C.H. Beck Verlag, München 2026
ISBN
9783406842924 Gebunden, 752 Seiten, 44,00
EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz und Thomas Stauder. Kaum ein Thema erregt so viel öffentliches Interesse wie die Haltung der Kirchen zu Sexualität, Abtreibung und Queerness und ihr Umgang mit sexuellem Missbrauch. Diarmaid MacCulloch beschreibt, welche Obsessionen und Verteufelungen, theologischen Rationalisierungen und scheinheiligen Verhaltensweisen die Geschichte des Christentums seit zweitausend Jahren prägen. Sein bahnbrechendes Standardwerk ist zugleich eine höchst spannende Geschichte von Sexualität, Geschlechterverhältnissen, Ehe und Familie in der christlich geprägten Welt. Das Verhältnis zur Sexualität ist der Elefant im Raum des Christentums.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 10.06.2026
Diarmaid MacCulloch hat, findet Rezensent Johann Hinrich Claussen, ein sehr interessantes Buch geschrieben, das die Geschichte des Verhältnisses des Christentums zur Sexualität behandelt. MacCulloch beschreibt dieselbe als eine Abfolge von Revolutionen, womit tatsächlich fundamentale religiöse und gesellschaftliche Umwälzungen gemeint sind. Zu diesen Revolutionen zählt etwa die freiwillige und eben deshalb oft befreiende Hinwendung zur Askese im frühen Christentum, die weit weniger befreiende Durchsetzung des Zölibats im 12. und 13. Jahrhundert, sowie die Erneuerung der Sexualmoral durch den Protestantismus. Claussen erfährt viel Erstaunliches und Neues in diesem Buch, das beispielsweise darlegt, dass die vermeintlich traditionelle Kleinfamilie eine ziemlich neue Erfindung ist. Toll findet der Rezensent auch, dass das Buch nicht in einem bitteren Tonfall geschrieben ist, sondern vielmehr "eine gewisse Leichtherzigkeit ausstrahlt". MacCullochs Buch, heißt es am Ende, sucht nicht nach einer Essenz des Christentums. Aber es gibt Hinweise darauf, meint der sehr angetane Claussen, wie eine christliche Sozialethik ausschauen könnte, die ehrlich und rücksichtsvoll gegenüber sich selbst und anderen ist.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 17.03.2026
Dass die "sexuelle Gleichberechtigung auch in göttlichen Sphären" liegt, kann Rezensent Jens Balzer mit Diarmaid MacCullochs ebenso unterhaltsamer wie hervorragend recherchierter Sexualgeschichte des Christentums lernen. Homosexualität wurde von der Kirche zur Sünde erklärt, genauso wie außerehelicher Geschlechtsverkehr. Aber, wie christlich ist das eigentlich wirklich, fragt der Kirchenhistoriker in seinem Buch. Jesus jedenfalls hat zur Homosexualität nichts gesagt und auch nicht zur Polygenie, der Heirat eines Mannes mit mehr als einer Ehefrau, erfährt der Kritiker. Wenn man in der judäischen Kultur, aus der Jesus ja stammte, noch weiter zurückgeht, finde man heraus, dass neben dem Gott Jahwe zunächst auch dessen Gemahlin Aschera verehrt worden sei. MacCulloch sieht sich neben den jüdischen Wurzeln des Christentums, auch die hellenischen und die römischen an und findet hier durchaus widersprüchliche Aussagen zur Sexualität, später im Buches zeigt er dann, wie aus den verschiedenen Kleinstgemeinschaften eine "Staatreligion" wurde, die die Sexualität dem Patriarchat unterwarf. Dankbar ist der Kritiker dem Autor, der selbst wegen seiner Homosexualität aus dem Kirchendienst austrat, nicht nur für seinen Aktivismus, sondern auch für dieses gute Buch, in dem er zeigt, dass die "dogmatische Verbotskultur" sich definitiv nicht auf die Bibel berufen kann.
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