Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.04.2019 - Film

Tiefer Schmerz: "Ayka"

Sergey Dvortsevoys Drama "Ayka" über eine junge, alleinerziehende Kirgisin, die sich in Moskau durchschlagen muss, ist ein Vertreter jenes "sozialrealistischen Kinos, das die Unmenschlichkeit der spätkapitalistischen Gesellschaft anhand seiner - oft weiblichen - Hauptfiguren durchspielt", erklärt Esther Buss im Tagesspiegel. Ziemlich umgehauen berichtet Barbara Wurm in der taz von diesem "Film der Sonderklasse", in dem "laute Empörung, brüllender Protest aber ausbleiben. In Sergey Dvortsevoys Kino-Sensualismus ist hierfür kein Platz. Umso stärker macht sich (und das bei uns allen) ein innerer Aufschrei bemerkbar. Ein, so möchte man hier sagen dürfen, tiefer Schmerz. Es ist die Stärke dieses russischen, in Kasachstan aufgewachsenen Ausnahmefilmemachers (...), dass er die Unmoral des Systems nicht aus der Perspektive der Anklagebank formuliert."

Weitere Artikel: Die beiden Filme "Of Fathers and Sons" und "Kleine Germanen" zeigen derzeit im Kino, wie Kinder radikalisiert werden, erklärt Thomas Assheuer in der Zeit. Bert Rebhandl porträtiert im Standard die österreichische Filmemacherin Jessica Hausner, deren neuer Film "Little Joe" im Wettbewerb von Cannes gezeigt wird. David Steinitz (SZ) und Hanns-Georg Rodek (Welt) kommentieren die Cannes-Auswahl. Im Filmdienst schreibt Kirsten Taylor über Tod und Trauer im Kinderfilm. Dietmar Dath gratuliert in der FAZ Jessica Lange zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Marco Kreuzpaintners gleichnamige Verfilmung von Ferdinand von Schirachs Roman "Der Fall Collini" (Tagesspiegel, FAZ), Joe Cornishs "Wenn du König wärst" (Presse) sowie Rainer Werner Fassbinders auf BluRay restauriert veröffentlichte Filme "In einem Jahr mit 13 Monden" und "Die dritte Generation" (Filmdienst).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.04.2019 - Film

Kino als Droge: Julian Schnabels "Van Gogh"

An Van-Gogh-Filmen herrscht in der Filmgeschichte nun wahrlich kein Mangel. Was hebt nun Julian Schnabels mit Willem Dafoe besetzten Film "Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit" aus der Masse heraus? NZZ-Kritiker Björn Hayer weiß die Antwort: "Seine durch und durch experimentelle Ästhetik. Wir erleben ein Überschäumen der Bilder, eine Orgie der Farben, eine gigantische Halluzination des Kinos, die auf den Zuschauer wie eine einzige Droge wirkt." Dieses ästhetische Sensorium kommt nicht von ungefähr, erklärt Anke Sterneborg auf ZeitOnline: Es "hat in erster Linie damit zu tun, dass zum ersten Mal ein Maler über einen Maler erzählt. Denn Julian Schnabel war schon viele Jahre lang ein äußerst erfolgreicher bildender Künstler, bevor er vor gut 20 Jahren zum ersten Mal als Regisseur die Lebensgeschichte eines Malerkollegen erzählte, die des Künstlers Jean-Michel Basquiat." Weitere Kritiken in Welt und Tagesspiegel. Außerdem hat der Tagesspiegel dem Regisseur und der Drehbuchautorin Louise Kugelberg gesprochen.

