemes ist einer der wenigen, die noch auf klassischem Filmmaterial drehen - und bei Festivalpremieren auch eine entsprechende Aufführung zur Bedingung machen. Nun wurde in Cannes sein neuer Film "Moulin" ebenso gezeigt, darin erzählt der ungarische Autorenfilmer von der Verhaftung des Resistance-Chefs Jean Moulin durch die Gestapo im Jahr 1943. Wie in Nemes' Konzentrationslager-Drama "Son of Saul" spielt sich auch hier "die schrecklichsten Szenen außerhalb des Bildfensters ab", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Noch bevor die Gestapo ... das Wartezimmer einer Arztpraxis stürmt, zieht Mátyás Erdélys Kamera alle Register in der Beschwörung angstbesetzter Schönheit. Es ist eine glanzvolle Welt, in welcher der von Gilles Lellouche gespielte Widerstandskämpfer als Innenarchitekt zu Hause ist. ... Die Cinemascope-Kamera fasst die Nachtansicht in kühl komponierten Modernismus", setzt sich aber "zu Laetitia Pasanels delikater sinfonischer Filmmusik in Bewegung zu einer aufwändigen Kranfahrt, wie sie üblicherweise schwelgerische Opulenz erzeugen würde. Hier zeigt sie nur die Straße in einer besetzten Stadt, wo Beobachtung den Tod bedeuten kann. Ein visuelles Klischee? Ganz im Gegenteil blicken wir durch das ästhetische Vergrößerungsglas eines aussterbenden Mediums."

Steven Soderbergh hat für seine bemerkenswerterweise vom Facebook-Konzern Meta mitproduzierte Doku "John Lennon: The Last Interview" auch auf KI zurückgegriffen. Tazler Tim Caspar Boehme hat das nicht überzeugt: "Zwischen dem Archivmaterial gibt es teils bewegte Bilder von Menschen zu sehen, die in Massenszenen als Demonstranten oder als römische Legionäre versammelt sind. Oder man kann selig lächelnden Personen zusehen, wie sie durch die Wolken schweben, auch eine Rose, die sich fraktalartig symmetrisch zu teilen scheint, mutet Soderbergh einem zu. Die KI-Bilder im Film rechtfertigte Soderbergh gegenüber dem Branchenmagazin Deadline damit, dass sie Passagen des Gesprächs illustrieren, die theoretischerer Art sind. Ein überzeugendes Plädoyer für den kreativen Einsatz von KI liefert er mit den beliebig-kitschigen Resultaten allerdings nicht."

Mehr von der Croisette: Katja Nicodemus erzählt in der Zeit von ihrem Treffen mit Volker Schlöndorff, der an der Croisette seinen neuen Film "Heimsuchung" (nach dem gleichnamigen Roman von Jenny Erpenbeck) zeigt. David Steinitz (SZ) und Andreas Busche (Tsp) porträtieren die Schauspielerin Jella Haase, die in Cannes an der Seite von Léa Seydoux und Catherine Deneuve in Marie Kreutzers im Wettbewerb gezeigten (und im Standard besprochenen) Missbrauchsdrama "Gentle Monster" zu sehen ist. Am Rande des Festivals gaben fünf deutsche (beziehungsweise österreichisch-kurdische) Filmemacher - Tom Tykwer, Kurdwin Ayub, Helene Hegemann, İlker Çatak und Nora Fingscheidt - bekannt, sich der neuen "Dogma 25"-Bewegung anschließen zu wollen, die unter anderem auf den Einsatz von KI komplett verzichten will, aber auch Drehbücher von Hand schreiben möchte, da auf Computer generell verzichtet werden soll, berichtet Maria Wiesner in der FAZ. Ob das auch eine Rückkehr zum analogen Filmmaterial bedeutet, bleibt allerdings offen. NZZ-Kritikerin Denise Bucher vermisst die großen Hollywoodproduktionen und vermutet, dass die Studios wohl Muffensausen vor Verrissen haben. Pavao Vlajcic übersendet hier und dort auf critic.de Notizen aus den Screenings. Außerdem für den schnellen Überblick: Der Kritikerspiegel von critic.de.

