Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Der Held von Ben Lerners Roman ist ein Brooklyner Schriftsteller namens Ben, der einen frechen, von der Kritik gefeierten Erstling über sein junges Leben publiziert hat und nun auf größere Erfolge hoffen darf. Bei einer Wurzelbehandlung findet sein Zahnarzt auf dem Röntgenbild Verdächtiges: einen, so bleibt zu hoffen, gutartigen Gehirntumor. Das lässt ihn viel über die Fragilität des menschlichen Lebens nachdenken, umso mehr, als seine alte Collegefreundin Alex ihm auf Spaziergängen durch den Prospect Park oder über die Manhattan Bridge erzählt, wie sehr sie sich von ihm ein Kind wünscht, aber in aller Freundschaft, also durch künstliche Befruchtung. Dabei wird das Wetter immer schlechter, New York leidet unter Superstürmen, Stromausfällen und Überschwemmungen. Mit der Welt geht es bergab. Was also tun, was wird die Zukunft bringen?
René Hamann hat sich gut unterhalten mit Ben Lerners Beitrag zur "Selfie-Literatur". An der Deckungsgleichheit von Fakt und Fiktion kann das nicht liegen, das Spiel mit Identitäten und Realitäten nämlich beherrscht Lerner laut Hamann ebensogut wie den Stil der Stunde, die zeitgemäße Mischung aus Theorie und Politik, Transzendenz und atmosphärischer Sensibilität. Dass der Roman für den Rezensenten dennoch kein Mainstream ist, hat mit dem weitgehenden Verzicht auf Handlung, Figurenentwicklung und Pointierung zu tun. Doch auch das Selbstreflexive und die vielen kleinen gut geschriebenen Geschichten über Liebe, Elternschaft oder Drogenerfahrungen machen das Buch für ihn zu einem durchaus exklusiven Ereignis.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 23.01.2016
Hymnisch bespricht Christopher Schmidt Ben Lerners New-York-Roman "22:04", der ihm wie ein "gefaktes Selfie" erscheint: Denn der von Jonathan Franzen und dem Starkritiker James Wood hoch gelobte Autor und der Ich-Erzähler haben fast identische Biografien, Ben Lerners Bindegewebskrankheit eingeschlossen, die seine Zeugungsfähigkeit beeinträchtigt. Hingerissen liest Schmidt diese Geschichte um den Schriftsteller Ben, der seiner College-Freundin Alex mit einer künstlichen Befruchtung zu einem Kind verhelfen will, an einer Kurzgeschichte arbeitet, Autorentreffen mit langwierigen Monologen von J. M. Coetzee über sich ergehen lässt und sich mit geschwätzigen "hyperkorrekten" New-Yorker-Hipstern herumschlägt. Der Roman wird aber vor allem durch Lerners grandioses Spiel mit Fiktion, Realität, überraschenden Einfällen und an Alexander Kluge und W. G. Sebald erinnernden Bilder zum Ereignis, betont der Rezensent. Allein die Ausführungen über eine Rede Ronald Reagans ringen ihm höchste Anerkennung ab. Ein höchst amüsantes und "scharfsinniges Stück Hornbrillen-Literatur", lobt der Kritiker.
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