Rüdiger Suchsland berichtet auf Artechock vom Filmfestival in Istanbul, das Erdogan trotz einschneidender Mittelkürzungen wacker trotzt: "Das Festival ist dem Westen zugewandt, offen und liberal und insofern Teil der kulturellen Opposition. ... Eine Reihe mit queerem, also schwul-lesbichem Kino, das ist in diesem Land nach wie vor etwas Besonderes. Und wenn ein Film politisch ist, womöglich zum Widerstand gegen autoritäre Verhältnisse aufruft, dann steht er im Lande Erdogans fast schon am Rand des Terrorverdachts." Und: "Viele türkische Filme loten ein anderes Leben und andere Möglichkeiten aus. Noch existieren diese Möglichkeiten nur in der Fantasie."

Gehen Sie ins Kino und bewundern Sie die Hauptfigur, einen alten Möbelpacker, in David Nawraths Film "Atlas"! Das ist Rainer Bock. Peter Kümmel feiert den Schauspieler in der Zeit: "Bocks Figuren sind, unter ihrer blassen, von Vitamin-D-Mangel gezeichneten Büro- oder Kasernenhaut, immer wachsam, ja schlaflos. Sie sind weder extramutig noch abgrundböse: Der Umstand, dass wir alle die Nachfahren der Opportunisten, der Schlauen und der Mitgelaufenen sind, ist ihnen anzusehen. Was man auf ihren Gesichtern vor allem anderen erkennt, ist Argwohn."

Weitere Artikel: Carolin Weidner empfiehlt in der taz die Retrospektive Bo Widerberg im Berliner Kino Arsenal (mehr dazu bereits hier). Auf Artechock schreibt Dunja Bialas einen Nachruf auf die Münchner Kinobetreiberin Elisabeth Kuonen-Reich.

Besprochen werden Paul Schraders "First Reformed" (Tagesspiegel, mehr dazu hier), Marco Kreuzpaintners gleichnamige Adaption von Ferndinand von Schirachs Roman "Der Fall Collini" (SZ), Andreas Goldsteins Porträtfilm "Der Funktionär" über seinen Vater Klaus Gysi (Perlentaucher), John Lee Hancocks Netflix-Film "The Highwaymen" (Perlentaucher), Jonah Hills "Mid90s" (NZZ), Tim van Dammens Doppelgängerkomödie "Mega Time Squad" (SZ) und Donald Glovers Kurzfilm "Guava Island" (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.04.2019 - Film

Ethan Hawke in "First Reformed"

Nachdem er hierzulande schon im Video on Demand verramscht wurde, kommt Paul Schraders in den USA bereits als künstlerisches Comeback gefeierter Film "First Reformed" nun doch noch in die hiesigen Kinos. Taz-Kritikerin Barbara Schweizerhof ist von diesem bewusst karg inszenierten, offen an Andrei Tarkowski anschließenden Film über einen von Ethan Hawke gespielten Priester, der angesichts der nahenden Klimakatastrophe mit seinem Glauben hadert, restlos begeistert: "Je mehr man schaut, desto mehr Facetten entdeckt man. Der Schluss ist verrückt, in mehrfacher Hinsicht. So ausführlich hier Argumente ausgesprochen werden, so wenig wird doch erklärt. Ähnliches gilt für das Netz von Verweisen, das sich durch den Film zieht. Da gibt es Anklänge an Ingmar Bergmans 'Licht im Winter' und an Robert Bressons 'Tagebuch eines Landpfarrers'. ... Aber vor allem ist dies ein Paul-Schrader-Film: Noch in keinem seiner Drehbücher und Filme hat der 'Taxi Driver'-Autor die calvinistische Strenge seines eigenen Aufwachsens so produktiv eingesetzt. Als Erzählmethode entfaltet sie hier eine Unerbittlichkeit, die trifft und nachwirkt."

Bereits im Februar 2018 hat Michael Kienzl den Film für den Perlentaucher besprochen. Auch für ihn bleibt Schrader sich in seinem künstlerisch ambitioniertesten Film treu: In jedem Schrader-Film "haben wir es mit einem Protagonisten zu tun, dessen Welt auf derart gravierende Weise erschüttert wird, dass Wahn und Raserei von ihm Besitz ergreifen und sich sein unstillbarer Drang nach Erlösung nur noch durch Gewalt artikulieren kann. Und wie schon öfter landet Schrader letztlich bei Bressons Schlussszene aus 'Pickpocket', wo der Taschendieb Michel plötzlich einsieht, dass er sich die ganze Zeit auf einem Umweg zu seinem eigentlichen Ziel befunden hat; zu der einzigen Hoffnung, die uns immer bleiben wird, der Liebe."