Aus dem Festivalprogramm besprochen werden John Travoltas Regiedebüt "Propeller One-Way Night Coach" (Welt), Hirokazu Kore-Edas "Sheep in the Box" (critic.de), Jane Schoenbruns "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" (critic.de) und Paweł Pawlikowskis "Vaterland" (NZZ, mehr dazu bereits hier).

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Abseits von Cannes: Für die FAS bespricht Natan Sznaider Hagai Levis Verfilmung der Tagebücher Etty Hillesums, die als Serie in der Arte-Mediathek zu sehen ist. Levi verlegte die Handlung in die Gegenwart, bei der Premiere betonte er im "Gespräch mit dem Publikum, dass es ihm um eine universelle Relevanz dieser radikalen Tagebücher geht", so Sznaider: "In dieser Lesart könnte die Serie 'Etty' als Beleg für eine 'Entjudung' der Erinnerung missverstanden werden, verbunden mit dem Vorwurf, die Schoa diene hier nur noch als moderne Kulisse für allgemeine moralische Fragen." Als Gegenmodell könnte man Claude Lanzmanns "Shoa" sehen, meint Sznaider, der allerdings für einen Kompromiss plädiert: "Es bedarf der Universalisierung, um gegenwärtige Relevanz zu erzeugen, und das gerade in Israel. Außerhalb Israels braucht es die dokumentarische Konkretheit eines Claude Lanzmann, damit die Erinnerung an die Schoa den Bezug zur jüdischen Realität nicht verliert. Diese Gefahr ist auch gerade in Deutschland allgegenwärtig."

Weiteres: Susanne Schneider (SZ), Andreas Kilb (FAZ) und Cornelius Pollmer (Zeit Online) schreiben zum Tod der Schauspielerin Angelica Domröse. Arno Makowsky (Zeit Online) und Hannes Hintermeier (FAZ) schreiben Nachrufe auf den Schauspieler Günther Maria Halmer.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.05.2026 - Film

"Nagi Notes" im Wettbewerb von Cannes


Kôji Fukada
erzählt in seinem im Wettbewerb von Cannes gezeigten "Nagi Notes" vom Leben einer Tokioter Architektin, die aus der Großstadt in einen kleinen Ort an Japans Westküste kommt, um eine Freundin, eine Bildhauerin, zu besuchen. Stadtleben, Landleben - ein übliches Drama der Lebensentwürfe im Stil einer "fish out of the water"-Geschichte? Keineswegs, versichert Katrin Doerksen auf kino-zeit.de: "Fukada spielt keine Lebensentwürfe gegeneinander aus, er stellt sie vielmehr mit all ihren Vor- und Nachteilen gleichberechtigt nebeneinander. Deutlich wird das etwa in einer Schlüsselszene, in der sich Yuri und Yoriko über ihre Handwerke unterhalten. Bei der Architektur müsse man so vieles mitdenken, staunt die Eine. Wo steht das Haus, wer wird es wofür nutzen, wer hat Zugang? Die Bildhauerei existiere einfach für sich, ohne Rechtfertigungszwang, schwärmt die Andere. Es funktioniert wohl nur, wenn es beides gibt: Das Zweckgebundene und das Losgelöste, die Konvention und den Regelbruch, die Stadt und das Dorf."

Auch Josef Lederle im Filmdienst ist angetan: "Die Kunst der konzentrierten Inszenierung und der beiden Hauptdarstellerinnen besticht in der Beiläufigkeit, mit der die Dinge zur Sprache kommen. Etwa die Erkenntnis der Architektin, stets ihrem extrovertierten Mann zugearbeitet und sich in scheinbare Notwendigkeiten eingeordnet zu haben, weshalb sie immer nur ausführende Kollegin und nie konzeptionelle Ideengeberin war. Doch das bricht nicht eruptiv aus ihr heraus, sondern braucht wie die Arbeit an der Büste Geduld und mehrere Anläufe - und ist doch nur ein Thema unter anderen, die im Verlauf einer recht undramatischen, filmisch aber anregend erzählten Woche zur Sprache kommen."

