Gottfried Benns Schlüsseltext "Der Garten von Arles" (1920) spiegelt die Epochenzäsur nach dem Ersten Weltkrieg: Mit seinen rauschhaften, "hirnentbrannten" Visionen und seiner Wortmächtigkeit bereitet Benn der von Hofmannsthal beschworenen Sprachkrise ein Ende. Auf höchstem Niveau erprobt er seine Assoziations- und Montagetechnik; auch Malerei und Selbstzeugnisse bildender Künstler sind ihm nicht nur Stimulans zum Schreiben, sondern Materiallager, aus deren Beständen er seinen "Garten" reichlich bestückt und zum Blühen bringt. Friederike Reents zeigt, wie sich der Text an der Schwelle zwischen Expressionismus und Neuer Sachlichkeit als paradigmatisch und zugleich visionär erweist: Noch vor Joyce sprengt der junge Benn Zeit-, Raum-, aber auch Gattungsgrenzen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.04.2010
Alexander Honold ist im Erkenntnisglücksrausch. Friederike Reents' Studie zu Gottfried Benns kurzem Prosastück bietet ihm die Chance, Benns Text als Schlüsseltext nicht nur des Autors selbst, sondern auch der literarischen Moderne zu begreifen. Dafür sorgt der Umstand, dass Reents weder politische Einordnungen vornimmt, noch in Werkphasen einteilt. Wie die Autorin stattdessen Verbindungen herstellt zwischen einzelnen Worten und Motiven hin zu früheren beziehungsweise späteren Texten Benns und so Opakes erhellt, hat Honold überzeugt. Die Beschränkung der Autorin auf die philologische Tugend des dichten, langsamen und gründlichen Lesens empfindet Honold als Glück. Auch und gerade angesichts von Benns Rausch-Obsession, schreibt er.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 25.02.2010
Lohnt der 10-seitige Prosatext von Gottfried Benn, "Der Garten von Arles", die philologischen und interpretatorischen Mühen einer 400 Seiten schweren Forschungsarbeit? Das zumindest fragt sich Alexander Kissler angesichts der Studie von Friederike Reents, die es auf sich genommen hat, dieses äußerst hermetische Werk von 1920 als frühen Beleg einer "Krise des Erzählens" zu entschlüsseln. Ohnehin würde Benns Text "freiwillig" niemand lesen, so der Rezensent überzeugt, derart schwer sei den durch Zeiten und Orte mäandernden Sätzen mit überbordender Metaphernflut und kaum erkennbarer Satzstruktur zu folgen. Am Ende ist er durchaus beeindruckt, was Reents alles zutage fördert und er gibt sogar zu, dass sich die Früchte ihrer "Spurensuche" bei der Auffindung von Zitaten und der Deutung von Metaphern durchaus "spannend" lesen. Und so ist zumindest in ein Stück dunkle Literatur Licht gebracht worden, lobt Kissler zurückhaltend, wenn er auch immer noch nicht davon zu überzeugen ist, dass der Aufwand das Ergebnis rechtfertigt.
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