Weiteres: Für die FR hat Joshua Schößler das Go East Festival in Wiesbaden besucht, das dem osteuropäischen Kino gewidmet ist. Besprochen werden Julian Schnabels "Van Gogh" mit Willem Dafoe in der Titelrolle (SZ, FAZ), Ali Abbasis "Border" (Freitag, unsere Kritik hier), die erste Episode der letzten Staffel von "Game of Thrones" (NZZ) und Marco Kreuzpaintners Thriller "Der Fall Collini" (Welt).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.04.2019 - Film

Im Interview mit der taz erklärt der Filmverleiher Jakob Kijas, was es mit dem von ihm mitbegründeten Hauptverband Cinephilie auf sich hat, der mit einem ersten Arbeitstreffen vor wenigen Tagen die Arbeit aufgenommen hat. Mit dem Verband wolle man gezielt Filmschaffende, Verleiher, Kinos und Kritiker an einen Tisch bringen und mit gemeinsamer Stimme sprechen lassen, erklärt Kijas. Außerdem fordere man Förderungen: "Der Jugend wird nicht beigebracht, Film zu lesen und Film als Kunstform wahrzunehmen. Das heißt, dass die Filme, die die Kollegen aus Nürnberg oder ich herausbringen, an diesen Leuten vorbeigehen. ... Es braucht eine institutionelle Förderung zum Beispiel für Kinos, wenn sie bewiesen haben, dass sie in den letzten drei Jahren ein herausragendes Kinoprogramm gemacht haben. Ähnlich bei Verleihern. Hier ist es von Film zu Film abhängig, ob man eine Förderung bekommt oder nicht. Das wäre auch für Verleiher wie Grandfilm oder uns oder andere eine Hilfe, zu wissen, wir können diese oftmals schwierige Arbeit mit einer gewissen Sicherheit im Rücken ausführen."

Christiane Peitz (Tagesspiegel) und Jürg Zbinden (NZZ) schreiben Nachrufe auf die Schauspielerin Bibi Andersson, die mit Ingmar Bergmans Drama "Persona" in die Filmgeschichte eingegangen ist, wie Tobias Kniebe in der SZ festhält: "Bibi Andersson war eine der Frauen in diesem obsessiven Projekt, die Bergman verehrte und benutzte und vergötterte und überhöhte, bis sie unter dem liebevoll-gnadenlosen Blick seiner Kamera Wahrheiten in sich fanden, von denen sie selbst noch nichts ahnten." Unvergesslich ist diese Szene, in der sie Liv Ullmann von einer erotischen Begegnung am Strand berichtet:



Weitere Artikel: Für den Standard unterhält sich Dominik Kamalzadeh mit dem Filmemacher Julian Schnabel über dessen Van-Gogh-Film. Silvia Hallensleben berichtet in der taz vom Internationalen Frauenfilmfestival in Dortmund/Köln, das sich in diesem Jahr erstmals unter der neuen Leiterin Maxa Zoller präsentierte.

