Christus (m/w/d)
Eine Geschlechtergeschichte

C.H. Beck Verlag, München 2024
ISBN
9783406822377
Gebunden, 396 Seiten, 32,00
EUR
Klappentext
Christus, Christa, Christum - Eine Geschlechtergeschichte von der Antike bis heute Gott ist in Jesus Christus Mensch geworden. Aber warum als Mann? Anselm Schubert zeigt, dass von der Antike bis zur Gegenwart immer auch andere - weibliche, androgyne oder queere - Christusbilder wirkmächtig waren, und führt uns so ein unbekanntes, erstaunlich diverses Christentum vor Augen.In der Antike galt vollkommenes Mannsein als höchste Form des Menschseins und war gleichbedeutend mit vollkommener Selbstbeherrschung: Christus musste daher ein Mann sein, der sich, seinen Körper und seine Sexualität vollkommen beherrschte - und deshalb gänzlich keusch lebte. Im Mittelalter galten dagegen beide Geschlechter als göttliche Schöpfung: Theologen diskutierten, ob Christus auch als Frau hätte Mensch werden können. Die Mystik feierte Christus als männlichen Bräutigam oder weibliche Inkarnation Gottes. Kabbalisten, Alchemisten und Prophetinnen der Frühen Neuzeit erhofften sich von einem androgynen Christus die Vollendung beider Geschlechter. Erst im19. Jahrhundert rückte die Frage in den Vordergrund, wie man sich Jesus als "echten", virilen Mann vorstellen kann. Gegen das betont männliche Bild vom Vater-Gott und seinem Sohn protestierte die feministischeTheologie im 20. Jahrhundert mit einem weiblichen Christus. Queere Theolog:innen verkünden einen schwulen, bisexuellen, transsexuellen, intersexuellen oder polyamoren Jesus. Die selbstverständliche Männlichkeit Christi gilt als der letzte blinde Fleck der Christentumsgeschichte.
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 23.10.2024
Rezensent Otto Kallscheuer fand Gefallen an dieser geschlechtergeschichtlichen Annäherung an die Person und Mythologie Christi. Anselm Schubert zeigt einerseits, wie patriarchale Gesellschaften Macht und Gewalt des Allerhöchsten männlichen Zügen zuschreiben und anderseits wie stark Körper und Wesen Christi in der Geschichte sexualisiert wurden. Besonders aufschlussreich findet Kallscheuer die These, dass weder die Menschwerdung Christi noch die tradierte Geburtsgeschichte, sondern das heteronormative "Begehren" der Gläubigen über die Sexualität Christi entschieden habe. Kallscheuer empfiehlt ein lesenswertes, gut recherchiertes, inhaltlich wie methodisch kreatives Buch: Hier werde eine neue ernstzunehmende "dekonstruktive" Theologie erprobt und nicht bloß "postfeministische Identitätspolitik" auf eine historische Figur übertragen, wie manche sicherlich zu kritisieren bereit wären, betont der Rezensent abschließend.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2024
Interessiert, aber gelegentlich auch etwas skeptisch bespricht Rezensentin Eve-Marie Becker Anselm Schuberts Buch über die Geschlechtlichkeit Jesus Christi. Schubert stellt laut Becker dar, wie Jesus historisch seine Geschlechtsidentität im Unklaren lies, und wie er später im Neuen Testament hegemonial männlich dargestellt wurde, wobei das Männlichkeitsbild, das dabei vermittelt wird, teils auch ungewöhnlich ist. Im Weiteren geht es, lesen wir, um spätere Bezugnahmen auf Jesus' Geschlechtlichkeit, darunter queere Lesarten, die Idee eines androgynen Jesus, eine Tradition der Weiblichkeit in der Jesusdarstellung und manches mehr. Wichtig ist dabei stets, lernt Becker von Schubert, dass Neufassungen des Christentums immer wieder den Rückgriff auf Jesus und eben auch seine Geschlechtlichkeit benötigen. Es ist dabei freilich nicht immer klar, meint Becker, ob Schubert sich auf den Jesus im Himmel oder den auf Erden bezieht, außerdem wird ihr bei der Lektüre nicht immer klar, welche Auswirkungen die Erkenntnisse auf theologische Fragen der Gegenwart haben. Insgesamt freilich eine lohnende Lektüre, schließt die Rezensentin, schon weil das Buch vorführt, wie kulturwissenschaftliche Annäherungen an Religion heutzutage funktionieren.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 07.10.2024
Die derzeit so gängige Gender-Debatte auf Jesus auszuweiten, dürfte einigen Gläubigen sauer aufstoßen, mutmaßt Rezensentin Sylvie-Sophie Schindler, doch dafür gibt es in der differenzierten Betrachtung des Theologieprofessors Anselm Schubert keinen Grund, versichert sie. Schubert widmet sich der Zeit von der Antike bis heute, um zu zeigen, dass das Bild, das man sich von Jesus' Geschlechtsidentität gemacht hat, durchaus variabel ist: So wurde "die Wunde Christi" im Mittelalter bisweilen als Vagina verstanden. Der Verfasser demonstriert der Kritikerin, dass verschiedene Bilder von Jesus koexistieren können, solange sie Anspruch auf Allgemeingültigkeit aufgeben. Abschließend lernt sie in dem kenntnisreichen Buch, dass Gott laut der Bibel gleich ganz ohne Geschlecht auskommt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 17.09.2024
Rezensent Johann Hinrich Claussen lädt dazu ein, mit dem Buch des Kirchenhistorikers Anselm Schubert die mannigfachen Christusbilder und ihre geschlechtlichen Implikationen kennenzulernen. Manche der Bilder sind "durchgeknallt", gibt Claussen zu, andere stimmen den Rezensenten nachdenklich. Dass der Autor gelassen, ohne Verurteilung Geschlechterkonzepte über Christus vorführt, findet Claussen gut. Entstanden ist laut Claussen ein "farbenfrohes" Panorama unterschiedlichster Texte von der Antike über das Mittelalter bis in die Moderne, die Christus mal als keuschen Mann, mal mit weiblichen Aspekten und mal als queer vorstellen.