Nelio Biedermann

Lázár

Roman
Cover: Lázár
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783737102261
Gebunden, 336 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Alles beginnt, sogar das Ende, als Lajos von Lázár, das blonde Kind mit den wasserblauen Augen, zur Welt kommt. Seinem Vater, dem Baron, wird der Sohn nie geheuer sein, als ob er dessen Geheimnis ahnte. Mit Lajos' Geburt im Waldschloss bricht auch das 20. Jahrhundert an, das das alte Leben der Barone Lázár im südlichen Ungarn für immer verändern wird. Der Untergang des Habsburgerreichs berührt erst nur ihre Traditionen, aber alle spüren das Beben der Zeit, die schöne Mária ebenso wie der geisterhafte Onkel Imre. Als Lajos in den zwanziger Jahren sein Erbe antritt, scheint der alte Glanz noch einmal aufzublühen. Doch die Kinder Eva und Pista - der das Dunkle so liebt - müssen erleben, wie totalitäre Zeiten ihre wuchtigen Schatten werfen - und lernen, gegen sie zu bestehen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.10.2025

Rezensentin Katharina Granzin ist begeistert vom zweiten Roman des erst 22-jährigen Autors über das Leben einer ungarischen Adelsfamilie. Granzin sieht in dem Treiben der Romangestalten eine Vermengung des Übernatürlichen mit dem Historischen; alle Figuren sind gezeichnet von Momenten des Schreckens oder werden von unerklärlichen Begebenheiten verfolgt. Granzin liest von kleinen Schwestern, die im Wald verlorengehen und nach ihrer Bergung ihr Sprachvermögen scheinbar verloren haben, von Müttern, die sich in Flüssen ertränken und Kindern, die mit fast transparenter Haut geboren werden. Dass die Kritikerin an E.T.A. Hoffmann denkt, wird vom Roman nur bestätigt, wenn eine seiner Figuren sich mit den "Nachtstücken" von Hoffmann in den Wahnsinn liest. Doch die Familie Lázár wird auch von den Ereignissen der Geschichte überwältigt und muss um die Wahrung ihres Reichtums und Adelsstandes mit den wechselnden politischen Kräften des Zweiten Weltkrieges ringen. Der episodische Aufbau des Romans und die Biegsamkeit der Sprache halten die Balance zwischen all diesen Elementen. Granzin findet sogar noch weitere komplexe Unterströmungen und lobt die philosophische Präzision, mit der in den Sex-Szenen die Vielfalt menschlichen Begehrens beschrieben wird. Nur das Happy-End wirkt auf die Kritikerin, angesichts der Turbulenzen, die die Familie ertragen musste, wie ein allzu schlichtes Korrektiv.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 25.09.2025

Auch an Ursula März ist der Wirbel um den Roman des erst 22-jährigen Nelio Biedermann nicht vorbeigegangen, so macht sie sich in ihrer Rezension selbst ein Bild: Die Geschichte um den ungarischen Adeligen Lajos von Lázár, mit dessen Geburt um 1900 das Buch einsetzt, findet sie durchaus spannend. Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts, denen diese Familie begegnet, reichen von Kriegen bis zum Volksaufstand in Ungarn, der sie 1956 zur Emigration zwingt, erfahren wir. Für März ist besonders der "mythologische Unterbau" des Stoffes interessant, die Lázárs fallen von ganz oben bis ins Bettlertum, was sich universell verstehen lässt. Auch die "künstlerische Eigenständigkeit" des Autors überzeugt sie, der sich ganz modern den sinnlichen Erfahrungen seiner Protagonisten widmet.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 19.09.2025

Rezensent Michael Eggers zeigt sich durchaus beeindruckt vom zweiten Roman Nelio Biedermanns über den unaufhaltsamen Untergang einer ungarischen Adelsfamilie. Biedermann erzählt in zügigem Rhythmus, bezieht sich offen und nie willkürlich auf die großen Namen und Werke der Literaturgeschichte, baut aber immer wieder auch sehr bewusst und gezielt verstecktere Zitate und Hinweise ein, lobt Eggers. Dass diese reflektierte, anspielungsreiche Familiengeschichte über drei Generation "einen gewissen Sog" entwickelt, kann der Kritiker nicht leugnen, allerdings scheint er sich von diesem Sog nicht so vollständig und vorbehaltlos erfassen lassen zu können oder zu wollen - zumindest nicht in dem Maße, in dem sich die Figuren in diesem Roman von ihren Erfahrungen und Emotionen erfassen lassen. Gesteuert von übermächtigen Affekten, mögen die Mitglieder der Lázár Familie zwar etwas "eindimensional" wirken, meint Eggers, zugleich ist es aber gerade diese starke Emotionalität, mit der Biedermann eine Sehnsucht der Leserschaft bedient und die für den Rezensenten den Reiz dieses Buches ausmacht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.09.2025