Besprochen werden die erste Folge der letzten Staffel von "Game of Thrones" (ZeitOnline, Welt), die vom Ersten online gestellte Doku "Deniz Yücel. Wenn Pressefreiheit im Gefängnis landet" (ZeitOnline), Andreas Goldsteins Porträtfilm "Der Funktionär" über seinen Vater Klaus Gysi (Freitag, mehr dazu hier), Ali Abbasis "Border" (Jungle World, unsere Kritik hier), Jasmin Herolds und Michael Beamishs Fracking-Dokumentarfilm "Dark Eden" (SZ) sowie Marco Kreuzpaintners "Der Fall Collini" (Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.04.2019 - Film

Der Winter ist angebrochen: Die letzte Staffel von "Game of Thrones" (HBO)

Gestern startete die letzte Staffel der Fantasy-Serie "Game of Thrones" - Anlass für die Feuilletons, auf das wohl zentralste Serienereignis der letzten Jahre zurückzublicken, das seinen erzählerischen Bogen mit sechs Episoden in Spielfilmlänge begeht. Das muss man sich mal vorstellen, erklärt Carolin Ströbele auf ZeitOnline: Als die Serie 2011 begann, war HBO noch Serien-Platzhirsch, Netflix schickte sich gerade erst an, eigene Serien in Auftrag zu geben, und auch politisch herrschte in diesem Jahr noch, anders als heute, in der westlichen Welt noch weitgehend business as usual. "Man konnte sich als Zuschauerin und Zuschauer also relativ unschuldig an den Ränkespielen der Herrscherhäuser Stark, Lannister und Targaryen erfreuen ... So darf man den finalen Hype um die letzten sechs Episoden von 'Game of Thrones' vielleicht auch als einen wehmütigen Abschied vom unschuldigen Zusehen werten. Denn der defätistische Ausdruck Valar Morghulis ('Alle Menschen müssen sterben'), der für die Vergeblichkeit allen menschlichen Strebens in der fiktiven Welt von Game of Thrones steht, ist mehr und mehr zum Symbol der realen Gegenwart geworden."

FAZ-Kritiker Axel Weidemann war am Freitag bei der großen Premiere in Belfast und verlässt das Premierenkino dann doch spürbar unterwältigt: "Die Drehbuchautoren setzen auf humorige Spannungslöser, die mitten aus dem Marvel-Universum zu kommen scheinen und zu der tragisch-unbarmherzigen Welt von George R.R. Martin so gar nicht passen ... Es ist ja auch eine Mammutaufgabe, die oft brutal zerschnittenen Bande zwischen den Figuren nach so langer Zeit wieder zu verknüpfen, um sie im Angesicht des bevorstehenden Kampfes zu vereinen. Doch all dem filmischen Hochglanz und ausstattungstechnischen Bombast zum Trotz hätte eben genau das Zeit gebraucht." Sonja Thomaser verabschiedet sich in der FR schon mal von der von Lena Heady gespielten Figur Cersei Lannister, "einer feministischen Heldin" zwischen Gut und Böse. Und die NZZ-Autoren denken darüber nach, was eigentlich einen guten Serienschluss auszeichnet.

Weitere Artikel: Von ZeitOnline, Libération und anderen gemeldet wird der Tod der schwedischen Schauspielerin und Bergman-Ikone Bibi Andersson. Auf ZeitOnline skizziert Oliver Kaever die Marktlage von Netflix. Besprochen werden "Niemandsland" mit Keira Knightley (Tagesspiegel) sowie die Serien "Derry Girls" (Freitag) und "Veep" (Freitag).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.04.2019 - Film

Esther Buss schreibt im Filmdienst über die Filme von Bo Widerberg, die das Berliner Kino Arsenal seit gestern Abend in einer Retrospektive zeigt: Seine "Darsteller wirken stets in Bewegung, offen und unabgeschlossen, noch während sie Dinge tun und Sätze sagen, scheinen sie nach einem sprachlichen und gestischen Ausdruck zu suchen. Die Kamera fungiert dabei eher wie ein Aufzeichnungsgerät. Am freiesten und kompromisslosesten hat Widerberg diese Form der Inszenierung sicherlich in 'Elvira Madigan' (1967). ... Die berückende Schönheit des Films, seine Anklänge an impressionistische Malerei sind jedoch nicht das einzige, was für ihn einnimmt. Das Männerbild etwa wirkt deutlich moderner als bei vergleichbaren Stoffen." Auf critic.de legt uns Robert Wagner die Reihe wärmstens ans Herz. Ein kleiner Ausschnitt aus "Elvira Madigan":



