Michaela Kohlhaas
Roman

Suhrkamp Verlag, Berlin 2026
ISBN
9783518432808
Gebunden, 253 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
"Das Rechtgefühl machte ihn zum Räuber und Mörder." So erzählt es Heinrich von Kleist in seiner gleichnamigen Novelle über den Pferdehändler Michael Kohlhaas, der nach erlittenem Unrecht blutige Vergeltung übt. Sein Rachefeldzug ist noch zweihundert Jahre später Vorbild und Handlungsanweisung für Michaela Kohlhaas, eine stellvertretende Friedhofsverwalterin. Befeuert von erfahrener Willkür und Ohnmacht, wird sie zur Aufsässigen. Doch wo Michael Kohlhaas mordet und brandschatzt, agiert sie vorrangig mit Worten: mit Zuspitzung, Übertreibung, Sabotage und Show. Einer vermeintlichen Hexe gleich, zieht sie fluchend und Verwünschungen aussprechend durchs Land. Und muss feststellen: Es ist von Nachteil, eine Frau zu sein. Es ist von Nachteil, sich zu wehren. Doch selbst wenn alle Welt sie für wahnsinnig erklärt - sie geht "mit wehenden Fahnen" ihrem Ende entgegen, auf ein gutes Ende hoffend, und doch ahnend: Ein solches Ende wird es vielleicht nicht geben.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 09.06.2026
Rezensentin Sigrid Löffler hält Heike Geißlers feministische Kohlhaas-Adaption für ein wunderlich Ding. Männlicher Extremismus goes weibliche Auto-Aggression. Dass damit ein Klischee bedient wird, scheint die Autorin nicht zu stören, meint Löffler, die die Geschichte um eine Aussteigerin stirnrunzelnd liest. Die 12 Monate vom gesellschaftlichen Ausstieg über die Verwahrlosung bis zum Tod der Protagonistin erzählt Geißler laut Löffler aus Sicht einer Freundin, die den selbstzerstörerischen Aspekt hervorhebt. Für Löffler scheint das Buch weder an die Vorlage heranzureichen noch scheint es ihr Kleists Geschichte einen wesentlichen Aspekt hinzuzufügen.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 06.06.2026
"Eine Kleinbürgerin sieht rot", denkt sich der ganz angetane Rezensent Jakob Hayner während der Lektüre von Heike Geißlers neuem Roman. Heldin Michaela Kohlhaas hat einfach genug von allem, genug von ihrem dauerkranken Chef im Beerdigungsunternehmen, genug von den reichen Leuten, die sich einfach die ganze Stadt Leipzig unter den Nagel gerissen haben, genug von der Marktwirtschaft, lesen wir. Und so fängt sie an, mit dem Planwagen durch die Gegend zu ziehen. Geißler schreibt ihr Zweifeln und Verzweifeln auch als Diagnose einer Gegenwart, in der der "rücksichtslose Sozialrealismus" keine Neutralität mehr erlaubt, so Hayner. Für ihn ist das Buch hochlebendig und lesenswert.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 05.06.2026
Rezensentin Maike Albath zeigt sich zunächst "einigermaßen hingerissen" von Heike Geißlers Bearbeitung der bekannten Novelle von Heinrich Kleist, muss dann jedoch mit Bedauern feststellen, dass das Konzept, bei aller technischer Raffinesse dieser Autorin, nicht bis zum Ende trägt. Dabei ist dieses Konzept an sich ziemlich großartig: Statt eines Pferdehändlers führt Geißler die brave Friedhofsangestellte Michaela Kohlhaas ins Feld gegen das Unrecht, das ihr von einem Immobilieninvestor zugefügt wurde, ja gegen die gesamte bourgeoise Existenz eigentlich, die ja ein einziges großes Unrecht ist. Erzählt wird die 180-Grad-Wende einer bürgerlichen Angestellten aus der Ich-Perspektive einer befreundeten Mutter - unterhaltsam, witzig, in brillant geschliffenen und perfekt durch rhythmisierten Sätzen. Stilistisch ist Geißlers Text also einwandfrei, lesen wir, auch weiß sie die Vorlage auf kluge Weise zu bearbeiten, lobt Albath. Aber gerade diese technische Perfektion nimmt irgendwann überhand, die Erzählung bekommt etwas seltsam Mechanisches, findet die Rezensentin, während ihr die Motivation der Protagonistin nicht ganz plausibel wird und ihre Entwicklung berechenbar erscheint. Geißler beweist sich hier zwar als "kluge Strategin", jedoch fehlt ihrer Erzählung das Erzählerische, schließt die Rezensentin.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.06.2026
