"Richtiges Benehmen" ist en vogue. Gelehrt, definiert und trainiert wird es in Seminaren auf dem Bildungsmarkt. Elisabeth Timm untersuchte solche Seminare und stellt in ihrem Buch fest: Ungleichheit nach Alter, Klasse und Geschlecht sind zugleich Voraussetzung und Effekt dieser Veranstaltungen. Nicht die Übernahme anderer Verhaltensstile sind das Ergebnis solcher Kurse, sondern die Einübung eines sozial-ästhetischen urteilenden Blicks. Die insbesondere in den Medien behauptete "Renaissance der guten Sitten" erweist sich damit als die alltagskulturelle, ästhetisierte Feinmechanik sozialer Schließungsprozesse.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 11.02.2002
Mascha Jacobs gibt sich vor allem Mühe, die Dissertation von Elisabeth Timm über Benimmregeln so darzustellen, dass man im großen und ganzen verstanden hat, worauf Timm hinaus will. Das gelingt ihr recht gut, dafür muss sie aber dicht am Buch bleiben, das sie denn auch nur als "stilistisch konsequent" oder "theoretisch sehr avanciert" bewertet. Timm geht es laut Jacobs darum, dass die Funktion dieser Seminare nicht darin besteht, Kleinbürgern beizubringen, wie man Servietten zu falten und Langustinos zu knacken hat. Es geht um soziale Anpassung - und Ausgrenzung. "Die erlernten Regeln des Seminars sind keine Handlungsanleitungen, sondern lediglich Nomenklatur, nach der sie nun andere beurteilen können", fasst Jacobs das Ergebnis zusammen, "von Beobachteten werden sie zu Beobachtern, und es macht plötzlich Spaß, die anderen beim Fehlermachen zu erwischen".
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 30.06.2001
Gnadenlos findet der Rezensent mit dem Kürzel "rox" das Fazit der Soziologin Elisabeth Timm, die in ihrer Dissertation den Motiven von Menschen nachgegangen ist, die sich auf Benimmregeln besinnen und oft teuer bezahlte "Anstandskurse" besuchen. Denn die Beherrschung von sozial integrierenden Tugenden wie Höflichkeit und Rücksicht stünden bei den meisten nicht im Vordergrund, sondern ein perfektes Self-Management, das über ein perfekt einstudiertes gutes Benehmen nur dazu diene, exklusive soziale Kreise zu schaffen, referiert "rox" in seiner kurzen Besprechung die zentralen Ergebnisse der Studie.
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