Weitere Artikel: Dunja Bialas porträtiert im Filmdienst die Schauspielerin und Regisseurin Brie Larson. Reinhard Kleber bietet im Filmdienst einen Überblick über den Streaming-Markt. Urs Bühler berichtet in der NZZ vom Festival "Visions du réel" in Nyon. Josef Nagel gratuliert in der NZZ dem Deutschen Filminstitut in Frankfurt zum 70-jährigen Bestehen. Martin Scholz plaudert hier, da und dort in der Welt mit Stars aus "Game of Thrones" über die morgen beginnende letzte Staffel. Bei epdFilm stimmt Barbara Schweizerhof auf das Ende des Serien-Großereignisses ein. In der taz gibt Dirk Knipphals Florian Henckel von Donnersmarck Tipps.



Und ein Leckerbissen zum Wochenende: Auf New Filmkritik setzt Rainer Knepperges seine Screenshot/Notiz-Collagenreihe "Auge und Umkreis" mit der vierten Lieferung fort (hier alle Lieferungen im Überblick).

Besprochen werden Ali Abbasis "Border" (critic.de, Standard, Berliner Zeitung, mehr dazu hier), Jean-Luc Godards "Bildbuch" (Freitag, unsere Kritik hier) und Jenny Gages Fan-Fiction-Verfilmung "After Passion" (ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.04.2019 - Film

Die Grenzen des Humanoiden: Ali Abbasis "Border"

Dem in Schweden lebenden Regisseur Ali Abbasi ist mit "Border" ein Glanzstück des modernen phantastischen Kinos geglückt, freut sich Daniel Kothenschulte in der FR: Die Geschichte einer verunstaltet wirkenden, von Eva Melander gespielten Polizistin mit einer besonderen Begabung als buchstäbliche Schnüfflerin wandelt sich von einem Cop-Procedural zu einem Körperfilm a la Cronenberg, "mit Sexszenen, die die Grenzen des Humanoiden ein Stück weit überwinden. Wenn die beiden Liebenden nackt durch die Wälder trollen, überhöht dies der bildkräftige Filmemacher Ali Abbasi zu einem Sommernachtstraum von irrealer Schönheit." Artechock würdigt den Film mit einem vier Kritiken umfassenden Dossier, darunter eine weit weniger begeisterte von Rüdiger Suchsland, der mit dem Film arge Probleme hat: "Einmal mehr wird hier das elfte Gebot unserer Gegenwart exekutiert: Du musst deine Identität finden. Und du musst deiner Identität folgen. Aber ist 'Identität', die ja, wenn von ihr die Rede ist, immer als kollektive gedacht und gemeint ist, eigentlich etwas anderes, als ein schöneres Wort für 'Gott' und 'Tradition', Volk und Blut und Boden?" Weitere Besprechungen im Tagesspiegel und beim Perlentaucher.

Netflix
kauft das Kino auf. Genauer gesagt: Der Streamer will das altehrwürdige Grauman's Egyptian Theatre am Hollywood Boulevard von der American Cinematheque abkaufen. Was steckt hinter dem Plan? "Offenbar geht es darum, einen Ort für Netflix-Produktionen zu schaffen, von denen sich die Firma erhofft, dass sie Preise gewinnen, Oscars möglichst. Preise, die bis auf weiteres an die Bedingung einer Kinoauswertung geknüpft sind", mutmaßt Verena Lueken in der FAZ. Denn "der Fall 'Roma' zeigte, dass nicht alle Kinobetreiber bereit sind, ihre Säle für einen kurzen Netflix-Auftritt zur Verfügung zu stellen." Dies scheint aber nicht der Hauptzweck des ungewöhnlich anmutenden Anschaffunsgplans zu sein, wie Variety herausgefunden will: Demnach suche Netflix in erster Linie lediglich einen angemessenen Veranstaltungsraum.

