Egon Bondy

In Straßenbahnen

Reste eines Epos und andere Gedichte - Totaler Realismus und peinliche Poesie I
Cover: In Straßenbahnen
Ketos Verlag, Wien - Prag 2023
ISBN 9783903124257
Gebunden, 256 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Ausgewählt, aus dem Tschechischen und Nachwort von Ondřej Cikán. Der Band "In Straßenbahnen" enthält eine Auswahl von Egon Bondys Gedichten aus den 1950er Jahren und konzentriert sich auf die Stile des Totalen Realismus und der Peinlichen Poesie. Das Nachwort beschreibt den literarischen und historischen Kontext und bietet Analysen einzelner Gedichte. Egon Bondy (1930-2007), mit bürgerlichem Namen Zbyněk Fišer, war eine schillernde Persönlichkeit der tschechoslowakischen Untergrund-Kulturszene. In den 1950er Jahren gab er gemeinsam mit Ivo Vodseďálek und Jana Krejcarová die Samizdat-Edition Půlnoc (Mitternacht) heraus. Ab den 1970er Jahren schrieb er Texte für die Underground-Musikgruppe "The Plastic People of the Universe" und wurde in den entsprechenden Kreisen zur poetischen Autorität, z.B. für J.H. Krchovský. Das jüdische Pseudonym nahm Egon Bondy 1949 an, als er sich im Sammelband "Židovská jména" ("Jüdische Namen"), herausgegeben gemeinsam mit Jana Krejcarová, gegen den wiedererstarkenden Antisemitismus wandte.
Während Bondy im Untergrund großartige Gedichte verfasste, arbeitete er - um dem Gefängnis zu entgehen - immer wieder als Denunziant mit der Staatssicherheit zusammen. Gleich nach der Erlangung des Philosophie-Doktorats ließ er sich - wie einige andere Untergrundkünstler - für geisteskrank erklären und verbrachte viel Zeit in Irrenhäusern. Die "faschistische" Sowjetunion kritisierte er von einem kommunistischen Standpunkt aus, und dennoch wird er in Tschechien als Dichter besonders von den antikommunistischen, ehemaligen Dissidenten geschätzt: Einerseits war er etwas wie Jekyll und Hyde - Denunziant und oppositioneller Dichter - andererseits blieb er in seinen Gedichten, die erst nach der Wende 1989 veröffentlicht werden konnten, frei und nahm sich kein Blatt vor den Mund.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.02.2024

Rezensent und Slawist Urs Heftrich freut sich sehr über die zweibändige Wiederentdeckung der tschechischen Dichter Egon Bondy und Ivo Vodseďálek, die mit ihrem "Totalen Realismus" und ihrer "Peinlichen Poesie" (beides Abspaltungen des Surrealismus, weiß Heftrich) gegen Stalins Faschismus anschrieben. Dabei kann der Kritiker nur staunen, wie bruchlos "Banalität und Bestialität" hier ineinander übergehen: Wie sich das Surreale schon aus einer bloßen Abbildung der Realität ergibt - "Ich sticke einen wunderschönen Gobelin für unser Rathaus / mit dem Portrait des Generalissimus Stalin", zitiert er etwa -, findet er höchst eindrücklich. Zur "dissidenten Heldensaga" taugen die Lebensläufe der beiden Dichter zwar nicht, aber mindestens schreibt Heftrich Bondy einen "Groll auf das Sowjetimperium" zu, auch wenn er dem System lieber als IM diente statt ins Gefängnis zu gehen. Vodseďálek wiederum liebte den Stolz der "Margeriten in der Ukraine". Beides macht die Texte für den Rezensenten umso aktueller: Bondy beispielsweise erkannte schon früh die faschistischen Züge der Sowjetunion. Dass sich der Verleger, Übersetzer und Kommentator Ondřej Cikán des Kētos Verlags dieser Wiederentdeckung im Alleingang angenommen hat, ist für den Kritiker das Sahnehäubchen dieser verdienstvollen Publikation. Wenige kleine Lücken im Kommentar verzeiht er da sofort.
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