Für critic.de ist Pavao Vlajcic vor Ort und stampft nicht nur den von den meisten Kritikern gefeierten "Vaterland" mit Sandra Hüller ungespitzt in den Boden, sondern auch Asghar Farhadis "Histoires parallèles", der "in 140 lose auf Krzysztof Kieslowskis 'Dekalog 6' basierenden, gnadenlos überfrachteten, wirr geschnittenen und stumpfsinnig langweiligen Minuten lässt er seinen Cast, der es in sich hat, permanent über Liebe, den Schaffensprozess und Voyeurismus sinnieren, ohne zu irgendeinem Zeitpunkt irgend etwas Interessantes zu sagen. Außer: Der Mensch weiß, dass er sterben muss, ein Tier nicht. Danke dafür. Wer es schafft, in einem Film Isabelle Huppert, Catherine Deneuve, Virginie Efira, Vincent Cassel und Pierre Niney nutzlos zu verbraten, hat mit Sicherheit den Preis der Filmkritik für Unvermögen cum laude verdient."

Außerdem von der Croisette: Daniel Kothenschulte (FR), Tim Caspar Boehme (taz) und David Steinitz (SZ) besprechen Paweł Pawlikowskis bereits gestern ausführlich besprochenen Wettbewerbsfilm "Vaterland".

Weiteres: Die Gedenkstätte Auschwitz hat das historische Konzentrationslager als virtuellen Datensatz bis in kleinste Details aufwändig rekonstruiert und stellt dieses digitale Material Filmproduktionen zur Verfügung, berichtet Hanns-Georg Rodek in der WamS. Chris Schinke spricht im Filmdienst mit dem israelischen Serienmacher Hagai Levi über dessen aktuell in der Arte-Mediathek gezeigte Holocaust-Serie "Etty". Sophia Coper berichtet in der FAS vom FiSahahra-Filmfestival in Algerien. Josef Nagel führt im Filmdienst durch die neue Restaurierung von G.W. Pabsts Stummfilmklassiker "Geheimnisse einer Seele", die derzeit in der Arte-Mediathek zu sehen ist. Im Tagesspiegel erinnert sich Andreas Dresen daran, wie er als junger Mann zum ersten Mal den DEFA-Klassiker "Solo Sunny" von Konrad Wolf gesehen hat, in dessen Filmen "man eine Menge Wahrheit finden kann über dieses kleine, merkwürdige Land DDR". Martin Scholz plaudert für die WamS mit Sigourney Weaver, die im neuen "Star Wars"-Film "Mandalorian and Grogu" mitspielt. Die taz dokumentiert ein an der Deutschen Journalistenschule geführtes Gruppengespräch mit Uschi Glas, die erklärt, warum sie sich gegen Antisemitismus einsetzt und ihre NS-Familiengeschichte aufarbeitet, aber keine "Oma gegen rechts" sein will. Reinhard Wengierek schreibt in der Welt zum Tod der DEFA-Schauspielerin Angelica Domröse ("Die Legende von Paul und Paula"). Christine Dössel schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Schauspieler Günther Maria Halmer, der unter anderem als "Tscharlie" in Helmut Dietls "Münchner Geschichten" Fernsehgeschichte geschrieben hat.