Weitere Artikel: Dunja Bialas berichtet auf Artechock vom ersten Arbeitstreffen des Hauptverbands Cinephilie, das vor kurzem in Berlin stattgefunden hat und wo darüber diskutiert wurde, wie das Kinopublikum wieder mehr Hunger auf Bilder jenseits der Konfektionsware von Blockbuster und Arthouse kriegen kann. In der Presse stellt Katrin Nussmayr Kelly Copper und Pavol Liska vor, die als Nature Theater of Oklahoma Elfriede Jelineks "Die Kinder der Toten" als experimentellen Super8-Alpen-Horrorfilm adaptiert haben. Auf critic.de empfiehlt Robert Wagner die Bo-Widerberg-Retrospektive im Berliner Kino Arsenal.

Besprochen werden Neil Marshalls Comicadaption "Hellboy - Call of Darkness", dem die Kritik insbesondere nach Guillermo del Toros ersten beiden "Hellboy"-Filmen wenig abgewinnen kann (epdFilm, ND, Standard, Tagesspiegel), Andrey Paounovs Dokumentarfilm "Christo - Walking on Water" (taz, Standard, SZ, die Welt hat mit Christo gesprochen) und Paul Danos Regiedebüt "Wildlife" (Presse).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.04.2019 - Film

Klaus Gysi in Andreas Goldsteins "Der Funktionär" (Bild: Edition Salzgeber)

Andreas Goldstein, Sohn von Klaus Gysi, hat mit "Der Funktionär" einen kritischen Essayfilm über seinen Vater gedreht, der von 1966 bis 1973 Kulturminister der DDR war. "Es war eine Karriere mit Brüchen", erklärt der Filmemacher im taz-Gespräch. "Wir haben heute das Bild der Funktionäre, die kompromisslos die Linie durchsetzen. Das Autoritäre darin aber täuscht über die Haltlosigkeit der Politik der letzten Jahre hinweg. Die Partei versuchte es allen recht zu machen, sie scheute den direkten Konflikt. Sie taktierte ohne eine Strategie. In diesem Sinne agierte mein Vater ganz auf der Linie der Partei." Auch Dlf Kultur hat mit dem Filmemacher gesprochen.

Mateja Meded erkundigt sich für die Welt bei dem Filmemacher Philipp Eichholtz, wie man in Deutschland Filme abseits der Filmförderung, aber immerhin doch mit Achtungs- und manchmal auch mit finanziellem Erfolg dreht. Antwort: Sparsame Lebenskosten, auf Rückstellung einstellen, Privatkredite - und wenn ZDF-Redaktionen zwar Interesse bekunden, der Film aber im mehrjährigen Gremium-Limbo unterzugehen droht, einfach auf eigene Faust loslegen. Trotzdem hat Eichholtz sich von der Filmförderung nicht völlig verabschiedet: "Es wäre gut, einen Fonds für Filmemacher einzurichten, die schneller und spontaner arbeiten wollen und nicht die ganz großen Gelder für ihre Visionen benötigen. Alles zwischen 100.000 und 200.000 Euro würde helfen."  Dazu passend: Ein aktuelles BR-Radiofeature von Markus Metz darüber, wie man Filme ohne Förderung und mit niedrigem Budget bewältigt.

