Der Begriff ist zwar neu, doch hat es das Virtuelle immer schon gegeben. Mehr als hundert virtuelle Gräber Christi gab es im Mittelalter, Liturgie und Zeremoniell führten dazu, konkrete Räume neu zu definieren; Panoramen, Glas-Eisen-Konstruktionen, die Villen von Mies van der Rohe, Installationen, Film, Werbung, Cyberspace - stets entstehen im Kopf des Betrachters Raumdispositionen, die neue Elemente einbringen. Wie im Film ordnet der Betrachter das Virtuelle in einer Einheit mit dem Bestehenden zu einer kompakten Welt, in der er sich wiederfindet. Der Verfasser dieses Buches zeigt, dass diese Innovationen einen historischen Ursprung haben und dass der Begriff des Virtuellen zwar neu, jedoch auf viele historische Kunstwerke anzuwenden ist.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.11.2000
Ralf Drost scheint dieses Buch nicht wirklich überzeugend zu finden. Zwar macht er neugierig, indem er berichtet, dass der Leser bei diesen Zeitreisen durch ganz verschiedene Orte geführt wird, von der Strandhütte aus der Bacardi-Werbung über Kirchen, Bauten berühmter Architekten bis hin zu alten Schlössern. Wenig plausibel findet Drost jedoch Kerschers Thesen zu Virtualität. Kerscher, so der Rezensent, weist darauf hin, dass all diese Orte nur durch den kulturellen Hintergrund des Rezipienten Sinn bekommen und ansonsten nichts als ein `Steinkonglomerat` sind. Dies findet Drost zu allgemein, denn demnach träfe dies auch auf eine "Straßenkreuzung oder einen Kasernenhof" zu. Zum anderen findet Drost die Verwendung des Begriffes `Virtualität` heikel, der heute eher in Zusammenhang mit elektronischen Scheinwelten verwendet werde und weniger in Kerschers Sinn eines "werkästhetischen Sinnpotentials", in dem etwa ein bestimmtes Gebäude untrennbar von einem Zeremoniell zu denken ist. Gut gefallen dem Rezensenten jedoch die Passagen zu "Wand- und Deckengemälden des Manierismus", weil es hier seiner Ansicht nach tatsächlich zu einer "Verschränkung von realem und illusionistischem Raum" kommt.
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