Mit seinem zweiten Roman hat der erst 22-jährige Nelio Biedermann seine eigene Stimme gefunden, und was für eine, hält Rezensent Timo Posselt fest: Die Geschichte setzt um 1900 ein, als Lajos von Lázár als Spross einer ungarischen Adelsfamilie geboren wird. Diese Adelsfamilie erlebt alle Katastrophen des 20. Jahrhunderts mit, der ungarische Wald, in dem die Familie bis zum Aufstand 1956 lebt, hält dunkle Rätsel etwa zum Verschwinden des Großvaters bereit, die blutige Landes- und Familiengeschichte "kreuzt sich mit dem Sexualtrieb der Figuren", erfahren wir. Posselt entdeckt von Marcel Proust bis Joseph Roth große Vorbilder, an denen sich Biedermann mit seiner mal bildreichen, mal verknappten Sprache orientiert und sich dem jeweils damit geschilderten Gegenstand anpasst - der Wald erfordert Bildreiches, die Verbrechen der Nazis erzeugen Schweigen. "Große Literatur" ist das, versichert der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.08.2025

Rezensent Peer Teuwsen nimmt kein Blatt vor den Mund: ziemlich furchtbar findet er den neuen Roman des als Shootingstar gefeierten Jungschriftstellers Nelio Biedermann, der noch studiert, aber Romane im Voraus in über 20 Sprachen verkauft, resümiert Teuwsen verstimmt. Festhalten muss er: "Der Mann kann schreiben", an Vokabular und Stilistik mangele es Biedermann nicht. Aber wie er die an die eigene Familiengeschichte angelehnte Story um das titelgebende Adelsgeschlecht Lázár aufziehe, nämlich das 20. Jahrhundert lediglich als "Schauerkulisse" für einen "Kitsch-Porno" nutzend, stößt dem Kritiker übel auf. Zwischen bösen Nazis und vergewaltigenden Kommunisten tun die Lázárs dann vor allem eines: ausufernden Sex haben, der für Teuwsen mehr mit Klischees als mit dem echten Leben zu tun hat. Bei einigen halb obszönen, halb blumigen Sätzen stellen sich dem Kritiker die Haare auf. Dass dem Autor ein guter Roman gelingen könnte, will er gar nicht bezweifeln - aber hier sei sein Talent noch klar "vergeudet".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.08.2025

Rezensentin Nora Zukker trifft sich mit dem erst 22-jährigen Nelio Biedermann, um über seinen bereits zweiten Roman zu sprechen, eine Geschichte, die er der seiner Familie entlehnt hat: Das Buch beginnt 1920 mit dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie und geht rund fünfzig Jahre. Auch der ungarische Volksaufstand kommt vor, in dessen Folge Biedermanns Familie in die Schweiz geflohen ist, so Zukker. Sie liest eine Geschichte, die "episch, tragisch und traumatisch" ist, manchmal zu kräftige Bilder zeichnet, aber absolut zum Pageturner taugt und auch von der ungarischen Beteiligung am Holocaust handelt: Was aber, wie Biedermann versichert, dazuerfunden ist. Besonders im Fokus steht Lajos von Lázár, der fast märchenhaft durch seine Geschichte läuft, Vergleiche zu Thomas Mann und Joseph Roth liegen für die Kritikerin nahe, die jedenfalls große Freude am selbstbewussten Erzählen des Autors hat und sich schon auf sein nächstes Buch freut.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 28.08.2025

In 18 Sprachen ist dieser Roman des erst 22 Jahre alten Nelio Biedermann schon übersetzt, staunt Rezensent Adam Soboczynski beeindruckt: "Im besten Sinne größenwahnsinnig" findet er die Geschichte der Familie Lázár, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unaufhörlich ihrem Niedergang entgegengeht. Er trifft sich mit dem Autor und findet heraus, dass vieles in der Geschichte der Lázárs, denen wir durch die Wirren des 20. Jahrhunderts folgen, auf der eigenen Familiengeschichte des Autors beruht, auch die Biedermanns von Turony, von denen er abstammt, mussten aus Ungarn fliehen, das Politische ist ursächlich für den Verfall. Davon schreibe Biedermann in verdichteter, intensiver Form, nachdem er lange bei Familienmitgliedern in Ungarn recherchiert habe. Für Soboczynski zeichnet sich mit dem reichen, auf viele Klassiker von Woolf bis Mann anspielenden Buch bereits eine große schriftstellerische Karriere ab. 

Buch in der Debatte

Efeu 11.09.2025
Eva-Sophie Lohmeier traut dem Feuilleton-Hype um Nelio Biedermanns Roman "Lázár" nicht. Detailliert führt sie auf 54books durch das Buch und listet etliches an Schwächen auf, die ihr bei der Lektüre begegnet sind. "So paradieren sie an einem vorbei, die Personen, die Penisse, die Jahre; Tauben fallen in dunkler Vorahnung tot vom Himmel, Juden verschwinden, Schlösser, Familienmitglieder kommen abhanden. Was genau, so fragt man sich, und wovon wird hier eigentlich erzählt?  Unser Resümee

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