Johann Jeremias Glaser (1653 bis 1725) war Scharfrichter von Beruf. Vor allem aber war er ein unvergleichlicher Buchhalter des eigenen Lebens, der der Nachwelt ein einmaliges Zeugnis hinterließ: In einem sogenannten Anschreibebuch hielt er penibel alle Zahlen, Kosten und Fakten seines Erwachsenenlebens fest - ein einzigartiges Ego-Dokument aus der Frühen Neuzeit! Was gab er bei Hochzeiten für Schmuck, Kleidung und Essen aus, was für den Unterhalt seiner Mägde und Knechte? Und was nahm er an Gebühren ein, für das Köpfen und Foltern, aber auch für das Heilen, das Beseitigen von Tierkadavern oder das Ausräumen der Fäkalgruben?
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2025
Rezensent Peter Burschel würdigt Kai Lehmanns Werk über den Meininger Scharfrichter Johann Jeremias Glaser als eine Quelle von europäischem Rang. Basierend auf Glasers "Aufzeichenbüchlein" beleuchtet Lehmann das Leben eines Henkers, der zugleich Heiler, Abdecker, Tierkadaver-Beseitiger, und Geschäftsmann war, so der Rezensent. Glaser, der 1680 seine erste Hinrichtung vollzog, dokumentierte akribisch seine Taten, Einnahmen und Investitionen. Als Scharfrichter verdiente er nicht nur an Hinrichtungen, sondern auch am Handel mit Tierhäuten, Fett und Metallen, führt der Kritiker aus. Trotz sozialer Stigmatisierung genoss er Ansehen - nicht zuletzt wegen seines medizinischen Wissens, erfahren wir. Sein jüngster Sohn brach schließlich mit dem Makel der "Unehrlichkeit", die dem Scharfrichter-Beruf anhing, und wurde Arzt. "Die Erosion der Unehrlichkeit" war damit ein Zeichen des sich wandelnden Strafverständnisses der Aufklärung, resümiert der Kritiker.
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