Besprochen werden Ali Abisis "Border", in dem laut Perlentaucher-Kritiker Nikolaus Perneczky "nie gesehene Geschlechtsteile blumengleich aufblühen", Martin Baers "Der illegale Film" (Perlentaucher, taz), Paul Danos Regiedebüt "Wildlife" (Standard), eine Reihe zum Filmland Australien im Filmmuseum in Wien (Standard), Andrey Paounovs Dokumentarfilm "Christo - Walking on Water" (Tagesspiegel), Stéphanie Chuats und Véronique Reymonds "Les Dames" (NZZ), Elizabeth Chai Vasarhelyis und Jimmy Chins "Free Solo" (NZZ), Neil Marshalls Comicadaption "Hellboy - Call of Darkness" (taz), David Dietls Dokumentarfilm "Berlin Bouncer" (SZ), James Kents Adaption von Rhidian Brooks' gleichnamigem Roman "Niemandsland" (SZ) und die Netflix-Serie "Quicksand" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.04.2019 - Film

Traurige Nachricht: Der Schauspieler Seymour Cassel ist tot. Christiane Peitz blickt im Tagesspiegel-Nachruf insbesondere auf die langjährige Zusammenarbeit mit John Cassavetes zurück, für den Cassel oft vor der Kamera stand - vor allem mit Gena Rowlands. Die beiden "waren das hohe Paar des amerikanischen Indie-Kinos, sie verkörperten die Verstörungen, die Psychopathologie der modernen Gesellschaft. ... Das immer schon zerfurchte Gesicht mit dem Schnauzbart, das Zerknautschte, Verwirrte seiner Figuren, die angeraute Stimme und die leise Selbstironie machten Cassel zum sympathischen Antihelden." Weitere Nachrufe im Guardian und im Hollywood Reporter. Und eine Szene aus "Minnie & Moskowitz":



Weitere Artikel: Filme über Kriegsreporter erleben derzeit eine Renaissance, schreibt Jens Balkenborg im Freitag und sieht darin auch eine Reaktion auf jüngste Krisen des allgemeinen Berufsstands: "Der Journalismus sieht sich in der Kritik und muss sich als faktenbasierte Instanz beweisen." Fritz Göttler (SZ) und Dietmar Dath (FAZ) gratulieren Max von Sydow zum Neunzigsten. Besprochen werden Ali Abbasis "Border" (SZ, FAZ) und die Fox-Serie "Broadchurch" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.04.2019 - Film

Mit dem "Soforthilfeprogramm Kino" will Monika Grütters noch in diesem Jahr auf den dramatischen Besucherschwund in den Kinosälen reagieren und Beihilfe für Investitionen leisten. Kleine Kinos insbesondere in der mitunter strukturschwachen ostdeutschen Provinz könnten allerdings ganz andere Hilfe brauchen, hat Juli Katz in einer großen Reportage für ZeitOnline über das Kino Weltspiegel in Finsterwalde herausgefunden: Die Verleihbedingungen sind einfach nicht mehr zeitgemäß, "bloß kann daran keine staatliche Förderung etwas ändern. ... Vertraglich ist zum Beispiel geregelt, in welchem Zeitfenster der Film gespielt werden muss, ob andere Filme parallel laufen dürfen und wie lange der Film gezeigt wird. Nicht immer ist das für den Kinobetreiber gut, auch weil die vertraglichen Konditionen von der Stadtgröße abhängig sind. ... Wenn Siegert einen Film drei Wochen lang spielen muss und der aber nicht gut anläuft, kann er ihn nicht wie die Multiplexe in einen kleinen Saal schieben, er hat ja nicht zehn oder zwölf davon. Dann flimmert der Film schlimmstenfalls wochenlang vor leeren Sitzreihen."

Weitere Artikel: Esther Buss berichtet in der Jungle World von der Diagonale in Graz, wo es diesmal in einem Special um Frauen im österreichischen Film ging. In der SZ gratuliert Josef Grübl dem Kameramann Gernot Roll zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Cristina Gallegos und Ciro Guerras Drogenthriller "Birds of Passage" (SZ), Jean-Luc Godards "Bildbuch" (Filmgazette, unsere Kritik hier), die bislang nur in österreichischen Kinos laufende Elfriede-Jelinek-Adaption "Die Kinder der Toten" (Zeit, mehr dazu hier) sowie Werner C. Bargs Buch "Blockbuster Culture" (Skug).
Stichwörter: Kino, Filmverleih