"Be creative!" In der Gegenwartsgesellschaft haben sich die Anforderung und der Wunsch, kreativ zu sein und schöpferisch Neues hervorzubringen, in ungewöhnlichem Maße verbreitet. Was ehemals subkulturellen Künstlerzirkeln vorbehalten war, ist zu einem allgemeingültigen kulturellen Modell, ja zu einem Imperativ geworden. Andreas Reckwitz untersucht, wie im Laufe des 20. Jahrhunderts das Ideal der Kreativität forciert worden ist: in der Kunst der Avantgarde und Postmoderne, den creative industries und der Innovationsökonomie, in der Psychologie der Kreativität und des Selbstwachstums sowie in der medialen Darstellung des kreativen Stars und der Stadtplanung der creative cities. Es zeigt sich, daß wir in Zeiten eines ebenso radikalen wie restriktiven Prozesses gesellschaftlicher Ästhetisierung leben.
Thomas Assheuer sieht allenthalben in den Buchhandlungen "gute Zeiten für Gesellschaftskritik" anbrechen, die Regale sind gefüllt mit Kritikern und Kritischem. Andreas Reckwitz' Studie "Die Erfindung der Kreativität" greift diesen Trend zweifach auf: zum einen ist sie selbst ein Stück Kritische Theorie in Bestform, erklärt der Rezensent, zum andern wird in der Studie auch die Vermarktung der Gesellschaftskritik thematisch. Reckwitz beschreibt die Entwicklung des ästhetischen Feldes bis zur gegenwärtigen Spätmoderne, indem er ihren Weg in die Mitte der Gesellschaft verfolgt. Nachdem die kapitalismuskritischen Avantgarden die Kunst von Zwecken befreit hatten, war sie gewissermaßen frei dafür, von der Produktion aufgegriffen zu werden. Neben der Vermarktung der Kunst steht die Ästhetisierung der Ware. Statt 'höheren Zwecken' zu dienen, zielt die Kunst auf "Affekt-Effekte", die Werbung ist das Paradebeispiel. Neben der Vermarktung der Kunst steht die Ästhetisierung der Ware. Erfolgreiche Kreative sind zu Stars geworden, die demonstrieren, wie man sich als kreativer Selbstvermarkter über Wasser hält. "Man will kreativ sein - und man soll es sein", zitiert Assheuer den Autor.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 12.01.2013
Recht positiv hat Michaela Schlagenwerth dieses Buch des Kulturwissenschaftlers Andreas Reckwitz aufgenommen. Der Autor schildert für ihn überzeugend den historischen Prozess, in dem die scheinbar natürliche Fähigkeit der Kreativtät zu einer allgegenwärtigen gesellschaftlichen Forderung geworden ist. Besonders geht Schlagenwerth auf die Entwicklung der Kreativtät als Begleitphänomen des Kapitalismus im 20. Jahrhundert ein. Deutlich wird für sie, wie die Marketing-Lehren verstärkt ab den 1950er Jahren zunehmend auf psychologische Kreativ-Lehren zurückgriffen und diese in ihre Theorien integrierten, was letztlich zu einer Vereinnahmung der Kreativtät durch die Ökonomie führte. Das Fazit der Rezensentin: eine kluge und kenntnisreiche Darstellung.
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