Judith Kohlenberger

Das Fluchtparadox

Über unseren widersprüchlichen Umgang mit Vertreibung und Vertriebenen
Cover: Das Fluchtparadox
Kremayr und Scheriau Verlag, Wien 2022
ISBN 9783218013451
Gebunden, 240 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Flucht ist ein Widerspruch: Man will bleiben, muss aber weg. Flucht ist traumatisierend: Man sucht Sicherheit, muss dafür aber sein Leben aufs Spiel setzen. Und Flucht (nach Europa) ist paradox: Man muss Recht brechen, nämlich "illegal" Grenzen passieren, um zu seinem Recht auf Asyl zu kommen. Nur um sich im Aufnahmeland abermals mit widersprüchlichen Anforderungen und unerfüllbaren Zuschreibungen der Integration auseinandersetzen zu müssen.Die Fluchtforscherin Judith Kohlenberger liefert eine detaillierte Analyse unseres Umgangs mit Vertreibung und Vertriebenen, zeichnet die historischen und rezenten Entwicklungen, nicht erst seit dem Krieg in der Ukraine, in rechtlicher, gesellschaftlicher und individueller Perspektive nach und zeigt, wie wir zu einer menschlichen Asyl- und Integrationspolitik kommen, wenn wir unsere moralische Verantwortung wahrnehmen, kurz: wenn wir der Stärke unserer Institutionen, unseres Rechtsstaats und unserer Zivilgesellschaft vertrauen. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.12.2022

Auch wenn Rezensent Holger Thünemann nicht mit allem einverstanden ist, was Judith Kohlenberger in ihrem Band zur Flucht- und Asylpolitik der EU schreibt, attestiert er ihr, doch ein wichtiges Buch verfasst zu haben. Wie sie die vielen Widersprüche aufzeigt, Lebenslügen und inhumane Praktiken, das rechnet ihr Thünemann hoch an: Wie kann es sein, dass Asylsuchende erst mehrfach gegen europäisches Recht verstoßen müssen, um überhaupt Asyl beantragen zu können? Wieso wird die Asylverantwortung zunehmend an undemokratische Regimes ausgelagert? Angesichts substantieller und berechtigter Kritik verzeiht der Rezensent, wenn die Autorin in ihrem "wild und spontan" geschriebenen Buch einige Male übers Ziel hinausschießt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.11.2022

In Judith Kohlenbergers "Fluchtparadox" liest Nina von Hardenberg vor allem einen Appell für eine neue Flüchtlingspolitik. Und bei der Schwierigkeit dieser Wortwahl ginge es schon los: Flucht scheine uns als Begriff für ein aktives Sich-Entziehen, während Vertreibung eine passive Komponente habe, eine des Opferseins. Letztere tauche seit Februar 2022 im Zusammenhang des Ukraine-Kriegs mit dem Begriff der Kriegsvertriebenen wieder auf. Kohlenberger erläutere, warum dies paradox sei: Europa wolle keine Flüchtlinge etwa aus Syrien, aber doch Ukrainer*innen aufnehmen. Diese führe eine Ungleichheit mit sich, die die europäische Politik auszeichne, lernt von Hardenberg. Wie geht das, gerade den Schwächsten Schutz zugestehen zu wollen, aber dann zu erwarten, dass diese in Windeseile zur Integrations-Erfolgsgeschichte würden? Eine konkrete Lösung für dieses Problem wünscht sich die Rezensentin vergeblich, aber sie liest das Buch dennoch mit Gewinn - und der von der Autorin vermittelten Überzeugung, in Asylsuchenden den Menschen zu sehen, der ist wie man selbst, und nicht ein fernes Anderes.

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