Besprochen werden eine ARD-Podcastserie über Werner Herzog (taz), Guy Ritchies "In the Grey" (WamS) und Annemarie Jacirs "Palästina 36" (FAZ, mehr dazu bereits hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.05.2026 - Film

Die Manns in Cannes: Paweł Pawlikowskis "Vaterland"

Sandra Hüller ist demnächst im Kino nicht nur Ingeborg Bachmann, sondern auch ganz aktuell in Paweł Pawlikowskis in Cannes im Wettbewerb gezeigtem "Vaterland" Erika Mann, mit Hanns Zischler als Thomas und August Diehl als Klaus Mann an ihrer Seite. Es geht um eine Reise in Schwarzweiß von Frankfurt nach Weimar, quer durchs kriegszerstörte Deutschland im Jahr 1949. Die Kritiker sind begeistert: Der polnische Regisseur "ist ein Meister und ein Choreograf von Schwarz-Weiß-Bildern", schreibt Katja Nicodemus in der Zeit. "Licht und Schatten modellieren zwei Gesichter, die sich immer wieder zurechtfinden, ihre Umgebung lesen, begreifen müssen. Obwohl doch alles unbegreiflich ist." Und "Sandra Hüller verleiht ihrer dienstfertigen Allesreglerin eine untergründige Fragilität. Und eine enorme Power. Hanns Zischler spielt Thomas Mann nicht, er skizziert ihn. Beiläufig, präzise, elegant. ... 'Vaterland' ist ein Schauspielerfilm in einer Untergangslandschaft, ein knapper, genauer Film, zusammengesetzt aus Miniaturen."

Dem kann Jan Küveler in der Welt nur beipflichten: "Selten hat man deutsche Schauspieler so fantastisch gesehen." Doch "bei aller Eindrücklichkeit lassen die Bilder Raum zum Denken. Pawlikowski hält Gefühl und Analyse in eleganter Balance. Weil das Drehbuch nur andeutet, wo andere auserzählen, ist es möglich, dass drei Zuschauer den Film jeweils ganz anders sehen. Ist Thomas Mann ein Schuft, ein Genie oder beides?" Pawlikowski "geht es auch um die Frage, was Künstler tun müssten, wenn der Faschismus an die Macht kommt", schreibt Maria Wiesner in der FAZ. "Sollten sie das Land verlassen? In die innere Emigration gehen? Offen Widerstand leisten? Thomas Mann muss sich beim Empfang in Frankfurt diese Fragen gefallen lassen."

In Cannes lief der Film "L'Abandon" über die Geschichte des Lehrers Samuel Paty, der bekanntlich von einem Islamisten enthauptet wurde. Der Film bewahrt eine große Nüchternheit, erzählt Lison Chambe auf der Website des Senders Franceinfo, er respektiere sozusagen mit mathematischer Genauigkeit den Ablauf der Ereignisse. "Der Ansatz besteht darin, jeder der in diesen Strudel geratenen Personen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ihnen ein Gesicht, eine Geschichte und Handlungen zu geben. Samuel Paty wird zunächst von Antoine Reinartz verkörpert, dessen Gesichtszüge so weit wie möglich denen des Lehrers nachempfunden wurden. Die meisten seiner Dialoge und Gedanken stammen aus E-Mail-Korrespondenzen und Gesprächen, die von seinem Umfeld geschildert wurden. Antoine Reinartz spielt mit viel Geschick einen angeschlagenen, nervösen, aber von seinen Werten überzeugten Mann. Einen Mann, der sich nach und nach zurückzieht, während die Bedrohung wächst, ohne jedoch deren Ausmaß richtig einschätzen zu können."

Mehr von der Croisette: tazler Tim Caspar Boehme führt kursorisch durch die Wettbewerbsfilme der ersten Tage. Josef Lederle resümiert im Filmdienst die Eröffnungsgala. David Steinitz (SZ) und Andreas Busche (Tsp) porträtieren Peter Jackson, der in Cannes für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde.

Weitere Artikel: Andrey Arnold spricht für die Presse mit Annemarie Jacir über deren Film "Palästina 36" (mehr zu den groben Verzerrungen und Unterschlagungen des Films an dieser Stelle). Besprochen werden Julia Windischbauers Roadmovie "Callas, Darling" (Standard), Kyle Baldas Schafskrimi "Glennkill" (Welt) und Jonas Ulrichs Black-Metal-Drama "Wolves" (NZZ).