Aus Michael Kohlhaas wird Michaela Kohlhaas, aber Heike Geißlers fulminanter Roman, der Kleists berühmte autoritätskritische Novelle in die Gegenwart versetzt, bildet die Vorlage nicht einfach eins zu eins ab, freut sich Rezensent Steffen Martus. Stattdessen geht Geißlers Heldin ihre eigenen Wege, beginnend damit, dass sie nicht aufgrund der einen großen Ungerechtigkeit aus der Gesellschaft aussteigt; sondern weil sie mit den vielen kleinen Unwegsamkeiten eines von Entsolidarisierung und Gewinnstreben geprägten Alltags nicht mehr einverstanden ist. Die Entscheidung, die Hauptfigur mit einer "Infrastruktur von Schlechtem" zu konfrontieren, führt laut Martus dazu, dass Geißler sich eher an dem zweiten, weniger handlungszentrierten Teil der Kleist-Novelle orientiert. Außerdem, das gefällt dem Rezensenten besonders, hält sich die Autorin fern von disruptiven Heldenfantasien, stattdessen macht ihre Geschichte einen "Test auf die Alltagstauglichkeit der Rebellion". Dank Geißlers lebendiger Sprache kommt am Ende dabei der beflügelndste Aufruf zum Widerstand heraus, den die deutsche Literatur derzeit zu bieten hat, jubelt Martus.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 30.05.2026
Heike Geißlers neues Buch ist viel mehr als nur eine Nacherzählung von Kleist, findet Rezensentin Nina Müller: Geißlers Michaela Kohlhaas ist eine Figur, die sich klaren Zuschreibungen entzieht und die Frage stellt, wovon und von wem erzählt wird, erzählt werden kann. Kohlhaas verabschiedet sich aus ihrem bisherigen Leben, zieht mundraubend mit dem Planwagen durch Sachsen, entlarvt den Traum vom ewigen Leben als Mythos und wird von der Bevölkerung als Aussätzige behandelt, resümiert Müller. Mit viel Wortwitz erzählt sie von Verletzlichkeit, direkt, mit Blick für die Kontingenzen der menschlichen Geschichte, so die Kritikerin. Ihr gefällt auch, dass die Autorin eine namenlose Ich-Erzählerin wählt, um Kohlhaas' Geschichte mit der Devise "Jemand muckt auf" zu erzählen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 29.05.2026
Muss man lesen, meint Rezensent Paul Jandl über Heike Geisslers Kohlhaas-Remake. Sprache und Geschichte des Romans findet Jandl irrwitzig und immer wieder sehr komisch. Wie die Titelheldin, eine Friedhofsverwalterin in Leipzig, aus der Gesellschaft aussteigt und in Lumpen durchs Land zieht, wo sie für allerhand Aufregung sorgt, das ist laut Jandl "großes Theater". Gut zu erkennen ist für Jandl, dass in dieser individuellen Geschichte etwas Allgemeines steckt, das Politische sich im Privaten zeigt. Kohlhaas also als "allegorische Gestalt" und eine "Revolution in Gedanken", für die Geissler zarte Worte findet, so Jandl begeistert.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 19.05.2026
Rezensentin Judith von Sternburg empfiehlt Heike Geißlers Kleist-Adaption als vergleichende Schullektüre. Allerdings warnt sie auch: Das Buch hat es in sich, ist radikal und erschütternd. Mit viel Menschlichkeit wird im Buch laut Sternburg mehr als eine Geschichte erzählt, doch im Kern geht es um diese Frau Kohlhaas, ihren "aufrührerischen Schwäninnengesang", und ihren unaufhaltsamen Niedergang. Wie sie in wenigen Wochen verwahrlost, wie sie schließlich brandschatzt und sich selbst zugrunderichtet, das erzählt Geißler wortgewandt und bildstark, versichert Sternburg. Ein tatsächlich notwendiges Buch, Schullektüre hin oder her, meint sie.