Hanns-Josef Ortheil

Das Kind, das nicht fragte

Roman
Cover: Das Kind, das nicht fragte
Luchterhand Literaturverlag, München 2012
ISBN 9783630873022
Gebunden, 432 Seiten, 21,99 EUR

Klappentext

Benjamin Merz ist Ethnologe, und er möchte die Lebensgewohnheiten der Menschen in Mandlica, einer kleinen Stadt an der Südküste Siziliens, erkunden. Allerdings muss er große Hemmungen überwinden, um Gespräche mit den Einheimischen zu führen. Denn Benjamin Merz ist zwar ein kluger Ethnologe, aber ihm fällt es ungeheuer schwer, das zu tun, worauf seine ganze Arbeit aufbaut: Fragen zu stellen. Und das hat seinen Grund. Aufgewachsen ist Benjamin Merz mit vier weitaus älteren Brüdern. Seine Kinderjahre verbrachte er in einer aufgezwungenen Spracharmut. Seine älteren Brüder gaben in der Familie den Ton an, und er als Nachkömmling war schon häufig alleine damit überfordert, zu verstehen, worüber gesprochen wurde. Selbst einfachste Verständnisfragen traute er sich dann nicht zu stellen, und später musste er sich das Fragen mühsam antrainieren. Dafür kann er aber ausgezeichnet zuhören. Und diese Fähigkeit macht ihn in Mandlica, der Stadt der Dolci, zu einem begehrten Gesprächspartner - insbesondere bei den Frauen. Sie beginnen ihm Familiengeheimnisse und verborgenste Liebeswünsche anzuvertrauen…

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.02.2013

Sabine Brandt ist fasziniert von diesem Autor: Hanns-Josef Ortheil wuchs in einer Familie auf, die ihm das Sprechen denkbar schwer machte; der Mutter hatte der Tod einer ihrer Söhne buchstäblich die Sprache verschlagen, der Vater war ohnehin schweigsam, berichtet die Rezensentin. Als Kind galt Ortheil deshalb noch als Autist, jetzt ist er ein erfolgreicher Schriftsteller. Seine Bücher sind zumeist autobiografisch, weiß Brandt, und auch "Das Kind, das nicht fragte" scheint sich erneut an seinem eigenen Leben zu orientieren: auch Benjamin Merz hat "eine qualvoll stumme Kindheit" und sehnt sich nach gewöhnliche Lebensumständen, die sich ihm aber stets zu entziehen drohen. Trotzdem wird aus ihm später ein recht erfolgreicher Ethnologe und Lehrer, der dem Leser die eigene Geschichte ausbreitet, erklärt die Rezensentin. Dass die Brüder später im Roman keine Rolle mehr spielen, macht Brandt stutzig. Wie verlässlich waren Merz' Ausführungen über deren Unwesen, wie viel Glauben will man diesem Erzähler überhaupt schenken, fragt sie sich. Diese Brechungen machen Ortheils Buch zwar eventuell weniger biografisch, aber gewiss nicht weniger lesenswert, beteuert die Rezensentin.
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